Der Moderator als Manipulator - Schlingensiefs U3000, eine Analyse


Hausarbeit, 2001

32 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1.0. Einleitung

2.0. Methoden

3.0. Beschreibung und Analyse der Sendung U3000
3.1.Beschreibung der Sendung
3.2. Analyse

5.0. Konversationsanalyse

6.0. Schluß

Literaturliste

Anhang: Transkriptionen

1.0. Einleitung

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht die Sendung U3000 des Aktionskünstlers und Polit- aktivisten Christoph Schlingensief, die im Frühjahr 2001 auf dem Musiksender MTV gesendet wurde. Schlingensief, der auch Film- und Theaterregisseur ist, macht schon seit längerem mit provokanten Aktionen von sich reden. So gründete er zur Bundestagswahl 1998 zusammen mit anderen die Partei „Chance 2000“, die sich mit absurden Aktionen darum bemühte, die Absurdität des gegenwärtigen politischen Systems zu offenbaren und sich schließlich selbst zum Verkauf anbot. Im Jahre 2000, kurz nach der Machtübernahme der schwarz/braunen Regierung in Österreich, wählte er Wien als Schauplatz seiner wohl bisher bekanntesten Aktion: In Anlehnung an Big Brother stellte er vor dem Wiener Opernhaus einen Container auf, in dem Asylbewerber untergebracht waren, die über das Internet 24 Std. am Tag beobachtet werden konnten. Die Zuschauer durften darüber abstimmen, wer als nächstes abgeschoben werden sollte. Der Container wurde von einem großen Schild mit der Aufschrift „Ausländer raus“ gekrönt.

In diesem Kontext läßt sich die aus nur 8 Folgen á 45 Min. bestehende Sendereihe am besten als eine weitere politische Aktion Schlingensiefs beschreiben, und nicht als eine auf Profit und Einschaltquoten ausgerichtete Talkshow im üblichen Sinne.

Wie schon an den oben erwähnten Aktionen zu erkennen ist, bedient sich Schlingensief ungewöhnlicher Methoden, um die gewünschte Botschaft zu vermitteln. Dies trifft in hohem Maße auch auf die hier analysierte Sendung zu.

Allgemein geht es Schlingensief um eine tiefgehende Kritik des politischen und auch kulturellen Systems, in dem wir leben. Vor allem die grenzenlose mediale Verdummung der zum Konsumentenvieh reduzierten Menschen versucht er mit eiskalter Ironie und alles bisher dagewesene weit hinter sich lassenden Tabubrüchen schonungslos aufzudecken.

In der hier analysierten Sendung, die ich in Kapitel 3 noch eingehender beschreiben werde, richtet sich Schlingensiefs Augenmerk zum Großteil auf die prominenten Gäste, die offensichtlich völlig unvorbereitet von Schlingensief in eine für sie nicht zu bewältigende Welt des Wahnsinns entführt werden, in der sie seinen Angriffen mehr oder weniger chancenlos ausgeliefert sind. Mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, verführt, brüskiert, schockiert und „verarscht“ er sie auf eine Weise, die sie, teilweise ohne, daß sie es sich dessen selbst bewußt sind, am Ende völlig entlarvt und entehrt zurückläßt.

Wie dieser Prozeß von Schlingensief konkret organisiert wird, also welche Techniken er einsetzt, um sein Ziel zu erreichen, ist Gegenstand der vorliegenden Analyse.

2.0. Methoden

In der qualitativen Sozialforschung unterscheidet man üblicherweise zwischen drei unterschiedlichen theoretischen Positionen: Dem symbolischen Interaktionismus, der Ethnomethodologie und dem Strukturalismus.

Erstere setzt den Fokus vor allem auf die subjektiven Bedeutungen, die, die Akteure den sie umgebenden Dingen beimessen und die sich daraus ergebende subjektive Weltsicht der/des Einzelnen. Um in den Worten Blumers zu sprechen: „Man muß den Definitionsprozeß des Handelnden erschließen, um sein Handeln zu verstehen“ (Blumer 1973, S.96).

Die Ethnomethodologie interessiert sich primär für den formalen Vollzug von Alltagshandlungen. Methodisch realisiert sie sich überwiegend in der Konversationsanalyse. Heritage faßt die Grundannahmen beider folgendermaßen zusammen:

„(1) Interaktion ist strukturell organisiert; (2) interaktive Beiträge sind sowohl vom Kontext geformt, als sie auch diesen Kontext fortschreiben; (3) diese beiden Eigenschaften stecken in den Details der Interaktion, so daß keine Anordnung von Details in konversationeller Interaktion a priori als ungeordnet, zufällig oder irrelevant abgetan werden kann.“ (Heritage 1985, S.1)

Die Konversationsanalyse verwendet von daher extrem genaue Transkriptionen natürlicher Konversationen, die nicht zusammengefaßt, sondern Zug um Zug im Sinne einer strengen Sequenzanalyse bearbeitet werden. Dabei verzichtet man auf die Bezugnahme zu späteren oder früheren Äußerungen oder Interaktionen, da davon ausgegangen wird, daß sich soziale Ordnung im Interaktionsvollzug selbst reproduziert (Vgl. Flick 1999, S. 218ff.)

Der Strukturalismus schließlich, befaßt sich mit objektiven Bedeutungstrukturen z.B. im Sinne von kulturellen Mustern oder unbewußt bleibenden latenten Strukturen im Sinne der Psychoanalyse, die das Handeln der/des Einzelnen auf einer tieferen Ebene beeinflussen (vgl. Flick 1999, S. 36).

Ich denke, es ist offensichtlich, daß es nicht darum gehen kann, eine dieser Positionen als „die Richtige“ auszuwählen, sondern daß jede den selben Gegenstand auf unterschiedliche Art und Weise beleuchtet. Je nach Forschungsschwerpunkt oder den Erfordernissen des Forschungsobjektes gilt es dann zu entscheiden, für welchen Ansatz man sich entscheidet, bzw. in welcher Gewichtung man sie miteinander kombiniert.

In meiner Analyse werde ich den Schwerpunkt auf die Konversationsanalyse legen, jedoch auch Überlegungen anstellen, die eher der Vorgehensweise des symbolischen Interaktionismus entsprechen.

Zunächst zur Konversationsanalyse:

Ich wähle diese Methode, weil zu erwarten ist, daß sich ein Großteil von Schlingensiefs oben angesprochenen Manipulationstechniken gerade in der Art und Weise dingfest machen lassen, wie er Interaktionen organisiert, und hier vor allem im Detail.

Ich muß aber auch gleich auf die Grenzen dieser Methode aufmerksam machen. Viele wichtige Einflußfaktoren, wie z.B. Mimik, Gestik, Tonfall, Raumgestaltung und allgemeine Atmosphäre, lassen sich in Form von Anmerkungen nur ungenügend in die Konversationsanalyse einbeziehen. Die oft für ihre Übergenauigkeit gescholtene Konversationsanalyse ist also sozusagen für meine Zwecke noch zu ungenau. Abhilfe könnte nur eine extrem genaue Beschreibung aller oben genannten Faktoren, oder eine multimediale Gestaltung dieser Forschungsarbeit leisten. Damit meine ich eine computergestützte Präsentationsform, die Videoaufnahmen mit einbezieht, und an diesen direkt Erläuterungen vornimmt.

Im Rahmen der allgemeinen Darstellung der Sendung, und der Konversationsanalyse vorgeschaltet, will ich, wie oben bereits schon erwähnt, auch andere Analysemethoden einsetzen.

Ganz im Sinne des symbolischen Interaktionismus möchte ich die subjektiven Wirklichkeiten beschreiben, in denen sich Schlingensief und seine Gäste bewegen. Dies erscheint mir außerordentlich wichtig, da diese Wirklichkeiten zumeist sehr unterschiedlich sind, und es eine meiner Hypothesen ist, daß sich Schlingensief, im Gegensatz zu seinen Gästen, genau dieser Unterschiede zumindest teilweise bewußt ist, und sie gezielt für seine Zwecke einsetzt. Weiterhin lassen sich viele Aktionen und Reaktionen nur erklären, indem man die jeweilige Wirklichkeit, in der sich die Akteure befinden, miteinbezieht.

Um ein zufriedenstellendes Bild dieser Wirklichkeiten zu gewinnen, werde ich alle mir zur Verfügung stehenden Daten verwenden: Meine gesammelten Eindrücke, die ich im wiederholten Anschauen der 8 Sendungen gesammelt habe, mein politisches, kulturelles, soziologisches und psychologisches Hintergrundwissen und mein Wissen über die einzelnen Akteure und ihre Geschichte.

Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich im Zusammenspiel mit den Ergebnissen meiner Konversationsanalyse zu einer zufriedenstellenden Antwort auf die Frage führen, wie und mit welchen Techniken Schlingensief seine Absichten in Bezug auf seine Gäste verwirklicht.

3.0. Beschreibung und Analyse der Sendung U3000

3.1. Beschreibung der Sendung

Die Sendung U3000 war von Anfang an auf 8 Folgen konzipiert, die auch alle an einem Stück abgedreht wurden. Schauplatz ist eine U-Bahn, die sich in ständiger Fahrt durch das Berliner U-Bahnnetz befindet und nur hin und wieder einmal in einem Bahnhof hält. Der Zug ist speziell für die Sendung in Betrieb, und befördert nur Gäste der Sendung, keine Fahrgäste. Die Handlung spielt sich im wesentlichen in 2 Wagen ab, dem Talkwagen mit „Showbühne“ und dem „Konzertwagen“. Die in dieser Arbeit verwendeten Konversationen ereigneten sich ausschließlich im Talkwagen.

Im Konzertwagen hält sich üblicherweise eine bekanntere Musikband, oder ein(e) Musiker(in) auf, die dort über die ganze Sendung ein Konzert geben.

Der Talkwagen ist das Herz der Sendung. Hier gibt es eine Showbühne, auf der die meisten Gespräche stattfinden.

In beiden Wagen verteilt sich ein zahlreiches Publikum, das, einer U-Bahn entsprechend, sitzt oder steht.

Die Struktur der Sendung sieht in etwas so aus:

1) Es gibt außer in der letzten Folge immer eine „Familie“, die sich, mit Ausnahme der ersten Sendung, in der vorhergehenden Sendung für ihre Teilnahme qualifizieren muß. Die Familie ist entweder ausländisch oder eindeutig aus der Unterschicht und besteht aus einem Ehepaar mit mehreren Kindern und verschiedentlich auch anderen Familienangehörigen. Die Familienmitglieder sollen in der Sendung ihr Schicksal darstellen und eventuell um Hilfe bitten. Im Lauf der Sendung wird sie mehrmals interviewt und in verschiedene Gespräche involviert.

2) Die Gäste sind Prominente verschiedenen Bekanntheitsgrades, wobei immer ein Gast, der/die in der Regel am bekanntesten ist, im Mittelpunkt steht, während die anderen eher am Rande auftauchen, und keine eindeutig festgelegten Aufgaben haben. Der „Mittelpunktgast“ begleitet Schlingensief über den größten Teil der Sendung und durchläuft folgende Phasen.:

Zunächst wird er/sie mit großen Applaus willkommengeheißen. Anschließend wird sie/er mit dem Live-Tod und der Live-Geburt (dazu später mehr) konfrontiert. Dann wird er/sie von Schlingensief mit der Familie bekannt gemacht, und muß sich deren „Geschichte“ anhören, und sein/ihr Urteil abgeben, ob sie wahr oder falsch ist. Dies ist absurd, da die Geschichten offensichtlich immer wahr sind. Im weiteren Verlauf wird der Gast oftmals von Schlingensief in ein längeres Gespräch verschiedenen, oft politischen Inhalts verwickelt. Darüber hinaus muß sich der Gast verschiedentlich an bestimmten Spielen oder Gesprächen beteiligen.

3) Spiele spielen eine große Rolle. In der Sendung kommen verschiedene vor, die alle mehr oder weniger offensichtlich unsinnig sind:

Neben dem „wahr/falsch-Spiel“, das ich oben bereits erwähnt habe, gibt es noch eines unter dem Titel „Rettet die Markwirtschaft, schmeißt das Geld weg!“, eines, bei dem es darum geht, bestimmte Gegenstände, die in einem U-Bahnhof aufgestellt sind, aus dem fahrenden Zug zu erkennen und als Hauptspiel den Wettbewerb zwischen Familie und Eisschwimmer. Ersteres Spiel besteht darin, daß Schlingensief 1000DM in fünf Mark Scheinen im Zug verstreut, und es so ist, daß die Familie für sich selbst sammelt, und andere ebenfalls für die Familie oder für die Aidshilfe.

Letzteres Spiel besteht darin, daß der Vater der Familie, die in der nächsten Sendung zu Gast sein wird, länger mit einem Hammer auf ein Schrottauto, in dem seine Familie sitzt, einschlagen muß, als der Kultursenator von Berlin in der eiskalten Spree schwimmen kann. Die aktuelle Familie und der Mittelpunktsgast müssen vor Beginn einen Tip abgeben, welche Partei den Wettbewerb gewinnen wird. Alle sind immer auf Seiten der Familie, und mit Ausnahme der vorletzten Folge ist es auch immer die Familie, die gewinnt. Inwieweit, es sich bei diesem Spiel um einen wirklichen Wettbewerb handelt, der auch tatsächlich zeitgleich stattfindet, bleibt unklar. Ebenso unklar bleibt für mich, ob es sich bei der Person in der Spree wirklich um den Berliner Kultursenator handelt. Alle diese Spiele bringen der Familie Punkte oder Geld, und an allen Spielen muß sich der Mittelpunktsgast auf die eine oder andere Weise beteiligen.

Nicht direkt als Spiele zu bezeichnen, sind Live-Geburt und Live-Tod. Sie stellen aber dennoch eine Regelmäßigkeit in der Sendung dar, weshalb ich sie hier erwähne. Beide werden als Liveschaltungen präsentiert, wobei es sich bei der Geburt um die eines Kalbes, und beim Tod um den eines alten Mannes handelt. Beide Ereignisse werden erst in der letzten Sendung abgeschlossen. Ob es sich beim Live-Tod um einen echten Tod handelt bleibt unklar.

4) Darüber hinaus besteht die Sendung aus einer Vielzahl spontaner Aktionen Schlingensiefs, wie Ortswechsel von einem Wagen in den anderen, symbolische Kreuzigungen, Herumspritzen mit Farbe und Kunstblut, Schlägereien, Schreien und Singen. In die Aktionen werden der Mittelpunktsgast und die Familie üblicherweise kaum einbezogen. Dafür spielen aber die verschiedenen GehilfInnen Schlingensiefs eine wesentliche Rolle als Mittäter oder auch Opfer. Hier möchte ich, ohne weitere Erläuterungen, nur folgende erwähnen: „Mario Gazani“, ein Kleinwüchsiger, Bernhard Schütz, und die beiden entweder geistig behinderten oder stark alkoholgeschädigten „Else“ und „Achim von Patschinsky“.

Diese Aufstellung gibt nur grob den Ablauf der Sendung wieder, da einzelne Elemente z.T. auch nicht in jeder Sendung auftauchen. So wird Roberto Blanco beispielsweise nicht mit Live-Tod und Live-Geburt konfrontiert, während dies bei Maria und Marianne Hellwig breit ausgewalzt wird. Ob diese Ordnung der Dinge bis ins letzte geplant ist, oder sich spontan in Schlingensiefs Moderation ergibt, vermag ich nicht zusagen.

Schließlich ist noch zu erwähnen, daß jede Sendung ein spezielles Oberthema wie z.B. Krieg, Afrika oder Selbsthaß hat, das auch mit einem speziellen Kostüm Schlingensiefs und seiner Mitarbeiter einhergeht.

3.2. Analyse

Die oben vorgenommene Beschreibung der Sendung vermittelt meines Erachtens noch immer keinen wirklichen Eindruck von dem, was in der Sendung tatsächlich geschieht. Ich werde daher in diesem Abschnitt versuchen, Absichten, Gefühle und Konstellationen so zu beschreiben, wie sie sich mir darstellen. Dies läßt sich natürlich nur subjektiv verfärbt bewerkstelligen, weshalb es sich hierbei eher um Analyse, als um Beschreibung handelt.

In der Einleitung habe ich bereits darauf hingewiesen, daß Schlingensief seine Gäste bloßstellen und entlarven will. Dies ist nur halb richtig, da es auch Gäste gibt, die in Schlingensiefs Gunst stehen, weil sie zumindest teilweise die politische Botschaft vertreten, die Schlingensief selbst transportieren möchte. Diese Gäste, wie z.B. der Ex Bundeswehradmiral und jetzigen Kriegsgegner Elmar Schmähling, werden von Schlingensief eher hofiert und geehrt, und bekommen von ihm die Plattform, um ihre Positionen zu vertreten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Der Moderator als Manipulator - Schlingensiefs U3000, eine Analyse
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakulät für Soziologie)
Veranstaltung
Aufbaukurs empirische Sozialforschung (qualitativ)
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
32
Katalognummer
V25652
ISBN (eBook)
9783638282154
ISBN (Buch)
9783638648738
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moderator, Manipulator, Schlingensiefs, U3000, Analyse, Aufbaukurs, Sozialforschung
Arbeit zitieren
Mark Thumann (Autor:in), 2001, Der Moderator als Manipulator - Schlingensiefs U3000, eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25652

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