Die DDR - Stalins ungeliebtes Kind


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
22 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Sowjetisierung der SBZ 1945- 49

4. Stalin und die SBZ bis 1949
4.1. Die Interessen und Ziele Stalins
4.2. Interessenskonflikt zwischen Ost und West
4.3. Widersprüche und Komplikationen in der russischen Politik

5. Loths These in der Diskussion der Forschungsliteratur

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

Sowjetisierung und Amerikanisierung standen nach 1945 stellvertretend für einen Neubeginn unter ideologisch verschiedenen Vorzeichen. Sie verwiesen auf nationale Traditionen und standen für ein entgegengesetztes Begriffspaar. Auffallend ist, dass im gegenwärtigen Forschungsstand einer zahlreichen Literatur über Amerikanisierung ein eher begrenzter Bestand an Beiträgen über Sowjetisierung gegenüber steht. Sie alle erörtern die deutsche Frage. Fraglich ist noch immer über welche politischen Strategien die damalige Sowjetunion verfügte bzw. was Stalin für Ansichten vertrat und welche Ziele er letztlich verfolgte. Zu benennen sind hier neben dem veröffentlichten Archivmaterial der Sowjetunion die Arbeiten von Loth[1] und Naimark[2], die sich mit dieser Problematik beschäftigen, aber auch zu keinem endgültigen Ergebnis kommen. In seinem Buch „Stalins ungeliebtes Kind“ stellt Loth die These auf, dass Stalin die DDR nicht wollte, sondern ein demokratisch vereintes Nachkriegsdeutschland anstrebte. Damit unternimmt Loth den Versuch die Geschichte der Entstehung der DDR neu zu schreiben, wobei er sich auf neues Archivmaterial der SED stützt, das seit der Wende zugänglich ist. Diese Arbeit soll diese These diskutieren und den aktuellen Forschungsstand darlegen. Zunächst soll aber untersucht werden, inwiefern in der Nachkriegszeit 1945-49 von einer Sowjetisierung der SBZ gesprochen werden kann.

3. Sowjetisierung der SBZ 1945-49

Der Einfluss der Sowjetunion scheint nach der Wiedervereinigung von BRD und DDR 1989 verschwunden zu sein, so dass man sich fragt, ob es so etwas wie Sowjetisierung überhaupt gegeben hat. Amerikanisierung scheint hingegen in unserer Gesellschaft immer noch gegenwärtig zu sein. Man denke hier nur an die Filmindustrie oder an die Dominanz amerikanischer Autoren auf dem Büchermarkt worauf auch Daniel Haufer hinweist.[3] Amerikanisierung und Sowjetisierung stehen für Wandlungsprozesse der Nachkriegsjahre.

Der Begriff Sowjetisierung scheint im Gegensatz zur Amerikanisierung ungebräuchlicher zu sein. Wie schon erwähnt finden wir neben einer großen Anzahl von Fachliteratur zur Amerikanisierung einen eher begrenzten Bestand zur Sowjetisierung. Neben Sowjetisierung treten auch Begriffe wie Bolschewisierung und Stalinisierung auf.[4] Im Westen war der Begriff Sowjetisierung negativ besetzt, während er in der SBZ und DDR für einen Neubeginn ohne Ausbeutung in Zusammenarbeit mit der Sowjetunion stand. Die Sowjetisierung wie auch Amerikanisierung boten unterschiedliche Vorstellungen von gesellschaftlichen Modellen und politischen Ideologien.[5]

Monika Kaiser verweist darauf, dass gerade in der Nachkriegzeit Sowjetisierung vorwiegend als radikaler Eingriff der UDSSR in das politische, ökonomische und soziale System angesehen wurde. Im Vergleich zur Amerikanisierung stellt sie in Bezug auf die Sowjetisierung der SBZ/DDR einen Forschungsdefizit fest. Von einer Sowjetisierung im eigentlichen Sinne könne man nur in den vierziger und fünfziger Jahren sprechen. Sowjetisierung bedeute die Herausbildung grundlegender struktureller, organisatorischer sowie funktionaler Systemmerkmale.[6] Sowjetisierung fand in unterschiedlichen Bereichen und Ebenen statt. Zu benennen sind hier erstens der Politische- und Verwaltungsbereich, zweitens der wirtschaftliche Bereich und drittens der gesellschaftlichkulturelle Bereich.

In den Jahren 1945-1949 waren die Einflüsse der Sowjetunion auf die SBZ wie Kaiser herausstellt sehr stark. Im politischen bzw. Verwaltungsbereich dienten hierzu SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) und SMA (Sowjetische Militäradministration in den Ländern). Theoretisch und praktisch konnte direkt Einfluss auf alle Verwaltungen und politischen Kräfte genommen werden.[7] Je nach Politik Stalins nahm eine Kontrolle in diesen Jahren ab oder zu.

Jürgen Danyel kommt zu dem Ergebnis, dass es im Bereich symbolischer Politik vier Stufen der Durchdringung sowjetischer Einflüsse in die DDR gebe.[8] Die erste Stufe sei die „genetisch kodierte“ Sowjetisierung, konkret die Übernahme politischer Rituale.[9] Diese zielten auf die Sicherung der Massenloyalität. Danyel benennt hier den 1. Mai oder den Tag der Republik am 7. Oktober und die Feier- und Ehrentage bestimmter Berufe. Auch die sogenannte Jugendweihe gehöre dazu.[10] Als zweite Stufe stellt er die Übernahme des sowjetischen Vorbilds in allen gesellschaftlichen Bereichen heraus. „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“.[11] Als dritte Stufe bezeichnet er die Formen und den politischen Stil der öffentlichen Selbstdarstellung, die von der Sowjetunion auf die DDR übertragen werden, mit dem Ziel gegenüber dem Westen überlegender zu erscheinen.[12] Die vierte Stufe ist der Bereich der Gedenk- und Erinnerungsrituale, die die Auseinandersetzung mit der NS- Zeit, dem Widerstand und die Geschichte der Arbeiterbewegung betreffen.[13]

Die politischen Schlüsselpositionen wurden durch kommunistische Funktionäre der Gruppe Ulbricht besetzt. Wichtig erscheint hier, dass diese schon vor Kriegsende von Moskau nach Deutschland eingeflogen worden sind.[14] Bereits am 10. Juni 1945 wurden politische Parteien durch die SMAD zugelassen. Damit war die Sowjetunion bereits einen Schritt, der erst in Potsdam geschlossenen Vereinbarung über ein gemeinsames Vorgehen, voraus.[15] Ein Tag später wurde die KPD neugegründet, somit war sie erste Partei der SBZ, wodurch sich ein erheblicher Vorteil gegenüber anderen Parteien erlangte.[16] Der Zusammenschluss der Parteien am 14. Juli 1945 zur sogenannten Einheitsfront der antifaschistisch- demokratischen Parteien unter Führung der KPD, sicherte die Führungsrolle der KPD.[17] In dieser Hinsicht ist die Zwangsvereinigung der SPD und KPD zur SED Juni 1946 ebenfalls als wichtiger Schritt einer Sowjetisierung zu sehen. Sie hatte das Ziel der KPD die Massenbasis der SPD zu verschaffen.[18]

Im wirtschaftlichen Bereich bedeute Sowjetisierung „die Übernahme in die Unternehmensführung von Werten, Verhaltensformen, Verfahrensweisen, Normen und Institutionen“[19] die in der Sowjetunion üblich waren. Eine großflächige Demontagepolitik und Überführung der 200 wichtigsten Betriebe als Sowjetische Aktiengesellschaften in sowjetischen Besitz bzw. die Verstaatlichung der Schwerindustrie sprachen ebenfalls für eine deutliche Sowjetisierung.[20] Die Bodenreform, mit der Enteignung von 35% der landwirtschaftlichen Nutzfläche, unter dem ideologischen Vorwand der Enteignung der Junker betrieben, sollte das selbständige Bauerntum als politischen Faktor ausschalten.[21] Das erklärte Ziel, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, stand im Widerspruch zu der Demontagepolitik, die die Agrarpolitik stark beeinträchtigte.[22]

Im gesellschaftlichkulturellen Bereich bedeutet Sowjetisierung eine totalitäre Durchdringung des gesellschaftlichen Lebens. So deuten Justizreform, Kulturreform, Bildungs- und Schulreform, sowie die Gründung von Massenorganisationen (FDGB, FDJ), um die Gesellschaft in allen ihren Teilen ideologisch zu erfassen, auf eine bewusst organisierte Sowjetisierung.[23] Simone Barck stellt fest, dass Kulturpolitik ein äußert wichtiger Bestanteil der Politik der SMAD war.[24] Hierzu wurden z. B. Organisationen wie die Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion im Juni 1947 geschaffen.[25] Eine Literaturbehörde überwachte die Verfassung und Veröffentlichung von Büchern in der SBZ und die Sowjetunion nutze diese Kontrolle für ihre Propagandapolitik.[26]

4. Stalin und die SBZ bis 1949

4.1. Die Interessen und Ziele Stalins

Loth kommt in seinen Ausführungen zum Thema Staatsgründung der BRD und DDR zu dem Schluss, dass in den ersten Nachkriegsjahren weder der Westen noch die Sowjetunion an einer Teilung Deutschlands interessiert gewesen seien. Stalin war durchaus bestrebt die „Einheit Deutschlands zu sichern“[27], wie er den Führern der KPD am 4.Juni 1945 erläuterte.

Loth erörtert, dass Sicherheit vor einem neuen Abgriff auf die Sowjetunion nicht zu gewinnen war, wenn man sich auf die Kontrolle der östlichen Besatzungszonen beschränke und somit den Teil Deutschlands mit den industriellen Ressourcen des Ruhrgebiets den anderen Mächten überließe.[28] Stalin sah in Deutschland auch nach dem Krieg durchaus eine Bedrohung und somit standen Maßnahmen zur Sicherung vor einer neuen Aggression an oberster Stelle.[29]

Als weiteren wichtigen Punkt führt Loth die deutschen Reparationen zum sowjetischen Wiederaufbau an.[30] Diese waren in ausreichendem Umfang nur in den Westzonen zu holen, da dort der industrielle Schwerpunkt Deutschlands lag, wodurch Loth Schlussfolgerung, dass Stalin eine gesamtdeutsche Lösung anstrebte, durchaus plausibel erscheint.

[...]


[1] Loth: 1994.

[2] Norman M. Naimark: 1997.

[3] Daniel Haufner: 1997, S. 387.

[4] Jarausch: 1997, S. 17.

[5] Ebda., S. 32.

[6] Kaiser: 1997, S. 111-13.

[7] Ebda., S. 114,

[8] Danyel: 1997, S. 67.

[9] Ebda., S. 68.

[10] Ebda., S. 69-71.

[11] Ebda. S. 71.

[12] Ebda. S. 74.

[13] Ebda. S. 76.

[14] Kleßmann: 1986, S. 72.

[15] Kleßmamm: 1986, S. 73-73.

[16] Ebda.

[17] Ebda., S. 121-126.

[18] Kleßman: 1986, S. 139.

[19] Schröter: 1997, S. 148.

[20] Kleßmann: 1986, S. 107.

[21] Ebda., S. 81-82.

[22] Bauerkämper: 1997, S. 198.

[23] Kleßmann: 1986, S. 83.

[24] Barck: 1996, S. 335-336.

[25] Ebda., S. 338.

[26] Lokatis: 1996, S. 361-363.

[27] Wilhelm Piek: 1994, S.50-52.

[28] Loth: 1994, S. 13ff.

[29] Ebda., S. 15.

[30] Ebda.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die DDR - Stalins ungeliebtes Kind
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
HS Amerikanisierung der BRD und Sowjetisierung der DDR
Note
2,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V25581
ISBN (eBook)
9783638281539
ISBN (Buch)
9783640767496
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stalins, Kind, Amerikanisierung, Sowjetisierung
Arbeit zitieren
Michael Fischer (Autor), 2003, Die DDR - Stalins ungeliebtes Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25581

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