Da aufgrund der gesteigerten Erwartungen der Abnehmer komparative Konkurrenzvorteile
auf Qualitäts- und Kostenebene allein häufig nicht mehr ausreichen, um im Wettbewerb
erfolgreich zu sein, sind Unternehmen immer häufiger gezwungen, sich durch
möglichst kurze Lieferzeiten positiv von der Konkurrenz abzuheben [BICH00, S. 238].
Gleichzeitig bedarf es einer immer größeren Produktvielfalt, um den Wunsch der Kunden
nach Individualität zu befriedigen. Um beiden Anforderungen, der zeitlichen so wie
der produktbezogenen Differenzierung gerecht werden zu können ohne dabei die
Kosten aus den Augen zu verlieren, ist eine ganzheitliche Analyse der gesamten Wertschöpfungskette vom Rohmateriallieferanten bis zum Endkunden im Sinne des
Supply Chain Management notwendig [BICH00, S. 239].
Um bestimmen zu können, welchen Teilprozessen innerhalb der Logistikkette bezüglich
des Problems der Lieferzeiten bzw. der Differenzierung besondere Aufmerksamkeit
gebührt, ist die Bestimmung des Order Penetration Point sinnvoll (OPP).
Wie die folgenden Definitionen zeigen, ist unter der Bezeichnung „Order Penetration
Point“ der zeitlich und räumlich bestimmte Punkt auf der Wertschöpfungskette zu
verstehen, an dem ein zuvor kundenunabhängiges Produkt auftragsspezifisch
weiterverarbeitet wird.
„Der OPP ist der Punkt auf der Wertschöpfungskette, bei dem ein spezifischer
Kundenauftrag einfließt“ [BICH00, S. 242].
„(Der) Order Penetration Point (ist) ein in den Dimensionen Raum und Zeit
beschriebener Punkt in der Wertschöpfungskette, jenseits dessen ein zuvor anonym
gefertigtes Produkt auftragsspezifisch weiterverarbeitet wird; mithin also der Punkt, an
dem eine prognosegetriebene Fertigung zu einer auftragsgetriebenen Fertigung wird“
[LOGI04a].
Der Order Penetration Point bestimmt somit den Grad der Orientierung der Produktion
an den kundenindividuellen Bedürfnissen und kennzeichnet folglich die Schwelle vom
Push- zum Pull-Prinzip. Der Produktionsprozess erhält seine Impulse durch den
Nachfragesog, nicht durch Bringkonzepte des Angebotsdrucks. Betriebliche Prozesse
werden zunehmend ausgehend von der Absatzseite verursacht, denn Güter die nicht
verkauft werden können, müssen auch nicht produziert werden [HEIS02, S. 16,
HAUP00, S. 191]. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Order Penetration Point – Definitionen und Bedeutung
2 Positionierung des OPP in der Wertschöpfungskette
2.1 Prognosegetriebene Massenfertigung
2.2 Auftragsfertigung
2.3 Auftragsbezogene Konstruktion
2.4 Mischtypen der Fertigung
2.4.1 Auftragsbezogene Distribution
2.4.2 Auftragsbezogene Endmontage
2.4.3 Mass Customization
2.5 Kriterien zur Identifizierung des OPP im Produktionsprozess
3 Auswirkung auf die Teilebevorratung
3.1 Materialbedarfsermittlung
3.1.1 Deterministische Bedarfsermittlung
3.1.2 Stochastische Bedarfsermittlung
3.1.3 Anwendungsgebiete der Methoden
3.2 Lagerhaltungspolitik
3.3 Teileklassifikation
3.3.1 ABC-Analyse
3.3.2 XYZ-Analyse
3.3.3 Klassifizierung in I-/II-/III- Teile
3.4 Steuerungssysteme
3.4.1 Kanban
3.4.2 MRPII
3.4.3 Just-in-time
4 Übersicht und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den "Order Penetration Point" (OPP) als entscheidenden Punkt in der Wertschöpfungskette, der den Übergang von kundenanonymer zu auftragsbezogener Fertigung markiert. Ziel ist es, die Auswirkungen der Positionierung dieses Punktes auf die strategische Ausgestaltung der Teilebevorratung, die Bedarfsermittlung und den Einsatz spezifischer Logistik-Steuerungssysteme zu analysieren.
- Definition und Bedeutung des Order Penetration Point
- Positionierungsstrategien in der Wertschöpfungskette
- Kriterien zur Identifizierung des OPP im Produktionsprozess
- Einfluss des OPP auf Beschaffung und Lagerhaltung
- Methoden der Bedarfsermittlung und Teileklassifikation
- Analyse von Steuerungssystemen wie Kanban, MRPII und Just-in-Time
Auszug aus dem Buch
2.4.3 Mass Customization
Der Sachverhalt der Mischform hat sich auch unter dem Begriff Mass Customization (kundenindividuelle Massenproduktion) durchgesetzt. Dieses Oxymoron soll verdeutlichen, dass es sich dabei um die Bemühung handelt, die zunächst scheinbar unvereinbaren Prinzipien und damit auch die Vorteile von „Mass Production“ und „Customization“ zu vereinen. Angestrebt wird mit diesem Produktionsansatz die möglichst präzise Erfüllung vieler verschiedener Kundenwünsche, also ein Höchstmaß an Individualisierung. Gleichzeitig soll die Effizienz bezüglich der Produktionskosten an die der reinen Massenproduktion heranreichen. Es werden also Qualitäts- und Kostenziele gleichzeitig verfolgt.
Jeder Kunde wird über geeignete Schnittstellen in den Wertschöpfungsprozess einbezogen. Durch Kombination standardisierter mit individualisierten Modulen entsteht ein kundenspezifisches Enderzeugnis. Das Ausmaß der Individualisierung ist hier gegenüber der reinen Auftragsfertigung jedoch eingeschränkt. Eine Differenzierung erfolgt anhand der Komponenten, die für den Kunden das höchste Maß an Relevanz aufweisen. Das Hauptziel dieses Konzepts ist die Fertigung individualisierter Leistungen mittels stabiler Produktionsprozesse. [PILL02, S. 4]. Die Strategie der Mass Customization wird u.a. von Herstellern wie Adidas, LandsEnd, Nike, Dell und Procter&Gamble erfolgreich verfolgt [PILL02, S. 5, 9].
Zusammenfassung der Kapitel
1 Order Penetration Point – Definitionen und Bedeutung: Einführung in die Notwendigkeit kürzerer Lieferzeiten und höherer Produktvielfalt sowie Definition des OPP als zeitlicher und räumlicher Entkopplungspunkt in der Wertschöpfungskette.
2 Positionierung des OPP in der Wertschöpfungskette: Untersuchung der verschiedenen Positionierungsstrategien zwischen den Extremen der prognosegetriebenen Massenfertigung und der auftragsbezogenen Konstruktion sowie Vorstellung von Mischformen.
3 Auswirkung auf die Teilebevorratung: Detaillierte Analyse der Konsequenzen der OPP-Position auf den Beschaffungsprozess, Methoden der Bedarfsermittlung, Lagerstrategien und Steuerungssysteme wie Kanban und JIT.
4 Übersicht und Zusammenfassung: Abschließende tabellarische Synopse der Abhängigkeiten zwischen der Position des OPP und betriebswirtschaftlichen Kriterien wie Kosten, Risiko und Durchlaufzeit.
Schlüsselwörter
Order Penetration Point, Wertschöpfungskette, Auftragsfertigung, Mass Customization, Teilebevorratung, Bedarfsermittlung, Lagerhaltungspolitik, Kanban, MRPII, Just-in-time, Supply Chain Management, Produktionssteuerung, Individualisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der logistischen und produktionstechnischen Schnittstelle zwischen kundenneutraler und kundenindividueller Fertigung, bekannt als Order Penetration Point.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Positionierung des OPP innerhalb der Wertschöpfungskette, die Auswirkung dieser Position auf Lagerstrategien sowie die Auswahl passender Methoden zur Bedarfsermittlung und Steuerung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Unternehmen durch die bewusste Steuerung des OPP einen optimalen Kompromiss zwischen Lieferfähigkeit, Kosten und Individualisierungsgrad finden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es erfolgt eine systematische Analyse logistischer Konzepte, die durch eine vergleichende Betrachtung von Produktionsstrategien (z.B. Push vs. Pull) und mathematisch-logistischer Klassifikationsmethoden ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Standortbestimmung des OPP, die Analyse von Mischformen wie Mass Customization und die detaillierte Darstellung von Beschaffungs- und Dispositionsverfahren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Order Penetration Point, Supply Chain, Lagerhaltung, Teileklassifikation und moderne Fertigungskonzepte geprägt.
Wie unterscheidet sich die deterministische von der stochastischen Bedarfsermittlung?
Während die deterministische Bedarfsermittlung auf konkreten Stücklisten und Produktionsprogrammen basiert, nutzt die stochastische Methode Vergangenheitswerte und Prognosen, um den zukünftigen Bedarf zu schätzen.
Welche Bedeutung hat die ABC-XYZ-Analyse für die Logistik?
Diese Analyse dient dazu, Teile nach ihrem Wert (ABC) und ihrer Bedarfskonstanz (XYZ) zu klassifizieren, um daraus die jeweils effizienteste Beschaffungs- und Lagerstrategie abzuleiten.
- Quote paper
- Christine Krätschmer (Author), 2004, Order Penetration Point - Übergang von der auftragsneutralen zur auftragsbezogenen Fertigung, seine Positionierung und Auswirkung auf die Teilebevorratung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25498