"...dass keiner mehr mit ihnen rede." Die Berichterstattung Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten während und nach dem Ungarnaufstand 1956


Forschungsarbeit, 2002
82 Seiten, Note: 6 (CH) = 1 (D)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Schweiz und der Ungarnaufstand im Kontext der Zeit
2.1 Politische Folgen der faschistischen Bedrohung
2.2 Die Gründung der Partei der Arbeit
2.3 Renaissance der „geistigen Landesverteidigung“
2.4 Der Antikommunismus in den 50er Jahren
2.5 Der Ungarnaufstand und die Hetzjagd auf Kommunisten

3. Besonderheiten medialer Krisenkommunikation
3.1 Verzerrte Berichterstattung in den Massenmedien
3.2 Medien in Krisenzeiten
3.3 Der Kalte Krieg und die Medien
3.4 Ungarn, die Schweizer Medien und der Aufbau des Ost-Instituts

4. Empirische Analyse der Berichterstattung im Herbst 1956
4.1 Methodisches Vorgehen
4.1.1 Hypothesenbildung
4.1.1.1 Zentrale Hypothesen für die bürgerlich-sozialdemokratische Presse
4.1.1.2 Unterhypothesen für die bürgerlich-sozialdemokratische Presse
4.1.1.3 Zentrale Hypothesen für die kommunistische Presse
4.1.1.4 Unterhypothesen für die kommunistische Presse
4.1.2 Untersuchungsgegenstand
4.1.3 Untersuchungszeitraum
4.1.4 Auswahl des Untersuchungsmaterials
4.1.5 Analyseeinheit
4.1.6 Kategoriensystem
4.1.7 Reliabilität
4.2 Ergebnis Hypothese 1: Kampagnenjournalismus gegen die PdA
4.2.1 Schwarz-Weiss-Malerei in NZZ und BT
4.2.1.1 Darstellung des Kapitalismus und des Kommunismus
4.2.1.2 Darstellung der Parteien in der NZZ und BT
4.2.1.3 Wenig differenzierte Berichterstattung
4.2.2 Emotionalisierung in NZZ und BT
4.2.2.1 Emotionalisierung in Artikeln der NZZ und BT
4.2.2.2 Emotionalisierung in Bildern der NZZ und BT
4.2.2.3 Emotionale Berichterstattung
4.2.3 Diffamierungen in NZZ und BT
4.2.4 Propagandistisch und diffamierend
4.3 Ergebnis Hypothese 2: Intensität der antikommunistischen Angriffe
4.3.1 Diffamierungen in NZZ und BT
4.3.2 Grad der Emotionalisierung in NZZ und BT
4.3.3 Grad der Personalisierung in NZZ und BT
4.3.4 Aufmachung der Artikel in NZZ und BT
4.3.5 NZZ-Kampagne war emotionaler und besser aufgemacht
4.4 Ergebnis Hypothese 3: Selektive antikommunistische Artikulation
4.4.1 Artikulationsmöglichkeiten in BT und NZZ
4.4.2 Berner Tagwacht vernachlässigte die Bürgerlichen
4.5 Ergebnis Hypothese 4: Kampagnenjournalismus gegen das Establishment
4.5.1 Schwarz-Weiss-Malerei im Vorwärts
4.5.1.1 Darstellung des Kapitalismus und des Kommunismus
4.5.1.2 Darstellung der Parteien im Vorwärts
4.5.1.3 Medien kamen schlecht weg
4.5.1.4 Sozialdemokraten und die sozialdemokratisch-liberale Presse im Visier
4.5.2 Emotionalisierung im Vorwärts
4.5.4 Diffamierungen im Vorwärts
4.5.5 Der Vorwärts setzte sich zur Wehr
4.6 Ergebnis Hypothese 5: Intensität der kommunistischen Angriffe
4.6.1 Diffamierungen in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.2 Grad der Emotionalisierung in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.3 Grad der Personalisierung in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.4 Aufmachung der Artikel in Vorwärts und NZZ/BT
4.6.5 Keine grossen Unterschiede
4.7 Ergebnis Hypothese 6: Selektive kommunistische Artikulation
4.7.1 Artikulationsmöglichkeiten im Vorwärts
4.7.2 Das Sprachrohr der PdA

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1 Kategoriensystem
7.2 SPSS-Datensatz auf Diskette

Grafikverzeichnis

Grafik 1: Zusammensetzung des Untersuchungssamples

Grafik 2: Negative Darstellungen von Parteien in NZZ und BT

Grafik 3: Anzahl an Emotionalisierungen in den Artikeln der NZZ und BT

Grafik 4: Anzahl an Emotionalisierungen in Bildern und Legenden der NZZ und BT

Grafik 5: Verteilung der zu Wort gekommenen Parteien in NZZ und BT

Grafik 6: Verteilung der zu Wort gekommenen Parteien aufgeteilt nach NZZ und BT

Grafik 7: Darstellung der Medien im Vorwärts

Grafik 8: Anzahl an Emotionalisierungen in den Artikeln des Vorwärts

Grafik 9: Verteilung der zu Wort gekommenen Parteien im Vorwärts

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Darstellung des Kapitalismus in NZZ und BT

Tabelle 2: Darstellung des Kommunismus in NZZ und BT

Tabelle 3: Darstellungen der Parteien in NZZ und BT

Tabelle 4: Anzahl der PdA-Diffamierungen in NZZ und BT

Tabelle 5: Vergleich der diffamierenden Artikel in NZZ und BT

Tabelle 6: Diffamierungsgrad in NZZ und BT

Tabelle 7: Emotionalisierungsgrad in den Artikeln der NZZ und BT

Tabelle 8: Emotionalisierungsgrad der PdA-Artikel in NZZ und BT

Tabelle 9: Personalisierungsgrad in den Artikeln der NZZ und BT

Tabelle 10: Personalisierungsgrad der PdA-Artikel in NZZ und BT

Tabelle 11: Auffälligkeit der emotionalisierenden und diffamierenden Artikel in NZZ und BT

Tabelle 12: Unterscheidung der Variablen der Auffälligkeit zwischen NZZ und BT

Tabelle 13: Darstellung des Kapitalismus im Vorwärts

Tabelle 14: Darstellung des Kommunismus im Vorwärts

Tabelle 15: Darstellungen der Parteien im Vorwärts

Tabelle 16: Anzahl der PdA-Diffamierungen im Vorwärts

Tabelle 17: Vergleich der diffamierenden Artikel im Vorwärts mit jenen in NZZ/BT

Tabelle 18: Diffamierungsgrad im Vorwärts und NZZ/BT

Tabelle 19: Vergleich des Emotionalisierungsgrades zwischen Vorwärts und NZZ/BT

Tabelle 20: Emo-Werte in der Partei-/Personenberichterstattung für Vorwärts und NZZ/BT

Tabelle 21: Personalisierungsgrad in den Artikeln des Vorwärts und der NZZ/BT

Tabelle 22: Personalisierungsgrad für Partei-/Personenberichterstattung in Vorwärts und NZZ/BT

Tabelle 23: Auffälligkeit der emotionalisierenden und diffamierenden Artikel in Vorwärts und NZZ/BT

Tabelle 24: Unterscheidung der Variablen der Auffälligkeit zwischen Vorwärts und NZZ/BT

Tabelle 25: Häufigkeiten der Variable emo

Tabelle 26: Häufigkeiten der Variable auffall

1. Einleitung

Im Sommer 2000 waren einige britische Pädophile Opfer einer medialen Hetzkampagne. Verschiedene Zeitungen veröffentlichten Fotos, Namen und vermutlichen Aufenthaltsort straffällig gewordener Personen. Mit der Forderung nach drakonischer Bestrafung der Delinquenten und immer lauterem Ruf nach Vergeltung heizten die Blätter die Atmosphäre an. Die Folge war ein Lynchjustiz-Klima in Grossbritannien. Es wurden mehrere brutale Gewaltdelikte gegen verurteilte Sexualstraftäter verübt. Auch nur unter Verdacht stehende oder unschuldige Personen waren Opfer von Attacken. Das ganze Treiben auf der Insel nahm Züge einer mittelalterlichen Hexenjagd an (NZZ 2000: 5).

Diese hysterischen Szenen muten aus schweizerischer Perspektive auf den ersten Blick befremdend an, scheinen doch solche Hetzjagden gegenüber Minderheiten in der Schweiz undenkbar. Allerdings genügt ein Blick in die jüngere Geschichte des Landes, um zu erkennen, dass auch Personen in der Schweiz schon auf ähnliche Art und Weise ins mediale und öffentliche Fadenkreuz geraten sind. Im Herbst 1956 schlugen sowjetische Truppen die ungarischen Aufständischen nieder, die sich gegen das stalinistische System aufgelehnt hatten. Die Schweizer Regierung, die Parteien und die Medien reagierten einerseits mit riesigen Solidaritäts- und Sympathiebekundungen für das gebeutelte ungarische Volk und andererseits mit einer Welle der Empörung gegen den Kommunismus. Die Wut und den Zorn bekamen besonders jene im Land zu spüren, die sich trotz der blutigen Ereignisse in Ungarn weiter zur kommunistischen Ideologie bekannten und der kommunistischen Partei der Arbeit treu blieben. Eingang in die Geschichtsbücher hat vor allem der Fall um den Thalwiler Kunsthistoriker Konrad Farner gefunden, der von der Neuen Zürcher Zeitung denunziert und darauf von einem versammelten Mob vor seinem Haus bedroht wurde. Viele andere Personen waren ebenso Repressalien, Drohungen oder gar physischer Gewalt ausgesetzt.

Eine massgebliche Rolle spielten bei der Anheizung des antikommunistischen Klimas die damals noch viel stärker an politische Parteien gebundenen Medien. Diese Arbeit hat daher zum Ziel, die Berichterstattung von Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten, beziehungsweise über die kommunistische Partei der Arbeit, während und kurze Zeit nach der Niederschlagung des Ungarnaufstandes genauer zu untersuchen. Es stellt sich dabei unter anderem die Frage, ob, und wenn ja inwiefern, sich die sozialdemokratische Presse in der Berichterstattung über den Kommunismus und kommunistische Personen von der bürgerlichen Presse unterschieden hat. Im Hintergrund steht die vom Soziologen Kurt Imhof vertretene Ansicht, dass der Antikommunismus in der heissen Phase des Kalten Krieges – analog dem Antifaschismus der 30er Jahre – das entscheidende, einende Element zwischen den vier grossen Schweizer Parteien war und zu einem Burgfrieden zwischen Sozialdemokratie und Bürgertum sowie zwischen Katholisch-Konservativen und Freisinnigen führte. Dies müsste sich in der Medienberichterstattung niedergeschlagen haben. Darüber hinaus ist von Interesse, wie die kommunistische Presse auf die medialen Angriffe und die antikommunistische Stimmungsmache reagierte.

Die Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In einem ersten historischen Theorieteil (Kapitel 2) soll ein Blick auf gewisse politisch-gesellschaftliche Begebenheiten der 40er und 50er Jahre in der Schweiz geworfen werden. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere die Geschichte der Gründung der Partei der Arbeit und ihre programmatische Ausrichtung sowie die Reaktionen der grossen Parteien auf den Kommunismus und seine Schweizer Repräsentanten unter dem Blickwinkel der bipolaren Weltordnung. Geschildert werden danach die Ereignisse im Herbst des Jahres 1956 in Ungarn und die innenpolitischen Folgen für die Schweiz nach der Niederschlagung des Aufstandes.

Ein darauf folgender medientheoretischer Teil (Kapitel 3) befasst sich hauptsächlich mit der Medienberichterstattung in Krisenzeiten, unter anderem auch während des Kalten Krieges. Der ungarische Aufstand und die gleichzeitige Eskalation am Suez brachten die Welt damals an den Rand eines atomaren Konflikts. Konkret geht es darum, ob die Berichterstattung der Medien in solchen Krisenlagen spezielle Züge oder Eigenarten aufweist und wo allenfalls die Unterschiede zur Berichterstattung in Friedenszeiten liegen. Kurz angesprochen werden auch noch einige Auswirkungen des Ungarnaufstandes auf das Schweizer Mediensystem sowie die mit Ungarn indirekt in Verbindung stehende Geschichte um den Aufbau des Ost-Instituts.

Kapitel 4 umfasst den Hauptteil dieser Arbeit, die Überprüfung und Auswertung von verschiedenen Hypothesen mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse, welche am Anfang des entsprechenden Kapitels genauer erläutert wird. Ein Fazit und abschliessende Bemerkungen folgen in Kapitel 5. Damit die Untersuchung intersubjektiv nachvollziehbar ist, beinhaltet der Anhang das Kategoriensystem mit den jeweiligen Codieranweisungen sowie den SPSS-Datensatz auf Diskette.

2. Die Schweiz und der Ungarnaufstand im Kontext der Zeit

Für ein besseres Verständnis der antikommunistischen Politik in der Nachkriegszeit folgen einige historisch geprägte Unterkapitel. Sie beschreiben die Situation und Politik der etablierten Parteien der Schweiz am Ende des Zweiten Weltkriegs und mit Beginn des Kalten Krieges sowie deren Reaktion auf die neu gegründete kommunistische Partei der Arbeit. Schliesslich folgt eine ausführliche Schilderung der Ereignisse im Herbst 1956.

2.1 Politische Folgen der faschistischen Bedrohung

Die Krisenlage der 30er Jahre und die Bedrohung durch den Nationalsozialismus und Faschismus hatte die Schweiz in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg zusammengeschweisst. Die ökonomischen Schwierigkeiten sowie die bedrohlichen Veränderungen in den Nachbarländern hatten dazu geführt, dass die Schweiz sich als „Schicksalsgemeinschaft und Willensnation“ neu entdeckte. Die politischen Folgen waren einschneidend. Die Ablehnung autoritärer Regime oder rassistischer Ideologien war begleitet von einem Aufbruch des erstarrten Klassenantagonismus, der Auflösung des Bürgerblockregimes, der Integration der Sozialdemokratie, der Erweiterung des Korporatismus und einer Skizzierung einer zukünftigen, von den grossen Parteien mitgetragenen Agrar-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die so genannte „geistige Landesverteidigung“ führte zu einer Konkordanzdemokratie, aus welcher die wesentlichen institutionellen Veränderungen im Hinblick auf eine soziale Marktwirtschaft hervorgingen. Sie zementierte aber auch das wiederentdeckte Bild des „Sonderfalls“ Schweiz (Imhof 1996a: 35f.).

Dieser Konsens der wichtigsten Parteien hielt jedoch nicht sehr lange an. Die systematische Ausgestaltung eines neuen Gesellschaftsmodells war sehr unpräzise formuliert und zudem widersprüchlich, da einerseits die ökonomische und rechtliche Stärkung des Bundes zur Umsetzung der sozialmarktwirtschaftlichen Politik propagiert, aber andererseits der nicht anzutastende Föderalismus verklärt wurde. Ausserdem erfolgte der Einbezug der Sozialdemokratie in die Regierung im Jahr 1943 (zu) spät. Der „Pathos der nationalen Verständigung“ wich einem „Burgfrieden“, wie es die sozialdemokratische Zeitung Berner Tagwacht damals mehrfach nannte, und führte schliesslich in eine konfliktträchtige Nachkriegsdiskussion (Imhof 1996a: 55). Diese entbrannte bereits 1942, also zu einem Zeitpunkt, wo die existenzielle Bedrohung der Schweiz durch den Nationalsozialismus nachgelassen hatte und allmählich die Niederlage der Achsenmächte absehbar wurde.

2.2 Die Gründung der Partei der Arbeit

Als erste politische Kraft verliessen die Sozialdemokraten das Konsensboot, besannen sich wieder mehr auf sozialistisches Gedankengut und versuchten damit die Quadratur des Kreises: Sie beteiligten sich an der Regierung und arbeiteten gleichzeitig für eine sozialistische „Neue Schweiz“ (Imhof 1996a: 76). Diese neue Ausrichtung verhalf der politisch Linken zu einem gewaltigen Aufschwung. SP und Gewerkschaften gewannen sprunghaft Mitglieder. Ebenso konstituierten sich neue soziale Bewegungen links der SP, die sich im Oktober 1944 in der Gründung der Partei der Arbeit der Schweiz (PdAS) institutionalisierten. Ihre Mitglieder rekrutierten sich aus der im Krieg verbotenen Kommunistischen Partei, verschiedener linkssozialistischer Kräfte und einer grossen Mehrheit bisher politisch nicht organisierter, kommunistischer Sympathisanten. Dieses Amalgam war der Grund dafür, dass sich in der neuen Partei zu Beginn keine kohärente Ideologie etablierte; vielmehr war die PdA in ihrer Geburtsstunde für viele Strömungen offen (Rauber 2000: 49).

Die Mitgliederzahl stieg bis Mitte 1946 auf über 20'000 und die Partei konnte ein Jahr später bei den Nationalratswahlen 5,1 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, was sieben Sitze einbrachte. Besonders spektakulär waren die kantonalen und kommunalen Wahlerfolge der PdA, die ausser dem Landesring die einzige oppositionelle Kraft im Land war. In Genf erreichte sie 1945 bei den Grossratswahlen sensationelle 36 Prozent (im Gegensatz dazu die SP neun Prozent); auch in der Waadt gewann die PdA mehr Stimmen als die Sozialdemokraten. In der Deutschschweiz gelangen der kommunistischen Partei besonders in den städtischen Agglomerationen beachtenswerte Wahlerfolge. Bei den Grossratswahlen in Basel-Stadt im Jahr 1947 erreichten sowohl PdA wie SP etwa einen Viertel der Stimmen. Mit 33 Abgeordneten zogen die Sozialdemokraten in den 130 Mitglieder zählenden Rat – nur gerade mit zwei mehr als die Kommunisten (Rauber 2000: 68).

Mit dem Beginn antikommunistischer Stimmungsmache übernahm die PdA zusehends die fluktuierenden Positionen Moskaus, was ihr den Namen „Partei des Auslands“ einbrachte. Der Soziologe Kurt Imhof spricht in diesem Zusammenhang von einem „Selbstausgrenzungsprozess“ (Imhof: 1996b: 243). Zudem wurde die Partei von Skandalen erschüttert, beispielsweise das Finanzdebakel um den Parteisekretär Karl Hofmeier, der in den Aufbau einer einheitlichen kommunistischen Presse in der Schweiz investierte, jedoch Konkurs erlitt. Dies brachte der Partei eine weitere spöttische Bezeichnung ein: „Partei der Affären“. Parteiaustritte häuften sich und die PdA verlor ab dem Jahr 1947 viele Wähler-Sympathien. Bei den Nationalratswahlen 1951 büsste die Partei fast die Hälfte der Stimmen ein und erreichte noch 2,7 Prozent (Rauber 2000: 69-71 und 89f.).

Konfrontiert mit der PdA wandte sich der programmatische Diskurs in der Sozialdemokratie aber nicht sogleich in erster Linie gegen den politischen Widersacher am linken Rand. In klassenkämpferischem Ton betonte beispielsweise die Berner Tagwacht kurz vor der Gründung der PdA, dass der Klassenfeind rechts stehe. In den ersten Nachkriegsjahren verschrieb sich das sozialdemokratische Organ dem Antiamerikanismus im Rahmen des Ost-West-Gegensatzes (Imhof 1996a: 80).

Die bürgerlichen Parteien lehnten die Partei der Arbeit von Anfang an ab und übten an ihr harsche Kritik. Katholisch-konservative Kreise hatten mit Hitlers Ostfeldzug gar die Hoffnung gehegt, dass der Bolschewismus vernichtet werde. Entsprechende Panik machte sich Anfang 1945 breit, als die Sowjetunion zum Angriff auf Berlin blies. Der drohende „Untergang des Abendlandes“ und die „Revolutionsgefahr“, wie das konservative Vaterland titelte, führten zu einem entschiedenen Antikommunismus der Konservativen. Auch das freisinnige Leitmedium NZZ nahm nach der Fulton-Rede Churchills im Januar 1946 das neue Feindbild wahr (Kleger 1996: 130 und Imhof 1996a: 64).

2.3 Renaissance der „geistigen Landesverteidigung“

Der Ost-West-Dualismus beherrschte nach dem Krieg das Denken der Leute. Die Schweiz wurde davon nicht verschont, ganz im Gegenteil. Kurt Imhof meint, dass die Schweiz für den Kalten Krieg geradezu „prädisponiert“ war. Die Gründe dafür sieht er unter anderem in der Entdeckung der schweizerischen Eigenart vor und während des Zweiten Weltkriegs sowie einer Analogie der politischen Auseinandersetzungen in der Nachkriegszeit mit jenen der 30er Jahren. Die drei grossen Parteien standen erneut in einem labilen Dreiecksverhältnis, das erst durch eine Wiedergeburt der geistigen Landesverteidigung gefestigt wurde. Das erneute Einschwenken auf eine Konkordanz unter dem Eindruck eines gemeinsamen Feindbilds (Kommunismus) erfolgte als seitenverkehrte Wiederholung der politischen Ausmarchung in der Zwischenkriegszeit (Imhof 1996b: 179f.).

Vor dem Krieg hatte die Sozialdemokratie die „faschistische Gefahr“ beschworen, während die Katholisch-Konservativen am längsten mit der Frontenbewegung sympathisierten, ehe sie auf die geistige Landesverteidigung einschwenkten. Ab Mitte der 40er Jahre war es nun die KVP, die sich angesichts der Angst vor der Sowjetunion und der kommunistischen Ideologie für einen „Verständigungswillen“ einsetzte. Derweil war die Sozialdemokratie im Dilemma; sie beurteilte die Sowjetunion anfangs uneinheitlich. Zwiespältig blieb vorerst auch die sozialdemokratische Haltung zu der PdA, die sich in der zweiten Hälfte der 40er Jahre klar nach Moskau ausrichtete (Bretscher-Spindler 1997: 126).

Ein erster deutlicher Wendepunkt stellte der Umsturz in der Tschechoslowakei im Februar 1948 dar, als die Kommunisten in der Regierung die Überhand gewannen. Der Machtwechsel war begleitet von der Verhaftung potenzieller Oppositioneller, der Gleichschaltung der Medien und einer unduldsamen Kirchenpolitik. Die SPS distanzierte sich vehement von diesen Vorgängen und bekämpfte in der Folge die Politik der Kominform (Kommunistisches Informationsbüro), das Stalin als Instrument zur Durchsetzung seiner Politik in den östlichen Blockstaaten gegründet hatte. Die Partei der Arbeit hingegen begrüsste den Umsturz und schickte dem tschechoslowakischen Kommunistenführer Gottwald ein Glückwunschtelegramm (Bretscher-Spindler 1997: 128).

Die Berlinkrise im gleichen Jahr und die Gründung der NATO 1949 verstärkte die Orientierungslosigkeit der Sozialdemokratie in der zunehmenden Schärfe der Ost-West-Konfrontation. Zwischen 1947 und 1950 durchdrang der Kalte Krieg ausnahmslos jede politische Kommunikation. Die Sozialdemokratie konnte ihre Position des „Weder Ost noch West“ wegen mangelhafter Programmatik und fehlender Kraft angesichts der Entfesselung eines wilden Antikommunismus von bürgerlicher Seite nicht halten. Es fehlte an exakten Inhalten, wo der gesuchte Weg, die sozialistische „Neue Schweiz“, hinführen sollte (Imhof 1996b: 221f.).

Der Koreakrieg 1950, der die Welt an den Rand eines apokalyptischen Weltkriegs trieb, beendete den Schlingerkurs der SPS endgültig. Sie schloss sich als letzte grosse politische Kraft einem neuen nationalen Konsens an. Antiamerikanische Positionen gehörten der Vergangenheit an, sie wichen „einem messianischen Proamerikanismus“. In dem Klima einer hoch moralischen Polarität von Gut und Böse distanzierte sich die Sozialdemokratie sowohl vom äusseren Feind Moskau als auch vom inneren Feind, der Partei der Arbeit. Die geläuterte Sozialdemokratie griff wie in den 30er Jahren und in den Krisenzeiten des Krieges die geistige Landesverteidigung „in allen ihren Komponenten auf“. Am ausserordentlichen Parteitag „Für militärische und soziale Landesverteidigung“ im März 1951 bekannte sich die SPS zur militärischen Aufrüstung. Die Diskussionen kreisten nur noch darum, wer die Lasten der Rüstungsausgaben zu tragen habe (Imhof 1996b: 234-239).

Das Leben und die Politik war im folgenden Jahrzehnt geprägt durch Konformität und Konsens. Grosse kontroverse Diskussionen fehlten ebenso wie eine wirksame politische Opposition. Der Rückzug ins helvetische Selbstverständnis „legitimierte geistiges Stillesitzen und einen letztlich bequemen Grabenkampf gegen den bösen Feind aus dem Osten“ (Tanner 1994: 44).

2.4 Der Antikommunismus in den 50er Jahren

Der Antikommunismus war das konstitutive Element des nationalen Konsenses und der geistigen Landesverteidigung ab dem Koreakrieg. Ein Faktum spielte beim Zustandekommen einer gemeinsamen Position gegen die kommunistische Ideologie eine massgebliche Rolle. Das Leben in den 50er Jahren war spätestens nach Korea geprägt von der stetigen Angst eines heissen Krieges zwischen Ost und West.

Der Ethnopsychoanalytiker Mario Erdheim macht zwei Formen der Reaktion dieses „Zeitalters der Angst“ aus: Die eine Form witterte in paranoider Vorstellung überall die kommunistische Gefahr und rückte Personen und Institutionen mit abweichenden Meinungen in die Nähe des Kommunismus. In mancherlei Hinsicht, so Erdheim, erinnerte diese Situation an die Problematik der Hexenjagd. Diesem so genannten McCarthyismus, benannt nach dem bekannten amerikanischen Senator McCarthy, stand ein anderes Extrem gegenüber. Die Position nämlich, jede reale Gefahr zu leugnen, die kommunistische Aggression abzustreiten und überall eine faschistische Restauration zu vermuten. Differenzierte Ansichten waren sehr spärlich verbreitet; es fiel den Menschen schwer, eine gemässigte Haltung einzunehmen (Erdheim 2000: 66). Vor diesem Hintergrund müssen die zahlreichen antikommunistischen Massnahmen im Westen und in der Schweiz beurteilt werden, genauso wie die Moskau-Orientierung der Partei der Arbeit.

Schon vor dem Eintritt der Sozialdemokratie in das antikommunistische Bündnis hatte die Überwachung und Fichierung von Schweizer Kommunisten begonnen. In Zusammenarbeit mit den Kantonalpolizeien überwachte die Bundespolizei unter anderem alle öffentlichen Veranstaltungen der PdA und die kommunistische Zeitung „Vorwärts“ (Rauber 2000: 122). Auch verschiedene private Organisationen, wie der 1948 gegründete Schweizerische Aufklärungsdienst (SAD) widmeten sich ebenfalls dem Kampf gegen die kommunistische Infiltration. Der Staat unterstützte diese zivile Organisation in den ersten Jahren sporadisch, ab 1955 dann regelmässig mit finanziellen Mitteln. Schon früh fand auch ein Austausch von Informationen (Schnüffeleien) zwischen dem Dienst und den Behörden statt (Bretscher-Spindler: 208-211). Mit dem Eintritt der Sozialdemokratischen Partei in die Phalanx gegen die „Rote Gefahr“ intensivierten sich die antikommunistischen Massnahmen. Es wurden Telefone abgehört, Postfächer überprüft und Spitzel rekrutiert, welche die Tätigkeiten von PdA und ihren Mitgliedern ausspionierten und den Behörden Bericht ablegten. Der Bundesrat legte im Herbst 1950 Bestimmungen vor, nach denen Beamte und Angestellte des Bundes, die einer staatsfeindlichen oder extremistischen Organisation angehörten, aus dem Arbeitsverhältnis entlassen werden konnten. Im Januar 1951 erliess der Bundesrat die „Verordnung über die Wahrung der Sicherheit des Landes“. Diese Verordnung unterlag der Geheimhaltung und bildete die Grundlage für die Fichierung verdächtiger Personen in den kommenden Jahrzehnten (Rauber 2000: 121).

Die Partei der Arbeit war neben den antikommunistischen Massnahmen auch durch interne Querelen angeschlagen. Nach dem Ausschluss von Parteipräsident Léon Nicole, der einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte, dass sich die Partei an Stalins Politik orientierte,[1] beruhigte sich die Lage für die angeschlagene Partei. Nach dem Tode Stalins 1953 und einer leichten internationalen Entspannung gelang es der PdA bei den Nationalratswahlen im Herbst 1955 ihre Wählerstimmen zu konsolidieren. Verglichen mit den kommunistischen Wähleranteilen in Ländern wie Frankreich und Italien war das Wahlresultat der Schweizer Kommunisten jedoch sehr bescheiden. Sie erreichten ganze 2,6 Prozent der Stimmen (Rauber 2000: 185). Die Enthüllungen am 20. Parteitag der KPdSU im Frühling 1956, wo einige Verbrechen Stalins offenkundig wurden, versetzten die Schweizer Kommunisten erneut in eine Krise. Existenziell bedroht war die Partei dann aber am Ende des Jahres 1956, als die Sowjetunion den ungarischen Aufstand niederschlug.

2.5 Der Ungarnaufstand und die Hetzjagd auf Kommunisten

Am 23.Oktober 1956 fand in Budapest eine Demonstration statt, die sich am Abend und in der Nacht zu einem spontanen Aufstand gegen das verhasste stalinistische Regime ausweitete und schliesslich ganz Ungarn erfasste. Von der Regierung zu Hilfe gerufene sowjetische Truppen mussten sich nach blutigen Kämpfen fürs erste zurückziehen. Das politische Ruder übernahm Imre Nagy, der eine Mehrparteienregierung bildete, den Staatssicherheitsapparat auflöste und die Abhaltung von freien Wahlen versprach. Nagy erklärte darüber hinaus Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt und verkündete die Neutralität des Landes (Alföldy 1997: 24-32).

Am 4. November rückte die Rote Armee erneut in Budapest ein, um die ungarische Freiheitsbewegung niederzuschlagen, die Regierung Nagy zu entmachten und ein willfähriges Marionettenkabinett dafür einzusetzen. Zugute kam der Sowjetunion die Ende Oktober zum Krieg eskalierte Suezkrise, die den Weltfrieden einmal mehr zu bedrohen schien und das internationale Hauptaugenmerk kurzfristig von Osteuropa weg in den Nahen Osten gelenkt hatte. Trotz erbitterter Gegenwehr konnten die ungarischen Freiheitskämpfer gegen die Übermacht nichts ausrichten und mussten sich nach einer Woche ergeben. Janos Kádár wurde neuer Ministerpräsident und übte in den folgenden Monaten und Jahren an den Aufständischen harte Vergeltung. Die Führer des Aufstands, unter ihnen auch Imre Nagy, wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. In den Jahren 1957-1959 vollstreckte das Kádár-Regime an die 400 Todesurteile. Etwa 100'000 Personen waren nach den Ereignissen in Ungarn unterschiedlichsten Repressalien ausgesetzt, 26'000 Personen kamen ins Gefängnis (Alföldy 1997: 39).

Die schweizerische Bevölkerung hatte seit Beginn des ungarischen Aufstandes die Entwicklungen in Osteuropa intensiv und mit Bangen und Hoffen verfolgt. Bereits in den ersten Tagen, als die ungarische Grenze noch offen war, brachten Zürcher Studenten Medikamente und Lebensmittel nach Ungarn. Die Niederschlagung des Aufstandes durch die Sowjetunion führte in der Schweiz zu einer riesigen Empörung. Die darauf spontan lancierten Hilfsaktionen der Schweiz waren zahlreich und offenbarten eine unbeschreibliche Solidaritätswelle mit den ungarischen Freiheitskämpfern. Die Grenzen für ungarische Flüchtlinge wurden schon am 6. November bereitwillig geöffnet. Viele Schweizer Familien offerierten, Vertriebene bei sich aufzunehmen. Bis Anfang Februar 1957 gingen 6,5 Millionen Franken an Geldspenden für Ungarn ein, die äusserst erfolgreichen Kleider-, Schuh- und Wolldeckensammlungen nicht eingerechnet. Das Schweizerische Olympische Komitee sagte die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Melbourne ab und am 20. November 1956 wurden im ganzen Land drei Minuten des Schweigens angeordnet (Cattani 1996: 55).

Die Empörung über die Sowjetunion und den Kommunismus trieb den Antikommunismus im November 1956 zu einem bis anhin nicht gekannten Höhepunkt und führte besonders in der Deutschschweiz zu pogromartigen[2] Szenen gegen bekennende Kommunisten (Rauber 2000: 203). Der Anlass für die antikommunistische Hysterie lag vor allem in den Stellungnahmen der Partei der Arbeit zu den Vorgängen in Ungarn. Die PdA-Positionen waren nicht immer frei von Widerspruch. Während die PdA Schweiz in ihrer Erklärung vom 28. Oktober zum Beginn des Aufstandes von „gegenrevolutionären Elementen“ sprach, die „eine berechtigte Missstimmung im Volke“ ausgenützt hätten und nun die „Zerstörung der sozialistischen Gesellschaft“ anstrebten (Vorwärts 1956a: 1), übte die PdA Basel-Stadt in ihrer Stellungnahme auch Eigenkritik:

„Die Partei der Arbeit hat sich in der Vergangenheit aus falscher Gläubigkeit und übergrosser Bewunderung der historischen Leistungen der Sowjetunion [...] verleiten lassen, sich mit Entscheidungen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion zu solidarisieren, welche sich als schwerste Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit und des Prinzips der Gleichberechtigung und der Unabhängigkeit der sozialistischen Staaten herausgestellt haben“ (Vorwärts 1956b: 1).

Die Rolle der PdA hinsichtlich der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes war jedoch ohne Zweifel ambivalent. Es fehlte eine klare, vorbehaltlose Verurteilung der sowjetischen Aktion. Viele PdA-Mitglieder erklärten den Parteiaustritt. Im Basel verliess fast die Hälfte der PdA-Parlamentarier des Grossen Rats ihre Partei.[3] Dies hiess aber nicht, dass die Verbliebenen sich jeder kritischen Stimme gegenüber der Sowjetunion widersetzten. Nach der Meldung der Verhaftung Nagys schrieb Nationalrat Marino Bodenmann im Vorwärts: „Wenn die Darstellung [...] den Tatsachen entspricht, so handelt es sich um einen Vorgang, den wir schärfstens missbilligen und verurteilen“ (Bodenmann 1956: 1). Auch wiesen die Kommunisten auf den Umstand hin, dass vergleichbare Interventionen des Westens keine Proteste auslösten (Vorwärts 1956c: 3). Solche kritischen Stellungnahmen gingen in der antikommunistischen Stimmung aber völlig unter.

Hartnäckig hatte sich vielmehr das (Medien-)Gerücht gehalten, Zürcher PdA-Abgeordnete hätten die Meldung des sowjetischen Einmarsches in Budapest bejubelt (NZZ 1956a: 14). Diese Meldung war trotz zweifelhaften Wahrheitsgehaltes[4] in fast allen Medien verbreitet worden. Die darauf einsetzenden Hetzkampagnen mündeten mitunter in gewalttätige Ausschreitungen gegen kommunistische Politiker.

Bekanntheit hat der Fall des Thalwiler Politikers Konrad Farner erlangt. In der Partei der Arbeit war angesichts der initiierten Kampagne und der schwerwiegenden internen Probleme eine Diskussion um die Auflösung der nationalen Partei entbrannt, worauf unter anderem der Kunsthistoriker Konrad Farner, ein Exponent der Zürcher PdA und während dem Ungarnaufstand in Ostberlin weilend, die Genossen zum Ausharren in der Partei aufgefordert hatte. Die NZZ veröffentlichte am 13. November 1956 einen Artikel über die „Krise in der PdA“. Darin war zu lesen, dass führende Parteipolitiker untergetaucht seien, um den „unbequemen Fragen an der Wohnungstüre und am Telephon zu entgehen“. NZZ-Inlandredaktor Ernst Bieri fuhr folgendermassen fort: „Doch vielleicht kann an ihrer Stelle Dr. Konrad Farner Auskunft geben; er ist jetzt zurück aus Berlin und wohnt in Thalwil an der Mühlebachstrasse 11“ (NZZ 1956b: 3). Fast gleichzeitig publizierte eine anonyme Aktion „Frei sein“ in einem lokalen Anzeigerblatt in Thalwil ein halbseitiges Inserat, in welchem Farner als Chefideologe der Kommunisten denunziert wurde.

Noch am selben Tag versammelte sich eine empörte Menschenmenge vor Konrad Farners Haus, bewohnt auch von seiner Frau und seinen Kindern, und demonstrierte lautstark gegen den Politiker. Seine Hausfassade wurde mit Schriftzügen wie „Kreml“ verunstaltet. Die Menge schrie unter anderem „Hängt ihn“. Erst als es einigen Demonstranten gelang, die eichenschwere Eingangstüre einzudrücken, schritt schliesslich die Polizei ein. Das lokale Gewerbe erklärte Boykotte für die Familie, und ein Schulbesuch war für Farners Kinder nicht mehr möglich, da sie auf der Strasse bespuckt und mit Steinen beworfen wurden. Vor dem Anwesen wurde ein grosses Schild errichtet mit den Worten: „Nicht vergessen! In dieser Strasse wohnt ein Dr. Konrad FARNER, der die kommunistische Tyrannei in der Schweiz errichten will. Er und wer mit ihm verkehrt, sei von allen Freiheitsliebenden verachtet“. Die Familie verliess Thalwil und ging für zwei Jahre ins Tessin ins Exil. Die Tafel blieb über zehn Jahre an ihrem Ort und wurde erst nach Farners Austritt aus der PdA nach dem Prager Frühling im Jahr 1969 entfernt (Farner 1976: 41f. und Maissen 2001: 15).

Doch nicht nur die NZZ und bürgerliche Kreise hetzten gegen führende Köpfe des Schweizer Kommunismus. Auch der damalige VPOD-Sekretär, Grossratsabgeordnete und spätere Parteipräsident der SPS, Helmut Hubacher, wetterte in einem Artikel der Basler Arbeiter-Zeitung gegen die PdA-Exponenten mit deutlichen Worten:

„Wer jetzt noch Mitglied der PdA bleibt, gleichgültig, welchen internen opportunistischen ‚Kurs’ er einhält, bekennt sich als Anhänger der russischen Mordgesellen am ungarischen Volk. [...] Die PdA hat nur einen Daseinszweck: Werkzeug Moskaus zu sein. Die korrupten Hauptfunktionäre dieser Partei, die mit russischem Geld gekauft sind und sich dafür mit Leib und Seele Moskau verschrieben haben, bleiben Mitglieder der PdA, um weiterhin Verräter, Spione, Agenten und Söldlinge einer ausländischen Macht zu bleiben. Da wir in einer Demokratie leben, wird auch dieses Gesindel von unserer Polizei geschützt. Nur diesem Umstand haben es die Bodenmann, Stohler, Stebler, Krebs, Dübi und alle andern zu verdanken, dass ihnen ob der Volkwut die Augen nicht blau werden. Verachtung, wie sie Mördern und Verbrechern gegenüber herrschen muss, wird sie trotzdem strafen. Dass keiner mehr mit ihnen rede, dass keiner mehr ihnen die Hand drücke, dass jeder sie hasse und ihnen seine Empörung augenfällig zeige, bleibt unser Wunsch. Unsere Abrechnung muss auf diese zugegebenermassen viel zu humane Weise geschehen.“ (Hubacher 1956: 5)

Kommunisten, die entschieden hatten, der PdA die Stange zu halten, erlebten massive Drohungen. Besonders wild griff die antikommunistische Hetzjagd in der Deutschschweiz um sich. Es gab Ärzte die sich weigerten, Kommunisten zu behandeln. Den Berner PdA-Nationalräten war es während der Wintersession nicht möglich in Bern zu übernachten, da sie in keinem Hotel ein Zimmer bekamen. Einige Gewerkschaften fassten den Beschluss, Angehörige der Partei der Arbeit aus ihren Organisationen auszuschliessen. Kommunisten verloren teilweise sogar ihre Stelle oder ihre Wohnung.[5]

Die Partei der Arbeit hatte zwar knapp überlebt, die schwere Krise hinterliess jedoch deutliche Spuren. Nach 1956 verlor die PdA weiter an Wählerstimmen und erreichte nie mehr nur annähernd jene oppositionelle Stärke, die sie in den 40er oder frühen 50er Jahre inne hatte. Der Antikommunismus verlor erst mit dem Vietnamkrieg an Virulenz. Die Politik des Westens, speziell der USA, wurde also erst etwa Mitte der 60er Jahre kritisch bewertet (Imhof 1996b: 245f.).

3. Besonderheiten medialer Krisenkommunikation

Für eine Medienanalyse rund um die Ereignisse um Ungarn ist der Tatsache Rechnung zu tragen, dass damals das Umfeld der Nachrichtenberichterstattung durch den Kalten Krieg bestimmt war. Der Herbst 1956 war geprägt durch die Krise am Suez und die Krise um Ungarn. Eine Eskalation eines Krisenherdes konnte die Welt an den Rand eines Dritten Weltkriegs bringen. In diesem Kapitel ist daher zu fragen, wie Massenmedien generell informieren, speziell aber wo die Besonderheiten in der Medienberichterstattung während Kriegen oder Krisen liegen. Abschliessend folgen einige kurze Bemerkungen zu den Auswirkungen der Geschehnisse in Ungarn auf das Schweizer Mediensystem.

3.1 Verzerrte Berichterstattung in den Massenmedien

Die Vorstellung, dass moderne Massenmedien in friedlichen oder vermeintlich sicheren Zeiten in ihrer Berichterstattung die realen Gegebenheiten wirklichkeitsgetreu widerspiegeln würden, ist empirisch seit langem widerlegt. Medien kreieren eine eigene Realität, die mit der objektiven Wirklichkeit nicht viel zu tun hat.

Massenmedien werden beispielsweise mit einem Bombardement von Nachrichten, Botschaften, Stellung­nahmen und Mitteilungen eingedeckt. Die Forschung hat ergeben, dass die (notwendige) Selektion von Nachrichten einerseits Produktions-, Zeit- und Kapazitätsvorgaben unterliegt. Andererseits scheinen in der Nachrichtenauswahl gewisse Kriterien eine Meldung beachtenswert, interessant und schmackhaft zu machen. Die Nachrichtenforschung beschreibt mehrere solcher Kriterien, die so genannten Nachrichtenfaktoren. Drei von 18 Nachrichtenfaktoren, die Burkart aufzählt, sind zum Beispiel die regionale, politische oder kulturelle Nähe eines Ereignisses. Je näher ein Ereignis ist, desto wahrscheinlicher berichtet ein Medium darüber. Andere Faktoren wie die Relevanz, Valenz oder die Dynamik eines Ereignisses bestimmen die Auswahl im gleichen Sinn. Diese Akzentuierungen durch die Medien führen insgesamt zu einer stark verzerrten Wiedergabe der Realität (Burkart 1998: 275-277 und Schulz 1997a: 70-72).

Im gesamten Nachrichtenbild drücken sich darüber hinaus politische und ideologische Orientierungen aus, zum Beispiel die Grundrichtung einer Zeitung oder die Wertorientierungen der Berufsgruppe der JournalistInnen. Besonders bei kontroversen Themen lässt sich häufig nachweisen, dass die Berichterstattung, gemeint sind Meldungen und Berichte, politisch gefärbt und den im Kommentarteil ausgedrückten Positionen angeglichen ist. Eine absolut einwandfreie Trennung von Nachricht und Meinung ist nicht möglich, auch wenn sie die Massenmedien heute weitestgehend anstreben (Schulz 1997b: 329f.).

Die These von der konstruierten Medienrealität erhält noch mehr Gewicht, wenn man bedenkt, dass aussermediale Instanzen viele Ereignisse bewusst inszenieren. Dabei wissen die Akteure um die journalistischen Selektionskriterien und versuchen eine Einflussnahme auf die Nachrichtengebung. Ereignisse sind damit Mittel zum Zweck der Berichterstattung. Von grosser Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang die Öffentlichkeitsarbeit bzw. Public Relations. Sie versucht, die Themensetzung und das Timing für die Medienberichterstattung in ihrem Sinne zu beeinflussen (Burkart 1998: 284-292). Parenti resümiert für die Medien in den USA, dass die Nachrichtenauswahl und die Art der Berichterstattung dem politischen und wirtschaftlichen Establishment unterworfen sei. Für die Nachrichtenberichterstattung stellt er fest: „What passes for the „news“ is a product of many forces, involving the dominant political culture and powerful economic and government institutions – all dedicated to maintaining an ideological monopoly” (Parenti 1993: 69). Die Massenkommunikation leistet also längst keine wirklichkeitsgetreue und absolut objektive Berichterstattung.

Während die meisten Theorien die Struktur und Funktion von modernen Massenmedien in Friedenszeiten beschreiben, waren die 50er Jahre geprägt von einigen Krisen und einer ständigen Kriegsangst. Daher ist von Interesse, wie Medien während Krisen oder im Krieg funktionieren.

3.2 Medien in Krisenzeiten

Bei Kriegs- oder Katastrophenereignissen nimmt die Beachtung der Medien massiv zu. Gleichzeitig weist ihre Berichterstattung typische Besonderheiten auf. So berichten die Medien in Krisenzeiten intensiv über die gleichen Themen. Imhof spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kommunikationskonvergenz“ (Imhof 2001: 10). Entscheidend sind dabei die Leitmedien, die einen grossen Einfluss auf andere Medien und ihre Themensetzung ausüben. Erkennbar ist zudem eine Komplexitätsreduktion; die Themenvielfalt und die Zahl der Konfliktgruppen in der medialen Öffentlichkeit wird reduziert. Das heisst, die Nachrichtenfaktoren erhalten ein grösseres Gewicht und die Medien personalisieren stärker. Sie richten den Fokus auf einzelne Figuren und Akteure. Dabei orientiert sich die Berichterstattung vermehrt an Dualismen. Beispielsweise richtete sich nach dem 11. September das mediale Augenmerk auf das (personalisierte) Duell Bush gegen Bin Laden, oder noch weiter vereinfacht, Freund gegen Feind bzw. Gut gegen Böse (Imhof 2001: 10).

Bei kriegerischen Auseinandersetzungen stossen die JournalistInnen vermehrt auf Propaganda und Manipulation. Eigene Korrespondenten und Kriegsberichterstatter sind darüber hinaus konfrontiert mit persönlicher psychischer und physischer Gefährdung. Eine einigermassen neutrale Berichterstattung ist daher ungleich schwieriger (Lang 1995: 152). Wilhelm Kempf hat die Berichterstattung deutscher Medien im zweiten Golfkrieg analysiert. Er kommt zum Schluss, dass der Krieg hauptsächlich aus dem Blickwinkel der USA konzipiert und beurteilt wurde. Zudem vollzogen die Medien hinsichtlich der Person Saddam Husseins einen erstaunlichen Perspektivenwechsel. Während die Medien im ersten Golfkrieg Saddam Hussein als Person vergleichbar wenig nannten, war die Medienaufmerksamkeit im zweiten Golfkrieg eindeutig auf den irakischen Diktator gelenkt. Zugleich wurde er aber auch wesentlich häufiger abwertend dargestellt. Die deutschen Medien konstruierten ein Feindbild, in dem Hussein mit Hitler verglichen wurde. Dieser Dämonisierung entbehrte aber ein klarer Kontext. Saddam Husseins Gräueltaten, so zum Beispiel das Massaker an der kurdischen Bevölkerung, erreichten erst mit dem zweiten Golfkrieg mediale Aufmerksamkeit. Vorher war nur wenig oder allenfalls am Rande davon berichtet worden. Die Empörung war also in erster Linie eine Medieninszenierung, was nichts daran änderte, dass das Feindbild „Saddam“ äusserst erfolgreich bei den RezipientInnen verfing (Kempf 1994: 26 sowie Palmbach; Kempf 1994: 72f. und 81). Mit dieser komplexitätsreduzierenden Feindbildkonstruktion leisteten die deutschen Medien Kriegspropaganda.

Die Theorie beschreibt mehrere Merkmale und Ausprägungen von Propaganda und Medienmanipulationen: emotional gefärbte Argumentationen, das bewusste Weglassen von wesentlichen Teilen einer Nachricht, die Kreierung von erfundenen Nachrichten sowie das wissentliche Verbreiten von Lügen. Letzteres ist die klarste Form von Manipulation, aber nicht unbedingt die effizienteste. Anstatt mehr oder weniger plump Unwahrheiten zu verbreiten, können Kommunikatoren mit Akzentuierungen, Nuancierungen oder Unterstellungen ein verfälschtes, aber dafür vielleicht glaubwürdigeres Bild vermitteln. „Bending the truth rather than breaking it […] can create a desired impression without resorting to explicit advocacy and without departing too far from the appearance of objectivity” (Parenti 1993: 200f.). Eine wichtige Rolle spielen dabei emotionale Momente. Propaganda ist vor allem dann erfolgreich, wenn eine „gewöhnliche“ Meinung oder Haltung mit emotionalen Elementen wie Stolz, Furcht oder Hass aufgeladen wird. Einen beinahe magischen Effekt kann auch der Appell an das nationale Interesse haben. Insbesondere wenn für einen Konflikt rationale Argumente fehlen, kann der Rückgriff auf einen mystischen Nationalismus Erfolg versprechen (Skopljanac Brunner 2000: 224 und Popov 2000: 14).

[...]


[1] Zur Person von Léon Nicole und der Geschichte des Flügels der Nicollisten sowie zu den Gründen des Parteiausschlusses (Nicole brach eine Kampagne gegen führende Parteikollegen vom Zaun und bezichtigte sie des Verrats), siehe: Rauber (1997), S. 432-437 und Rauber (2000), S. 144-150 sowie S. 560.

[2] Die Verwendung des Terminus „Pogrom“ zu den Ereignissen von 1956, speziell zum Fall Konrad Farner in Thalwil, ist nicht unumstritten. Thomas Maissen kritisiert den Gebrauch dieses „heiklen Wortes“ in Zusammenhang mit den Attacken gegen Schweizer Kommunisten anlässlich des Ungarnaufstands (siehe: Maissen 2001: 15).

[3] Allerdings ist aus heutiger Sicht nicht leicht zu eruieren, wo genau die Beweggründe für die grosse Anzahl der Parteiaustritte lagen. Nicht wenige dürften dem riesigen öffentlichen Druck gegen Kommunisten nachgegeben haben.

[4] Zwar waren die Stimmen in der PdA zahlreich, die unter den ungarischen Aufständischen „faschistische Elemente“ vermuteten. Somit mögen auch einige Schweizer Kommunisten den Einmarsch der Roten Armee gutgeheissen und dies kund getan haben. Die vehementen Distanzierungen zahlreicher führender PdA-Mitglieder von dieser Behauptung sowie deren zuweilen differenzierte Stellungnahmen zu den Geschehnissen (siehe als Beispiel unter vielen die Worte von Nationalrat Jean Vincent (Vincent 1956: 1) lassen doch erhebliche Zweifel bestehen, ob eine Mehrheit der PdA-Mitglieder den Einmarsch der Roten Armee geradezu bejubelt hatte. Eine endgültige Klärung kann in dieser Arbeit aber leider nicht erfolgen.

[5] Im Sammelband, der von der Roten Welle herausgegeben wurde, berichten betroffene Kommunisten über ihre Erlebnisse am Ende des Jahres 1956. Siehe u.a.: (Farner 1976), (Hemman 1976) und (Zogg 1976).

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
"...dass keiner mehr mit ihnen rede." Die Berichterstattung Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten während und nach dem Ungarnaufstand 1956
Hochschule
Universität Bern  (Medienwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Medienwissenschaft
Note
6 (CH) = 1 (D)
Autor
Jahr
2002
Seiten
82
Katalognummer
V25572
ISBN (eBook)
9783638281454
ISBN (Buch)
9783638696975
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Als 1956 die Rote Armee den ungarischen Aufstand niederwalzte, war die ganze westliche Welt empört. Auch in der Schweiz war der Zorn über Moskau gross. Zu spüren bekamen dies bekennende Kommunisten im Land, gegen sie begann die Presse eine wüste Hetzkampagne. Diese Arbeit untersucht nach einem umfassenden historischen Rückblick und theoretischen Ausführungen zur medialen Krisenkommunikation Schweizer Leitblätter auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Berichterstattung.
Schlagworte
Berichterstattung, Schweizer, Zeitungen, Kommunisten, Ungarnaufstand, Medienwissenschaft
Arbeit zitieren
Michael Vetsch (Autor), 2002, "...dass keiner mehr mit ihnen rede." Die Berichterstattung Schweizer Zeitungen über Schweizer Kommunisten während und nach dem Ungarnaufstand 1956, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25572

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