Städtische Geschichtsschreibung im späten Mittelalter. Herkunft, Bildung und Motive der Autoren


Seminararbeit, 2001

29 Seiten, Note: gut (2)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Autor und literarisches Zentrum

3. Stadtschreiber
3.1 Bezeichnung und literarischer Standpunkt
3.2 Offizielle-offiziöse Stadtgeschichtsschreibung
3.3 Berufsfeld
3.4 Stadtschreiber als Historiographen
3.5 Bildungsvoaussetzungen

4. Lehrer

5. Ratsangehörige und Bürgermeister
5.1 Standpunkt und Motive
5.2 Die Autobiographie des Bartholomäus Sastrow
5.2.1 Herkunft und Leben
5.2.2 Der Bildungsgang des Bartholomäus Sastrow
5.2.3 Beruf
5.2.4 Schlussbetrachtung: Der Aufstieg des Bartholomäus Sastrow

6. Geistliche

7. Motive und Begründungstraditionen

8. Schluss
Quellen und Literatur
Anhang

1. Einleitung

Die Frage nach spätmittelalterlicher Geschichtsschreibung ist nicht ausschließlich eine Frage nach den historiographischen Werken, sondern richtet sich auch auf die Personen, die als Geschichtsschreiber tätig wurden.

In dieser Arbeit geht es darum, die spätmittelalterlichen städtischen Geschichtsschreiber als Person zu betrachten. Ihre Herkunft, Bildung, berufliche Tätigkeit und Motive gilt es zu untersuchen, um ein Bild von ihrer Persönlichkeit und ihrer gesellschaftlichen Einbindung zu erhalten. Von dieser Perspektive aus wird ihre literarische Tätigkeit betrachtet.

Wenn es nicht möglich ist, „sine ira et studio“ Geschichte zu schreiben oder überhaupt literarisch tätig zu sein, gilt diese Behauptung auch für das Mittelalter. Eine wertfreie Geschichtsschreibung ist - wie in anderen Epochen - im Mittelalter undenkbar. Ein Mensch, der historiographisch tätig ist, bringt bewusst oder unbewusst seine perönlichen Vorraussetzungen in die Tätigkeit ein. Seine Herkunft, seine Lebens- und Berufszusammenhänge, seine Bildung, Weltanschauung und Motive bestimmen sein literarisches Werk.

Die gewisse Bildung der Autoren ist notwendige Bedingung für ihr literarisches Schaffen und bestimmt damit den Aussagewert ihrer Schriften. Bildung prägte die berufliche wie historiographische Tätigkeit.

Menschen sind den (äußeren) Bedingungen des Lebens ihrer Zeit unterworfen, die sich im literarischen Werk widerspiegeln. So finden sich beispielsweise in manchen Chroniken der Pestzeit, sofern sie überhaupt weitergeführt wurden, melancholische Züge.

Zu den Bedingungen, denen die Autoren unterworfen sind, zählt die Bedeutung der Städte, die Frage nach ihrer Unabhängigkeit, ihrer Wirtschaftskraft und ihrem Selbstverständnis. Der städtische Geschichtsschreiber, für den die Stadt Herkunfts- und Tätigkeitsort bedeutet, der in städtische politische Vorgänge involviert ist, sieht sich für seine historiographische Aufgabe einem spezifischen Aufgabenfeld gegenübergestellt. Das Anforderungsprofil ist ein anderes als beispielsweise das eines Hofhistoriographen. Autor und Stadt (als Herkunfts- und Tätigkeitsfeld), Person und literarisches Zentrum sind aufeinander zu beziehen.

Neben den Bedingungen, die aus der Bedeutung der Stadt erwachsen, denen die Autoren unterworfen sind, gibt es persönliche Determinanten, die das Werk der Autoren bestimmen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe prägt das Verständnis von Stadt, prägt das Geschichtsbewusstsein und besonders die Motivationslage für historiographische Produktionen.

Historiographie war nicht zweckfrei, sondern auf einen bestimmten Personenkreis ausgerichtet, dessen Meinungsbildung beeinflusst wurde. Ein enger Zusammenhang besteht demnach zwischen der Einbindung der Person des Autors in städtische politische Vorgänge und der Motivation zur Geschichtsschreibung. Die Motivationslage ergibt sich aus dem Ensemble der Bedingungen, denen der Autor unterworfen ist.

2. Autor und literarisches Zentrum

Das politische Entscheidungsgremium der Stadt ist der Rat. Er ist das Zentrum des politischen Lebens. Wenn jemand über die (politische) Geschichte der Stadt schreiben will, dann richtet er seine Darstellung auf das Zentrum politischer Aktion aus. Der Rat und das Personensystem, das zum Rat gehört, sind damit literarisches Zentrum stadtchronistischer Geschichtsschreibung.

Zwischen dem Historiographen und dem Entscheidungsgremium der Stadt besteht nicht nur hinsichtlich des historiographischen Bezugspunktes eine Verbindung: In der Regel gehören die Autoren selbst dem betreffenden personellen Verband an, auf den sie ihre Tätigkeit ausrichten. Dass ein Geschichtsschreiber von „außen“, also als Unparteiischer städtische Geschichtsschreibung verfasst, ist sehr selten. Wer Geschichte schreibt, wird dazu von den politischen Entscheidungsträgern beauftragt. Oder er ist beruflich in eine offizielle Stellung eingebunden, aus der heraus er historiographische Aktivität entfaltet. Er ist als Stadtschreiber oder in ähnlicher Funktion tätig. Beiden Personenkreisen ist gemeinsam, dass sie – mehr oder weniger direkt – dem Rat verpflichtet sind.

Eine Beziehung besteht zwischen Verwaltungstätigkeit und Historiographie: Historiographie hatte durchaus eine verwaltungsdienliche Funktion. So erklärt sich, dass auf die Personen, die für administrative Aufgaben zuständig waren, ein großer Teil der historiographischen Leistung entfällt.

Der städtische Geschichtsschreiber ist in der Regel in eine offizielle Stellung innerhalb der städtischen Entscheidungsorgane eingebunden. Er ist selbst Bürger, wie jene, über deren Geschichte er schreibt.[1]

3. Stadtschreiber

3.1 Bezeichnung und literarischer Standpunkt

Geradezu prädestiniert für historiographische Tätigkeit sind die Stadtschreiber. Sie gehören zu jener Gruppe lateinkundiger Stadtbewohner, die aufgrund ihres gesellschaftlichen Ranges und ihrer Bildung für literarische Aktivitäten in Frage kommen. Unter Stadtschreibern versteht man im engeren Sinn Ratsschreiber, Leiter der städtischen Kanzlei und deren Gehilfen. Im weiteren alle, die in der mittelalterlichen Stadt im amtlichen Auftrag schrieben, wie Zoll- oder Gerichtsschreiber.[2] Die Bezeichnungen für den Autorentyp des Kanzleibeamten variieren; man nannte sie notarius civitatis, notarius burgensium, protonotarius civitatis und stetschriber.[3]

Stadtschreiber sind als Schreiber für den Rat oder z.B. das Schöffenkolleg durch Dienstvertrag mit der Stadt in das städtische Leben integriert. Die starke Affinität zur städtischen Elite legt die Vermutung nahe, dass die literarische Produktion dieser Personengruppe auf die Bedürfnisse und das Selbstverständnis städtischer Institutionen, des Rates bzw. des Schöffenkollegs, ausgerichtet ist.[4] So lassen sich im Spätmittelalter Werke von Stadtschreibern finden, auf die diese Behauptung zutrifft: historische Berichte, Denkschriften, tagebuchartige Notizen über aktuelle Ereignisse und Chroniken, die eindeutig mit Kenntnis von städtischen Urkunden und Akten geschrieben wurden. Beispiele dafür sind: Konrad Justingers Chronik von Bern, Niclaus Rüschs Bericht über die Burgunderkriege, Peter Eschenlohers Breslauer Chronik.[5]

Diese historischen Arbeiten von Stadtschreibern sind inhaltlich auf die Stadt ausgerichtet. Sie stehen in enger Verbindung mit dem städtischen Rat und sind zum Teil im offiziellen Auftrag entstanden. Sie bestätigen meist die Politik der städtischen Entscheidungsträger und geben nicht selten Ratschläge und direkte Handlungsanweisungen. Stadtschreiber begleiten also die aktuelle Politik ihrer Stadt und schreiben lokalhistorische Dokumente, die dann den Mitgliedern der jeweils betreffenden städtischen Institution zugänglich gemacht werden.

3.2 Offizielle-offiziöse Stadtgeschichtsschreibung

Die Stadtschreiber des 14. Jahrhunderts bringen zum Teil sehr präzise ihre beruflichen Erfahrungen in ihre Werke ein und artikulieren das Selbstverständnis ihrer Behörde bzw. das des Rates. Diese Tatsache berechtigt jedoch nicht zu der Annahme, dass alle Stadtschreiberchroniken von vornherein für die Öffentlichkeit des städtischen Rats verfasst worden sind. Beispiele für stadtgeschichtliche Werke mit nicht-ratsöffentlichem Charakter sind die Limburger Chronik und die Magdeburger Schöppenchronik.[6]

Wenn jedoch im Auftrag des Rats von Stadtschreibern bestimmte städtische Ereignisse aufgezeichnet werden und die amtliche Seite an Profil gewinnt, verleiht dies dem Text offizielle Geltung. Menke spricht in diesem Zusammenhang von einer spezifisch städtischen Öffentlichkeit als Rezeptionsbasis. Darunter ist konkret das „Vorlesen“ im städtischen Rat bzw. Schöffenkolleg gemeint.[7] Die Lesung im Rat konstituiert die Meinungs- und Entscheidungsbildung dieser Behörde. Texte, die dem Rat vorgetragen werden, sind damit auf eine konkrete Gebrauchssituation ausgerichtet mit dem Ziel, die Meinung einer städtischen Behörde zu beeinflussen. Das Vortragen vor einer städtisch-institutionalisierten Öffentlichkeit stellt damit eine andere Kommunikationssituation dar als dies bei offiziösen Werken der Fall ist. Als Beispiel für offizielle Geschichtsschreibung ist wohl das Nuwe Boich zu nennen (Prosabericht über heftige Auseinandersetzungen in Köln, die dem Sieg der Zünfte 1396 vorausgegangen waren).[8]

In norddeutschen Städten treten im 14. und 15. Jahrhundert immer wieder Stadtschreiber als Historiographen auf. Sie schreiben in amtlichem Auftrag – wie in Lübeck – oder in privater Initiative. Die Grenzen zwischen amtlich und privat sind dabei daurchaus fließend.[9] Diese Tatsache erschwert bisweilen die eindeutige Zuordnung eines Werkes zum amtlichen oder privaten Bereich.

[...]


[1] Johanek, Peter: Hofhistoriograph und Stadtchronist, in: Autorentypen, hg. v. Walter Haug und Burghart Wachinger (Fortuna Vitrea, Bd. 6), Tübingen 1991, S. 58f.

[2] Honemann, Volker: Die Stadtschreiber und die deutsche Literatur im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit, in: Zur deutschen Literatur und Sprache des 14. Jahrhunderts. Dubliner Colloquium 1981, hg. v. Walter Haug (u.a.), Heidelberg 1983, S. 320.

[3] Peters, Ursula: Literatur in der Stadt. Studien zu den sozialen Voraussetzungen und kulturellen Organisationsformen städtischer Literatur, Bd.7), Tübingen 1983, S. 231.

[4] Ebd., S. 227.

[5] Ebd., S. 227f.

[6] Ebd., S. 240.

[7] Menke, Johannes Bernhard: Geschichtsschreibung und Politik in deutschen Städten des Spätmittelalters. Die Entstehung deutscher Geschichtsprosa in Köln, Braunschweig, Lübeck, Mainz und Magdeburg, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins 34/35 (1960), S. 164-67.

[8] Peters, Literatur, S. 240.

[9] Schmidt, Heinrich: Über Geschichtsschreibung in norddeutschen Städten des späten Mittelalters und der Reformationszeit, in: Stadt im Wandel. Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland 1150-1650, Bd. 3, hg. v. Cord Meckseper, Stuttgart-Bad Cannstatt 1985, S.631.

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Details

Titel
Städtische Geschichtsschreibung im späten Mittelalter. Herkunft, Bildung und Motive der Autoren
Hochschule
Universität Osnabrück  (Fachbereich Geschichte/Mittelalter)
Veranstaltung
Seminar Geschichtsschreibung im Mittelalter (Historiographie)
Note
gut (2)
Autor
Jahr
2001
Seiten
29
Katalognummer
V2543
ISBN (eBook)
9783638115438
ISBN (Buch)
9783656741848
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Städtische, Geschichtsschreibung, Mittelalter, Autoren, Herkunft, Bildung, Motive, Seminar, Geschichtsschreibung, Mittelalter
Arbeit zitieren
Andreas Gohmann (Autor), 2001, Städtische Geschichtsschreibung im späten Mittelalter. Herkunft, Bildung und Motive der Autoren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2543

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