Zur Problematik der Wahrheitsfindung in Uwe Johnsons Roman "Mutmassungen über Jakob"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Einleitung

2. Die Wirklichkeit der Mutmaßungen
2.1. Exposition von Thematik und Erzählstruktur
2.2. Die drei Gesten des Erzählens und ihr Einfluss
auf die figurative Erinnerungsbildung
- Vorbemerkungen
- Dialoge
- Monologe
- Erzählpassagen
- Überleitung

3. Zur Darstellung der zeitgeschichtlichen Situation

4. Zum Bild des Sozialismus in „Mutmassungen über Jakob“ Besuch beim vernünftigen Leben: Jakob

Utopiebild eines demokratischen Sozialismus: Jonas

Funktionierendes Element im Spiel der Mächte: Rohlfs

5. Deutsch-deutscher Zeitroman? – Ein abschließendes Fazit

6. Fußnoten

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Ich habe das Buch so geschrieben, als würden die Leute es so langsam lesen, wie ich es geschrieben habe.“[1] Bei dem Eindruck aller Übertriebenheit, deren man sich bei dieser Aussage Uwe Johnsons zu seinem Buch Mutmassungen über Jakob gewiss nicht zu erwehren vermag, kritisiert sie gleichwohl epigrammatisch eine zeitgenössische Rezeptions-haltung, die den Leser bei der Lektüre jenes Werkes zwangsläufig scheitern lassen muss. Mit der besonderen Beschaffenheit des Buches, das bereits von Marcel Reich-Ranicki als „Provokation und unglaubliche Zumutung“[2] charakterisiert wurde, stellt sich der Autor bewusst gegen eine dominante Form des Lesens, die „sich eigentlich nur nach Signalen orientiert“[3] und somit dem Erwartungshorizont sowohl in Ost als auch in West quasi diametral gegenübersteht. Bereits die ersten Zeilen machen deutlich, dass dieser Roman ohne Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Mitarbeit nicht lesbar ist. So bietet das Werk der Leserschaft eine umfassende Offerte an sich ergänzenden, bisweilen widersprechenden Meinungen und lässt sie an den Schwierigkeiten der Wahrheitsfindung partizipieren.

Mit der eigenwilligen formalen Anlage hat Johnson ein Werk erschaffen, das auf Grund seiner drei „Gesten des Erzählens“ eine hohe narrative Komplexität aufweist, die zu der Annahme verleitet, der Autor habe nicht eigentlich über, sondern vielmehr „gegen die bestehende Welt“[4] geschrieben. Dies erfolgt jedoch – wie Johnson selbst konstatiert – nicht aus einem Eigensinn oder Selbstzweck heraus, sondern wird durch die Handlung gewissermaßen vorgegeben: „Die Geschichte sucht, sie macht sich ihre Form selbst.“[5] Dass die Mutmassungen über Jakob gerade wegen ihres „ästhetischen Mehrwert[s]“[6] in der DDR unveröffentlicht und ihren Bürgern lange Zeit unzugänglich bleiben, während sie in der west-deutschen Öffentlichkeit auf ein Publikum treffen, das mit den spezifischen Besonderheiten des ostdeutschen Lebens weitgehend unvertraut ist, lässt die Treffsicherheit der oft zitierten Formel vom „Autor der beiden Deutschland“ fragwürdig erscheinen, obgleich sie nicht über ihren unmittelbar nach der Publikation eingenommenen und mittlerweile weitgehend unbestrittenen hohen Rang in der Gegenwartsliteratur hinwegtäuschen kann. So gehören die Mutmassungen in der Bundesrepublik neben Günter Grass’ Blechtrommel und Heinrich Bölls Billiard um halbzehn nicht zuletzt der Schreibweise wegen zu den herausragenden literarischen Ereignissen des Jahres 1959.

Im Folgenden gilt es, Johnsons erstveröffentlichten Roman zunächst von seiner erzähltheoretischen Konzeption zu untersuchen und eine historische Einordnung in die für Entstehungszeitraum und Handlung relevante gesellschaftspolitische Situation vorzunehmen. Ausgehend davon sollen in einem weiteren Themenkomplex die unterschiedlichen im Buch gezeichneten Bilder des Sozialismus analysiert und, damit verbunden, auf die Problematik der Wahrheitsfindung hin untersucht werden, bevor abschließend – mit einem Fazit verbunden – eine Beurteilung hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Ausrichtung vorgenommen werden kann.

2. Die Wirklichkeit der Mutmaßungen

2.1. Exposition von Thematik und Erzählstruktur

Bereits mit dem einführenden Satz des Romans scheint das Fundament für eine intervenierende und Einspruch erhebende Grundstimmung gesetzt zu sein, die sich schließlich durch den gesamten Roman hindurch ziehen wird: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen“[7]. Zweifellos kann der komplexe Charakter dieser Wendung in toto erst durch eine retrospektive Analyse erfasst werden. Wie sich aus der Lektüre ergibt, muss diesem Eingangssatz ein symbolischer Wert gänzlich abgesprochen werden, wenn man bedenkt, dass Jakob zu keiner Zeit als ein oppositioneller DDR-Bürger beschrieben wird. Vielmehr sollte mit dieser gesetzten Äußerung eine protestierende Haltung verdeutlicht werden, die „die Geschichte nicht glauben wollte“[8]. Diese Aussage muss zunächst verwun-dern, da vorerst schließlich noch gar keine Geschichte existiert. Johnson selbst konstatiert:

Der Mann, um den es geht, ist tot am Ende der Geschichte, das ist überhaupt die Geschichte! Sie ist geschehen, bevor die Beteiligten anfangen, sich ihrer zu entsinnen. Das Erzählen fängt an, wenn die Geschichte zu Ende ist.[9]

Doch deutet schon die Konjunktion „aber“ im Eingangssatz mit ihrer relativierenden Funktion auf den positiven Gehalt eines normalerweise vorausgehenden, hier jedoch fehlenden Hauptsatzes und verweist mithin auf eine noch ausstehende Geschichte, die die Umstände von Jakobs Tod beleuchtet. Durch diese Konstruktion wird der Erzählung ein retrospektiver Raum der Erinnerung eröffnet und bildet den für den Roman konstitutiven Sachverhalt, dass hier vom Ende aus erzählt wird, und zwar in einer Form, die sich keine festgeschriebene, bewertende Haltung zu Eigen macht, sondern stets eine Perspektive des Einwands, des Zweifels, der Unsicherheit und Suche nach Erklärung anstrebt.

Im Anschluss an den scheinbar von einem Erzähler stammenden Eingangssatz folgt ein Dialog, dessen Gesprächspartner aus ihrer jeweiligen Sicht den Tod von Jakob rekapitulieren. Eine Identifizierung der Sprecher ist vorerst unmöglich; dennoch geht aus ihren Aussagen hervor, dass einer von beiden näher mit dem Arbeitsalltag und Milieu von Jakob vertraut ist, während der andere seine Aussagen auf objektive, aus einer Außenperspektive bezogene Informationen stützt. In diesem Gespräch reflektieren die beiden Sprecher auch die offizielle, „aus den Fingern gesogen[e]“[10] Parteisprache, die als parataktisch abgespulte Formel an die Blochsche Vorstellung vom Sterben des sozialistischen Helden erinnert.[11]: „Wenn sie auch gleich wieder Worte gefunden haben von tragischem Unglücksfall und Verdienste beim Aufbau des Sozialismus und ehrendes Andenken bewahren“[12]. Mit einer derart simplen Enunziation, die Jakobs Tod zu einer lediglich minimalen Irritation des sozialistischen Alltags degradiert und dafür das Aufbaugeschehen des Sozialismus exponiert, wollen sich die beiden Dialogpartner offensichtlich nicht zufrieden geben. Zu einer genaueren Rekonstruktion des Vorfalls sind die beiden allerdings noch nicht im Stande. Vielmehr bedarf es zunächst eines erzählerischen Abschnitts, der den Fokus auf die lokale Szenerie am Tag des Unfalls richtet. Der Einschub der Erzählpassage dient dabei nicht der Konkretisierung Jakobs, der lediglich „vielleicht“[13] zu erkennen ist, sondern fungiert als Exposition des Eisenbahner-Milieus.

Ebenso verhält es sich mit der ersten kursiven Passage, die nach kurzem Fortsetzen des Dialogs in den Text integriert und als subjektive Äußerung einer Ich-Person gekennzeichnet ist. Atmosphärisch wird hier die Situation Cresspahls verdichtet, auf die einer der Dialogpartner unmittelbar zuvor zu sprechen gekommen ist. Sekundär, da erst an wesentlich späterer Stelle zu dekodieren, ist dabei die Bestimmung der Ich-Figur. Die darauf folgende Erzählpassage trägt dann in assoziativer Aufnahme des Cresspahl-Motivs weitere Informationen zusammen, bevor mit dem sich anschließenden Monolog des Staatssicher-heitshauptmannes Rohlfs eine wirkliche narrative Progression beginnt, indem sich Rohlfs als erste Romanfigur selbst vorstellt, über die Stasiakte von Cresspahl das Erzählspektrum erweitert und den Blick auf das eigentliche Sujet lenkt. Dabei ist es nicht zufällig, dass gerade Hauptmann Rohlfs als erste Figur präsentiert wird und sich selbst umfassend charakterisiert. Zwar rückt er die Geschichte vom Tod des Jakob Abs in die Geschehnismitte; sie ist aber nur in unmittelbarem Zusammenhang mit der Aktivität von Rohlfs zu verstehen, der sich nach dem siebenten Oktober in das Leben von Jakob einschaltet. Hansjürgen Popp bemerkt dazu: „Er ist es, der die Geschichte Jakobs in Bewegung setzt und damit das Schicksal fast aller Romangestalten direkt oder indirekt beeinflußt.“[14] Gegenüber Rohlfs als dem eigentlichen „Motor oder Initiator der Geschehnisse“[15] befinden sich die Figuren weitgehend in der Rolle der passiv Betroffenen respektive Reagierenden. Wie sich oftmals an der Geschichte erkennen lässt, besitzt Rohlfs durch seine Beschattungstätigkeit nicht nur einen Informations- sondern überdies einen Motivationsvorsprung. Zu keiner Zeit verliert er sein Ziel – die Anwerbung Gesines für den Spionagedienst – aus seinen Augen, obgleich ihm ein positiver Ausgang seiner Werbeaktion, „den niemand ausser ihm zur Gänze als Ergebnis einer Leistung zu begreifen imstande war“[16], dennoch verwehrt bleibt. Diese Bemerkung deutet aber darüber hinaus an, dass wir es mit einer Geschichte zu tun haben, die vom Staatssicherheitsdienst im Verborgenen initiiert und deshalb für die meisten der involvierten Personen im Augenblick des Geschehens gar nicht zu verstehen ist. Erst das spezielle Erzählverfahren sowie die Erinnerungsbildung der beteiligten Personen vermögen die Vorgänge für eine Wahrheit transparent zu machen, die nicht durch offizielle Verlaut-barungen seitens des Ministeriums für Staatssicherheitsdienst (MfS) verfälscht sein soll.

Folgendes muss festgehalten werden, um Begrifflichkeiten zu klären und eine weiterführende Untersuchung fruchtbar zu machen: Aus dem Romananfang lässt sich bereits ersehen, dass das zentrale Ereignis, nämlich der Tod von Jakob Abs eingetreten ist, bevor die Erzählung überhaupt beginnt. Um die Umstände zu klären, die zu dem Todesfall führten, wird in Form von Erinnerungsprozessen, welche in einer Art Rahmenerzählung (dem Zeitraum vom 8. bis 10. November 1956) stattfinden, eine weitere Ebene aufgespannt. So werden in der Binnen- bzw. Basisgeschichte (vom 7. Oktober bis zum 8. November) die Ereignisse der letzten Wochen vor Jakobs Tod rekonstruiert. Dies geschieht auf der Basis eines so genannten dreifachen Erzählgestus’, der sich aus Monolog-, Dialog- sowie Erzählpassagen zusammen-setzt. Mit Hilfe der kompletten Analepse konfrontiert die Erzählung den Leser mit einem Perspektivismus, der Sinn bildend für die kontemporären deutschen Verhältnisse ist, die in präziser Weise in die Handlung integriert wurden und durch die spezifischen persönlichen Erinnerungsstrategien ein nahezu singuläres Bild einer Wirklichkeit ergibt, die Johnson seinem Leser offeriert. Von welcher Qualität Johnsons Mutmassungen sind, bleibt nun weiter zu erörtern.

2.2. Die drei Gesten des Erzählens

Vorbemerkungen

Bereits im Einleitungskapitel ist auf die narrative Komplexität der Mutmassungen hingewiesen worden, die hauptsächlich aus den drei Gesten des Erzählens und der damit verbundenen Kompositionsstruktur resultiert. Diese Feststellung reicht aber keinesfalls aus, um eine befriedigende Erklärung für jene Erzählstrategie zu geben, die im Sinne einer „Mutmaßungs-Poetik“[17] um „absolute Relativität der Wirklichkeit“[18] bemüht ist. Betrachtet man die einzelnen Erzählmodi getrennt voneinander, so ergibt sich, dass sie keinesfalls in sich geschlossene, chronologisch lückenlose Textblöcke bilden, sondern erst in ihrer Kombination Sinn ergeben. Typographisch lassen sich alle drei Erzählgesten gut unterscheiden; während die Monologe als kursive Passagen abgedruckt sind, werden Dialoge durch Spiegelstriche vor den jeweiligen Aussagen der Gesprächspartnern dargestellt. Wie sich im Folgenden noch zeigen wird, treten jedoch im Bereich der Mikrostrukturen bisweilen einige Zuordnungsschwierigkeiten auf. Isoliert voneinander besitzen die drei Manieren des Erzählens überwiegend fragmentarischen Charakter und sind in Mosaiken gegeneinander montiert, um sich gegenseitig zu ergänzen, zu korrigieren und die Erzählung zu akzelerieren.[19] Konstitutiv für die drei Manieren des Erzählens ist dabei die Entwicklung mnemologischer Prozesse, mit Hilfe derer die Figuren auf Grundlage ihres Wissenshorizonts und ihrer jeweiligen Wahrheit die Geschichte um Jakobs Tod zu beleuchten versuchen. Ulrich Krellner spricht in diesem Kontext von der „Elaboration von Erinnerung“[20], die uns im Weiteren beschäftigen wird.

Dialoge

Obgleich die Dialogpassagen quantitativ mit 15,9 % (gegenüber 59,9 % Erzählpassagen)[21] nur etwa ein Sechstel des gesamten Romanumfangs ausmachen, kommt ihnen im Erzählzusammenhang eine zentrale Rolle zu. Bernd Neumann bestimmt die Dialoge sogar als „höchste Erzähl-Instanz innerhalb des Romans“[22], da sich von hier aus Einfluss-möglichkeiten sowohl auf die Erzählpassagen als auch auf die Monologe nachweisen ließen und zum anderen die mutmaßenden Recherchen der Dialoge „dem Buch seine erzählerische Signatur und seinen Titel“[23] verliehen. Eberhard Fahlke lehnt zwar die von Neumann konstatierte Hierarchie zwischen den einzelnen Dialogen ab, betont jedoch „die auf weitgehender Dialogisierung basierende epische Form des Romans“[24]. Als einzige Erzählgeste im Roman verhält sich in den Dialogen die Chronologie der Erzählung mit der Chronologie der Basisgeschichte weitgehend deckungsgleich: Das in Ausschnitten reproduzierte Gespräch zwischen Jonas und Jöche rekapituliert im ersten Kapitel die Geschehnisse bis zum 19. Oktober – jenem Freitag, an dem Jakob und Jonas abends mit dem Zug in Jerichow eintreffen. Die in gleicher personaler Konstellation stattfindenden Dialogpassagen des zweiten Kapitels setzen dann bei der Ortsbesichtigung von Jonas und Jakob am Samstag ein und erörtern exemplarisch an Jöches Vater die Problematik von individueller Freiheit und gesellschaftlichem Rollenzwang. Im dialogisch eröffneten dritten Kapitel fällt das Augenmerk auf die Zeit ab Dienstag (23. Oktober) und somit auf Gesines knapp zweitägigen Aufenthalt in der DDR. Im vierten Kapitel schließlich klafft zunächst eine Lücke im Dialoggeschehen, nachdem der Eindruck erweckt wird, Herr Rohlfs hätte kurzzeitig „die Fäden aus der Hand verloren“[25]. Diese Irritation kann sich nur nach der Abreise von Jakob, Gesine und Jonas aus Jerichow am Donnerstag (25. Oktober) ergeben haben. Vor allem das vierte Kapitel orientiert sich dann aber thematisch eminent an der Gestalt Jakobs, erläutert anhand bisweilen sehr kontroverser Dialoge die Ereignisse von Jonas’ Besuch in Jakobs Turm, Jakobs von Rohlfs geduldeter Westreise, seine Gespräche in einer Westgaststätte sowie die Episode des verkauften Fotoapparates und schließlich den Besuch bei Jakobs Mutter im Flüchtlingslager. In ihrer Prävalenz schälen sich die Dialoge dabei als dominierende Erzählgeste des vierten Kapitels heraus.

In ihrer kohärenten und chronologischen Struktur geben die Dialogpassagen zunächst einen aufeinander aufbauenden Abriss der letzten Wochen des Lebens von Jakob Abs. Explizite semantische oder syntaktische Verknüpfungen sorgen über kürzere Monolog- oder Erzähl-passagen für eine narrative Kontinuität zwischen Dialogpartien. Sie leisten aber gestisch überdies den konstruktivsten Beitrag zu einer Elaboration von Erinnerung, die sich in einer konkret bezeichneten Gegenwart mit der Rekonstruktion von Vergangenheit befasst.

Sobald es um eine synkritische Differenzierung der drei in Dialogform präsentierten Gespräche im Roman geht (Dialog zwischen Jonas und Jöche in den Kapiteln eins und zwei, Dialog von Jonas und Gesine in Kapitel drei sowie der im vierten Kapitel geführte Dialog von Gesine und Rohlfs) wird in der Forschungsliteratur oftmals eine interne Rangordnung favorisiert, wobei als „übergeordneter und entscheidender Dialog […] der zwischen Gesine und Rohlfs anzusehen“[26] ist. Für diese von Bernd Neumann aufgestellte These plädiert auch Ulrich Krellner, der ebenfalls „mehrere Indizien“[27] für jene Dialogpräferenz erkennen will. Tatsächlich scheint die vom Autor intendierte Informationsvermittlung wie bereits erwähnt gerade im vierten Kapitel essentiell in Form der Dialoge zu funktionieren. Darüber hinaus sind Gesine und Rohlfs – zweifellos auf je unterschiedliche Weise – enger mit Jakob vertraut als Jonas und Jöche, was die Annahme Neumanns sowie Krellners weiter begünstigt. Während sich Gesines Verhältnis zu Jonas sogar durch echte Intimität auszeichnet, ist Rohlfs als Agitator des Operativen Vorgangs (OV) „Taube auf dem Dach“ bestens mit Jakobs Aktivitäten ab dem 7. Oktober vertraut. Demgegenüber muss jedoch eingewendet werden, dass es durchaus Momente gibt, die sowohl für Gesine als auch für Rohlfs unkenntlich bleiben, während Jonas und Jöche Aufschluss darüber geben können; das betrifft beispielsweise Jakobs Verhältnis zu Sabine, über das Jöche zu berichten weiß, dass es damit wohl vorbei sei. Für Rohlfs hingegen bleibt Sabine auf Grund ihrer Nichtverwertbarkeit im Fall des OV „Taube auf dem Dach“ ein rein nebulöser Wert anhaften, denn „darum haben wir uns nicht kümmern können“[28]. Des Weiteren findet die Elaboration von Erinnerung zwar in der Konversation von Gesine und Rohlfs die kompetenteste Ausformung, wird aber gerade durch die Explikation der Geschehnisse bis zum 25. Oktober vor allem durch die vorausgegangenen Dialoge strukturell vorbereitet. Auch ein weiterer Faktor scheint mir diesbezüglich in der Forschung vernachlässigt worden zu sein: Gesine und Rohlfs verfügen zwar über die größere Menge an Informationen, so dass ihr Dialog stärkere Konzentration bezüglich der Figur Jakob besitzt als die anderen Gespräche; ihre spezielle Konstellation zu Jakob ist aber gleichwohl auch von dezidierter Subjektivität – was bei Gesine eine quasi ostentative Ablehnungshaltung gegenüber der ideologischen Motivation von Hauptmann Rohlfs hervorruft. Rohlfs selbst ist hingegen nicht bereit, sich neuen Fakten zu öffnen, die ihm sein gefestigtes Bild von Jakob zerstören könnten. Diese beiden Haltungen kommen besonders stark zum Ende des vierten Kapitels zur Geltung: Wenn Rohlfs sich eine Geschichte überlegt, wie Jakob im westdeutschen Restaurant auf Konfrontationskurs mit einem den Badenweiler Marsch sympathisierenden Männergesangs-Verein geht, dann entbehrt dies ebenso jedweder empirischen Basis wie das bewusste Dagegenhalten Gesines. Während es für sie den Anschein besitzt, als würde Rohlfs „die Wirklichkeit verarmen“, entgegnet er, dass auch sie nur „Bilder [sieht], die sie ausgesucht“ hat, wobei aber letztlich „niemand besteht aus den Meinungen“[29]. Unter Berücksichtung aller Faktoren macht es Sinn, eines hierarchischen Gefüges hinsichtlich der Dialogpartien bei Neumann zu entsagen und das Gespräch Gesine-Rohlfs in Anlehnung eines von Krellner und Fahlke präferierten Versuchs zu deuten, demgemäß jene Unterhaltung als zentraler Bestandteil mit der größten polyperspektivischen Spannweite und höchsten autonomen Stellung im Gestus der Dialoge ist, jedoch erst durch das Zusammenwirken mit allen Dialogsequenzen ein komplexes Bild der Ereignisse evoziert.

[...]


[1] Neusüß, Arnhelm: Über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. Gespräch mit Uwe Johnson. In: »Ich überlege mir die Geschichte…«. Uwe Johnson im Gespräch. Hrsg. Von Eberhard Fahlke. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1988. S. 185

[2] Marcel Reich-Ranicki: Ein Eisenbahner aus der DDR. Zu Uwe Johnsons Roman „Mutmaßungen über Jakob“. In: Uwe Johnsons Frühwerk im Spiegel der deutschsprachigen Literaturkritik. Dokumente zur publizistischen Rezeption der Romane „Mutmaßungen über Jakob“, „Das dritte Buch über Achim“ und „Ingrid Babendererde“. Hrsg. von Nicolai Riedel. Bonn: Bouvier 1987. (Abhandlungen zur Kunst, Musik- und Literaturwissenschaft; Band 371). S. 60

[3] Neusüß, S. 185

[4] Theo Buck: Uwe Johnsons Utopie gegen die deutsche(n) Wirklichkeit(en). In: Internationales Uwe-Johnson-Forum. Hrsg. von Carsten Gansel und Nicolai Riedel. Frankfurt a.M.: Lang 1996 (= Band 5). S. 27

[5] Neusüß, S. 187

[6] Theo Buck, S. 27

[7] Johnson, Uwe: Mutmassungen über Jakob. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000. S. 7 (im Folgenden mit „MüJ“ abgekürzt).

[8] Krellner, Ulrich: »Was ich im Gedächtnis ertrage«. Untersuchungen zum Erinnerungskonzept von Uwe Johnsons Erzählwerk. Würzburg: Königshausen & Neumann 2003 (Epistemata: Würzburger Wissenschaftliche Schriften; Band 430 – 2003). S. 84

[9] Neusüß, S. 185

[10] MüJ, S. 8

[11] Krellner, S. 85

[12] MüJ, S. 8

[13] MüJ, S. 8

[14] Popp, Hansjürgen: Einführung in Uwe Johnsons Roman „Mutmassungen über Jakob“. Stuttgart: Klett 1967. S. 92

[15] Jeßing, Benedikt: Konstruktion und Eingedenken. Zur Vermittlung von gesellschaftlicher Praxis und literarischer Form in Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ und Johnsons „Mutmassungen über Jakob“. Wiesbaden: DUV 1991. S. 184

[16] MüJ, S. 217

[17] „Mutmaßungs-Poetik“ in: Klaus, Annekatrin: »Sie haben ein Gedächtnis wie ein Mann, Mrs. Cresspahl!« Weibliche Hauptfiguren im Werk U. Johnsons. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999. (Johnson-Studien; Band 3). S. 137

Die Formel soll hier als Anspielung auf den Titel des Romans – Thema und Gegenstand umreißend – und im Hinblick auf das Erzählverfahren verstanden werden, das jedoch dem Autor nicht die von Ulrich Krellner eingeforderte „Allmacht als Organisator des Ganzen“ abzu-sprechen versucht, sondern abseits einer spekulierenden Haltung des Autors vielmehr die Begrenztheit aller Erzählerinstanzen (den auktorialen Erzähler auf Grund seiner Inkonsistenz implizierend) und der mitunter konträren, bruchstückhaften Erinnerungsleistungen aufzuzeigen versucht. Im Übrigen scheint mir Annekatrin Klaus zwar den Autor Johnson auf die Rolle des Chronisten zu begrenzen; sie steht damit aber für mich nicht wie für Krellner in der Kritik wegen ihrer angewandten Formel „Mutmaßungs-Poetik“, da sie scheinbar lediglich aufzeigt, dass „keine Aussage einer Person über eine andere als etwas Tatsächliches oder Endgültiges zu nehmen“ (ebd.) ist. Demnach scheint aber A. Klaus nicht den Autor in seinem Konzeptions- und Organisationsvermögen zu unterlaufen.

[18] Klaus, S. 122

[19] Vgl. dazu Leuchtenberger, Katrin: »Wer erzählt, muss an alles denken«. Erzählstrukturen und Strategien der Leserlenkung in den frühen Romanen Uwe Johnsons. Göttingen: Vandenhoeck & Reprecht 2003 (Johnson-Studien; Band 6). S. 129ff.

[20] Krellner, S. 45ff.

[21] Ebd. S. 61, wo er die Quantifizierung Borns angibt.

[22] Neumann, Bernd: Utopie und Mimesis. Zum Verhältnis von Ästhetik, Gesellschaftsphilosophie und Politik in den Romanen Uwe Johnsons. Kronberg: Athenäum 1978. S. 39

[23] Ebd. S. 39

[24] Fahlke, Eberhard: Die „Wirklichkeit“ der Mutmassungen. Eine politische Lesart der Mutmassungen über Jakob von Uwe Johnson. Frankfurt a.M.: Lang 1982 (Analysen und Dokumente; Band 4). S. 135

[25] MüJ, S. 226 – Diese Stelle scheint mir ferner als Beleg für die Relevanz der Figur Rohlfs auf den narrativen Duktus zu dienen: Alleine seine Irritation vermag unmittelbaren Einfluss auf die Kompositionsstruktur zu nehmen, indem es keine direkte Überleitung von Kapitel drei zu vier auf Grund des aussetzenden Dialogflusses gibt.

[26] Neumann, S. 38

[27] Krellner, S. 63

[28] MüJ, S. 294

[29] Alle drei Zitate aus MüJ, S. 277

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Zur Problematik der Wahrheitsfindung in Uwe Johnsons Roman "Mutmassungen über Jakob"
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Literatur des 20. Jahrhunderts (Teil III)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
28
Katalognummer
V25351
ISBN (eBook)
9783638280037
Dateigröße
797 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"...als ob die Dinge wären wie einer sie ansieht" - so heißt es in Johnsons "Mutmassungen über Jakob". Das Zitat steht programmatisch für die besondere Erzählstruktur, die in dieser Arbeit untersucht wird: Nachdem zunächst die Anlage der "drei Gesten des Erzählens" (Monologe, Dialoge, Erzählpassagen) analysiert wird,beschreibt die Arbeit daraufhin den Einfluss der Polyperspektivität auf die unterschiedlichen Wirklichkeitsauffassungen und Bilder des Sozialismus.
Schlagworte
Problematik, Wahrheitsfindung, Johnsons, Roman, Mutmassungen, Jakob, Literatur, Jahrhunderts, III)
Arbeit zitieren
Tim Brüning (Autor), 2004, Zur Problematik der Wahrheitsfindung in Uwe Johnsons Roman "Mutmassungen über Jakob", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25351

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