Macht und Einfluß in einer selbstorganisierten Gruppe


Hausarbeit, 2001

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1.0. Einleitung

2.0. Feldzugang und Methoden
2.1. Feldzugang
2.2. Methoden

3.0. Analyse
3.1. Beschreibung der Gruppe und ihrer Aktivitäten
3.2. Analyse der Gruppe unter dem Gesichtspunkt von Macht und Einfluß

4.0. Schluß

Anhang 1: Beobachtungsprotokolle

Anhang 2: Interviews

Wenn der unentbehrliche Mann die Stirn runzelt,

Wanken zwei Weltreiche.

Wenn der unentbehrliche Mann stirbt,

Schaut die Welt sich um, wie eine Mutter, die keine Milch für ihr Kind hat.

Wenn der unentbehrliche Mann eine Woche nach seinem Tod zurückkehrte,

Fände man im ganzen Reich für ihn nicht den Posten eines Portiers.

B. Brecht

Kurzzusammenfassung

Auch selbstorganisierte, antiautoritäre Gruppen zeichnen sich durch ein mehr oder weniger von Macht und Einfluß in den Händen ihrer Mitglieder aus. Dies wird von diesen selbst oftmals als inakzepabel, und als Verfehlung der machttragenden Person betrachtet. Faktisch bildet die Gruppe aber eine strukturelle Einheit, die Rollen, ob machtarm oder machtvoll, auch zuweist bzw. es ihren Trägern sehr schwer macht, aus ihnen herauszukommen.

1.0. Einleitung

Der vorliegende Bericht entstammt einer Übungsfeldforschung, die ich im Rahmen des Grundkurses empirische Sozialforschung (qualitativ) durchgeführt habe. Da uns Kursteilnehmern das konkrete Forschungsfeld freigestellt war, solange es ein Ort ist, „an dem gearbeitet wird“, entschied ich mich für die Beobachtung einer selbstorganisierten Gruppe im Bereich der linken Szene. Um der Vorgabe gerecht zu werden, wählte ich dort keine politische Gruppe, sondern eine solche, die, ganz praktisch, einen regelmäßigen Diskoabend in einem alternativen Kulturzentrum meiner Stadt organisiert.

Da ich selbst kommunistischer Anarchist bin, und bis heute viele Jahre in verschiedenen solcher selbstorganisierter Gruppen tätig war und darin die unterschiedlichsten Positionen einnahm, hatte ich viele Fragen, und es interessierte mich, ihnen einmal aus der Position des Beobachters näher zu kommen. Desweiteren rechnete ich mir unter diesen Umständen gute Chancen aus, in diesem durchaus mißtrauischen Milieu Zugang zu finden.

Die relative Vertrautheit mit dem Forschungsgegenstand hat natürlich auch Nachteile, auf die ich im Methodenabschnitt noch zu sprechen komme.

Nun zu den Fragen, die sich mir im Laufe der Zeit gestellt hatten: Dazu muß ich zunächst etwas ausholen Innerhalb der „radikalen“, „undogmatischen“ Linken war und ist es selbstverständlich, daß die eigenen Gruppen herrschaftsfrei sein sollen. Sie sollen sozusagen in sich bereits ein kleines Abbild einer zukünftigen Gesellschaft aus freien selbstbestimmten Individuen sein. Vor diesem Hintergrund sind offizielle Machtpositionen, wie die des/der Vorsitzenden undenkbar, und generell sind Macht, Autorität und Einfluß sehr negativ besetzte Begriffe. Niemand weist sich selbst so ohne weiteres diese Attribute zu, da er/sie sie entweder ablehnt oder Angst hat, damit nicht gut anzukommen. Macht ist in diesem Verständnis immer etwas illegitimes, und wer viel davon hat, ist dadurch oftmals nicht sicher, sondern gerade angreifbar. Deshalb bemüht man sich, die eigene Macht möglichst nicht zu thematisieren, und einfach so zu tun, als ob es sie gar nicht gäbe.

Zu Beginn meiner politischen Karriere hatte ich keinerlei Verständnis für die, die „das Sagen“ hatten. Sie erschienen mir wie Verbrecher „an der Sache“, die man bekämpfen muß. Später gründete ich meine eigene Gruppe, um es besser zu machen, und mußte erfahren, daß plötzlich ich es war, der das Sagen hatte, und das es sich in dieser Rolle ganz anders anfühlt, als ich mir das vorgestellt hatte. Mir wurde klar, daß Macht nicht nur genommen, sondern auch gegeben, ja geradezu aufgezwungen wird, daß an einer Gruppenstruktur alle beteiligt sind, die diese Gruppe konstituieren.

Insofern hat mich das nicht enttäuscht, sondern mir nur klar gemacht, daß der neue Mensch nicht vom Himmel fällt, sondern erst wachsen muß, und daß wir uns keinen Dienst erweisen, wenn wir Macht leugnen. Statt dessen muß sie transparent und damit diskutierbar gemacht werden, ohne gleich zu verurteilen.

Ich möchte diese Arbeit nutzen, um zum 1. Mal als Unbeteiligter zu beobachten, wie Redegewandte und Stumme, Selbstbewußte und Zurückhaltende, Experten und Anfänger miteinander interagieren.

2.0. Feldzugang und Methoden

2.1 Feldzugang

Ursprünglich hatte ich mir die sog. „Hausversammlung“ des AJZ (Arbeiterjugendzentrum) als Forschungsfeld ausgesucht. Das AJZ ist ein linkes Kulturzentrum, daß, aus einem besetzten Haus hervorgegangen, heute neben der Disko u. a. vor allem Konzerte veranstaltet und ein Kino, eine Holzwerkstatt, eine Druckerei und einen Infoladen beherbergt. Es gehört von seinem Erscheinungsbild eindeutig in die Sparte linker Zentren, die den meisten Normalbürgern einfach als dreckig, verwahrlost und bedrohlich erscheinen würden. Aber ohne Subventionen verkommt halt jedes Haus mit der Zeit, und die Leute, die dort ein und aus gehen, können damit, glaube ich, sehr gut leben, weshalb sich die Motivation, das AJZ blitzblank zu putzen, in Grenzen hält.

Die Hausversammlung ist, wie der Name schon andeutet, eine Versammlung von Vertreterinnen und Vertretern der im Haus ansässigen Gruppen, auf der alle das ganze Haus betreffenden Fragen besprochen werden. Zu meinem Glück lehnte diese meinen Antrag ab, und legte mir nahe, doch besser die Diskogruppe zuuntersuchen, da die bestimmt nichts dagegen hätten. Dieser Hinweis war gut, denn die Diskogruppe war, wie ich später merkte, weit besser geeignet für das, was ich beobachten wollte, als die Hausversammlung, die ja im Grunde gar keine zusammenhängende Gruppe ist.

So einfach wie man mir prophezeit hatte, war aber auch hier der Zugang nicht. Es wurde lange diskutiert, wobei einigen einfach unwohl bei dem Gedanken war, beobachtet zu werden und andere sich sorgten, durch meine Arbeit würden Sachen öffentlich, die einfach niemanden sonst was angehen. Teilweise spielte, glaube ich, auch persönliche Sympathie und Antipathie eine Rolle.

Letztlich setzten sich meine Befürworter und Befürworterinnen durch, indem sie argumentierten, daß ich a) ja auch einer der ihren sei, und b) die Gruppe eh offen für alle sei, weshalb es im Grunde nichts zu verheimlichen gäbe. Meine Versicherung, auch jederzeit zu gehen, wenn sie mich nicht dabeihaben wollten und in alle meine Unterlagen bereitwillig Einblick zu gewähren zerstreute die letzten Bedenken.

2.2. Methoden

Meine ursprüngliche Intention war es, neben der Gruppenstruktur auf dem Plenum, auch die während der Disko zu beobachten, und beide miteinander zu vergleichen. Weiterhin interessierte mich auch, ganz unabhängig von Personen, wie mit Entscheidungen bzw. Weichenstellungen, die auf dem Plenum getroffen wurden, im weiteren umgegangen wird, also ob ein Beschluß überhaupt umgesetzt wird und wenn ja unter welchen Umständen und in welchem Zeitraum.

Als Forschungsinstrument hatte ich dafür zunächst nur die teilnehmende Beobachtung vorgesehen.

Diese Vorüberlegungen erwiesen sich für mich aber schnell als nicht einlösbar.

Auf dem Plenum verfügte ich über eine ausgezeichnete Beobachterposition. Ich konnte in der Regel die Konversation sowohl akustisch wie visuell sehr gut verfolgen. Einschränkungen ergaben sich nur aus den verschiedenen Orten, die, die Gruppe sich als Treffpunkt wählte. Der schlechteste Ort war die Kneipe. Hier war es eng und laut, und mein Sitzplatz, den ich immer so wählte, daß ich nach Möglichkeit niemanden im Rücken hatte, lag recht weit ab vom zentralen Geschehen. Im Kino saß ich ebenfalls ziemlich weit ab, konnte aber gut hören und gut sehen. Am besten war der Gruppenraum, wo ich mit am Tisch in bester Lage saß.

Ganz allgemein hatte ich das Gefühl, daß meiner Anwesenheit kaum Beachtung geschenkt wurde. Es gab z.B. während der Treffen nie Kommentare über mich. Ich erkläre mir das damit, daß die Gruppe immer aus 10-20 Leuten bestand, von denen viele wie ich nichts oder kaum etwas von sich gaben, weshalb ich, abgesehen davon, daß ich mitschrieb, nicht besonders ins Auge stach. Hier führte ich drei Beobachtungen durch.

Als anderen Beobachtungspunkt hatte ich den Diskoabend selbst gewählt. Hier kam ich zwei mal etwa zwei Stunden vor Beginn der Disko und blieb bis etwa 3 – 4:00, was noch lange nicht das Ende des Abends ist. Hier wurde ich beim Aufbau teilweise mit eingespannt (Kisten schleppen) und konnte einen ziemlich guten Eindruck vom Ablauf bekommen. Auch einige recht interessante Einzelgespräche ergaben sich. Ich konnte jedoch weder die Konversation der Diskogruppenmitglieder verfolgen (laute Musik!), noch konnte ich überhaupt den Überblick über das vielfältige Geschehen des Abends behalten, daß sich ja sowohl an der Kasse, an der Theke und vor allem bei Auseinandersetzungen mit gewalttätigen und/oder betrunkenen Gästen an jedem beliebigen Ort der Disko abspielte. In diesem Sinne bekam ich nicht viel mit.

Erschwerend hinzu kam auch, daß ich oftmals aus Zeitgründen nicht die Disko nach dem Plenum, oder das Plenum nach der Disko besuchen konnte, und allgemein seltener zum Beobachten kam als ich es erhofft hatte.

Diese Entwicklung änderte mein Vorgehen in zweifacher Hinsicht: 1. Entschied ich mich, die Gruppenstruktur primär anhand meiner Aufzeichnungen im Plenum zu analysieren und die beabsichtigte Beobachtung des Weges von der Entscheidung zur Umsetzung ganz aufzugeben. 2. Beschloß ich auch einige Leitfadeninterviews durchzuführen, um durch Rückgriff auf das Wissen der Gruppenmitglieder die Beobachtungslücken zumindest teilweise zu schließen. Als Interviewpartner wählte ich zwei mir schon vorher bekannte Personen (im folgenden unter den Namen Kupfer und Braun), die sich auch ohne Murren darauf einließen. Günstig daran war, daß sie jeweils an entgegengesetzten Enden der Gruppenstruktur anzusiedeln sind. Kupfer, politisch aktiv, Mitbewohner der meiner Meinung nach einflußreichsten Person (Beige) und männlich, Braun, eine von den beiden Frauen, außer in der Diskogruppe nirgendwo aktiv und noch neu in den Strukturen des AJZ.

Die in den Interviews (zusammen ca. eine Std.) gesammelten Informationen und die Beobachtungen schienen mir schließlich ausreichend, um a) eine globale Übersicht über die Gruppe und ihre Aktivitäten zu geben, wie dies in Kap. 3.1. geschehen ist, und b) eine genauere Analyse der Machtverhältnisse durchzuführen, der Kap. 3.2. gewidmet ist.

Nun noch einmal, wie in der Einleitung schon angekündigt, zu meinem persönlichen Verhältnis zum Forschungsfeld.

Ich gehe im konstruktivistischen Sinne davon aus, daß es sich bei Wahrnehmung nicht um das Aufnehmen einer spezifischen „Realität“, sondern um einen schöpferischen Prozeß im Bewußtsein der wahrnehmenden Person handelt. Wahrnehmung ist immer Theoriebildung: Wir stellen auf Basis individuell unterschiedlicher Grundannahmen und Vorerfahrungen Zusammenhänge her, die wir im Alltag meistens so lange für „wahr“ halten, bis sie eventuell durch leistungsfähigere Muster abgelöst werden. Leistungsfähiger aber nicht nur in dem Sinne, daß sie mehr „Dinge“ in Zusammenhang bringen als die alten und somit „die Realität“ (was auch immer das sein soll) besser abbilden, sondern auch in dem Sinne, daß sie zu den Mustern, die schon da sind, gut passen und ein möglichst konfliktfreies Ganzes ergeben. Bewußtsein entwickelt sich somit evolutionär, vorwärtstastend, immer bemüht die eigene Struktur nicht zu destabilisieren. Mit Luhmann gesprochen geht es hier um die Selbsterhaltung (Autopoiesis) des psychischen Systems, und die Tatsache, daß Anschlußfähigkeit mehr zählt als „Wahrheit“.

Was aber hat das alles mit mir zu tun? Ganz einfach: Weil ich die Szene kenne, ihre Rituale, ihre Normen, ihre Selbstverständlichkeiten usw. wundere ich mich über vieles nicht. Weil ich mich nicht wundere, fällt mir vieles nicht auf, ist normal, bleibt unsichtbar. Das wovor man den/die Forscher/in immer warnt, nämlich sich nicht zu sehr mit dem Forschungsgegenstand zu identifizieren (going native), ist bei mir schon von Haus aus der Fall. Den/die absolut nicht identifizierten Forscher/in kann es natürlich so oder so nicht geben, denn selbst mit dem Kopfjäger in Papua-Neuguinea eint ihn/sie das Menschsein, und ohne Zweifel würde wohl eine Außerirdische noch ganz anders beobachten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Macht und Einfluß in einer selbstorganisierten Gruppe
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Grundkurs empirische Sozialforschung (qualitativ)
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
24
Katalognummer
V25650
ISBN (eBook)
9783638282130
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um eine empirische Arbeit ohne Sekundärliteratur: Ich habe eine selbstorganisierte Gruppe aus dem autonomen Spektrum mit dem Mittel der teilnehmenden Beobachtung erforscht (Arbeit inkl. 9 Seiten Beobachtungsprotokolle und Interviews).
Schlagworte
Macht, Einfluß, Gruppe, Grundkurs, Sozialforschung
Arbeit zitieren
Mark Thumann (Autor), 2001, Macht und Einfluß in einer selbstorganisierten Gruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25650

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