Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit - Therapieverlauf ehemals polytoxikoman abhängiger Frauen


Diplomarbeit, 2002

360 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zur Entstehung dieser Arbeit

2 Zugang und Forschungsinteresse

3 Biographische Forschung

4 Methodischer Ansatz
4.1 Datenerhebung
4.1.1 Episodische Tiefeninterviews
4.1.2 Leitfaden
4.2 Biographische Erzählungen
4.3 Durchführung der Interviews
4.3.1 Vorerhebung
4.3.2 Zugang zum Feld
4.3.3 Bearbeitung der Interviews als Vorbereitung für die Auswertung
4.4 Dokumentenanalyse

5 Auswertungsmethoden
5.1 Qualitativer Forschungsansatz nach den Methoden der Grounded Theory
5.2 Prozessverständnis der gegenstandsbegründeten Theoriebildung
5.2.1 Linearität und Zirkularität des Prozesses
5.2.2 Rollendefinitionen beim Einstieg in ein offenes Feld
5.3 Auswahlentscheidungen im Forschungsprozess
5.3.1 Fragestellung
5.4 Theoretische Sensibilität
5.5 Einsatz von Literatur
5.6 Kodierverfahren
5.6.1 Begriffsdefinitionen
5.6.2 Konzeptualisieren der Daten
5.6.3 Entwickeln von Kategorien in bezug auf ihre Eigenschaften und Dimensionen
5.6.4 Offenes Kodieren
5.6.5 Verfahren beim offenen Kodieren
5.6.6 Zusammenfassung: Offenes Kodieren
5.6.7 Axiales Kodieren
5.6.8 Offenes versus axiales Kodieren
5.6.9 Verfahren beim axialen Kodieren
5.6.10 Das paradigmatische Modell
5.6.11 Verknüpfen und Entwickeln von Kategorien mit Hilfe des Paradigmas
5.6.12 Aufspüren von Beziehungen
5.6.13 Zusammenfassung: axiales Kodieren
5.6.14 Selektives Kodieren
5.6.15 Zusammenfassung: selektives Kodieren
5.7 Prozessverständnis in der Grounded Theory
5.7.1 Wo und wie findet man Veränderung, die auf Prozessaspekte verweist?
5.7.2 Beschreiben des Prozesses
5.7.3 Zusammenfassung: Prozessverständnis in der Grounded Theory
5.7.4 Grounded Theory als ein transaktionales System
5.7.5 Bedingungsmatrix
5.7.6 Bedingungspfade verfolgen
5.7.7 Zusammenfassung der Bedeutung der Bedingungsmatrix in der Groundes Theory
5.8 Theoretisches Sampling
5.8.1 Zusammenfassung: Sampling in der Grounded Theory
5.8.2 Ergänzende Verfahren, die im Rahmen der Untersuchung angewendet wurden
5.8.3 Memos und Diagramme
5.8.4 Zusammenfassung: Memos und Diagramme

6 Methodendiskussion

7 Definitionen und Konzepte aus dem Bereich der Suchtforschung
7.1 Der Begriff Drogen
7.1.1 Abhängigkeit und Widerspruch der Sucht
7.1.2 Begriffe: experimenteller Gebrauch-Gebrauch-schädlicher Gebrauch-Sucht
7.2 Begriffe: substanzgebundene versus nicht-substanzgebundene Süchte
7.3 Suchtpotential
7.4 Suchtphasen
7.5 Co-Abhängigkeit - Sucht aus systemischer Sicht
7.5.1 Begriffe: Abstinenzorientierung versus Problemorientierung

8 Einzelfallanalysen (Thematisches Codieren)
8.1 Bezeichnungen für die Interviewpartnerinnen
8.2 Gratwanderin
8.2.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.2.2 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.2.3 Stationärer Therapieaufenthalt
8.2.4 Psychotherapeutischer Prozess
8.2.5 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.2.6 Therapieende
8.2.7 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Gestaltungsvorschläge
8.2.8 Gemischtgeschlechtliche versus frauenspezifische therapeutische Gemeinschaft
8.3 Gegensätzliche
8.3.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.3.2 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.3.3 Kontakte zu den Eltern während der Zeit des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.3.4 Konsum psychoaktiver Substanzen – Gefängnisaufenthalt – Therapie statt Strafe
8.3.5 Stationärer Aufenthalt in der Therapieeinrichtung
8.3.6 Psychotherapeutischer Prozess
8.3.7 Erleben der Therapeutischen Gemeinschaft
8.3.8 Was hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.3.9 Therapieende
8.3.10 Frauenspezifische versus gemischtgeschlechtliche therapeutische Gemeinschaft
8.3.11 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Gestaltungsvorschläge
8.4 Ausdrucksvolle
8.4.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.4.2 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.4.3 Stationärer Therapieaufenthalt
8.4.4 Therapieende
8.4.5 Lebendige Beziehung ohne Konsum von psychoaktiven Substanzen
8.4.6 Wichtig Aspekte eines Therapiekonzepts
8.5 Die Suchende
8.5.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.5.2 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.5.3 Konsum psychoaktiver Substanzen
8.5.4 Therapieprozess
8.5.5 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.5.6 Vorschläge zur Gestaltung einer Einrichtung, „wo Heilsames/Hilfreiches passieren kann“
8.6 Die Misshandelte
8.6.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.6.2 Machtkämpfe mit den Brüdern
8.6.3 Zeit des Konsums psychoaktiven Substanzen
8.6.4 Therapieeinstieg
8.6.5 Therapeutischer Prozess
8.6.6 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.7 6.7. Die Checkerin
8.7.1 Erleben der Familiensituation während der Kindheit
8.7.2 Jugend – Pubertät - Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.7.3 Wechsel eine andere (Drogen)-Therapieeinrichtung
8.7.4 Therapieende
8.7.5 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.7.6 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Gestaltungsvorschläge
8.8 Die Amazone
8.8.1 Erleben der Eltern in der Kindheit
8.8.2 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.8.3 Konsum psychoaktiver Substanzen
8.8.4 Therapiemotivation
8.8.5 Stationärer Aufenthalt in der Therapieeinrichtung
8.8.6 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.8.7 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Gestaltungsvorschläge
8.9 Die Angstleidende
8.9.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.9.2 Sexueller Missbrauch
8.9.3 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.9.4 Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.9.5 Partnerbeziehungen standen in Zusammenhang mit dem Konsum psychoaktiver Substanzen
8.9.6 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.9.7 Kritik an der therapeutischen Einrichtung / Gestaltungsvorschläge
8.10 Verantwortliche
8.10.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.10.2 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.10.3 Zeit zunehmenden Konsums psychoaktiver Substanzen
8.10.4 Stationärer Therapieaufenthalt
8.10.5 Alternativen zum Konsum psychoaktiver Substanzen
8.10.6 Therapieende
8.10.7 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.10.8 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Änderungsvorschläge
8.11 Kasper Hauserin
8.11.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.11.2 Jugend – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.11.3 Partnerbeziehungen im Zusammenhang mit dem Konsum psychoaktiver Substanzen
8.11.4 Zeit des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.11.5 Stationärer Aufenthalt in der Therapieeinrichtung
8.11.6 Therapieende
8.11.7 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Gestaltungsvorschläge
8.11.8 Mangel an Vorbildern
8.11.9 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.12 Die Marionettenfrau
8.12.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.12.2 Jugendzeit – Pubertät – Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.12.3 Therapieeinstieg; stationärer Aufenthalt in der Therapeutischen Einrichtung
8.12.4 Was als hilfreich/heilsam erlebt wurde
8.12.5 Therapieende
8.12.6 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Änderungsvorschläge
8.12.7 Therapeutische Wohngemeinschaft für Frauen versus gemischtgeschlechtlicheTherapeutische Wohngemeinschaft
8.13 Die Lebenshungrige
8.13.1 Erleben der Familiensituation in der Kindheit
8.13.2 Jugend – Pubertät- Beginn des Konsums psychoaktiver Substanzen
8.13.3 Stationärer Therapieaufenthalt
8.13.4 Therapieende
8.13.5 Kritik an der therapeutischen Einrichtung/Gestaltungsvorschläge

9 Querschnittsauswertung mit Ergänzungen aus der Fachliteratur
9.1 Zur Methode
9.1.1 Geschichtliche Entwicklung dieser Form der Datenanalyse
9.1.2 Warum Einzelfallanalyse und Querschnittsuntersuchung?
9.1.3 Ergänzungen aus der Fachliteratur
9.1.4 Mangelnde Allparteilichkeit
9.2 Erleben der Kindheit – im Zusammenhang mit der späteren Entwicklung einer Suchterkrankung
9.2.1 Darstellung der Mutter-Tocher-Beziehungen durch die interviewten Frauen
9.2.2 Zusammenfassung: Mutter-Tochter-Beziehung
9.2.3 Zum Problem der mangelnden Gleichberechtigung in den Partnerbeziehungen der Eltern
9.2.4 Vater Tochter Beziehung: Zitate aus den Interviews ergänzt mit Ergebnissen aus der Vaterforschung
9.2.5 Wahrnehmungen der interviewten Frauen, welche die eigene Person betreffen und Beschreibungen weiterer Bezugspersonen bzw. einflussreicher Personen, außer den Eltern
9.3 Die Zeit der Pubertät
9.3.1 Entwicklungsanforderungen an den Jugendlichen
9.4 Einstieg in den Drogenkonsum
9.4.1 Individuelle Begründungen für den Konsum psychoaktiver Substanzen
9.4.2 Zusammenfassung über die Motive der interviewten Frauen für den psychoaktiven Substanzkonsum
9.5 Wissen der Angehörigen um den Konsum psychoaktiver Substanzen
9.6 Schulbildung und Berufsausübung
9.6.1 Beschreibung der Ausbildungssituation und der beruflichen Situation der interviewten Frauen vor und nach dem stationären Therapieaufenthalt
9.7 Persönlichkeit und Arbeitsstil
9.7.1 Erhöhung von bildungsmäßiger und beruflicher Kompetenz
9.7.2 Information über die Situation am Arbeitsmarkt
9.7.3 Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern
9.7.4 Zusammenfassung Interpretation der Bedeutung von Schulbildung und Berufsausübung im Kontext der Suchtbehandlung
9.8 Konsum psychoaktiver Substanzen im Zusammenhang mit Partnerbeziehungen
9.9 Drogenkonsummuster der interviewten Frauen
9.10 Faktoren und Situationen die eine Rehabilitation begünstigen
9.10.1 Theoretisches Erklärungsmodell
9.11 Beschreibungen über die Erfahrungen, die dazu beigetragen haben, auf gesundheitsschädigenden Substanzkonsum zu verzichten
9.11.1 Bereitschaft für den Verzicht des Konsums psychoaktiver Substanzen
9.11.2 Steigerung des Selbstbewusstseins (Erhöhung der sozialen Kompetenz) durch Bewältigen von Krisen
9.11.3 Vorbildwirkung, die Ermutigung für den eigenen Weg bedeutet
9.11.4 Bewusstseinserweiterung ohne Drogen
9.11.5 Unbeschadet Fehler machen dürfen
9.11.6 Aufgeben des Alles oder Nichts – Prinzips
9.11.7 Aus Erfahrungen lernen durch die Möglichkeit sie zu reflektieren
9.11.8 Beziehungsfähigkeit entwickeln
9.11.9 Krisenfeste Beziehungen aufbauen
9.12 Erleben des Aufenthaltes in der Therapeutischen Gemeinschaft
9.12.1 Beziehungen zu den MitarbeiterInnen
9.12.2 Wahlmöglichkeit in Bezug auf das Geschlecht der TherapeutInnen und der Therapieformen
9.12.3 Standort und Größe, Ausstattung der Einrichtung
9.12.4 PatientInnenstatus der TherapieklientInnen
9.12.5 TherapeutIn-KlientIn-Beziehungen
9.12.6 „Ex-PatientInnen“ als MitarbeiterInnen
9.12.7 Regeln versus Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeit
9.12.8 Hierarchische Machtstruktur
9.12.9 Langsamer Ablösungsprozess – Vorbereitung auf die Zeit nach dem Therapieaufenthalt
9.12.10 Arbeitstherapie
9.12.11 Angebot an kreativen, kulturellen und sportlichen Aktivitäten
9.12.12 Geschlechtsspezifisch getrennte versus gemischtgeschlechtliche Therapeutische Gemeinschaften

10 Diskussion der Ergebnisse
10.1 Zusammenhang zwischen Ziel und Methoden der Untersuchung
10.2 Motive für den Konsum psychoaktiver Substanzen
10.3 Primäre Sozialisation im Zusammenhang mit Suchtentwicklung
10.4 Entwicklung von Selbstachtung
10.5 Entwicklung von Geschlechtsidentität
10.6 Entwicklung von Beziehungsbewusstsein und Beziehungswirksamkeit
10.7 Auswirkungen des Mangels an Subjektivität bei den interviewten Frauen auf Partnerbeziehungen
10.8 Spaltung zwischen Autonomie und Sexualität
10.9 Ausbildung - Berufstätigkeit - finanzielle Unabhängigkeit in Partnerschaften
10.10 Herausforderungen, die sich einer Therapieeinrichtung stellen
10.10.1 Erwartungen an MitarbeiterInnen einer therapeutischen Einrichtung
10.10.2 Angemessene Aufgabenstellung – Verhinderung von Über- oder Unterforderung
10.10.3 Die individuelle Förderung des Selbstbewusstsein und der Selbstwirksamkeit

11 Literatur

1 Zur Entstehung dieser Arbeit

Hinter dem Titel Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit verbergen sich die Lebensgeschichten von zwölf Frauen, die in ausführlichen Interviews ihren Weg in die Suchterkrankung beschreiben, die Motive für den Konsum und die Zeit des Konsums psychoaktiver Substanzen, ihre Motive sich einer Therapie zu unterziehen, das Erleben des stationären Therapieaufenthaltes, die Zeit danach und was es ihnen möglich gemacht hat mit ihrem Leben zurecht zu kommen, ohne weiteren Suchtmittelkonsum.

Die hier vorliegende Diplomarbeit ist in enger Verknüpfung mit meiner Berufspraxis entstanden:

Ich absolvierte das sechswöchige Pflichtpraktikum im Rahmen des Psychologiestudiums im Verein ‚Grüner Kreis’ [Verein zur Rehabilitation ehemals suchtkranker Menschen], arbeitete anschließend im Bereich der Freizeitgestaltung mit, begann eine klientenzentrierte Gesprächspsycho­therapieausbildung zu machen und wurde schließlich als therapeutische Mitarbeiterin angestellt. In dieser Funktion erlebte ich den Aufbau einer Therapeutischen Wohngemeinschaft für Frauen, deren therapeutische Leitung mir ein Jahr später übertragen wurde. Nach Mitarbeit an der Konzepterstellung und am Aufbau einer Therapeutischen Wohngemeinschaft für weibliche Jugendliche wechselte ich in den ambulanten Bereich, war beteiligt am Aufbau einer Jugend(sucht)beratungs­stelle und an der Umsetzung suchtpräventiver Projekte mit Schulen beim Verein ‚Jugend & Kultur Wiener Neustadt’.

Der Abschluss der Diplomarbeit erfolgt derzeit neben meiner beruflichen Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut’ für Suchtforschung, was mir sehr hilfreich in dem Versuch ist, differenziertere Verbindungen zwischen Praxis und Theorie herzustellen.

Sehr bald hatte ich durch die intensive Beschäftigung mit suchtkranken Frauen einen Eindruck von der Vielfältigkeit dessen, was die Frauen selbst als verursachend für ihre Suchterkrankung sahen. Die Fragen nach der ‚Suchtpersönlichkeit’ bzw. nach Indikatoren, die als (mit)verantwortlich für eine Suchtentwicklung gesehen werden, begann mich zu beschäftigen im Hinblick darauf, wie im therapeutischen Kontext adäquat darauf reagiert werden kann.

Ziel dieser Arbeit ist es, aus den lebensgeschichtlichen Erzählungen ehemals suchtkranker Frauen auf grundlegende Persönlichkeitsstrukturen zu schließen, auf ihre in der primären Sozialisation entstandene Tiefenstrukturen, auf ihre grundlegenden Orientierungsmuster in der Lebenswelt, auf Deutungssysteme ihres sozialen Lebens und ihres Ichs darin, die im Hinblick auf die Entwicklung einer Suchterkrankung bedeutsam sind.

Dies passierte über die Herausarbeitung der Spezifika des Einzelfalls, der besonderen Fallstruktur, im Vergleich zu den anderen Fallstrukturen.

Die besondere Eignung biographischen Materials für solche Ziele wird darin gesehen, dass aus Fragebogen- oder Beobachtungsdaten keine zureichende Information über die das Handeln in der Situation bestimmenden Faktoren, die aus biographisch früheren Konstellationen bestimmt sind und dennoch alle späteren Handlungen mitbeeinflussen, gewonnen werden kann. Manche Einstellungen sind allein aus einem Gesamtkontext verstehbar, den die lebensgeschichtliche Erzählung am besten abbilden kann.

Die Beobachtung, wie sehr sich die in Therapie befindlichen Frauen ihre persönlichen Bedürfnisse und Vorlieben einschränken, ihre in Bezug auf Ausbildung oder berufliche Existenz geplanten Aktivitäten zurückstellen oder sogar aufgeben, wenn sie eine Partnerbeziehung eingehen, und dass es dadurch auch vermehrt zu Therapieabbrüchen kommt, hat bewirkt, dass ich besonderes Augenmerk auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede zu legen begann. Bereichernd aus der Fachliteratur bei der Auseinandersetzung mit dem weiblichen Rollenverhalten in Beziehungen war vor allen Dingen Benjamin[1]. Ihre aus der tiefenpsychologisch/therapeutischen Erfahrung resultierenden Konzepte stehen in keinem Widerspruch zu den Aussagen der interviewten Frauen und werden auch als theoretische Ergänzung an den passenden Stellen in die Untersuchung eingebracht. Wichtige Anregungen stammen auch von Wegscheider[2], schaef[3] & Rennert[4], die über die Prägung des Begriffs Co-Abhängigkeit (Co-dependency) mit ihrer Literatur über co-abhängiges Verhalten einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet haben, die Rollen der Bezugspersonen / des Bezugssystems von [suchtmittel] abhängigen Personen zu berücksichtigen.

Im engerem Sinne sind damit Bezugspersonen eines suchtkranken Menschen gemeint, die über ihr Agieren das Suchtverhalten der betreffenden Personen aus unterschiedlichen Motiven heraus unterstützen. In einer erweiterten Definition beschreibt Wegscheider Co-Abhängigkeit als eine Sucht nach einer anderen Person/Personen und deren Problemen oder nach einer Beziehung und ihren Problemen.

Die unterschiedlichen Definitionen des Begriffes und der Umstand, dass die Anwendung des Begriffes eine unüberschaubare Ausdehnung erfahren hat, und damit meiner Meinung nach Gefahr läuft - wenn Beziehungsfähigkeit nicht klar von Co-Abhängigkeit unterschieden wird - auch diese zu pathologisieren, bin ich sehr vorsichtig mit der Verwendung dieses Begriffes umgegangen. Für eine(n) außenstehend Beobachtende(n) ist der Unterschied zwischen co-abhängigem und beziehungsfähigem Verhalten oft nicht erkennbar, weil er in der Intention liegt, mit der ein Verhalten gesetzt wird.

Die Auswertung der Tiefeninterviews und Literaturstudien erfolgte in Anlehnung an die von Glaser & Strauss entwickelte Methodologie der Grounded Theory , im Sinne einer Praxisforschung, die den Daten und dem untersuchten Feld Priorität gegenüber theoretischen Vorannahmen verleihen. Die Methoden gewähren auch die Flexibilität und Freiheit, das Phänomen der Suchterkrankung in seiner Tiefe zu erforschen, bedingt durch die Handlungs- und Prozessorientierung während des gesamten Untersuchungsverlaufes. Diese Form der Auswertung entspricht meinen Anliegen, die theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Sucht für die praktisch therapeutische Arbeit nutzbar zu machen. Pointiert könnte man sagen, dass die Grounded Theory eine Methodologie darstellt um analytisch über soziale Phänomene nachzudenken.

2 Zugang und Forschungsinteresse

Qualitative Arbeit kann von oberflächlichen Beschreibungen im journalistischen Stil bis zu präzise definierten und in den Schlussfolgerungen für Dritte nachvollziehbaren Analysen bestehen. Der tendenziell schlechte Ruf qualitativer Forschung resultiert aus oft oberflächlich bleibenden, auch ideologisch gefärbten Beschreibungen. Im Gegensatz dazu sind in der vorliegenden Arbeit die Schritte, wie man von den Daten zu den Interpretationen kommt, gut nachvollziehbar, aber trotzdem nicht eingeengt durch ein aus der Literatur kommendes Vorgabenraster.

Über episodische Tiefeninterviews wurde die Suchtentwicklung, der Therapieprozess und die, als individuelle Erfolgsdeterminanten erlebten Aspekte, bei ehemals von psychoaktiven Substanzen abhängigen Frauen erfragt und systematisch aufgezeichnet, um plausible und detaillierte Aussagen über den Zusammenhang zwischen Ausgangsbedingungen (Weg in die Sucht), therapeutischen Kontext und der Fähigkeit wieder ohne gesundheitsschädigenden Substanzkonsum zu leben (Weg aus der Sucht) aufzuzeigen.

Diese Komplexität und Wechselwirkung zu betrachten und ein lebendiges Bild darüber zu zeichnen, was wirklich zum Verzicht auf gesundheitsschädigenden Substanzkonsum geführt hat, war nur mittels eines qualitativen Zugangs möglich, weil es eines divergenten und offenen Blickes bedarf, sich diesem mehrdimensionalen, komplexen Untersuchungsgegenstands anzunähern.

Die ausführliche Darstellung und Reflexion des methodischen Vorgehens entspricht einem qualitativen Zugang, bei dem systematisch erhoben und interpretiert wurde, um den Weg von den Daten zur Theorie transparent zu machen. Weil im untersuchten Feld häufig mit Begriffen umgegangen wird, deren Interpretationsraum groß ist, wurde in der Arbeit sehr sorgfältig mit Begriffen umgegangen, d.h. dass unterschiedliche Bedeutungen erfasst worden sind und explizite Entscheidungen für bestimmte Begrifflichkeiten getroffen wurden.

Bestätigt wurde die Wahl dieses Zugangs in vielfacher Hinsicht. So hat sich beispielsweise gezeigt, dass Therapieabbrüche, im Gegensatz zu üblichen Erwartungen, sich nicht unbedingt negativ auswirken müssen, sondern auch Herausforderung sein können, auf weiteren psychoaktiven Substanzkonsum zu verzichten. Die Bedeutsamkeit der Frage nach der Motivation für den Therapieabbruch lässt sich beispielsweise aus der starreren Perspektive des quantitativen Zuganges nicht erfassen. Wenn man weiß, was man beobachten will, ist ein quantitativer Zugang zielführend, wenn es aber wie in dieser Arbeit darum geht, dass sehr komplexe Prozesse betrachtet werden, ist ein qualitativer Zugang angebracht.

Eine derartige qualitative Analyse kann auch einer quantitativen Untersuchung vorangestellt und eingesetzt werden, um die, für Praxis bedeutsame Nuancen zu finden. Es zeigte sich zum Beispiel, dass in Bezug auf den Einfluss von Berufstätigkeit auf den Verzicht gesundheitsschädigenden Substanzkonsums, eine Weiterqualifizierungsmöglichkeit, trotz Gewährleistung einer finanziellen Unabhängigkeit besonders hilfreich ist bzw. eine im franklschen Sinne, sinnstiftende Tätigkeit darstellt. Fragen in diese Richtung lassen sich in einem Fragebogen kaum formalisieren.

Dort, wo man keine präzisen Hypothesen formulieren kann, ist es wesentlich günstiger, primär eine qualitative Vorgehensweise zu wählen. Über einen dialogischen Zugang zum Untersuchungsfeld lassen sich mitunter präzisere, realitätsgerechtere Kategorien finden. Das dialogische Vorgehen impliziert, dass die vorläufigen Konzepte , in dem man offene Fragen stellt, immer wieder einer unmittelbaren Überprüfung zugeführt werden. Beim quantitativen Zugang ist eine laufende Anpassung an die Erfahrung nicht mehr gegeben.

Da die Arbeit die Komplexität des Suchtgeschehens detailliert und präzise beschreibt, ist sie hilfreich für Personen, die beginnen sich in diesem Bereich professionell zu engagieren. Die Ergebnisse sind aber auch interessant für Personen, die sich im Verlauf längerer Praxistätigkeiten gewisse Sichtweisen erworben haben und durch unorthodoxe Konzepte und Interpretationen einen Zugang zu einer Ergänzung bzw. Reevaluierung ihres Therapiegebäudes finden können.

3 Biographische Forschung

Freuds Verfahren und Entdeckungen hatten geschichtlich bedeutsamen Einfluss auf die biographische Forschung. Ausführliche Erzählungen der Lebensgeschichte sind Grundlagen der Theorie der Psychoanalyse und auch des daraus entwickelten Heilverfahrens. Psychoanalytische Erkenntnis kann als biographisches Verfahren[5] bezeichnet werden. In diesem Sinne hat Freud

... in der großen psychoanalytischen Krankengeschichte eine Kategorie wissenschaftlicher Literatur geschaffen, die ohne Vorbild war.[6]

Wichtig war zugleich die methodische Skepsis des Psychoanalytikers gegenüber Erinnerungen: Sie können ein Geheimnis verdecken, etwas ganz anderes meinen, als sie vorgeben. Seit Freud heißen solche Erinnerungen an scheinbar belanglose Ereignisse und Situationen in der (frühen) Lebensgeschichte, die eine geheime Beziehung zu einem zentralen Thema, einem bedeutenden Ereignis haben, Deckerinnerungen.[7]

In der Literatur zur biographischen Forschung finden sich zwei Abgrenzungen zur Psychoanalyse. Zum einen jene, die durch die in der Kindheit durchlebten Triebkonstellationen festgeschrieben sind. Hier wehrt man sich gegen eine Überschätzung der Bedeutung der Kindheit für die weiteren Lebensmöglichkeiten[8], die Annahme von der lebensgeschichtlich frühen Festlegung würde im übrigen das Interesse für die ganze Lebensgeschichte obsolet werden lassen. Zweitens wird angemerkt, dass die Menschen keineswegs allein oder dominant durch unbewusste Konstellationen getrieben werden, sondern zu weiten Teilen durchaus über ihr Leben berichten können, dass ihnen ihre Lebensführung bewusst sei. Andernfalls müsste eine andere Erhebungsmethode als die der Befragung im Interview gesucht werden.[9]

Für den Soziologen und Sozialpsychologen sind m. E. zurzeit Bekenntnisse über bewusste, unverdrängte Erlebnisse wichtiger. Denn es fehlt uns noch an methodisch gesammelten und bearbeitetem Material über die gewöhnlichsten sozialen Vorgänge; wir wissen nicht einmal ob und in welchem Maße wir zwecks ihrer Erklärung zu den durch die Psychoanalyse entdeckten Faktoren unsere Zuflucht werden nehmen müssen, weil wir diese Vorgänge überhaupt erst systematisch zu erforschen beginnen.[10]

Schon andere fanden es nicht einfach

... zu entscheiden, wo sie anfangen, wo sie aufhören und auf welche Bereiche sie sich konzentrieren sollten.[11]

Biographische Forschung kann die Prozesshaftigkeit des sozialen Lebens zugänglich machen.

4 Methodischer Ansatz

Erhebungsmethoden:

- Episodische Tiefeninterviews (biographische Erzählungen)
- Dokumentenanalyse
- (Fach) - Literaturstudien

Auswertungsmethode:

- Nach dem qualitativen Forschungsansatz der Grounded Theory nach Glaser & Strauss, ergänzt durch eine
- vertiefende Analyse des einzelnen Falls

4.1 Datenerhebung

Eine Attraktivität der biographischen Forschung besteht in der Tatsache, dass ihr Gegenstand die unterschiedlichen Erfahrungen, Handlungsbereiche und Entwicklungen in unterschiedlichen Lebensfeldern und Sozialmilieus als Gestalt, als integrierten Zusammenhang enthält. Während Einstellungsfragen, Tests, Meinungsbefragungen und andere Forschungsmethoden der Sozialwissenschaft einen Gegenstand erreichen, der aus dieser gestalteten Struktur der Biographie herausgeschnitten wird, interessiert sich biographische Forschung gerade für das, was wir im Alltag unseres Lebens dauernd tun: Sicherung und Abrundung der Identität über viele unterschiedliche soziale Handlungsbereiche und Lebenskreise hinweg.

4.1.1 Episodische Tiefeninterviews

Unter episodischen Tiefeninterviews versteht man eine situationsbezogene Teilerhebung, in der strukturierende Vorgaben mit inhaltlicher Offenheit verknüpft werden.

Die Aufmerksamkeit im Interview richtet sich auf Situationen bzw. Episoden, in denen die Interviewpartnerinnen Erfahrungen gemacht haben, die für die Fragestellung der Untersuchung relevant erscheinen.

Nach Flick[12] steht hinter dieser Befragungsform die Annahme, dass Erfahrungen der Befragten hinsichtlich eines bestimmten Gegenstands­bereiches (Thema Abhängigkeit im konkreten Fall) in Form narrativ – episodischen Wissens und in Form semantischen Wissens abgespeichert sind. Während die erste Form erfahrungsnah, sowie bezogen auf konkrete Situationen und Umstände organisiert ist, enthält die zweite Form des Wissens davon abstrahierte, verallgemeinerte Annahmen und Zusammenhänge.

Zur Orientierung über thematische Bereiche, zu denen solche Erzählungen erbeten werden, wird ein Leitfaden erstellt.

Die Fragen sind so gestellt, dass in den Antworten auch Definitionen, Fantasien und abstrakte Zusammenhänge, die auf die semantischen Anteile des Wissens abzielen, hergestellt werden können.

Diese Form des Interviews unterscheidet sich von der rein narrativen Vorgehensweise durch vermehrten Dialog.

Bruner[13] weist darauf hin, dass durch die Rekonstruktion des Lebens unter einer spezifischen Fragestellung eine Version der jeweiligen Erfahrung konstruiert und interpretiert wird. Inwieweit das Leben und die Erfahrungen in der berichteten Form tatsächlich stattgefunden haben, kann hierbei nicht nachgeprüft werden.

4.1.2 Leitfaden

Das Thema wird in der Eingangsfrage formuliert, als zunächst unstrukturierte Frage.

Einstiegsfrage:

„Ich würde gerne etwas erfahren über Ihre/Deine Lebensgeschichte im Zusammenhang damit, was in die Abhängigkeit geführt hat, in die Drogensucht – die Zeit des Drogenkonsums und dann der Weg aus der Abhängigkeit – was war hilfreich/heilsam und was nicht? Sie/Du können/kannst mit welchem Teil immer du willst anfangen und erzählen, was immer Ihnen/Dir dazu einfällt.“

(1) Wo sehen Sie/siehst Du Zusammenhänge zwischen Ihrer/Deiner Lebensgeschichte und der Suchtentwicklung?
(2) Veränderungen im Leben durch die Drogensucht?
(3) Wie sah/sieht Ihr/Dein Weg aus der Abhängigkeit aus?
(4) Was war am stationären Therapieaufenthalt heilsam, was nicht?
(5) Was haben Sie/hast Du abgesehen vom Therapieaufenthalt heilsam erlebt?
(6) Wie war das Erleben der Beziehungen zum Umfeld vor, während und nach der Therapie? (Familie, Partner, therap. Personal, andere wichtige Bezugspersonen)
(7) Inwieweit gab es Veränderungen im Beziehungsverhalten diesen Personen gegenüber?
(8) Ideen, Visionen, Vorstellungen, wie eine ‚hilfreiche’ therapeutische Einrichtung aussehen könnte?
(9) Was ist es - aus ganz persönlicher Sicht - was es ermöglicht, jetzt ohne Drogen zu leben?

Die zunehmende Strukturierung wird erst im Verlauf des Interviews eingeführt, um zu verhindern, dass der Bezugsrahmen der InterviewerIn gegenüber der Sichtweise der Befragten durchgesetzt wird. Die InterviewerIn hält sich mit Bewertungen weitgehend zurück, eine an Rogers[14] angelehnte non-direktive Gesprächsführung praktizierend. Probleme ergeben sich, wenn Fragen im falschen Moment gestellt werden, wenn die InterviewpartnerIn dadurch in der Darstellung ihrer Sichtweise eher behindert als unterstützt wird oder wenn falsche Fragen zur falschen Zeit gestellt werden. Frageformen, die der InterviewpartnerIn möglichst wenig Vorgaben machen, sind deshalb am besten geeignet.

Arbeitstitel

Die ursprüngliche Fragestellung dieser Arbeit lautete:

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Weg in die Abhängigkeit und dem Weg aus der Abhängigkeit bei suchtkranken (ehemals von psychoaktiven Substanzen abhängigen) Frauen?

Diese Fragestellung entwickelte sich auf der Grundlage von beruflicher Erfahrung als therapeutische Mitarbeiterin in einer Rehabilitationseinrichtung für suchtkranke Personen. Das Forschungsinteresse entspringt dem prüfenden Blick auf die eigene Erfahrung und dem Bedürfnis nach Weiterqualifizierung mit den Schwerpunkten Geschlechtssensibilität, Ursachenorientierung und Prozessorientierung in der Rehabilitation von suchtkranken Menschen.

4.2 Biographische Erzählungen

Die Interviewinhalte sind biographische Erzählungen von Menschen, die in einem intensiven Veränderungsprozess standen und stehen, unter der gemeinsamen Bedingung gezwungen zu sein, aus verschiedenen (juristischen und/oder gesundheitlichen und/oder sozialen...) Gründen auf den Konsum psychoaktiver Substanzen zu verzichten, der über einen längeren Zeitraum zu Suchtverhalten geführt hatte.

Es bedeutete einen enormen Zeit- und Arbeitsaufwand um eine angemessene Analyse der Vielzahl von persönlichen Materialien durchzuführen, um das Leben dieser sozialen Gruppe zu charakterisieren.

Die Erhebung und Analyse von biographischem Material ist zeitaufwendiger und mühsamer als Arbeiten, die dem dominanten Forschungsstil des statistischen Kalküls folgen.[15]

Ziel der Arbeit war die Analyse repräsentative Fälle, mit der Frage, ob deren gründliche Untersuchung Verallgemeinerungen für alle Fälle erlaubt, um die es bei der Untersuchung geht.

Die Berichte über bestimmte Abschnitte des Lebens enthalten eher unangenehme als angenehme Einzelheiten. Im Text findet sich eine geringe Konsistenz der Standpunkte. Während der Beschreibungen wechseln die Standpunkte in der gleicher Weise, wie sie im Erleben gewechselt hatten. z.B. die Einstellung zu einzelnen Familienangehörigen ist abhängig davon, welche Phase der Beziehung sich die Erzählenden gerade in Erinnerung rufen.

Der Eigenbericht stellt ein Mittel von hoher Bedeutung dar, um die persönlichen Einstellungen, Gefühle und Interessen der Betroffenen festzuhalten. Er zeigt, wie sie ihre Rollen in den Beziehungen zu anderen Personen auffassen und wie sie selbst die Situationen interpretieren, in denen sie leben. Darin sind Gefühle, Ideale und Lebensphilosophien enthalten, genau wie Widersprüche und psychische Konflikte, Vorurteile und Rationalisierungen.

Es kann kaum Zweifel geben, dass Verhaltenszüge und vielleicht die gesamte Persönlichkeit stark beeinflusst sind von den Bedingungen und Erfahrungen in Situationen, die dem einzelnen Menschen im Leben entgegentreten. Deshalb wird irgendeine Handlung eines Einzelnen nur verstehbar im Licht ihrer Beziehung zur Folge von vergangenen Erfahrungen im Leben des Individuums.[16]

4.3 Durchführung der Interviews

4.3.1 Vorerhebung

Im Vorfeld der eigentlichen Untersuchung wurden zwölf ExpertInnenbefragungen (mit in der stationären und ambulanten Suchttherapie tätigen Personen) und zweiunddreißig KlientInneninterviews (mit Personen während oder nach einem stationären Therapieaufenthalt in einer Drogentherapieeinrichtung) in Form von teilstrukturierten Interviews durchgeführt. Diese Vorerhebungen dienten - neben den Inhalten von Interviews aus einer Angehörigenbefragung, die von einer Kollegin im Rahmen ihrer Diplomarbeit durchgeführt wurden - einer groben Orientierung, einer Erfassung der wichtigsten Aspekte in der Entstehung und im Verlauf sowie in der Therapie von Suchterkrankungen aus der Sichtweise von in unterschiedlichem Kontext beteiligten Personen.

Ein Aspekt, der aufgrund der Vorinterviews Berücksichtigung fand, war, dass die für die Auswertung herangezogenen Interviews nicht im Kontext des stationären Therapieaufenthaltes gemacht wurden. Die während des stationären Aufenthaltes durchgeführten Interviews enthielten nur sehr zurückhaltende Äußerungen in Bezug auf das Therapiekonzept und die hierarchische Struktur der Einrichtung, ganz im Gegensatz zu den Interviews nach Abschluss der Therapie. Die Aussagen über die Entwicklung von Abhängigkeit bis hin zur Suchterkrankung waren, wenn sie in einem größeren zeitlichen Abstand zur psychotherapeutischen Behandlung durchgeführt wurden, differenzierter. Bei den noch in psychotherapeutischer Behandlung stehenden Personen war oft deutlich ein Schwerpunkt auf das Thema gelegt, das gerade in der Therapie bearbeitet wurde.

Die Formulierung der Einstiegsfrage und die Erstellung des Interviewleitfadens passierte mit Hilfe der Erfahrungen aus den Vorinterviews und wurde im Verlauf der Untersuchung nur mehr geringfügig verändert.

4.3.2 Zugang zum Feld

Interviewpartnerinnen sind zwölf ehemals polytoxikoman[17] abhängige Frauen, die sich einer stationären Therapie in der Dauer von mindestens eineinhalb Jahren unterzogen haben und danach (zum Zeitpunkt des Interviews für mindestens drei Jahre) durchwegs ohne problematischen Konsum von psychoaktiven Substanzen lebten.

Der Zugang zu den interviewten Frauen war teilweise über noch aufrechte Kontakte aus der Zeit meiner Mitarbeit in einer stationären Drogentherapieeinrichtung, teilweise über Kontaktvermittlung durch schon interviewte Frauen, gegeben.

Beginn der Erhebungen war etwa ein Jahr nach Beendigung meiner Mitarbeit in der therapeutischen Einrichtung.

Die Wahl des Ortes, an dem das Interview durchgeführt werden sollte, oblag den zu interviewenden Personen. Ein Interview fand in der Wohnung der Interviewpartnerin statt, zwei im Nebenzimmer eines Kaffeehauses und die restlichen in einem ungestörten Raum in meiner Wohnung.

Die Interviews dauerten, mit zumeist einer circa viertelstündigen Pause, drei bis vier Stunden und wurden mit Einverständnis der Interviewpartnerinnen auf Tonband aufgezeichnet.

4.3.3 Bearbeitung der Interviews als Vorbereitung für die Auswertung

Die Tonbandprotokolle wurden in geschriebene Protokolle übersetzt und bei leichter Bearbeitung auf Lesbarkeit und korrekte Syntax chronologisch geordnet, um die Einzelfallanalysen und anschließend durchgeführten thematischen Quervergleiche zu ermöglichen. In einem weiteren Schritt wurden durch Weglassen von ‚Fülltexten’ ausführlich erzählte Geschichten etwas gekürzt.

Den Interviewpartnerinnen wurden die Entwürfe der Einzelfallanalysen wieder vorgelegt mit der Möglichkeit, Ergänzungen und Änderungen, auch in bezug auf die Wahrung der Anonymität, vorzunehmen. Die so aufbereiteten Einzelfallanalysen finden sich, mit der Einverständniserklärung der interviewten Frauen zur Veröffentlichung, im Kapitel Einzelfallanalysen wieder.

4.4 Dokumentenanalyse

Schriftliche Ergänzungen von Seiten der interviewten Frauen, Aufzeichnungen aus dem Forschungstagebuch, Konzepte therapeutischer Einrichtungen, aber vor allen Dingen Definitionen und Theoriekonzepte aus der Fachliteratur wurden während des gesamten Untersuchungsverlaufes immer wieder erhoben und flossen in die Auswertung ein.

5 Auswertungsmethoden

5.1 Qualitativer Forschungsansatz nach den Methoden der Grounded Theory

Eine charakteristische Besonderheit des Grounded Theory - Ansatzes ist seine Betonung der Verwebung von Datensammlung und Datenanalyse innerhalb des gesamten Forschungsprozesses. Anders als in einem klassisch experimentellen Untersuchungsdesign, in dem Hypothesen zu Beginn der Forschung formuliert und dann mit Hilfe einer experimentellen Versuchsanordnung an einer zuvor definierten Stichprobe überprüft werden, plädiert die Grounded Theory dafür, während des gesamten Forschungsprozesses Hypothesen zu generieren und die Stichprobe diesen neuen Hypothesen und Fragen entsprechend jeweils so zu erweitern, dass diese Hypothesen in Zweifel gezogen, bekräftigt oder modifiziert werden können. Zu diesem Zweck schlagen die Begründer der Grounded Theory konstante Vergleiche zwischen verschiedenen Daten, Interpretationsvorschlägen und neu zu sammelnden Daten vor.

Die Grounded Theory ist ein qualitativer Forschungsansatz, der gemeinsam von Glaser & Strauss entwickelt wurde. Seine systematischen Techniken und Analyseverfahren sollen dazu befähigen, eine bereichsbezogene Theorie zu entwickeln, welche die (folgenden) Kriterien für gute Forschung erfüllt: Signifikanz, Vereinbarkeit von Theorie und Beobachtung, Verallgemeinerbarkeit, Reproduzierbarkeit, Präzision, Regelgeleitetheit und Verifizierbarkeit. Während die Verfahren entworfen wurden um dem analytischen Prozess Präzision und Regelgeleitetheit zu verleihen, ist Kreativität ein ebenso wichtiges Element. Sie ist es, die die ForscherInnen angemessene Fragen an die Daten stellen lässt und die Vergleiche anstellen lässt, die den Daten neue Einblicke in das untersuchte Phänomen und neue theoretische Formulierungen entlockt.[18]

Zusammenfassend könnte man sagen, dass die Grounded Theory eine Methodologie darstellt um analytisch über soziale Phänomene nachzudenken.

5.2 Prozessverständnis der gegenstandsbegründeten Theoriebildung

Im Ansatz der gegenstandsbegründeten Theoriebildung nach Corbin & Strauss wird den Daten und dem untersuchten Feld Priorität gegenüber theoretischen Vorannahmen gegeben. Theoretische Annahmen sollen nicht an den untersuchten Gegenstand herangetragen werden, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Untersuchungsfeld und der darin vorfindbaren Empirie ‚entdeckt’ und als Ergebnis formuliert werden. Bei der Auswahl der untersuchten Objekte ist deren Relevanz für das Thema statt Repräsentativität leitend. Es geht dabei nicht um die Reduktion von Komplexität durch Zerlegung von Variablen, sondern um die Verdichtung von Komplexität durch Einbeziehung von Kontext.

Das Prinzip der Offenheit besagt, dass die theoretische Strukturierung des Forschungsgegenstandes zurückgestellt wird bis sich die Strukturierung des Forschungsgegenstandes durch die Forschungssubjekte herausgebildet hat.[19]

5.2.1 Linearität und Zirkularität des Prozesses

Die skizzierte Zirkularität der Teilprozesse im Modell der gegenstandsbegründeten Theoriebildung nach Strauss ist ein wesentliches Kennzeichen dieses Ansatzes.

Diese Zirkularität bringt Probleme mit sich, wo das allgemeine lineare Modell der Forschung (Theorie – Hypothesen – Operationalisierung – Stichprobenziehung – Datenerhebung – Datenanalyse – Überprüfung) zur Beurteilung von

Forschung zugrundegelegt wird. Allgemeiner betrachtet ist dies vor allem in zwei Zusammenhängen der Fall:

- bei der Beantragung von Forschungsprojekten
- und bei der Bewertung der Forschung mit ihren Ergebnissen anhand klassischer Gütekriterien.

Jedoch liegt gerade in dieser Zirkularität eine Stärke des Ansatzes, da sie – zumindest, wenn sie konsequent angewendet wird – zu einer permanenten Reflexion des gesamten Forschungsvorgehens und seiner Teilschritte im Licht der anderen Schritte zwingt. Durch die enge (auch zeitliche) Verzahnung von Datenerhebung und – Auswertung mit der Auswahl von empirischem Material lässt sich die folgende Frage nicht nur immer wieder stellen, sondern auch eher beantworten als bei einem klassisch linearem Vorgehen. Inwieweit werden die verwendeten Methoden, Kategorien und Theorien auch tatsächlich dem Gegenstand und den Daten gerecht?[20]

Im Verständnis von Goodman[21] stellen Theorien im Forschungsprozess Versionen der Welt dar. Diese Versionen unterliegen einer kontinuierlichen Revision, Überprüfung, Konstruktion und Rekonstruktion. Theorien sind demnach nicht (richtige oder falsche) Abbildungen gegebener Fakten, sondern Versionen oder Perspektiven, in denen die Welt gesehen wird.

Kleinig formulierte für qualitative Forschung:

Das Vorverständnis über die zu untersuchende Gegebenheit soll als vorläufig angesehen und mit neuen, nicht kongruenten Informationen überwunden werden.[22]

Die zirkuläre Verknüpfung empirischer Schritte, wie sie im Modell von Glaser & Strauss vorgesehen ist (vergleiche Abbildung), kann dem entdeckenden Charakter qualitativer Forschung eher gerecht werden. Über dieses Prozessverständnis lässt sich das Erkenntnisprinzip Verstehen mit größerer Sensibilität für das zu verstehende Subjekt oder Feld umsetzen.

Zirkuläres Modell des Forschungsprozesses:[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Lineares Modell des Forschungsprozesses:[24]

5.2.2 Rollendefinitionen beim Einstieg in ein offenes Feld

Bedeutung der Person der ForscherIn im Kontext qualitativer Sozialforschung:

Strauss beschreibt die Bedeutung der Person, des Forschers, der Forscherin, wie folgt:

„Er (der Forscher) wird mit seinen kommunikativen Fähigkeiten zum zentralen Instrument der Erhebung und Erkenntnis. Aus diesem Grund kann er auch nicht als ‚Neutrum’ im Feld und im Kontakt mit den (zu befragenden oder zu beobachtenden) Subjekten agieren. Vielmehr nimmt er darin bestimmte Rollen und Positionen ein oder bekommt diese (teils ersatzweise und/oder unfreiwillig) zugewiesen. Von der Art dieser Rolle oder Position hängt wesentlich ab, zu welchen Informationen der Forscher Zugang findet und zu welchen er ihm verwehrt wird.“

Es bestehe das Dilemma, dass die Güte einer Interpretation und ihre Verallgemeinerbarkeit davon abhängen, welche Theorie und welches begriffliche Vorverständnis angewandt wird. Angesichts dieses Dilemmas hält Blumer dafür, dass die Angemessenheit und Richtigkeit einer Interpretation von Erfahrung, Einsicht und sozialer Kenntnis des Interpreten abhängt.

Ein Interpret, der mit den Problemen der Menschen im sozialen Leben vertraut ist und der sich speziell in dem Lebensbereich, der untersucht wird, auskennt, wird eine bessere Interpretation von ‚human documents’ erarbeiten können als einer, der diese Qualifikationen nicht hat.[25]

Da das persönliche Element ein konstitutiver Faktor von allem sozialen Geschehen ist, sollte die Sozialwissenschaft nicht an der Oberfläche des sozialen Prozesses bleiben, sondern muss die wirklichen menschlichen Erfahrungen und Einstellungen erreichen, welche die volle lebendige und aktive soziale Wirklichkeit unterhalb der formalen Organisation der sozialen Institutionen oder hinter den statistisch tabellierten Massenphänomenen erreichen.[26]

Übrigens sei der Psychologe auch aus Gründen seiner eigenen Offenheit für sein Gegenstandsfeld darauf angewiesen, sich von Zeit zu Zeit mit konkreten Einzelfällen zu befassen, um sich nicht in lebensfremden Abstraktionen zu verlieren.[27]

5.3 Auswahlentscheidungen im Forschungsprozess

Erhebung von Daten: - Fallauswahl

- Fallgruppenauswahl

Interpretation von Daten: - Auswahl des Materials

- Auswahl im Material

Darstellung der Ergebnisse: - Präsentationsauswahl

5.3.1 Fragestellung

Die anfängliche Fragestellung ist ein Wegweiser, der die ForscherIn unmittelbar dazu anhält, einen ganz bestimmten Gegenstandsbereich, den Ort an dem Ereignisse stattfinden, Dokumente und das Handeln der Menschen zu untersuchen oder Informanten zu interviewen. Gerade weil das Datenmaterial bei qualitativer Forschung vielfältig und umfangreich ist, ist es hilfreich, immer wieder im Verlauf der Untersuchung die ursprüngliche Fragestellung zur Klärung heranzuziehen, um während des gesamten Untersuchungsverlaufes den Themenschwerpunkt nicht aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig beginnt aber mit dem ersten Interview oder der ersten Beobachtung, Dokumentenanalyse usw. der Prozess des Verfeinerns und Spezifizierens der Fragestellung. Wie dies vor sich geht wird im Kapitel über das Kodieren erklärt.

Die Methodologie der Grounded Theory habe ich nach unergiebig erlebten Versuchen, mittels quantitativen Methoden mich dem Thema zu nähern, deshalb gewählt, weil sie dem Gegenstandsbereich und der sich daraus entwickelten Fragestellung, die notwendige Flexibilität und Freiheit gibt, das Phänomen in seiner Tiefe zu erforschen, bedingt durch die Handlungs- und Prozessorientierung während des gesamten Untersuchungsverlaufes.

5.4 Theoretische Sensibilität

Das Wesen spezifischer Entdeckungen besteht nicht darin, etwas als erster zu sehen, sondern tragfähige Verbindungen zwischen zuvor Bekanntem und dem bisher unbekannten zu knüpfen.[28]

Unter theoretischer Sensibilität wird die Fähigkeit verstanden, zu erkennen, was in den Daten wichtig ist und dem einen Sinn zu geben, als Voraussetzung dafür, eine Theorie zu formulieren, die der Wirklichkeit des untersuchten Phänomens gerecht wird. Theoretische Sensibilität erwirbt man sich als ForscherIn dadurch, dass man sich in der Fachliteratur gut auskennt und ebenfalls aus professioneller und persönlicher Erfahrung.

Neben diesem Wissen, der Vorerfahrung, das durch die ForscherIn in die Forschungssituation eingebracht wird, wird ‚theoretische Sensibilität’ auch während des Forschungsprozesses durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Daten erworben. Es ist dabei wichtig, ein Gleichgewicht zu halten zwischen dem, was von der ForscherIn stammt und dem, was man wirklich in den Daten vorfindet. Dies passiert dadurch, dass man eine skeptische Haltung gegenüber allen Kategorien und Hypothesen beibehält, die in die Forschung eingebracht bzw. frühzeitig entwickelt werden und sie immer wieder anhand der Daten überprüft.

Ebenfalls sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass die Verzerrungen, Vorannahmen, Denkmuster und das Wissen aufgrund von Erfahrungen und Literaturstudium - das jede ForscherIn in die Datenanalyse einbringt - die Sicht dessen, was in den Daten bedeutsam ist, blockieren kann, bzw. daran hindern, von deskriptiven zu theoretischen Ebenen der Analyse fortzuschreiten. Die im Folgenden kurz beschriebenen Techniken helfen, diese Probleme zu beseitigen bzw. zu berichtigen.

Grundlegende Fragen stellen: wer? wann? wo? was? wie? wie viel? und warum? Das Stellen von Fragen hilft herauszufinden, welche Bedeutungen die verschiedenen analytisch bedeutsamen Begriffe für die interviewten Personen haben. Damit werden die möglichen Bedeutungen in der Interaktion mit dem Befragten valididiert.

Die Analyse eines Wortes, einer Phrase, eines Satzes kann die Bandbreite von Bedeutungen eröffnen und dient ebenso der Valididierung der möglichen Bedeutungen in der Interaktion mit dem/der Interviewten.

Flip-Flop-Technik: Darunter verstehen Corbin & Strauss ein Vergleichen zwischen Extrempolen einer Dimension. Diese Übung dient dazu, eher analytisch als deskriptiv vorzugehen. Stellt man sich z.B. etwas Gegenteiliges zu dem zu analysierenden Begriff vor, können Ideen entstehen, wonach man fragen könnte.

Ein systematischer Vergleich in der Analyse kann eine Hilfe darin bedeuten, aus Denkmustern auszubrechen. z.B. Therapiemotivation : Sich die Antworten/Situation von zwei Personen in einer abstinenzorientierten Therapieeinrichtung vorstellen, wo eine Person aus persönlichen Gründen, die zweite auf Weisung der Justiz in die Einrichtung kam, auf die Frage nach deren jeweiligen Therapiezielen.

Weithergeholte Vergleiche können hilfreich darin sein, sich von Blockierungen zu befreien.

Unter ‚Schwenken der roten Fahne’ verstehen Corbin & Strauss die analytische Konsequenz, niemals etwas für selbstverständlich zu halten. Wenn z.B. Wörter oder Phrasen auftauchen wie: ‚nie’, ‚nimmer’, ‚jeder weiß, dass es so gemacht wird’, ‚es besteht kein Grund zur Diskussion’ ... können diese als Signale angesehen werden, genauer hinzuschauen: Was passiert hier? Was ist gemeint mit nie oder nimmer? Warum ist das so? Nie, unter welchen Bedingungen? Wie wird dieser Zustand von ‚nie’ aufrechterhalten? Handeln die Menschen danach, ohne daran zu glauben? Glauben sie daran, ohne danach zu handeln?

Die kreative Vorstellungskraft wird wahrscheinlich durch das Anwenden dieser Techniken verbessert. Übung darin zu gewinnen ist ein wesentlicher Faktor für die Qualität der Analyse.

5.5 Einsatz von Literatur

Nach Strauss sollen Untersuchungen mit der Grounded Theory Phänomene im Licht eines theoretischen Rahmens erklären, der erst im Forschungsverlauf selbst entsteht. Es soll keine Einengung dadurch passieren, dass an einer vorab entwickelten Theorie festgehalten werden muss, die sich auf den untersuchten Wirklichkeitsbereich anwenden lässt. Literatur dient aber dazu, theoretisch sensibel zu machen für:

- Bedingungen, die unsere Erfahrung beeinflussen
- Strategien für den Umgang mit dieser Erfahrung und
- Konsequenzen je nach Erfahrung. Die Literatur legt eine Vorstellung von Prozess oder Veränderung über die Zeit nahe, wie auch Variation in den Erfahrungstypen, die von den Entscheidungen abhängig sind, welche in dem Fall die suchtkranke Frau trifft. Schließlich führt die Literatur auch dazu, eine Vielzahl von Situationen für die Untersuchung auszuwählen.

Während der Untersuchung selbst sind Forschungsanregungen auf der Grundlage der (nicht nur fachbezogenen) Literatur und ein echtes Wechselspiel zwischen Lesen von Literatur und Analysieren von Daten maßgeblich für eine gute Qualität der Untersuchung.

5.6 Kodierverfahren

5.6.1 Begriffsdefinitionen

Konzepte : Konzeptuelle[29] Bezeichnungen oder Etiketten, die einzelnen Ereignissen, Vorkommnissen oder anderen Beispielen für Phänomene zugeordnet werden.

Kategorie : Eine Klassifikation von Konzepten. Diese Klassifikation wird erstellt, wenn Konzepte miteinander verglichen werden und sich offenbar auf ein ähnliches Phänomen beziehen. So werden die Konzepte unter einem Konzept höherer Ordnung zusammengruppiert – dies ergibt ein abstrakteres Konzept, genannt Kategorie.

Kodieren : Unter Kodieren wird der Prozess der Datenanalyse verstanden.

Kode-Notizen : Kode-Notizen sind die Produkte des Kodierens. Sie sind ein Typ von Memos.

Offenes Kodieren : Der Prozess des Aufbrechens, Untersuchens, Vergleichens, Konzeptualisierens und Kategorisierens von Daten.

Eigenschaften : Attribute oder Charakteristika, die zu einer Kategorie gehören.

Dimension : Anordnung von Eigenschaften auf einem Kontinuum.

Dimensionalisieren : Der Prozess des Aufbrechens einer Eigenschaft in ihre Dimensionen.

Kodieren stellt die Vorgehensweise dar, durch welche die Daten aufgebrochen, konzeptualisiert und auf neue Art zusammengesetzt werden. Es ist der zentrale Prozess, durch den aus den Daten Theorien entwickelt werden, weil nicht deskriptives Beschreiben sondern die systematische Entwicklung einer Theorie die Zielsetzung der Grounded Theory ist.

Die analytischen Verfahren der Grounded Theory sind konzipiert worden um

- eher eine Theorie zu entwickeln als sie nur zu überprüfen
- dem Forschungsprozess die notwendige methodische Strenge zu verleihen, die eine Theorie zur ‚guten’ Wissenschaft macht
- dem Analysierenden zu helfen, seine mitgebrachten und während des Forschungsprozess entwickelten Verzerrungen und Vorannahmen zu durchbrechen
- für Gegenstandsverankerung ( Grounding ) zu sorgen, Dichte, Sensibilität und Integration zu entwickeln, die benötigt werden, um eine dichte, enggeflochtene, erklärungsreiche Theorie zu generieren, die sich der Realität - die sie repräsentiert - so weit wie möglich annähert.

Diese Ziele zu erreichen, verlangt das Einhalten eines Gleichgewichts zwischen den Merkmalen Kreativität , Strenge , Ausdauer und vor allem theoretische Sensibilität .

Das Durchführen einer Analyse ist tatsächlich Interpretationsarbeit. Diese Auffassung ist gut begründet. So schreibt der Wissenschaftsphilosoph Diesing:

Wissenschaftliche Erkenntnis ist in großen Teilen eher eine Erfindung oder eine Entwicklung als eine Nachahmung. Konzepte, Hypothesen und Theorien können nicht vorgefertigt in der Wirklichkeit gefunden werden, sondern müssen konstruiert werden.[30]

5.6.2 Konzeptualisieren der Daten

Der erste Schritt in der Analyse ist das Konzeptualisieren der Daten. Es wird eine Beobachtung, ein Satz, ein Abschnitt herausgegriffen und für jede darin enthaltene Idee, jeden Vorfall, jedes Ereignis... ein Name vergeben, der für das jeweilige Phänomen steht. Ähnliche Phänomene bekommen denselben Namen.

Die so entstandenen Konzepte müssen anschließend gruppiert werden. Dieser Vorgang wird als Kategorisieren verstanden. Der Name der jeweiligen Kategorie ist abstrakter als jener der gruppierten Konzepte. Die vorgeschlagenen Beziehungen sind provisorisch und werden - wenn im Verlauf der weiteren Analyse Phänomene auftauchen, die sie widerlegen - erweitert bzw. verändert.

Quellen für Namen sind:

Literatur: Werden Namen - die in themenspezifischer Literatur vorkommen - verwendet, ist darauf zu achten, dass diese oft schon mit allgemeinen Bedeutungen verbunden sind.

Worte und Äußerungen der InformantInnen: Diese werden von Glaser & Strauss als In-vivo-Kodes bezeichnet.[31]

eigene Erfindungen: Diese sollten anschaulich und logisch gewählt sein.

5.6.3 Entwickeln von Kategorien in bezug auf ihre Eigenschaften und Dimensionen

Eigenschaften sind Kennzeichen oder Charakteristika eines Phänomens, einer Kategorie. Dabei unterscheidet man zwischen allgemeinen Eigenschaften wie z.B. Farbe, und einer spezifischen Ausprägung - eines dimensionalen Profils wie z.B. bei einer Blume (Farbe, Schattierung, Farbton, Intensität...) Jede Eigenschaft besitzt Untereigenschaften, die nach Bedarf dimensionalisiert werden.

5.6.4 Offenes Kodieren

Variationsmöglichkeiten:

Zeile für Zeile-Analyse: Die Zeile für Zeile-Analyse ist z.B. für das erste Interview empfehlenswert, weil sie eine gute Grundlage für das theoretische Sampling bildet – es können Aussagen getroffen werden, was beim nächsten Interview fokussiert werden soll.

Sätze oder Absätze kodieren: Hier stellt man die Frage nach der Hauptidee in einem Satz und vergibt dafür einen Namen, kehrt zurück zu den Daten und macht eine detaillierte Analyse dieses Konzeptes.

Kodieren eines ganzen Dokumentes: Hier stellt man sich generell die Frage: ‚Was spielt sich hier wohl ab’ – und mit der Antwort kehrt man zurück zu den Daten und analysiert einzeln auf Ähnlichkeiten und Unterschiede.

5.6.5 Verfahren beim offenen Kodieren

Die Verfahren beim offenen Kodieren sind
(1) Anstellen von Vergleichen und
(2) Stellen von Fragen
In der Literatur wird die Grounded Theory deshalb oft als Analysemethode ständiger Vergleiche bezeichnet. Die dritte Methode ist
(3) Verfassen von Kode-Notizen.

Die vergebenen Namen werden direkt an den Rand des transkribierten Interviews (oder sonstigen Textes) geschrieben.

5.6.6 Zusammenfassung: Offenes Kodieren

Konzepte sind die grundlegenden Bausteine einer Theorie. Offenes Kodieren stellt in der Grounded Theory den analytischen Prozess dar, durch den Konzepte identifiziert und in Bezug auf ihre Eigenschaften und Dimensionen entwickelt werden. Die grundlegenden analytischen Verfahren, mit denen das erreicht wird, sind das Stellen von Fragen an die Daten und das Vergleichen hinsichtlich Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen jedem Ereignis, Vorfall und anderen Beispielen für Phänomene. Ähnliche Vorfälle und Ereignisse werden benannt und zu Kategorien gruppiert.

5.6.7 Axiales Kodieren

Begriffsdefinitionen:

ursächliche Bedingungen: Unter ursächlichen Bedingungen versteht man Ereignisse, Vorfälle, Geschehnisse, die zum Auftreten oder zur Entwicklung eines Phänomens führen.

Phänomen: Unter Phänomen versteht man die zentrale Idee, das Ereignis, Geschehnis, den Vorfall, auf den eine Reihe von Handlungen oder Interaktionen gerichtet ist, um ihn zu kontrollieren oder zu bewältigen oder zu dem die Handlungen in Beziehung stehen.

Kontext: Unter Kontext versteht man die spezifische Reihe von Eigenschaften, die zu einem Phänomen gehören. D. h.: die Lage der Ereignisse oder Vorfälle in einem dimensionalen Bereich, die sich auf ein Phänomen beziehen. Der Kontext stellt den besonderen Satz von Bedingungen dar, in dem die Handlungs- und interaktionalen Strategien stattfinden.

intervenierende Bedingungen: Unter intervenierende Bedingungen sind jene strukturellen Bedingungen gemeint, die auf die Handlungs- und interaktionalen Strategien einwirken und sich auf ein bestimmtes Phänomen beziehen. Sie erleichtern oder hemmen die verwendeten Strategien innerhalb eines spezifischen Kontexts.

Handlung/Interaktion: Unter Handlung oder Interaktion sind jene Strategien gemeint, die gedacht sind, um ein Phänomen unter einem spezifischen Satz wahrgenommener Bedingungen zu bewältigen, damit umzugehen, es auszuführen oder darauf zu reagieren.

Konsequenzen: Konsequenzen sind Ergebnisse oder Resultate von Handlung und Interaktion.

5.6.8 Offenes versus axiales Kodieren

Offenes Kodieren bricht die Daten auf und erlaubt es, einige Kategorien, deren Eigenschaften und dimensionalen Ausprägungen zu identifizieren. Axiales Kodieren fügt diese Daten auf neue Art wieder zusammen, indem Verbindungen zwischen einer Kategorie und ihren Subkategorien ermittelt werden. Es handelt sich dabei um die Entwicklung von Kategorien, jenseits von Eigenschaften und Dimensionen.

5.6.9 Verfahren beim axialen Kodieren

Unter axialem Kodieren versteht man eine Reihe von Verfahren, mit denen - durch das Erstellen von Verbindungen zwischen Kategorien - die Daten nach dem offenen Kodieren auf neue Art zusammengesetzt werden. Dies wird durch den Einsatz eines Kodier - Paradigmas erreicht, das aus Bedingungen, Kontext, Handlungs- und interaktionalen Strategien und Konsequenzen besteht.

5.6.10 Das paradigmatische Modell

Ursächliche Bedingungen → Phänomen → Kontext → intervenierende Bedingungen → Handlungs- und interaktionale Strategien → Konsequenzen

Begriffsdefinitionen (erklärende Beispiele)

Phänomen : Es gilt das Ereignis herauszufinden, auf das sich eine Reihe von Handlungen/Interaktionen richtet, um damit umzugehen, es zu bewältigen oder um sich darauf zu beziehen. Die zentralen Fragen die gestellt werden sind: Worauf verweisen die Daten? Worum dreht sich die Handlung/Interaktion eigentlich ?

Als nächstes stellt sich die Frage nach den ursächlichen Bedingungen .
Was sind die Vorfälle oder Ereignisse, die zum Auftreten oder zur Entwicklung eines Phänomens führen. (z.B.: ursächliche Bedingung: Konsum psychoaktiver Substanzen; Phänomen: Veränderung des Bewusstseinszustandes; Eigenschaften der psychoaktiven Substanzen: sedierend, bewusstseinserweiternd, wahrnehmungssteigernd; Beschreibung des Phänomens: Intensität, Dauer, Lokalisation) Auf ursächliche, zeitlich vorausgehende Bedingungen wird oftmals durch Begriffe hingewiesen wie: „wenn“, „während“, „da ja“, „weil“, „in Folge“, „wegen“ ...

Unter Kontext wird der spezifische Satz von Eigenschaften, die zu einem Phänomen gehören und auch der besondere Satz von Bedingungen, innerhalb dessen die Handlungs- und Interaktionsstrategien stattfinden bezeichnet, um ein spezifisches Phänomen zu bewältigen, damit umzugehen, es auszuführen und darauf zu reagieren. (Beispiel: ursächliche Bedingung: Substanz vor zwei Stunden konsumiert, in der Wohnung eines Freundes; Phänomen: Verlauf der Wahrnehmungsveränderung, kurzfristige Steigerung der optischen und akustischen Wahrnehmung, nach einiger Zeit ‚kippen’ der Stimmung...)

Intervenierende Bedingungen sind die breiten und allgemeinen Bedingungen, die auf Handlung- und interaktionale Strategien einwirken.[32] Sie beinhalten: Raum, Zeit, Kultur, sozioökonomischen Status, technischen Status, Karriere, Geschichte und individuelle Biographie und beziehen sich auf das untersuchte Phänomen.

Handlungs- und interaktionale Strategien beziehen sich auf das Selbst des Handelnden wie auch auf andere Interaktionen. Hinweise auf Handlungs- und interaktionale Strategien geben Verben oder Partizipien. Sie vermitteln, dass jemand etwas als Reaktion auf ein Phänomen sagt oder tut. Auch Nichthandeln muss hinterfragt werden.

Handlung und Interaktion , die als Antwort auf oder zum Bewältigen eines Phänomens ausgeführt werden, bewirken bestimmte Ergebnisse oder Konsequenzen – nicht immer vorhersagbar oder beabsichtigt. Auch das Versäumnis, Handlung/Interaktion auszuführen, hat Ergebnisse oder Konsequenzen. Konsequenzen können zu einem Teil der Bedingungen werden, die die nächste Handlung/Interaktion beeinflussen oder sogar ganze Handlungsfolgen auslösen.

5.6.11 Verknüpfen und Entwickeln von Kategorien mit Hilfe des Paradigmas

Die Analyse[33] geschieht meist simultan mit den folgenden vier getrennten analytischen Schritten:

1. Hypothetisches in Beziehung setzen: Das Hypothetische in Beziehung setzen von Subkategorien zu einer Kategorie, passiert durch Aussagen, die die Natur der Beziehungen zwischen den Subkategorien und dem Phänomen bezeichnen. – ursächliche Bedingungen, Kontext, intervenierende Bedingungen, Handlungs- und interaktionale Strategien und Konsequenzen. Es werden Fragen nach der Verbindung der Kategorien, nach der Form der Beziehung gestellt (Z. B.: Bezieht sich die Kategorie Abstinenzmotivation auf die Kategorie Kontrollverlust, als eine Konsequenz der Strategien, die zur Verhinderung von Kontrollverlust eingesetzt wurden.)
2. Verifizieren: Das Verifizieren dieser Hypothesen anhand der tatsächlichen Daten passiert folgendermaßen: Wenn die (unter 1) gestellten Fragen von den Daten bestätigt werden, können sie zu einer Aussage über die Beziehung abgeändert werden. Ebenso ist aber auch eine Suche nach Gegenbeispielen, die eventuell die Aussagen unhaltbar machen können, notwendig. Diese Suche führt nicht unbedingt zum Verneinen der Fragen oder Aussagen, sondern schafft auch Variation und ein tieferes Verständnis. Indem man den Unterschieden nachgeht, gewinnt die Theorie an Dichte und Variation.
3. Fortgesetzte Suche nach Eigenschaften: Die Suche nach Eigenschaften der Kategorien und Subkategorien und nach der dimensionalen Einordnung der Daten (Ereignisse, Geschehnisse, etc.) auf die sie verweisen, wird fortgesetzt. Dies ist wiederum ein Streben nach Spezifität, indem Ereignisse in den Daten hinsichtlich ihrer genauen dimensionalen Ausprägung bestimmt werden.[34]
4. Untersuchung der Variation von Phänomenen: Jede Kategorie und ihre Subkategorien werden mit verschiedenen Mustern verglichen, die durch Vergleiche mit der dimensionalen Einordnung von Beispielen aus den Daten entdeckt werden. Hier geht es darum, dass Veränderungen bemerkt werden, die auf einen Prozess oder eine Bewegung in den Daten verweisen. Es geht darum, Muster der dimensionalen Ausprägung von Ereignissen oder Vorfällen zu bemerken, die zur Eigenart eines Phänomens gehören. (z. B. wie die interviewten Frauen freiwilligen Verzicht auf den Konsum einer bestimmten psychoaktiven Substanz für kurze Zeit, im Gegensatz zu unfreiwilligen Verzicht auf eine bestimmte psychoaktive Substanz für einen langen Zeitraum erleben). Das Verknüpfen von Kategorien auf der dimensionalen Ebene stellt die Grundlage selektiven Kodierens dar.

5.6.12 Aufspüren von Beziehungen

Während des Kodierens stößt man oft auf etwas, das eine Strategie oder auch eine Bedingung oder eine Konsequenz zu sein scheint. Wenn man sich bemüht; in den Daten das Phänomen zu bestimmen, auf das die Strategie sich zu beziehen scheint, oder auch andere Bedingungen, die für diese Situation bedeutsam erscheinen, kann man oft auch andere Strategien und deren Konsequenzen herausfinden, die von einer bestimmten Person benutzt werden. Planvolles Aufspüren von Beziehungen macht die Analyse systematischer.

Der Einsatz von Mini-Schemata oder anderer systematischer Aufzeichnungsmethoden kann dabei hilfreich sein:

z.B.: Kategorie Abstinenzmotivation

Phase I des Therapieaufenthaltes ® Phänomene ® Strategien zur Bewältigung

Phase II des Therapieaufenthaltes ® Phänomene ® Strategien zur Bewältigung

Phase III des Therapieaufenthaltes ® Phänomene ® Strategien zur Bewältigung

Um Beziehungen in den Memos festhalten zu können, eignet sich das Benutzen von logischen Diagrammen, wo den beschriebenen Beziehungen Eigenschaften und dimensionale Ausprägungen hinzugefügt werden.

5.6.13 Zusammenfassung: axiales Kodieren

Unter axialem Kodieren versteht man das In-Beziehung-Setzen der Subkategorien zu einer Kategorie. Dies stellt einen komplexen Prozess induktiven und deduktiven Denkens dar, der aus mehreren ineinander verzahnten Schritten besteht. Wie beim offenen Kodieren geschieht dies durch Stellen von Fragen und durch Anstellen von Vergleichen. Beim axialen Kodieren ist der Einsatz von Vorgangsweisen fokussierter und auf das Entwickeln und In-Beziehung-Setzen von Kategorien nach dem paradigmatischen Modell ausgerichtet. D. h. es wird jede Kategorie (Phänomen) in bezug auf die spezifische dimensionale Ausprägung dieses Phänomens, hinsichtlich ihrer Eigenschaften, in bezug auf den Kontext, auf die benutzten Handlungs- und interaktionalen Strategien, die im Lichte des betreffenden Kontexts eingesetzt werden, um auf das Phänomen zu reagieren, damit umzugehen und es zu bewältigen und bezüglich der Konsequenzen jeder ausgeführten Handlung/Interaktion entwickelt. Ferner wird beim axialen Kodieren die Suche nach zusätzlichen Eigenschaften jeder Kategorie fortgesetzt und die dimensionale Ausprägung jedes Ereignisses, Geschehens oder Vorfalls in Form von Memos notiert.

5.6.14 Selektives Kodieren

Begriffsdefinitionen:

Geschichte: Unter ‚Geschichte’ wird von Strauss & Corbin eine beschreibende Erzählung oder Darstellung über das zentrale Phänomen der Untersuchung verstanden

Story line – der rote Faden der Geschichte. Damit ist die Konzeptualisierung der Geschichte – der Kernkategorie – gemeint.

Selektives Kodieren: Der Prozess des Auswählens der Kernkategorie, des systematischen In-Beziehung-Setzens der Kernkategorie mit anderen Kategorien, der Valididierung dieser Beziehungen und des Auffüllens von Kategorien, die einer weiteren Verfeinerung und Entwicklung bedürfen.

Kernkategorien: Das zentrale Phänomen, um das herum alle anderen Kategorien integriert sind.

Selektives Kodieren unterscheidet sich nicht sehr vom axialen Kodieren. Es wird nur auf einer höheren, abstrakteren Ebene der Analyse durchgeführt:

1. Schritt: Offenlegen des roten Fadens der Geschichte
2. Schritt: Verbinden der ergänzenden Kategorien rund um die
Kernkategorie mit Hilfe des Paradigmas
3. Schritt: Verbinden der Kategorien auf der dimensionalen Ebene
4. Schritt: Valididieren dieser Beziehungen durch die Daten
5. Schritt: Auffüllen der Kategorien, die einer weiteren Verfeinerung
und/oder Entwicklung bedürfen

Diese Schritte passieren nicht linear, man bewegt sich zwischen ihnen hin und her.

Von der Beschreibung zur Konzeptualisierung : Dem zentralen Phänomen muss ein Name gegeben werden. Zu diesem Zweck wird die Liste von Kategorien durchgegangen, ob eine abstrakt genug ist, um alles zu umfassen, was in der Geschichte beschrieben wird – somit wird sie zur Kernkategorie. Gibt es keine Kategorie, die abstrakt genug ist, so muss das Phänomen einen Namen bekommen.

Hilfen , wenn der rote Faden der Geschichte nicht definiert werden kann. Gerade weil das Anwenden dieser Methodologie sich für ForscherInnen eignet, die gleichzeitig PraktikerInnen sind und die Forschung im beruflichen Kontext durchgeführt wird, ist es für diese AnwenderInnen oft schwierig, sich von ihrem Material ausreichend zu distanzieren, um eine angemessene Beschreibung und Konzeptualisierung des roten Fadens der Geschichte zu erreichen und so eine Kernkategorie auswählen zu können. Hier hilft der Rat einer erfahrenen ForscherIn, LehrerIn, KollegIn, die nach Strauss & Corbin Fragen wie: Welche Phänomene werden in den Daten wieder und wieder gespiegelt? Können Sie Ihre Ergebnisse für mich zusammenfassen? Welche wesentliche Botschaft über diesen Forschungsbereich möchten Sie an andere übermitteln? Was halten Sie in diesem Bereich für wichtig und warum? stellen soll.

Bestimmen der Eigenschaften und Dimensionen der Kernkategorie: Wenn die Geschichte richtig erzählt wird, sollte sie über das Offenbaren der Kernkategorie hinaus auch auf deren Eigenschaften verweisen. Sobald die Eigenschaften einer Kernkategorie herausgearbeitet sind, besteht der nächste Schritt darin, die anderen Kategorien mit ihr zu verbinden. Das zentrale Phänomen ist das Herzstück des Integrationsprozesses. Die Kernkategorie soll zu dem Phänomen, für das sie steht, passen und es beschreiben. Die Kriterien müssen weit genug sein, um auch zu erlauben, dass die anderen – ergänzenden – Kategorien einbezogen und mit der Kernkategorie verbunden werden können.

Verbinden anderer Kategorien mit der Kernkategorie:

Das Verbinden von Kategorien mit der Kernkategorie wird mittels des Paradigmas durchgeführt – Bedingungen, Kontext, Strategien, Konsequenzen. Nicht ganz so einfach ist es herauszufinden, welche Kategorie welchem Bestandteil des Paradigmas entspricht. Durch das Vorhandensein vieler intervenierender Bedingungen, ist das Verbinden der Kategorien miteinander weit komplexer als eine einfache Beziehung der Art ‚Ursache führt zur Konsequenz’. Es sind die intervenierenden Bedingungen, die erklären, warum jemand ein bestimmtes Ergebnis hat oder eine bestimmte Reihe von Strategien wählt, während ein anderer das nicht tut. Deswegen ist es entscheidend, diese Bedingungen zu identifizieren und mit anderen Kategorien in Beziehung zu setzen. Nach detailliertem Erzählen der Geschichte kann der Analysierende damit beginnen, die Kategorien in bezug auf das Paradigma an- und umzuordnen, bis sie zur Geschichte passen, und so eine analytische Version der Geschichte erstellen. Die Geschichte muss dazu klar und logisch erzählt werden. Treten immer wieder Probleme mit dem Verbinden der Kategorien auf, ist das ein Hinweis, dass die Geschichte umgeschrieben oder neu erzählt werden sollte.

Valididieren der Beziehungen: Es wird nun eine hypothetische Aussage in Bezug auf die Beziehungen zwischen den Kategorien formuliert, mit der man zurück ins Feld, bzw. zu den Daten geht, um sie zu valididieren. D. h. man recherchiert, ob die Aussage in einem weiten Sinn für jede untersuchte Frau standhält. Wenn ja, wird diese statische Aussage dann in Komplexität und Variation bereichert.

Aufdecken der Muster: Beim axialen Kodieren beginnen sich bestimmte ‚Muster’ bereits abzuzeichnen. Das Netzwerk vorhandener Beziehungen muss fortwährend sortiert und verfeinert werden, dies verleiht der Theorie Spezifität. Dadurch ist man in der Lage zu sagen, dass unter diesen Bedingungen genau das und das passiert; während unter anderen Bedingungen dieses und jenes eintritt.

Systematisieren und Verfestigen von Verbindungen: Wieder wird - diesmal auf abstrakterer Ebene - in einer Kombination aus induktivem und deduktivem Denken gependelt zwischen Stellen von Fragen und dem Aufstellen von Hypothesen und Vergleichen. Der Kontext, die unterschiedlichen Bedingungen und Eigenschaften des Phänomens, die in vielfältigen Kombinationen und unterschiedlichen Dimensionen Muster bilden, wird systematisiert. Es gibt mehrere Wege diese Muster zu entdecken. Die Kombinationen können einfach während der Analyse auftauchen, oder, wenn erst einmal die Eigenschaften eines zentralen Phänomens klar sind, können die verschiedenen Kombinationen logisch abgeleitet werden.[35]

Gruppieren der Kategorien: Die Kategorien werden entlang der dimensionalen Ausprägungen ihrer Eigenschaften - in Übereinstimmung mit den entdeckten Mustern - gruppiert. Dies geschieht durch Stellen von Fragen und Anstellen von Vergleichen. Dadurch sind die Daten nicht nur auf einem breiten konzeptuellen Niveau miteinander verbunden, sondern auch auf dem Eigenschafts- und dimensionalen Niveau jeder Hauptkategorie. Die gruppierten Kategorien bilden die Grundbausteine einer Theorie.

Verankern der Theorie in den Daten: Das Valididieren der Theorie durch die Daten vervollständigt die Gegenstandsverankerung.

Aufstellen und Validieren von Aussagen über Beziehungen: Mit den vielfältigen Aspekten der Theorie - die graphisch und/oder textförmig in Memoform festgehalten sind - ist die Analyse des Datenmaterials so weit fortgeschritten, dass Aussagen über Beziehungen gemacht werden können, die in den Daten valididiert sind. Wiederum geht es darum herauszufinden, ob sie im allgemeinen - d. h. in den meisten Fällen - angemessen sind.

Vorgangsweise, wenn ein Fall nicht in die Theorie passt: Passt ein Fall nicht in die Theorie, muss in den Daten genau daraufhin angeschaut werden, welche Bedingungen diese Variation verursacht haben. Sind diese identifiziert, können sie in die Theorie eingebaut werden.

Auffüllen der Lücken in den Kategorien: Hat der theoretische Rahmen einer strengen Überprüfung standgehalten und sind ausreichend Bedingungen und Prozesse eingebaut und berücksichtigt worden, kehrt man zu den Kategorien zurück und füllt die fehlenden Details auf. Dieser Vorgang ist notwendig, um konzeptionelle Dichte und Spezifität zu erhöhen.

5.6.15 Zusammenfassung: selektives Kodieren

Selektives Kodieren bedeutet die Integration der gesamten interpretativen Arbeit, die im Verlauf eines Forschungsvorhabens ausgeführt wurde. Die im Rahmen der Grounded Theory beschriebenen Verfahren sind hilfreich in diesem schwierigsten Teil eines qualitativen Forschungsvorhabens. Ausschlaggebend dafür wie gut diese Integration gelingt, ist den roten Faden in jeder Fallgeschichte zu entdecken und ihn in eine analytische Geschichte zu übersetzen. Die Auswahl dieser Kernkategorie und das In-Beziehung-Setzen aller Hauptkategorien zur Kernkategorie und untereinander, steht im Zentrum der Verfahren.

5.7 Prozessverständnis in der Grounded Theory

Mit Prozess beschreiben Corbin & Strauss das Verknüpftsein von Handlungs- und Interaktionssequenzen, wie sie zum Bewältigen und Kontrollieren eines Phänomens oder zum Reagieren auf ein Phänomen gehören. Das Verknüpftsein von Sequenzen wird festgestellt anhand:

- der Veränderung von Bedingungen, die Handlung/Interaktion über die Zeit beeinflussen.
- der Handlung/Interaktion als Reaktion auf die Veränderung
- der Konsequenzen, die aus den Handlungen/Interaktionen resultieren und durch Beschreiben, wie diese Konsequenzen Teil der Bedingungen für die nächste Handlungs-/Interaktionssequenz werden.
- Veränderung kann die Konsequenz einer geplanten Handlung/Interaktion sein oder als Ergebnis einer Kontingenz eintreten – ein unerwartetes und ungeplantes Ereignis, das zu Veränderungen in den Bedingungen führt.

Die Konzeptualisierung von Ereignissen, die vom Prozessbegriff umfasst werden, erklärt nämlich, warum Routinehandlungen/Interaktionen zusammenbrechen, warum Probleme im Verlauf von Lebensereignissen auftreten und warum man beim Rückblicken auf das Leben Wachstum, Entwicklung und Bewegung sieht, oder als das andere Extrem, das Scheitern von Wachstum, ein ‚Zurückschliddern’, Stagnation. Letzteres kann einen Mangel an Reaktion auf Bedingungsveränderungen darstellen, was genauso wichtig ist wie die erfolgte Reaktion.

Um den Prozess analytisch zu erfassen, muss man die sich entwickelnde Natur von Geschehnissen zeigen. Das geschieht durch die Feststellung, warum und wie Handlungen/Interaktionen – in Form von Ereignissen, Handlungsweisen oder Geschehnissen – sich verändern, gleich bleiben oder sich zurückentwickeln; warum es ein Fortschreiten von Ereignissen gibt oder was angesichts sich ändernder Bedingungen die Kontinuität einer Handlungs-/Interaktionslinie ermöglicht und mit welchen Konsequenzen das verbunden ist.

Abb.[36]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Realistischerweise können niemals alle in der Wirklichkeit auftretenden Veränderungen und Bewegungen erfasst werden. Aber es muss dem Prozess in ausreichendem Maße Rechnung getragen werden, um zumindest eine Idee des Ereignisflusses beschreiben zu können, der mit dem Zeitverlauf auftritt. Prozessaspekte sind das Mittel des Analysierenden, einer Veränderung Rechnung zu tragen oder sie zu erklären.

Prozessmechanismen:

Weil eine Veränderung von Bedingungen den Prozess in Bewegung setzt, ist ein gewisses Verständnis für Veränderung notwendig, um die Prozessmechanismen zu begreifen, die durch die Analyse entdeckt werden sollen.

Wenn Veränderungen in den Bedingungen, Veränderung von Handlung/Strategien auslösen - um ein angestrebtes Ziel aufrecht zu erhalten oder zu erreichen - bringen diese Faktoren Zeit und Bewegung in die Analyse.

Gestalt und Form von Veränderung:

Die Eigenschaften der Veränderung (z.B. geplant/ungeplant; groß/klein; schnell/langsam; geordnet/zufällig; fortschreitend/nicht fortschreiten ...) geben ihr Form, Gestalt und Charakter.

5.7.1 Wo und wie findet man Veränderung, die auf Prozessaspekte verweist?

Veränderung kann sich in dem Bedingungsmuster ereignen, das zum untersuchten Phänomen führt oder es verursacht. Wenn das passiert, kann eine Reaktionskette in Gang kommen, die zu einer Änderung im Kontext und einer damit verbundenen Änderung der Handlung/Interaktion zum Bewältigen, Kontrollieren oder Umgehen mit den Phänomenen unter diesen veränderten Kontextbedingungen führt.

Veränderung in jeder der intervenierenden Bedingungen, die Handeln/Interaktion beeinflussen.

Konsequenzen vorausgehenden Handelns/Interagierens können zurückwirken und dadurch neue Bedingungen hinzufügen oder die Interaktion der bereits bestehenden Bedingungen verändern.

5.7.2 Beschreiben des Prozesses

Für die Beschreibung des Prozesses stehen zwei Möglichkeiten offen:

Prozess als Bewegung in Phasen oder Stadien beschreiben

Prozess nicht als fortschreitende Bewegung anzusehen, sondern als zielgerichtete Auseinandersetzung oder Veränderung von Handeln/Interaktion, als Antwort auf Bedingungsveränderungen, und als Bewegung, die nicht notwendigerweise in Stadien oder Phasen auftritt.

5.7.3 Zusammenfassung: Prozessverständnis in der Grounded Theory

Prozess bedeutet in diesem Kontext das Verknüpfen von Handlungs-/Interaktionssequenzen in ihrer Entwicklung über die Zeit. Es ist ein essentieller Bestandteil einer Analyse mit der Grounded Theory , Prozessaspekte in die Analyse einzubringen. Um das zu erreichen, muss der Analysierende bewusst nach Zeichen in den Daten suchen, die auf eine Veränderung in den Bedingungen hinweisen, und aufzeichnen, welche Veränderungen in der Handlung/Interaktion damit einhergehen. Ist es erst einmal identifiziert, gibt es zwei Hauptwege, wie ein Prozess in Untersuchungen mit der Grounded Theory konzeptualisiert werden kann. Eine Möglichkeit besteht den Prozess als Stadien und Phasen eines Übergangsphänomens zu sehen, mit einer Erklärung dafür, was die jeweilige Bewegung vorwärts verursacht, was sie zum Stillstand oder zum Absinken gebracht hat. Ein anderer Weg besteht darin, Prozess als nicht-fortschreitende Bewegung zu konzeptualisieren; d. h. als Handlung/Interaktion, die flexibel ist, im Fluss befindlich, mit veränderten Reaktionen auf sich verändernden Bedingungen antwortend. Letzteres ist eine sehr bedeutsame Form von Prozess. Sie wird oft übersehen, weil es dort keine geordneten Sequenzen gibt. Trotzdem sind es Prozessaspekte, die der Analyse ihre zusätzliche Dynamik verleihen.

5.7.4 Grounded Theory als ein transaktionales System

Begriffsdefinitionen:

Transaktionales System: Unter transaktionalem System wird in der Grounded Theory ein Analysesystem verstanden, das Handlung/Interaktion in Beziehung zu ihren Bedingungen und Konsequenzen untersucht.

Interaktion: Der Begriff bezieht sich auf Dinge, die Menschen untereinander oder mit Bezug aufeinander tun und auf die dazugehörigen Handlungen, Gespräche, Denkprozesse.

Bedingungsmatrix: Als Bedingungsmatrix wird in der Grounded Theory ein analytisches Hilfsmittel, ein Diagramm, das beim Berücksichtigen des weiten Bereiches von Bedingungen und Konsequenzen in Bezug auf das untersuchte Phänomen dienlich ist, verstanden. Die Matrix ermöglicht der/dem Analysierenden, die Untersuchung, wie auch die Verknüpfung, der verschiedenen Ebenen von Bedingungen und Konsequenzen.

Bedingungspfad: Das Verfolgen eines Ereignisses, Vorfalles oder Geschehnisses von Handlung/Interaktion durch die verschiedenen Ebenen von Bedingungen.

Das Rahmenkonzept:

Die Integration von Detail, Vorgehensweise und operationaler Logik zu dieser Analyse ist das Gütezeichen von Untersuchungen mit der Grounded Theory, das sie von weniger dicht integrierten und entwickelten qualitativen Methoden unterscheidet.

Eigenschaften eines transaktionalen Systems:

Es besteht aus interaktiven und miteinander verbundenen Bedingungsebenen. Diese reichen in ihrem Umfang von der weitesten oder allgemeinsten Lebensbedingung bis hin zu sehr spezifischen Bedingungen, die dem untersuchten Phänomen am nächsten sind.

Bedingungen auf jeder Ebene können zu einem Phänomen gehören als:

Ursache, die zu diesem bestimmten Phänomen führt, oder

- als Kontext, innerhalb dessen Handlung/Interaktion stattfindet oder
- als intervenierende Bedingung, die zwischen Kontext und Hand­lung/Inter­aktion vermittelt – fördernd oder hemmend.

Handlung/Interaktion stehen im transaktionalen System im Mittelpunkt und werden deshalb in die Mitte der Bedingungsebenen gestellt.

Handlung/Interaktion finden in Abfolgen statt, die zueinander in Beziehung stehen. Sie sind also ihrer Natur nach prozesshaft.

Aus Handlung/Interaktion ergeben sich verschiedene Konsequenzen. Diese können später bedeutsam auf Bedingungen in verschiedenen Ebenen einwirken. Deswegen können Konsequenzen in manchen Fällen wiederum zu bedeutsamen Bedingungen werden, die die nächste Handlung-/Interaktions-Abfolge beeinflussen.

Die Bedingungen beinhalten einen zeitlichen Verlauf. Wird jedoch die Handlung/Interaktion angehalten, um sie zu untersuchen, wird sie im Querschnitt betrachtet. Diese Betrachtungsweise ist eine künstliche Betrachtungsweise, nicht über die Zeit hinweg, mit relevanter Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Bedingungen fördern oder behindern Handlung/Interaktion. Kontingenzen, die Bedingungen verändern, werfen problematische und nicht vorhergesehene Situationen auf, mit denen umgegangen werden muss.

Das transaktionale System wird als eine Bedingungsmatrix bezeichnet. Der Begriff bezeichnet ein komplexes Gewebe von miteinander verbundenen Bedingungen, Handlungen/Interaktionen und Konsequenzen, die zu einem gegebenen Phänomen gehören.

5.7.5 Bedingungsmatrix

Um die Verallgemeinerbarkeit der Matrix als analytisches Werkzeug zu maximieren, wird jede Ebene in ihrer abstraktesten Form dargestellt. Die ForscherIn muss die spezifischen Bedingungsmerkmale auf jeder Ebene einsetzen, die sich auf den ausgewählten Untersuchungsbereich beziehen. Die einzubeziehenden Einheiten hängen deshalb von der Art und dem Bereich des untersuchten Phänomens ab. Die Spezifikation der Bedingungen kann aus der Forschung selbst stammen, oder aus der Literatur und Erfahrung – aber sie werden als provisorisch angesehen, bis die Daten auf ihre Beziehung zu dem Phänomen verweisen.

Ein wichtiger Aspekt besteht darin, dass ungeachtet der Ebene auf der ein Phänomen lokalisiert ist, das Phänomen in einer bedingenden Beziehung zu darüber und darunter liegenden Ebenen steht.

Bedingungsmatrix[37]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ad internationale Ebene: Politik, Recht, Kultur, Werte, Philosophien, Wirtschaft, Geschichte, internationale Themen und Konflikte wirken auf dieser Ebene.

ad nationale Ebene: nationale Politik, staatliche Gesetze, nationale Kultur, Geschichte, Werte, Problematiken und Themen wirken auf dieser Ebene.

ad Gemeinde - Ebene: Themen wie auf den beiden vorhergehenden Ebenen, nur auf die Gemeindeebene bezogen.

ad organisatorische bzw. institutionelle Bedingungen: Jede Institution bzw. Organisation besitzt ihre eigenen Strukturen, Regeln und eine Geschichte.

ad Untereinheiten von Organisationen und Institutionen: Hier geht es um die Beschreibung von besonderen Merkmalen einer spezifischen Gruppe.

ad Individuum, Kollektiv, Gruppe: Biographien, Philosophien, Wissen und Erfahrung von Einzelpersonen, Familien oder anderen Gruppierungen sind hier angesprochen.

ad interaktionale Ebene: Hier geht es um die Ausführung von interaktionalen Prozessen wie: Aushandeln, Beherrschen, Unterweisen, Diskussion, Streit, Selbstreflexion ...

ad Handlung: Im Zentrum stehen sowohl Routine- als auch strategische Handlungen. Diese Ebene stellt die aktive, expressive Vollzugsform des Selbst und/oder der Interaktion anderer Menschen dar, welche ausgeführt wird, um mit einem Phänomen umzugehen, um darauf zu reagieren usw. Handlung wird durch Handlungsprozesse ausgeführt.

Beispiele für die Verwendung der Matrix:

Solch eine Matrix befähigt, ein Phänomen mit den darauf einwirkenden Bedingungen in Beziehung zu setzen, also die Verknüpfung eines breiten Bedingungsspektrums mit Handlung/Interaktion.

Strauss schlägt den Einsatz eines Aushandlungs-Paradigmas vor und bricht die Bedingungen in zwei Typen von Bedingungs-Kontexten auf, den strukturellen Kontext und den Aushandlungs-Kontext.

Der strukturelle Kontext bezieht sich auf die Bedingungen, unter denen Aushandlungen im weitesten Sinne stattfinden,[38] der Aushandlungskontext selbst findet sich auf den inneren Ebenen. Die Bedingungen werden fein säuberlich getrennt.

5.7.6 Bedingungspfade verfolgen

Oftmals beginnt oder endet die Darstellung einer Untersuchung mit beschreibenden Listen der Bedingungen, die sich auf das untersuchte Phänomen beziehen. D. h. der Autor betrachtet ein Phänomen in einem Satz von historischen Gegebenheiten und Ereignissen, oder er erklärt, welche Bedingungen mit dem Phänomen ganz allgemein in Beziehung stehen. Dadurch bleibt es oft ein sehr allgemeines Bild, weil kein Versuch gemacht wird, die spezifischen Bedingungen mit dem untersuchten Phänomen durch ihre Wirkung auf Handlung/Interaktion zu verbinden.

Durch das systematische Verfolgen eines Pfades, von der Handlung/Interaktion über die einzelnen Bedingungsebenen und wieder zurück, erhält das Irrelevante weniger Chancen, in die Untersuchung einzugehen.

Beim Analysieren der Daten kann entweder die Wirkung von Bedingungen auf ein Phänomen mittels Handlung/Interaktion und deren Konsequenzen gesehen werden, oder die Wirkung kann aus der Literatur oder beruflicher Erfahrung abgeleitet werden, wobei natürlich der Nachweis dafür erbracht werden muss. D. h. es muss durch die Daten verifiziert werden, dass die Bedingung eine direkte oder indirekte Wirkung auf das Phänomen hat.

Um einem Bedingungspfad zu folgen, beginnt man mit einem Ereignis, Vorfall, Geschehnis, und versucht dann festzustellen, warum es auftrat, welche Bedingungen wirksam waren, wie diese Bedingungen sich manifestiert haben und mit welchen Konsequenzen dies einhergeht. (am besten systematisch, anhand der Matrix)

Auf der Ebene der Interaktion fragt man, was hält die Interaktion in Bewegung? Was unterbricht sie? Worum handelt es sich? Was ist die Absicht? Welche Form nimmt die Interaktion an? Was tun, sagen, denken die Leute? usw.

Auf der Organisationsebene wiederholt man die Fragen. Es ist empfehlenswert, wenigsten einige Bedingungen auf jeder Ebene zu betrachten.

Biographische und historische Prozesse:[39]

Biographische Prozesse sind in der Vergangenheit und Gegenwart, an Handlung und Interaktion festzumachen. Dann kann aufgezeigt werden, wie - die zu einer gegebenen Zeit wirkenden Bedingungen- diese Handlung/Interaktion beeinflusst haben, zusammen mit dem kritischen Zusammentreffen von Bedingungen, das ihre Bewegung oder Veränderung über die Zeit hinweg entweder gefördert oder behindert hat.

Die Vielfalt der untersuchten Situationen bewirken den Unterschied zwischen bereichsbezogenen und formalen Theorien.

5.7.7 Zusammenfassung der Bedeutung der Bedingungsmatrix in der Grounded Theory

Die in diesem Kapitel vorgestellte Bedingungsmatrix stellt ein wirksames analytisches Werkzeug für das Einfangen der vielen Bedingungen und Konsequenzen dar, die auf ein gegebenes Phänomen einwirken. Durch das Zurückverfolgen der Bedingungs- und Konsequenzpfade über die verschiedenen Matrixebenen hinweg kann man feststellen, welche Ebenen bedeutsam sind und diese dann mit dem Phänomen durch ihre Auswirkungen auf Handlung/Interaktion in Beziehung setzen.

5.8 Theoretisches Sampling

Begriffsdefinitionen :

Theoretisches Sampling (theoretical sampling): Auswahl einer Datenquelle, Fall, Stichprobe, Ereignis etc., auf der Basis von Konzepten, die eine bestätigte theoretische Relevanz für die sich entwickelnde Theorie besitzen. Es ist ein Aspekt der vergleichenden Analyse, der das gezielte Suchen und Erkennen von Indikatoren für die Konzepte in den Daten ermöglicht.

bestätigte theoretische Relevanz verweist darauf, dass Konzepte für bedeutsam erachtet werden, weil sie beim Vergleichen, bei einem Vorfall nach dem anderen, entweder immer wieder auftauchen oder ganz offensichtlich abwesend sind. Die betreffenden Konzepte sind von ausreichender Bedeutsamkeit, um ihnen den Status von einer Kategorie zu geben.

Offenes Sampling ist verknüpft mit dem offenen Kodieren. Eher Offenheit als Spezifität leitet die Fall- oder Stichprobenauswahl. Offenes Sampling kann absichtlich oder systematisch durchgeführt werden oder sich zufällig ereignen. Hierzu gehört das Sampling vor Ort .

Sampling von Beziehungen und Variationen: Die Form dieses Samplings ist verknüpft mit dem axialen Kodieren . Seine Zielsetzung ist das Finden von Unterschieden auf der dimensionalen Ebene zu maximieren. Es kann absichtlich oder systematisch durchgeführt werden.

Diskriminierendes Sampling: Diese Form des Sampling ist verknüpft mit dem selektiven Kodieren . Seine Zielsetzung ist die Gelegenheiten zum Verifizieren des roten Fadens und der Beziehungen zwischen den Kategorien zu maximieren, sowie spärlich entwickelte Kategorien zu füllen.

Theoretisches Sampling auf der Basis von Konzepten, die eine bestätigte theoretische Relevanz für die sich entwickelnde Theorie besitzen:

Theoretische Relevanz verweist darauf, dass bestimmte Konzepte für bedeutsam erachtet werden, weil sie

- beim Vergleichen von Vorfall zu Vorfall wiederholt auftauchen oder ganz offensichtlich abwesend sind und
- durch die Kodierverfahren den Status von Kategorien erworben haben.
- Es werden Vorkommnisse ausgewählt, die Indikatoren für Kategorien, ihre Eigenschaften und Dimensionen sind. Entdeckungen sind das Ziel der Grounded Theory , deswegen muss die Datenerhebung – und das damit verbundene theoretische Sampling – so konstruiert werden, dass Entdeckungen ermöglicht werden.
- Das Stellen von Fragen und Anstellen von Vergleichen dient bei jedem der drei Sorten des theoretischen Samplings unterschiedlichen Zwecken.

Sampling beim offenen Kodieren: Die Zielsetzung des Samplings ist so viele möglicherweise relevante Kategorien wie möglich aufzudecken, einschließlich ihrer Eigenschaften und Dimensionen. Das Sampling ist offen gegenüber Personen, Plätzen und Situationen, welche die größte Chance bieten, die relevantesten Daten über das untersuchte Phänomen zu gewinnen.

Sampling beim axialen Kodieren: Das Sampling konzentriert sich jetzt auf das Aufdecken und Valididieren der Beziehungen zwischen Bedingungen, Kontext, Handeln/Interaktion und Konsequenzen.

Sampling beim selektiven Kodieren:

Hier liegt das Ziel im Integrieren der Kategorie auf der dimensionalen Ebene, um eine Theorie zu bilden; dem Valididieren der integrierten Aussagen über Beziehungen und Auffüllen der Kategorien, die weiterer Entwicklung bedürfen. Deshalb wird beim Sampling hier gelenkt und überlegt. Es gilt wieder die Daten zu überprüfen, immer wieder auf die ursprünglichen Bedingungen zurückführen und zu fragen: ‚Waren die ursprünglichen Überlegungen falsch oder verweist beispielsweise dieses negative Beispiel auf eine Variation, der es nachzugehen gilt’.

Sampling ist solange durchzuführen, bis für jede Kategorie Sättigung erreicht ist, dies bedeutet, bis

keine neuen oder bedeutsamen Daten mehr in bezug auf eine Kategorie auftauchen,

die Kategorieentwicklung dicht ist und

die Beziehungen zwischen den Kategorien gut ausgearbeitet und valididiert sind.

Die Daten sind insofern vergleichbar, als sie aufgrund der Repräsentativität der Konzepte gesampelt wurden.

5.8.1 Zusammenfassung: Sampling in der Grounded Theory

In der Grounded Theory sampelt (sucht aus) man Ereignisse und Vorfälle, die Indikatoren für theoretisch relevante Konzepte sind. Personen, Orte und Dokumente stellen lediglich die Mittel dar, diese Daten zu erhalten. Sampling-Verfahren unterscheiden sich entsprechend den Typen des Kodierens, mit denen man es zu tun hat. Zum offenen Kodieren benutzt man offenes Sampling , während des axialen Kodierens führt man ein Sampling von Beziehungen und Variationen durch und während des selektiven Kodierens ein diskriminierendes Sampling . Das Sampling wird so lange fortgesetzt, bis eine theoretische Sättigung der Kategorien erreicht ist.

5.8.2 Ergänzende Verfahren, die im Rahmen der Untersuchung angewendet wurden

Begriffsdefinitionen:

Memos: Als Memos werden schriftliche Analyseprotokolle bezeichnet, die sich auf das Ausarbeiten der Theorie beziehen.

Kode-Notizen sind Memos, die Ergebnisse der drei Formen des Kodierens beinhalten, wie z. B. konzeptuelle Begriffe [labels], paradigmatische Eigenschaften und Indikatoren für den Prozess.

Theoretische Notizen sind theoretisch sensibilisierte und zusammenfassende Memos. Theoretische Notizen enthaltene die Produkte des induktiven und deduktiven Denkens über tatsächlich und möglicherweise relevante Kategorien, ihre Eigenschaften, Dimensionen, Beziehungen, Variationen, Prozesse und die Bedingungsmatrix.

Planungs-Notizen sind Memos, die Handlungsweisen für die eigene Person und das ForscherInnenteam enthalten. Diese beziehen sich z. B.: auf die Auswahl von Fällen, auf Interviewfragen, mögliche Vergleiche und weiter zu verfolgende Ideen, etc.

Diagramme: Unter Diagrammen werden visuelle Darstellungen der Beziehungen zwischen den Konzepten verstanden.

Logische Diagramme sind Darstellungen analytischer Gedankengänge. Sie zeigen anhand der paradigmatischen Eigenschaften die Entfaltung der logischen Beziehungen zwischen Kategorien und Subkategorien auf. Eine Art logischer, visueller Ordnungsprozess, der hilft herauszufinden, wie die Kategorien miteinander verbunden sind.

Integrative Diagramme dagegen sind visuelle Darstellungen analytischer Gedankengänge zum Ausprobieren und Demonstrieren von konzeptuellen Verknüpfungen. Ihre Struktur ist nicht an das Paradigma gebunden, sondern für eigene Vorstellungen und Einfälle offen.

5.8.3 Memos und Diagramme

Das Erstellen von Memos und Diagrammen beginnt am Anfang eines Forschungsprojektes und hält bis zum abschließenden Bericht an. Sie helfen eine analytische Distanz zum Material einzunehmen. Sie unterstützen das Pendeln weg von den Daten, hin zum abstrakten Denken, und dann das Zurückkehren zu den Daten, um diese Abstraktionen in der Wirklichkeit zu verankern.

Memos und Diagramme helfen beim Aufzeigen von Lücken in den Gedankengängen. Man entdeckt Kategorien, die bezüglich der paradigmatischen Eigenschaften nicht voll entwickelt oder deren Beziehungen nicht logisch oder streng ausgearbeitet sind, wenn man versucht ein theoretisches, zusammenfassendes Memo zu schreiben oder ein logisches Diagramm zu erstellen.

Es ist nicht notwendig, nach jeder analytischen Sitzung zu kodieren. Aber wenn man von einer Idee ergriffen ist, ist es sinnvoll, das aktuelle Tun zu unterbrechen und die Idee aufzuschreiben – auch wenn es noch nicht in Form eines ausführlichen Memos ist. Wichtig ist, dass man in den Memos konzeptuell bleibt. Sie sollen nicht von Personen oder von Handlungen, Vorfällen oder Ereignissen an sich handeln, sondern sie sollen sich auf Konzepte, die Abstraktionen dieser Handlungen, Vorfälle, Ereignisse und Geschehnisse beziehen.

5.8.4 Zusammenfassung: Memos und Diagramme

Memos und Diagramme sind essentielle Verfahren beim Analysieren, die entsprechend den drei Formen des Kodierens variieren. Sie ermöglichen der/dem Analysierenden ein kontinuierliches Protokoll über den analytischen Prozess. Memos enthalten die Ergebnisse des tatsächlichen Kodierens, einschließlich theoretisch sensibilisierender und zusammenfassender Notizen. Sie geben darüber hinaus eine Richtung für die weitere Datenerhebung vor. Diagramme sind visuelle Repräsentationen der Beziehungen zwischen Konzepten. Sowohl Memos als auch Diagramme gehen in den nächsten Schritt ein, nämlich den Berichten über die Forschung.

6 Methodendiskussion

Im Gegensatz zur klassischen Methode nach Strauss[40] werden hier fallbezogene Analysen im ersten Schritt und erst im zweiten Schritt fallübergreifende Gruppenvergleiche durchgeführt.

Verallgemeinerung basiert auf Fall- und Gruppenvergleichen und zielt auf Theorieentwicklung ab.

Einen zentralen Stellenwert erhält die Frage, ob die Ergebnisse und die Theorie in den empirischen Daten und Zusammenhängen begründet sind – ob es sich damit um eine gegenstandsbegründete Theorie-Bildung handelt oder nicht.

Evaluation des qualitativen Forschungsansatzes[41]

Kriterien:

1. Der Grad, inwieweit eine allgemeine / formale Theorie formuliert wird
2. der Grad der Entwicklung der Theorie
3. die Neuheit der Behauptungen
4. die Konsistenz der Behauptungen mit empirischen Beobachtungen und die Einbeziehung repräsentativer Beispiele aus den letzteren in den Bereich
5. die Glaubwürdigkeit der Erklärungen für LeserInnen und/oder die Untersuchten
6. das Ausmaß, in dem Ergebnisse in andere Settings übertragbar sind
7. die Reflexivität der Erklärungen, der Grad der Bewertung der Effekte der ForscherIn und der verwendeten Forschungsstrategien auf die Ergebnisse und/oder der Umfang, in dem LeserInnen Informationen über den Forschungsprozess geliefert werden.

Die Punkte 5 – 7 setzen an der Theoriebildung (Kennzeichen qualitativer Forschung) an.

Lüders formuliert dazu:

Der Forschungsbericht mit der Darstellung und Reflexion des methodischen Vorgehens, mit all seinen Erzählungen über den Zugang zum und die Aktivitäten im Feld, mit seinen Dokumentationen unterschiedlicher Materialien, mit seinen verschrifteten Beobachtungen und Gesprächen, Auswertungen und theoretischen Schlüssen etc. stellt dem nach die einzige Basis für die Beantwortung der Frage nach der Qualität der Untersuchung dar.[42]

7 Definitionen und Konzepte aus dem Bereich der Suchtforschung

Was Uhl & Springer für den Bereich der Suchtprävention beschreiben, gilt auch für den Bereich der Suchtbehandlung:

Jede sinnvolle sprachliche Auseinandersetzung mit einer konkreten Aufgabenstellung setzt voraus, dass sich alle am Diskurs beteiligten Personen auf eine gemeinsame Sprache einigen. Diese Forderung ist im Bereich Suchtprävention besonders wichtig, da viele zentrale Begriffe wie „Prävention“, „Sucht“, „Missbrauch“, „Drogen“ usw. in Alltag und Wissenschaft äußerst mehrdeutig, widersprüchlich und vage verwendet werden.[43]

Im folgenden Kapitel werden Begriffsdefinitionen (vorrangig aus dem Diagnoseschlüssel des ICD-10[44] der oben zitierten Leitbildstudie der Österreichischen Fachstellen für Suchtprävention und anderer AutorInnen) und Konzepte dargestellt, auf die sich die vorliegende Arbeit bezieht.

7.1 Der Begriff Drogen

Der Begriff Drogen bezeichnete[45] ursprünglich, durch Trocknen haltbar gemachte pflanzliche oder tierische Stoffe, die als Heilmittel, Gewürzmittel oder für technische Zwecke verwendet werden[46] und ist etymologisch mit dem Wort ‚trocken’ verwandt.[47] In der Folge bezeichnete der Begriff Droge alle Heilmittel pflanzlicher Herkunft – im Gegensatz zu synthetisch hergestellten Heilmitteln – und noch später alle Heilmittel schlechthin.

Nachdem manche der ursprünglich als Medikamente verwendeten Substanzen wie Tee, Kaffe, Tabak, alkoholische Getränke usw. zusehends als Nahrungs- und/oder Genussmittel verwendet wurden, andere wie Morphium, Kodein usw. für die nicht medizinisch indizierte Anwendung verboten wurden, erfolgte eine Ausweitung des Begriffs Droge auf

Jede Substanz, die, wird sie in einen lebenden Organismus eingebracht, eine oder mehrere Funktionen dieses Organismus verändern kann.[48]

Zur Abgrenzung gegen gewöhnliche Nahrungsmittel, die ja durchwegs auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Funktionen des Organismus nehmen, müsste man streng genommen noch hinzufügen, dass man eigentlich nur dann von Drogen spricht, wenn diese Substanzen gezielt zur Erreichung dieser Wirkung eingesetzt werden.

Deutlich enger ist ein Begriffsverständnis, nach dem alle psychoaktiven Stoffe als ‚Drogen’ bezeichnet werden. Dabei wird weder der rechtliche Status („völlig legal“ – „als Heilmittel legal, aber ohne ärztliche Verordnung illegal“ – „völlig illegal“) noch das Suchtpotential berücksichtigt. Die gegenwärtig in der Bevölkerung gebräuchlichste Definition des Begriffs ‚Droge’ ist noch enger und umfasst ausschließlich illegale psychoaktive Stoffe.

Im Zusammenhang mit nicht-substanzgebundenen Süchten werden zunehmend auch Gegenstände wie Fernsehgeräte, Computerspiele, Süßigkeiten oder Tätigkeiten wie Essen, Sex, Arbeit, Sport usw. mit Suchtverhalten in Verbindung gebracht bzw. als DrogenErsatzdrogen (Ersatzhandlungen) bezeichnet, was noch weiter zur Sprachverwirrung beiträgt.

Damit sind wir mit sechs völlig unterschiedlichen Definitionen des Begriffs Drogen konfrontiert, was oft zu erheblichen Missverständnissen führt. Im Sinne eines eindeutigen Sprachgebrauchs kann man in Zusammenhang mit dem Begriff

Drogen nur vorschlagen, streng zwischen den folgenden Inhalten zu unterscheiden:

- alle Heilmittel
- alle Heilmittel pflanzlicher und tierischer Herkunft
- Stoffe, die gezielt eingesetzt werden, um Funktionen des Organismus zu verändern,
- alle psychoaktiven Drogen
- illegale psychoaktive Drogen
- Substanzen, Gegenstände und/oder Tätigkeiten, von denen man irgendwie abhängig werden kann.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass bis heute alle Versuche gescheitert sind, in der Fachsprache einen konsistenten Sprachgebrauch des Begriffs Droge zu etablieren. Daher sollte man, wenn man den Begriff Drogen verwendet, genau explizieren, was man konkret meint.

Seit einigen Jahren gibt es nun in der Fachwelt Versuche, einen Beitrag zur Präzisierung des Sprachgebrauchs zu leisten, indem man den Begriff (alle) psychoaktiven Drogen durch die noch allgemeineren Begriffe Substanzen, Substanzmittel oder Stoffe ersetzt. Bei zusammengesetzten Ausdrücken, wie substanzgebundene Süchte , Substanzabhängigkeit , Substanzmittelabhängigkeit, Substanzmissbrauch, psychoaktive Stoffe, psychoaktive Substanzmittel oder ‚psychoaktive Substanzen bewährt sich dieser Ansatz gegenwärtig, weil für die meisten ExpertInnen dabei klar ist, dass alle psychoaktiven Drogen gemeint sind. Die Begriffe Substanz, Substanzmittel oder Stoff alleine - d. h. ohne die Ergänzung psychoaktiv - sind dabei aber zu unspezifisch. Psychoaktive Substanzen stellen nur eine kleine Unterklasse aller Substanzen bzw . Stoffe im Sinne von beliebigen chemischen Verbindungen dar.

Im Diagnosesystem ICD-10 wird für (alle) psychoaktiven Drogen der Begriff psychotrope Substanzen verwendet.[49] Dieser Begriff birgt allerdings ebenfalls die Gefahr des Missverstehens in sich, da der Begriff spätestens seit der Convention on Psychotropic Substances[50] und der Convention against Illicit Traffic in Narcotic Drugs and Psychotropic Substances[51] als Synonym für psychoaktive Medikamente etabliert ist. Letzterem Verständnis entsprechend, gehören weder jene psychoaktiven Drogen, die bereits vor diesen beiden Konventionen illegal waren, noch legale psychoaktive Drogen, wie Alkohol und Nikotin, zum Begriffsumfang.

Auch die Verwendung der in der Öffentlichkeit populären Begriffe Suchtgift, Rauschgift und/oder Rauschmittel als Synonyme für (alle) psychoaktiven(n) Substanz(en) stellen keine sinnvollen Alternativen dar. Die beiden Wortverbindungen mit Gift werden fast ausschließlich mit illegalen Drogen in Zusammenhang gebracht und es gibt eine Reihe psychoaktiver Substanzen, von denen kein relevantes Suchtpotential (zumindest im körperlichen Sinne) ausgeht, bzw. wo das Suchtpotential in der Wissenschaft zumindest umstritten ist. Es gibt außerdem eine Reihe psychoaktiver Substanzen, die keinen Rausch im landläufigen Sinn hervorrufen.

Der Begriff Suchtmittel wird in Zusammenhang mit dem erweiterten Suchtbegriff als Übergriff für alle Substanzen, Gegenstände und/oder Tätigkeiten verwendet, von denen man irgendwie abhängig werden kann – ein Konzept, das einerseits recht weit über den Begriff psychoaktive Substanzen hinausgeht, andererseits aber auch wieder nicht alle psychoaktiven Drogen einschließt, da ja nicht von allen psychoaktiven Substanzen ein relevantes Suchtpotential ausgeht. Um sicher zu gehen, dass man nicht missverstanden wird sollte man präziser von ‚Suchtmitteln im Sinne des erweiterten Suchtbegriffs’ sprechen. Der Begriff Suchtmittel sollte in diesem Sinne keinesfalls als Synonym für (alle) psychoaktiven Drogen interpretiert werden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es in Zusammenhang mit den Begriffen Droge, Suchtmittel,, psychotrope Substanzen gegenwärtig keine Patentlösung gibt - ohne zusätzliche Erläuterungen - Missverständnisse zu verhindern. Am wenigsten problematisch erscheint uns dabei noch der Begriff psychoaktive Substanzen , da dieser Begriff am wenigsten missverstanden wird und darüber hinaus dem international gebräuchlichen englischen Ausdruck psychoactive substances am ehesten entspricht.

In den aus den Interviews wiedergegebenen Zitaten verwenden sämtliche interviewten Frauen den Begriff Drogen in dieser engen Definition, als Bezeichnung für illegale psychoaktive Substanzen.

Im methodischen und interpretativen Teil der Arbeit wird der Begriff psychoaktive Substanzen bevorzugt.

7.1.1 Abhängigkeit und Widerspruch der Sucht

(Ein Einschub[52] einer fast schon historisch anmutenden Auseinandersetzung, die - wie sich auch in dieser Arbeit zeigt - nichts an Aktualität verloren hat.)

Die volle Widerspruchshaftigkeit gesellschaftlichen Umgangs mit einer Sache zeigt sich sehr deutlich in ihrer Einstellung zu Drogen. Die meisten der heute verwendeten illegalen Drogen hatten ihren Platz in rituellen Handlungen, religiösen Übungen, künstlerisch-kreativen Sitzungen und werden heue als Heil- und Schmerzmittel verwendet. Auch der Alkohol dient der Förderung geselligen Zusammenseins, der Würdigung von besonderen Anlässen, etc. Kaffe, Tee und Nikotin – ebenfalls psychoaktive Substanzen[53] - werden gewöhnlich nicht zu den Drogen gezählt, wie man überhaupt zwischen Genussmitteln und Rauschmitteln zu unterscheiden pflegt. Nikotin, Tee, Alkohol, Kaffee sind zwar landwirtschaftliche Produkte, werden aber in großen Rahmen industriell verwertet. Zum Absatz dieser, sowie aller pharmazeutischen Produkte wird Werbung betrieben; der Absatz dieser legalen Drogen bringt eine Unmenge an Steuern.

Auf der anderen Seite wird der Drogenkonsum Jugendlicher - von bürgerlich-wissenschaftlicher Seite aus - nur unter dem Aspekt von ‚Abhängigkeit’ gesehen, von ‚Persönlichkeitsdeprivation’ und ‚Derealisation’[54], obwohl zahlreiche Untersuchungen beweisen, dass dies nicht notwendig die Folgen sein müssen. Einen ähnlichen Tenor schlagen auch die Medien an.

Diese widersprüchlichen Umgangsweisen mit Drogen werden in unserer derzeitig bestehenden Gesellschaft polarisiert, ohne dass eine zwanglose, synthetische Beziehung gefunden würde.

Letztere ist dadurch definiert, dass die Erfahrung zweier Formen von Wirklichkeit zu einer komplexeren Wirklichkeit höherer Ordnung synthetisiert werden kann (= Anerkennung, dass es neben der gewohnten Form von Wirklichkeit und über sie hinaus weitere Wirklichkeits-Modi gibt; Relativierung der herkömmlichen absoluten Wirklichkeitserfahrungen und notfalls kritischer Distanzierung von ihren Ausschließlichkeitsansprüchen usw.).[55]

Das bedeutet, es gibt auf der einen Seite jene Personen, die dem Gebrauch von illegalen Drogen keinerlei Erfahrungswert zumessen, auf der anderen Seite jene, die nicht mehr zur Realität zurückfinden.

In beiden Fällen beraubt man sich einer zweiten zusätzlichen Möglichkeit sozialer Erfahrung, ist also in gleicher Weise ... in seinem Verhalten limitiert.[56]

Die Autoren führen daher für die eine Gruppe die Bezeichnung zwanghafte Ablehner, für die andere Gruppe die Bezeichnung zwanghafte Gebraucher ein, was die Beziehung zu illegalen Drogen betrifft: Als ‚zwanghaften Gebrauch’ haben wir gewertet:

- jeden Umgang mit illegalen Drogen, der bis zu körperlich - enzymatischer Abhängigkeit führt;
- jeden Umgang mit illegalen Drogen der (z.B. über Dealen) soziale Auffälligkeit mit Zwangs-Institutionalisierung nach sich zog“.
Zwanghafte Ablehner nannten wir jene Jugendliche, die
- illegale Drogen noch nie probiert hatten und - versicherten, sie würden auch in Zukunft niemals solche Drogen nehmen und - ihre Ablehnung unzweifelhaft und strikt oder auch offensichtlich vorurteilsvoll begründeten.

Es gab dann auch noch die dritte Gruppe derer, die eine synthetische Lösung gefunden hatten, die der zwanglosen Gebraucher/Ablehner. Die zwanglosen Gebraucher hatten Erfahrung mit den sogenannten ‚weichen Drogen’, jedoch keine mit harten, zeigten keine Anzeichen von Abhängigkeit oder institutioneller Auffälligkeit. Die zwanglosen Ablehner hatten mindestens einmal Haschisch probiert, lehnten den weiteren Gebrauch zur Zeit aus persönlichen Gründen für sich selbst ab.

Die Fixerkarriere selbst zeichnet sich durch ständig gelebten Widerspruch aus. Die Abhängigkeitsbedürfnisse werden mittels der Droge befriedigt, aber zugleich geleugnet[57]. Die Abhängigkeit von Eltern, Vorgesetzten, Gesamtgesellschaft wird scheinbar verlassen durch die Flucht in die ‚Freiheit’ der Droge, die ihren Gebraucher in massive Abhängigkeit stürzt (vom Dealer, vom Stoff etc.).

Da der zwanghafte Ablehner normenkonform reagiert, was seine Beziehung zu illegalen Drogen betrifft (und umgekehrt), überlegten sich die Autoren, ob man bei solchen Personen nicht strukturell eine Tendenz zu Verhaltenswidersprüchen des normenkonformen Typus (und umgekehrt) erwarten dürfe. Dies konnte auch im Laufe der Untersuchung bestätigt werden.

Folgerungen für die Therapie, im speziellen für die Suchtgifttherapie

Therapeuten, die sich in der Suchtgiftbehandlung betätigen, müssten dementsprechend sich der genannten gesellschaftlich widersprüchlichen Beziehung zu illegalen Drogen bewusst sein.

Dabei muss sich ihnen notwendigerweise die Frage aufdrängen, welche für den heutigen Produktionsprozess erforderlichen (Arbeits)- Normen und welche vorgegebene Definition von Realität durch den Konsum von Drogen gefährdet, bzw. aufgrund welcher Normenverletzung diese Jugendlichen diskriminiert werden.

In der Konsequenz müssen die Trainer nicht nur die symptomatische, regressive Seite des Drogenkonsums sehen lernen, sondern auch die progressive, die für jeden Konsumenten verschieden sein kann und sich meist in einer Ablehnung von Werten wie Individualismus, Konkurrenz, Arbeitsmoral, Entfremdung, Abhängigkeit von Autoritäten jeder Form etc., ausdrückt.

Sucht hat somit ... zwei Momente an sich: ein positives, das darin besteht, dass eine Konfliktlösung gewisser Probleme überhaupt angestrebt wurde, die von den Normalen einfach stillschweigend übergangen werden; ein negatives, das sich in der Zwanghaftigkeit des Lösungsversuches äußert. Die richtige Therapie kann aber nur derjenige empfehlen und leisten, der beide Momente sieht.[58]

Dies erfordert erstens vom einzelnen Trainer ein hohes Maß an Auseinandersetzung mit der eigenen und gesellschaftlichen Wertung[59] von Drogenkonsum und damit von normennegierenden Verhaltensweisen, und zweitens die eigene Politisierung, die nicht den Drogenkonsum allein, sondern auch die Verhältnisse in Frage stellt, in denen er entsteht.

Indem er für sich selbst die qualitative Unterscheidung von Drogenkonsum/Nicht-Konsument aufhebt, wird es ihm möglich sein, den regressiven und progressiven Beziehungsaspekt beim Jugendliche zu erkennen, zu akzeptieren.

Er darf also nicht versuchen, mit der regressiven Seite auch die progressive zu eliminieren (womit er unhinterfragt die gesellschaftliche Wertung/Norm übernähme), sondern muss die Möglichkeit wahrnehmen, in solidarischer Problemlösung.

den symptomatischen Widerspruch gegen das System in einen reflektierten zu verwandeln.[60]

Anderenfalls treibt man den Jugendlichen in eine neue Abhängigkeit, jene Abhängigkeit, die ihm aus der Anpassung entsteht.

Für die Praxis der Therapie bedeuten diese Überlegungen aber auch, dass sich

- die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse möglichst wenig reproduzieren dürfen
- die durch den ‚therapeutischen Blick’ implizierte Abgrenzung von Normalität/Abnormität, hier süchtig/nicht süchtig, aufgehoben werden muss und
- die individuelle Beziehung zu Drogen in allen Aspekten ernst genommen wird.

Abrisshaft können an dieser Stelle also bereits einige Forderungen an eine fortschrittliche, emanzipatorische Drogentherapie aufgestellt werden:

- keine unterschiedlichen Machtverhältnisse zwischen Trainer und Klienten als zwischen den ‚Experten der wahren Lebensbewältigung’ und den ‚Versagern’.

Im Zusammenhang mit dem Erziehungsverhalten fordert Revers die Aufhebung der Autorität, die auf der Macht ihrer Position oder auf überlegener Gewalt beruht. Anstelle dessen befürwortet er die Autorität, die Kraft ihres Wissens der Selbstfindung des Jugendlichen dient.

So entfließt die Not-Wendigkeit von Autorität, ihnen den Weg in ihre Zukunft, d.h. die Orientierung für den Vollzug ihrer persönlichen Geschichte zu eröffnen. Dieser Sinn der Autorität liegt also darin, dass sie als Vorbild die Jugend zu sich selbst vermittelt und ihnen zeigt, wie Selbstwerden eigentlich geht.[61]

- damit zugleich eine weiterführende Reflexion aller eigenen und gesellschaftlichen Normen und Wertungen, die in die Therapieziele eingehen.
- in der Folge dieser Auseinandersetzung mit Normen muss es zu einer Politisierung kommen, wo neben der Hilfe für den Jugendlichen die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse oder zumindest ihrer bestimmten Funktionen innerhalb des Hauses angestrebt wird.
- dies zusammen führt hin zu einer solidarischen, der gemeinsamen Lebensumstände bewussten, wechselseitigen Hilfe und Emanzipation.

7.1.2 Begriffe: experimenteller Gebrauch – Gebrauch - schädlicher Gebrauch – Sucht

Es ist zweckmäßig, den Konsum von psychoaktiven Substanzen zumindest nach vier Kategorien zu unterteilen. Diese Kategorien sind

- Abstinenz
- Unschädlicher Gebrauch
- Schädlicher, aber nicht-süchtiger Gebrauch
- Sucht

Die Kategorie unschädlicher Gebrauch wird häufig noch in

- Experimenteller Gebrauch / Probierkonsum vs.
- Regelmäßiger, unschädlicher Gebrauch

unterteilt, wodurch sich dann fünf Kategorien ergeben. Während beim experimentellen Gebrauch Neugierde im Vordergrund steht, ist die Hauptmotivation bei regelmäßigem, unschädlichen Gebrauch Gewohnheit und/oder Genuss.

Der Genussaspekt, der besonders in Zusammenhang mit illegalen Drogen oft negiert wird, wird bei der Klassifikation nicht berücksichtigt. Dieser sollte allerdings bei Präventionsbemühungen immer in alle Überlegungen miteinbezogen werden. Nur wer die Motivation der KonsumentInnen korrekt beurteilt, kann adäquat auf die jeweilige Situation reagieren.

Statt ‚schädlicher Gebrauch’ werden auch die Begriffe gesundheitsschädigender Gebrauch , Missbrauch oder problematischer Gebrauch verwendet. Statt Sucht wird auch der Begriff Abhängigkeit verwendet.

Der Begriff schädlicher Gebrauch bedeutet nach ICD-10 einen Gebrauch, der zu einer tatsächlichen Gesundheitsschädigung führt[62]. Da der Begriff schädlicher Gebrauch nach ICD-10’ international gebräuchlich ist und eindeutig als gesundheitsschädigender Gebrauch definiert ist, gibt es keinen Einwand dagegen, beide Begriffe als Synonyme zu verwenden.

Völlig verzichtet werden sollte auf den Begriff Missbrauch in Zusammenhang mit dem Konsum psychoaktiver Substanzen. Der Begriff Missbrauch bedeutet funktionswidrige bzw. nicht widmungsgemäße Verwendung. Das impliziert konsequenterweise, dass es auch etwas wie einen Gebrauch im Sinne von widmungsgemäßer Verwendung geben muss. Wenn der Begriff Missbrauch , wie z. B.: im österreichischen Suchtmittelgesetz, als Synonym für jeglichen illegalen Konsum von psychoaktiven Substanzen verwendet wird – auch dann, wenn für eine bestimmte Substanz gar keine legale Anwendungsform [Gebrauch] vorgesehen ist, und/oder wenn bestimmte Substanzen ausschließlich für den illegalen Markt erzeugt werden (die Verwendung ist dann zwar illegal aber nichtsdestoweniger widmungsgemäß), so ergibt sich aus der Wortbedeutung ein immanenter logischer Widerspruch.

Gegen die Verwendung des Begriffs Missbrauch als jeglicher illegale Konsum von psychoaktiven Substanzen spricht - abgesehen von der immanenten logischen Problematik -, dass so die wesentliche Unterscheidung zwischen Gebrauch ohne negative Gesundheitsfolgen und Gebrauch mit negativen Gesundheitsfolgen bzw. zwischen problematischem Gebrauch und wenig-problematischen Gebrauch für eine Reihe von illegal konsumierten Substanzen aufgehoben wird, was einen differenzierten Dialog erschwert und letztlich eine im Sprachgebrauch festgeschriebene Wirklichkeitsreduktion darstellt.[63]

Diesen Definitionen entsprechend ist der Gegenstand dieser Untersuchung die Rehabilitation von Frauen nach gesundheitsschädigendem Gebrauch[64] psychoaktiver Substanzen.

Der Begriff Sucht inkludiert sowohl physische als auch psychische und soziale Abhängigkeit. Manche ExpertInnen ziehen den Begriff Abhängigkeit dem Begriff Sucht generell vor, weil Sucht früher häufig ausschließlich mit physischer Abhängigkeit gleichgesetzt wurde. Gegen diese Haltung spricht allerdings, dass der Begriff Abhängigkeit zu unspezifisch und zu beliebig ist; abhängig ist man schließlich auch von Nahrungsmitteln und Kleidung. Der Begriff Sucht sollte daher bevorzugt werden. Es spricht allerdings nichts dagegen, die Begriffe physische, psychische und soziale Abhängigkeit , zur Erklärung des Suchtbegriffs heranzuziehen.[65]

Die Begriffe Sucht und Abhängigkeit werden sowohl in den Interviews von den befragten Frauen als auch im theoretischen Teil der Arbeit synonym verwendet, wobei der Begriff Abhängigkeit vor allem dort verwendet wird, wo differenziert und beispielhaft psychische und/oder soziale Komponenten des Suchtverhaltens beschrieben werden.

7.2 Begriffe: substanzgebundene versus nicht-substanzgebundene Süchte

Im Zusammenhang mit Sucht ist es zweckmäßig zwischen

- dem klassischen Suchtbegriff
- dem umfassenden Suchtbegriff und
- dem erweiterten Suchtbegriff zu unterscheiden. [66]

Lange Zeit wurde der Begriff Sucht vor allem mit physischer, substanzgebundener Sucht gleichgesetzt (klassischer Suchtbegriff). Zur Abgrenzung des klassischen Suchtbegriffs wurden und werden Kriterien wie Toleranzentwicklung, Kontrollverlust, körperliche Entzugssymptome usw. herangezogen, die in der Regel weder in Zusammenhang mit psychischer und sozialer Abhängigkeit noch in Zusammenhang mit nicht-substanzgebundenen Süchten anwendbar sind. Nun wird allerdings immer üblicher, den Begriff Sucht auch auf psychische und soziale Abhängigkeit [umfassender Suchtbegriff] sowie auf nicht-substanzgebundene Süchte, wie Spielsucht, Fernsehsucht, Fettsucht, Magersucht, Sexsucht usw. (erweiterter Suchtbegriff), auszudehnen.

Um der Gefahr der Beliebigkeit des Suchtbegriffs entgegenzuwirken, ist es allerdings notwendig, auch in Zusammenhang mit nicht-substanzgebundenen Süchten eine klare Grenze zu ziehen und darauf zu bestehen, dass Sucht Krankheitscharakter hat. Sucht darf nicht einfach mit Gewohnheit , der natürlichen Abhängigkeit von Nahrungsmitteln, Kleidung, Zuwendung usw. und/oder Problemverhaltensweisen, die (noch) der willentlichen Kontrolle des Subjekts unterliegen gleichzusetzen sein. Von Sucht sollte man nur sprechen, wenn das zugrunde liegende Problemverhalten zu einem eigendynamischen, zwanghaften Verhalten wird, das sich selbst organisiert hat und sich rückhaltlos beständig zu verwirklichen sucht. Wir sind uns zwar bewusst, dass Vieles, was als ‚nicht-substanzgebundene Süchte’ bezeichnet wird, nach ICD-10 unter abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle[67] oder unter Zwangsstörungen[68] fällt. (z. B. Putzsucht/Putzzwang); Dennoch bevorzugen wir den erweiterten Suchtbegriff und weisen auf die oft unklare diagnostische Grenze zu den Zwangsstörungen hin.

7.3 Suchtpotential

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Gebrauch einer bestimmten Substanz oder eine Tätigkeit eine Abhängigkeit auslöst, wird oft als Suchtpotential bezeichnet. Der Begriff Suchtpotential abstrahiert dabei eine Substanzeigenschaft bzw. ein Charakteristikum einer bestimmten Tätigkeit. Je nachdem, ob man sich am klassischen Suchtbegriff, am umfassenden Suchtbegriff oder erweiterten Suchtbegriff orientiert, ergibt sich auch eine klassische, eine umfassende oder eine erweiterte Interpretation des Begriffs Suchtpotential .

Aus dem Suchtpotential einer Substanz alleine kann man nicht ableiten, wie groß die Suchtgefährdung in einem konkreten Einzelfall ist, da Suchtentstehung immer nur aus dem Zusammenspiel zwischen folgenden vier Bereichen erklärbar ist:

- Tätigkeit bzw. Substanz, z. B.: Dosis, Erhältlichkeit, Konsumform
- Person, z. B.: körperliche und psychische Konstitution
- Sozialem Umfeld, z. B.: situative Rahmenbedingungen in Familie, Schule etc. und
- Gesellschaftlichen Bedingungen, z. B.: Konsum- und Leistungsorientierung[69]

Es gibt bei etlichen Substanzen sowohl immer wieder Personen, die über eine lange Zeit Substanzen mit hohem Suchtpotential konsumieren, aber augenscheinlich nicht abhängig werden, als auch solche, die bei Substanzen mit sehr geringem Suchtpotential recht rasch süchtig reagieren.

7.4 Suchtphasen

Als ein Modell, das[70] versucht einzelne Phasen der Suchtentwicklung darzustellen, sei hier das 1979 vom Johnson – Institut veröffentlichte wiedergegeben.

- Lernphase : Die Person lernt die psychoaktiven Substanzen und ihre Wirkung kennen; macht Experimente, bis die psychoaktive Substanz zu einem zuverlässigen Mittel wird, mit dessen Hilfe man sich wohl fühlen kann. Im Gegensatz zu einer personellen Beziehung bietet der Konsum psychoaktiver Substanzen dauerhaftere Verfügbarkeit und ein noch zuverlässigeres Hochgefühl.

- Suchphase : Die Suchphase erfasst soziale Konsumsituationen, in denen der frisch gelernte Effekt der stimmungsverändernden Droge zunehmend gezielt eingesetzt wird. Die Person erlebt noch immer eine hervorsehbare Rückkehr in den Bereich des sich Normalfühlens, wenn sie ihren Konsum beendet hat, mit Ausnahme eines gelegentlichen Katers.

- Phase der schädlichen Abhängigkeit : Die Phase der schädlichen Abhängigkeit ist jene Phase, wo der Konsum von psychoaktiven Substanzen gesundheitsschädigende Konsequenzen nach sich zieht. Die Person ist insofern abhängig, als sie die psychoaktive Substanz benutzt, um sich ein angenehmes Gefühl zu verschaffen, dabei jedoch schädliche Konsequenzen erfährt und trotzdem weiter konsumiert. Es kommt dazu, dass eine Dosissteigerung nötig wird, und/oder Probleme im sozialen Umfeld aufgrund der subtilen Veränderungen, bedingt durch den Konsum psychoaktiver Substanzen, auftreten. Je größer der Konflikt zwischen den Werten, die für die Person wichtig sind und ihrem drogenbedingten Verhalten wird, desto mehr nehmen auch die negativen Gefühle bezüglich ihrer selbst zu. Zunehmend kommt es zu Kontrollverlust, der durch den Konsum psychoaktiver Substanzen bedingt ist, bis dahin, wo keine Rückkehr in den Normalzustand mehr erfolgt, sondern die Konsumepisode im Bereich der unangenehmen Gefühle endet. Störungen der Merk- und Erinnerungsfähigkeit können auftreten (Filmrisse). Eine eventuell auftretende Angst vor Verrücktheit und Kontrollverlust kann wiederum zu vermehrtem Konsum psychoaktiver Substanzen führen. Zunehmend dreht sich das ganze Leben der abhängigen Person um die psychoaktive Substanz, die Beziehungen reduzieren sich auf Menschen die ebenfalls psychoaktive Substanzen konsumieren bzw. verkaufen und im Jargon Giftbeziehungen genannt werden. Die gesundheitliche, spirituelle und emotionelle Stabilität lässt nach. Der zunehmende emotionale Stress, die Angst, der Schmerz und Selbsthass werden mit der psychoaktiven Substanz ‚als Medizin’ unterdrückt und im Rahmen von Projektionen auch der Umwelt zugeschrieben. Es kommt zur zunehmenden Verkennung der Realität, auch aus Abwehr dessen, was die Umgebung als negative Veränderung im Verhalten sieht: Lügen (‚ablinken’), Bestehlen von Familienmitgliedern, Schulden machen, Versetzen von eigenen wie fremden Wertgegenständen sind die Folge. Die Betroffenen werden ‚Meister im Anpumpen’ - vor allem Geld und Zigaretten betreffend. In diesem Stadium ist es nicht sinnvoll, nach moralischen Gesichtspunkten zu urteilen, wird aber von den Beteiligten natürlich trotzdem als sehr verletzend erlebt. Es kommt auch zur Ausbildung einer spezifischen Abwehrorganisation, um sich vor der Einsicht - süchtig zu sein - zu bewahren. Diese Abwehrmechanismen können sein: Verleugnen, Bagatellisieren, anderen die Schuld zuschreiben, Rationalisieren (Entschuldigungen, Rechtfertigungen), Intellektualisieren (Vermeidung persönlicher Betroffenheit).

- Phase, in der konsumiert wird, um sich normal zu fühlen: Nun hat die Beziehung zur psychoaktiven Substanz (Droge) komplementären Charakter.[71] Der abhängige Mensch kann jedoch die Wahrheit, dass er die Droge nehmen muss, nicht anerkennen, sonst müsste er kapitulieren, den Konsum aufgeben und sich dem Entzug aussetzen. Er erfindet Gründe der Rechtfertigung. Es mutet ironisch an, dass es für einen Menschen - dessen Konsum psychoaktiver Substanzen ursprünglich zu einer positiven Stimmungsveränderung führen sollte bzw. geführt hat - der Konsum zur Notwendigkeit wird, um aufgrund dieses Konsums negative Gefühlslagen zum Positiven zu verändern. Dies geschieht wieder mittels Konsum psychoaktiver Substanzen. Es kommt zu keinem Hochgefühl mehr. Die Person braucht die psychoaktive Substanz, um den physischen Schmerzzustand aufgrund des Entzugs zu verhindern und um überhaupt ‚noch zu funktionieren’.

7.5 Co-Abhängigkeit - Sucht aus systemischer Sicht

Die Einführung des Begriffes der Co-Abhängigkeit und die ersten Konzepte dazu stammen von Wegscheider[72], Schaef[73] & Rennert[74].

Wegscheider definiert Co-Abhängigkeit folgendermaßen:

Co-Abhängigkeit ist eine Sucht nach einer anderen Person oder Personen und deren Problemen oder nach einer Beziehung und ihren Problemen.

Co-abhängiges Verhalten gleicht sinngemäß einem Suchtmittel und dient der Rechtfertigung der eigenen Lebensverweigerung. Co-abhängige Personen steigern (nach Wegscheider) ihren eigenen Selbstwert über die Probleme des Anderen und erleben dabei moralische Überlegenheit. Süchtiges In-Beziehung-sein bedeutet demnach permanenten Selbstverlust und völlige Projektion. Für die Begegnung ist ein Problem des Anderen nötig, möglichst ein unlösbares. Diese erstarrte, auf Probleme zentrierte Bindung, dient als Schutz vor Verlust.

Diese Definition co-abhängigen Verhaltens findet sich folglich nicht nur in einer Familie mit einem Mitglied, das von einer psychoaktiven Substanz abhängig ist. Im Unterschied zu anderen Familiensystemen kommt es nur zu einem Auffälligwerden, dem Ausbrechen eines Mitglieds aus dem System. Wobei im Falle des Konsums von illegalen Substanzen nicht nur Familienregeln gebrochen werden, sondern auch staatliche Gesetze.

Co-Abhängigkeit im Sinne eines Familienmitglieds als Symptomträger:

Handelt es sich beim relevanten Problem (Symptom) um Sucht / Abhängigkeit, so werden die Personen, die im Rahmen eines solchermaßen pathogenen Systems einen Beitrag zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Abhängigkeit bei einem Mitglied des Systems bewirken als Co-Abhängige bezeichnet. In diesem Sinne bedeutet Co-Abhängigkeit , dass die Symptomatik des Abhängigen zur Stabilisierung des Gesamtsystems beiträgt und folglich das Gesamtsystem darauf ausgerichtet ist, das Suchtverhalten des Symptomträgers aufrecht zu erhalten, auch wenn dies zumeist nicht bewusst ist, bzw. um Schuldzuweisungen zu entgehen, verleugnet wird.

Schaef[75] führt das Phänomen der Co- Abhängigkeit auch für therapeutisches Personal/Therapieeinrichtungen ein. Co-abhängige Helfer sind nach Maeder

... autoritär, von anderen abhängig, betrachten sich als gütige Menschen, hoffen stellvertretend mittels anderer sich selbst zu helfen und erwarten ständig Lob.[76]

Schaef hält viele dieser Betrachtungen vermutlich zutreffend, insbesondere innerhalb des mechanistischen Wissenschaftsmodells, welches besagt, dass die ‚perfekte Person’ auch am besten helfen könne. ‚Die besten Helfer haben keine eigenen Bedürfnisse.’ Chery & Gold[77] versichern, die ‚therapeutische Begegnung’ unterscheide sich von allen anderen Beziehungen, durch eine nahezu ausschließliche Beschäftigung mit den Bedürfnissen nur eines Bestandteils - der Dyade - des Klienten. Schaef stimmt soweit zu, dass Leute einander nicht helfen können, wenn sie so sehr in ihren eigenen Problemen verstrickt sind, dass es ihnen nicht mehr möglich ist, sich auf eine andere Person zu konzentrieren, fragt aber:

Haben wir nicht eine Situation geschaffen, in der Verleugnung, Kontrolle, Repression, Regeln und Strafandrohung – alles Merkmale eines Suchtsystems – die Mittel und Wege sind, durch die wir mit den Problemen fertig zu werden versuchen?[78]

Chery & Gold fahren fort:

Vor allem unterstützt der Rahmen [der Psychotherapie] den Therapeuten darin, die Interessen des Klienten permanent allen anderen Erwägungen voranzustellen

Schaef sagt dazu:

Dies ist bestenfalls eine unhaltbare Situation und schlimmstenfalls eine aktiv co-abhängige Position. Es herrscht keine Klarheit darüber, dass die etablierte Rolle des Psychotherapeuten die Krankheit der Beziehungssucht und Co-Abhängigkeit immer weiter nährt und verschlimmert und nach Kontrolle verlangt. Das Modell selbst bildet den Therapeuten zu systematisierter Co-Abhängigkeit aus. Wenn man sich nur darauf konzentriert, die individuelle Rolle des Therapeuten zu analysieren, verliert man die Tatsache aus den Augen, dass selbst ein Individuum, das sich um Genesung bemüht, innerhalb dieser institutionalisierten Rolle vermutlich nicht genesen kann.

Joe Reid[79] zitiert einen Ausspruch von Farina, der besagt, dass die Verwundung (des professionellen Heilers) ein Synonym des Begriffes der Co-Abhängigkeit sei.

Reid definiert Co-Abhängigkeit als ‚einen Zustand, in dem Menschen die Bedürfnisse anderer ihren eigenen Bedürfnissen voranstellen, zu ihrem eigenen Schaden.’ Laut Farina konzentrieren diese unerfüllten Bedürfnisse sich in einer grundlegenden Ausdrucksform, dem Kontrollbedürfnis – dem Bedürfnis Beziehungen zu kontrollieren. Reid gibt Farinas Überzeugung mit den Worten wieder:

Für manche Therapeuten ist Kontrolle so wichtig, dass jeder Kontakt mit anderen außerhalb der Therapiesitzung vermieden wird. Ihre Unsicherheit hat eine abkühlende Wirkung auf alle anderen persönlichen Beziehungen.

Wenn wir den Drang nach Kontrolle und das Bedürfnis die volle Verantwortung für das Leben anderer zu übernehmen hinzufügen, ergibt sich daraus zwangsläufig Erschöpfung und ‚Ausgebranntsein’. Wie es dazu kommen kann, dass Psychotherapie zur systematisierten Ausbildung zur und Praxis der Krankheit der Co-Abhängigkeit betrachtet werden kann, schreibt Schaef weiter:

Psychotherapeuten kommen oft aus suchtgeprägten, dysfunktionalen Familien, aber es kommt noch etwas hinzu. Da Psychotherapeuten oft aus Suchtfamilien/dysfunktionalen Familien kommen [und oft findet in dieser Familie keine Genesung statt], können sie die Unterschiede zwischen süchtig - dysfunktionalen Verhalten und gesundem Verhalten häufig nicht erkennen und verstehen. Das Dysfunktionale erscheint normal, wenn sie sich in einem Beruf vorfinden, der co-abhängiges Verhalten systematisiert, erscheint das daher als das Normale. Wir betrachten gewöhnlich das Dysfunktionale in Individuen, aber wir übersehen die innige Verbindung mit einem dysfunktionalen Berufsfeld.

[...]


[1] BENJAMIN J. 1978

[2] WEGSCHEIDER S. 1988

[3] SCHAEF A. W. 1989

[4] RENNERT M. 1989

[5] Schraml 1965, S 258

[6] Bittner 1978, S 337

[7] Werner Fuchs-Heinritz 1984, S 84

[8] Allport 1947, S 79

[9] Werner Fuchs-Heinritz 1984, S 85

[10] Znaniecki 1927, S 289

[11] Madge 1968, S 55

[12] Flick U. 1995

[13] Bruner 1987

[14] ROGERS 1944

[15] Shaw 1966, S 102

[16] Shaw 1966, S 13 f

[17] Zitiert aus: Haas S. 2001, S 59

Polytoxikomaner Gebrauch

Unter dem Begriff „Mehrfachkonsum“ versteht man den Gebrauch mehrerer Substanzen, die entweder abwechselnd oder gleichzeitig konsumiert werden. Der (mehr oder weniger) zeitgleiche Gebrauch unterschiedlicher Substanzen wird auch als „Mischkonsum“ bezeichnet. Der polytoxikomane Gebrauch stellt in der österreichischen Drogenszene das vorrangige Konsummuster dar und findet sich bei Drogenabhängigen häufiger als der Konsum nur einer Substanz, was auch zu Mehrfachabhängigkeiten führt.

Auch in dieser vorliegenden Arbeit wird unter polytoxikomanem Gebrauch der Mehrfach- oder Mischkonsum mehrerer (illegaler) Substanzen verstanden.

[18] STRAUSS 1996

[19] HOFFMANN-RIEM 1980, S 343

[20] STRAUSS 1994

[21] GODMAN 1984

[22] KLEINIG 1982, S 231

[23] STRAUSS 1994, S 61

[24] STRAUSS 1994, S 61

[25] Blumer 1939, S 47 ff

[26] Blumer 1939, S 89

[27] Allport 1947, S56

[28] Seyle 1956, S 27

[29] Den Theoriekapiteln sind immer wieder Begriffsdefinitionen, wie Begriffe in der Grounded Theory verstanden werden, vorangestellt.

[30] DIESING 1971, S 14

[31] GLASER 1978

[32] hemmend oder fördernd

[33] Stellen von Fragen, Vergleiche ziehen

[34] Hier wird von den Autoren zur Vorsicht vor Übertreibung gewarnt.

[35] Hier wird von Corbin & Strauss z. B. eine Vier-Felder-Tafel als nützlich empfohlen.

[36] STRAUSS 1994, S 120

[37] STRAUSS 1994, S 136

[38] äußere Kreise der Matrix

[39] die in der vorliegenden Arbeit bedeutsam sind

[40] Strauss A. 1991

[41] nach Hammersley 1992, S 64

[42] Lüders 1992, S 269

[43] Uhl A. Springer A. 2001, S 14

[44] Diagnoseschlüssel des ICD-10: Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, BMSG-Version 2001

[45] UHL A. & SPRINGER A. 2001

[46] DUDEN 1997

[47] DUDEN 1989

[48] SPRINGER 2000

[49] Dilling et al 1991

[50] 1971

[51] 1988

[52] Mayr-Kinigadner S 1979

[53] Schenk 1975, S 91

[54] Parow et.al 1976, S 58 f

[55] Parow et.al 1976, S 56

[56] Parow et.al 1976, S 58

[57] vgl. Parow et.al. 1976, S 61

[58] Parow et al. S 132

[59] Es soll hier betont werden, dass die eigenen Normen stets ein Produkt der gesellschaftlichen Normen

sind, allerdings abgestimmt auf die eigenen Lebensumstände und ihre pragmatische Bedeutung.

[60] Parow et al. 1976, S 19

[61] Revers 1975 S 113

[62] ICD-10:’Schädlicher Gebrauch’ ist ein Konsumverhalten, das zu einer Gesundheitsschädigung führt. Diese kann eine körperliche Störung, etwa eine Hepatitis durch Selbstinjektion von Substanzen, sein oder eine psychische Störung, z. B. eine depressive Episode durch massiven Alkoholkonsum. Die Diagnose erfordert eine tatsächliche Schädigung der psychischen oder physischen Gesundheit des Konsumenten

[63] UHL, SPRINGER 2001

[64] ICD-10 Kriterien entsprechend

[65] UHL, SPRINGER 2001

[66] UHL SPRINGER 2001

[67] F63

[68] F42

[69] SFA& PLUS Fachstelle 1994

[70] Veröffentlichung des Johnson Institute 1979

[71] BATESON 1981

[72] Wegscheider S. 1988

[73] Schaef A. W. 1989

[74] Rennert M. 1989

[75] Schaef A.W. 1993

[76] Maeder 1989 S 37

[77] Chery & Gold 1989, S 164

[78] SCHAEF A.W. 1993

[79] Reid J. 1989, S 7

Ende der Leseprobe aus 360 Seiten

Details

Titel
Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit - Therapieverlauf ehemals polytoxikoman abhängiger Frauen
Hochschule
Universität Wien  (Fakultät für Sozial- und Humanwissenschaften)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
360
Katalognummer
V25318
ISBN (eBook)
9783638279857
ISBN (Buch)
9783638702140
Dateigröße
1709 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hinter dem Titel Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit verbergen sich die Lebensgeschichten von zwölf Frauen, die in ausführlichen Interviews ihren Weg in die Suchterkrankung beschreiben, die Motive für den Konsum und die Zeit des Konsums psychoaktiver Substanzen, ihre Motive sich einer Therapie zu unterziehen, das Erleben des stationären Therapieaufenthaltes, die Zeit danach und was es ihnen möglich gemacht hat mit ihrem Leben zurecht zu kommen, ohne weiteren Suchtmittelkonsum.
Schlagworte
Abhängigkeit, Beziehungsfähigkeit, Therapieverlauf, Frauen
Arbeit zitieren
Mag. Christine Gruber (Autor), 2002, Von der Abhängigkeit in die Beziehungsfähigkeit - Therapieverlauf ehemals polytoxikoman abhängiger Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25318

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