Im Mittelpunkt der Arbeit von Christian Jung steht die politische und historische Debatte über die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und ihre Folgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Der Titel der Arbeit zielt dabei auf eine Seite innerhalb dieser Debatte: mit der Diskussion über die im Nationalsozialismus begangenen Verbrechen und der Erinnerung an die historische Schuld der Deutschen möge es ein Ende haben. Der Autor untersucht in seiner Arbeit, welche Personengruppen dieser so genannten ‚Schlussstrichhypothese’ zustimmend oder ablehnend gegenüberstehen (und warum). Datengrundlage sind Befragungsdaten, die vom Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahr 2002 bei der Besucherbefragung zur Ausstellung ‚Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 – 1944’ erhoben wurden.
Das Befragungsinstrument, welches dieser Untersuchung zugrunde liegt, war ein achtseitiger standardisierter Fragebogen, der den Besuchern unter anderem Fragen zu ihren Eindrücken aus der Ausstellung, ihrer Beurteilung der Ausstellung, ihren Einstellungen zum und Berührungspunkten mit dem Nationalsozialismus stellte.
Jung konzentriert sich auf die theoretische Fragestellung der generationalen Prägung und den damit einhergehenden unterschiedlichen Einstellungen in der Schlussstrich-Debatte.
Inhaltsverzeichnis
I Einführung
1 Ausgangspunkt und Vorgehensweise der Arbeit
2 Verbrechen der Wehrmacht als Teil der NS-Auseinandersetzung
2.1 Historischer Hintergrund
2.2 Die erste Ausstellung
2.3 Die neue Ausstellung
II Theoretischer Teil
0 Einleitung
1 Zum Begriff der „Vergangenheitsbewältigung“
2 Öffentliche NS-Auseinandersetzung
2.1 Argumente für eine weitere NS-Auseinandersetzung
2.2 Positionen und Strategien für einen Schlussstrich
2.3 Exkurs 1: Die Walser-Debatte
2.4 Exkurs 2: Literarische Darstellung der Auseinandersetzung
2.5 Erinnern versus Schlussstrich in der vorliegenden Untersuchung
3 Generationen
3.1 Generation versus Kohorte
3.2 Zum Generationen-Konzept
3.3 Generationen-Konzepte mit Bezug zum NS
3.3.1 Potentielle NS-Täter-Generation
3.3.2 NS-Erlebnisgeneration
3.3.3 Nachfolgende Generationen
3.4 Generationeneinteilung dieser Arbeit (Generationszusammenhänge)
3.4.1 Grenzen und Schwächen der Generationeneinteilung
3.4.2 Die Täter-Generation
3.4.3 Die Skeptische Generation
3.4.4 Die 68er- und 78er-Generation
3.4.5 Die 89er-Generation
3.4.6 Die Jüngste Generation
3.5 Generationseinheiten
3.5.1 Bildung
3.5.2 NS-Bezug im eigenen Umfeld
4 Abgeleitete Forschungshypothesen
III Empirischer Teil
1 Planung und Vorbereitung der Erhebung
1.1 Warum eine Besucherbefragung in München?
1.2 Das Forschungsinteresse
1.3 Das Erhebungsinstrument
2 Durchführung der Erhebung
2.1 Feldzugang
2.2 Ausschöpfung
3 Datenüberblick
3.1 Datenqualität, Antwortbereitschaft, Antwortverweigerung
3.2 Soziodemographische Angaben, poltitische Klassifizierung
3.2.1 Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit
3.2.2 Beschäftigung, Bildung
3.2.3 Einstufungen aus dem ALLBUS
3.3 Über die Ausstellung selbst
3.3.1 Allgemeine Beurteilung der Ausstellung
3.3.2 Gefühlslage durch Ausstellungsbesuch
3.4 Einstellungen in der NS-Diskussion
3.4.1 Die Schuldfrage
3.4.2 Schlussfolgerungen aus dem NS
3.4.3 Schlussstrich versus Erinnern
3.5 Berührungspunkte und persönliche Erfahrungen mit dem NS
3.5.1 Sechs Institutionen/Gruppen
3.5.2 Unwissenheit
3.6 Sonstige Ergebnisse
3.6.1 Der Bezug zur ersten Wehrmachtsausstellung
3.6.2 Art und Weise der Beschäftigung mit dem NS
3.7 Zusammenfassung der deskriptiven Auswertung
4 Zusammenhangsanalyse: Beschreibung der Variablen
4.1 Abhängige Variable: Einstellung zum Umgang mit dem NS
4.1.1 Schlussstrich-Index
4.2 Unabhängige Variablen und Varianzanalyse
4.2.1 Generationszugehörigkeit
4.2.2 Formale Bildung
4.2.3 Berührungspunkte
4.2.4 Sonstige Merkmale
4.2.5 Exkurs: Jüngste, Schüler und die Einstellung zur Ausstellung
4.2.6 Zusammenfassung der Ergebnisse der Varianzanalyse
4.3 Regressionsanalyse
4.3.1 Unabhängige Variablen
4.3.2 Modellvoraussetzungen
4.3.3 Ergebnisse der Regressionsanalyse
4.3.4 Zusammenfassung der Ergebnisse der Regressionsanalyse
IV Schluss
1 Fazit
2 Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf empirischer Basis, welche Faktoren die Einstellung von Menschen in Deutschland zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit beeinflussen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche Merkmale – wie Generationszugehörigkeit, formale Bildung oder persönliche Berührungspunkte – den Wunsch nach einem Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit befördern oder aber vehement zurückweisen lassen.
- Analyse des NS-Diskurses und der Debatte um „Schlussstrich“ versus „Erinnern“
- Konstruktion von fünf spezifischen NS-Generationen auf Basis des Modells von Karl Mannheim
- Empirische Auswertung einer Besucherbefragung in der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Generationenzugehörigkeit und Erinnerungsbereitschaft
- Statistische Überprüfung der Hypothesen mittels Varianz- und Regressionsanalyse
Auszug aus dem Buch
Die neue Ausstellung
Zwei Jahre nach dem Rückzug der ersten Wehrmachtsausstellung und ein Jahr nach der Veröffentlichung des Berichts der Historikerkommission, öffnete die vollkommen neu konzipierte Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht am 28. November 2001 in Berlin erstmals ihre Pforten. Im Unterschied zur alten arbeitet die neue Ausstellung mit weniger Fotos, dafür mit mehr Text, zusätzlich mit audio-visuellen Hilfsmitteln und ist insgesamt um ein Vielfaches umfangreicher als die alte Ausstellung. Am Beispiel verschiedener Kriegsschauplätze werden – ausgehend vom damals geltenden Kriegsvölkerrecht, welches zu Beginn des Rundgangs erläutert wird – sechs unterschiedliche Dimensionen des Vernichtungskrieges aufgezeigt: Der Völkermord an den sowjetischen Juden, das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, der Ernährungskrieg, die Deportationen und die Zwangsarbeit, der Partisanenkrieg, sowie die Repressalien und die Geiselerschießungen.
Einer Forderung der zur ersten Ausstellung eingesetzten Historikerkommission, die Wehrmachtsverbrechen weniger „pauschal und unzulässig verallgemeinernd“ darzustellen, wurde mit dem Ausstellungsbereich „Handlungsspielräume“ Rechnung getragen. Er dokumentiert anhand acht verschiedener Einzelschicksale, wie unterschiedlich mit verbrecherischen Befehlen umgegangen werden konnte, inwieweit es dem einzelnen Befehlsempfänger möglich war, sein Handeln in einer spezifischen Situation nach eigenen Maßstäben auszurichten. Dabei geht es allerdings nicht darum, „ein moralisches ‚Merke!’ an den Schluß zu setzen. Wie man sich verhalten sollte – ist ohnehin klar. Die Frage, unter welchen Umständen und Voraussetzungen welches menschliche Verhalten jedem zuzumuten und welches jedenfalls als verwerflich und schuldhaft angesehen werden kann und/oder muß, ist die, um die es geht“.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einführung: Einleitung in das Forschungsprojekt sowie historische Einordnung der Wehrmachtsausstellungen und des NS-Diskurses.
II Theoretischer Teil: Klärung der Begriffe „Vergangenheitsbewältigung“ und „NS-Auseinandersetzung“ sowie theoretische Fundierung durch das Generationenkonzept nach Karl Mannheim.
III Empirischer Teil: Detaillierte Darstellung der Planung, Durchführung und Auswertung der Besucherbefragung inklusive deskriptiver Datenübersicht und multivariater Zusammenhangsanalyse.
IV Schluss: Fazit der Forschungsarbeit und Ausblick auf die zukünftige Entwicklung der NS-Erinnerungsarbeit in Deutschland.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Wehrmachtsausstellung, Vergangenheitsbewältigung, Schlussstrich, NS-Auseinandersetzung, Generationenkonzept, Karl Mannheim, Besucherbefragung, Erinnerungskultur, Wehrmachtsverbrechen, NS-Diskurs, Kollektives Gedächtnis, Empirische Sozialforschung, Schuldfrage, Geschichtsbewusstsein
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Besucher der Wehrmachtsausstellung über den angemessenen Umgang mit der NS-Vergangenheit denken und ob ein Wunsch nach einem Schlussstrich unter diese Geschichte existiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, das Generationenkonzept nach Karl Mannheim sowie die empirische Analyse von Besuchereinstellungen in einer spezifischen historischen Ausstellung.
Welches ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, Merkmale zu identifizieren, die den Wunsch nach einem „Schlussstrich“ beeinflussen oder die Bereitschaft zur fortgesetzten Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte fördern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit nutzt ein standardisiertes Erhebungsinstrument für eine Vollerhebung der Ausstellungsbesucher und wertet diese Daten mittels deskriptiver Statistik sowie durch Varianz- und Regressionsanalyse aus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen ausführlichen theoretischen Teil zur Generationsforschung und NS-Auseinandersetzung sowie einen empirischen Teil, der die Daten der Befragung detailliert darstellt und statistisch auswertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Nationalsozialismus, NS-Auseinandersetzung, Generationenkonzept, Schlussstrich-Index und empirische Sozialforschung.
Warum spielt die Unterscheidung von Generationen eine so große Rolle für die Argumentation?
Da verschiedene Altersgruppen den Nationalsozialismus unterschiedlich erlebt oder durch gesellschaftliche Debatten unterschiedlich verarbeitet haben, dient die Generationeneinteilung als zentrales Erklärungsmodell für Einstellungsunterschiede.
Inwiefern hat die mediale Darstellung der Wehrmachtsverbrechen das Antwortverhalten der Befragten beeinflusst?
Die Studie zeigt, dass der Rundgang durch die Ausstellung selbst und die Auseinandersetzung mit den dort präsentierten Fakten eine positive Bereitschaft zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema fördert, wobei die Ausstellung als „gut gemacht“ wahrgenommen wird.
- Quote paper
- Dipl.Soz. Christian Jung (Author), 2003, Wer zieht den Schlussstrich? Eine empirische Analyse der Besucherbefragung in der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25226