Luhmann und der Konstruktivismus


Hausarbeit, 2000

17 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

1.0. Einleitung

2.0. Einführung in den Konstruktivismus
2.1. Grundannahmen des radikalenKonstruktivismus
2.2. Die Theorie lebender Systeme von Maturana und Varela
2.3. Neurobiologische/Neurophysiologische Belege

3.0. Die Theorie psychischer und sozialer Systeme von Niklas Luhmann
3.1. Unterscheiden, Bezeichnen, Beobachten
3.2. Psychische und soziale Systeme

4.0. Schluß

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1.0. Einleitung

Zu Beginn der 70er Jahre setzten die chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela mit ihrem Modell autopoietischer Systeme den Startpunkt einer interdisziplinären Theorieentwicklung, die heute unter dem Namen Konstruktivis- ÿmus oder auch radikaler Konstruktivismus1 bekannt ist. Die Theorievorschläge Maturanas und Varelas hatten eine immens breite Wirkung in vielen unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Vorallem innerhalb von Philosophie, Neurophysioloÿgie, Biologie, Psychatrie, Psychotherapie und Soziologie wurden sie diskutiert und weiterentwickelt (vgl. Kneer/Nassehi, 1997, S.55).

Dabei ist der Konstruktivismus weit davon entfernt eine einheitliche Theorie zu sein. Er ist vielmehr ein Oberbegriff über eine Vielzahl verschiedener Ansätze, die sich aber alle in der Grundannahme einig sind, daß Erkenntnis als Konstruktionsprozess zu verstehen ist, und die Wirklichkeit das Produkt dieses Prozesses ist. D.h. die Wirklichkeit wird nicht gefunden, sondern sie wird vom Beobachter operativ er- ÿzeugt. Deutlicher ausgedrückt bedeutet dies: „Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (Foerster, 1997, S. 26), ist „Erfahrungswirklichkeit“ (Schmidt, 1987, S. 18).

Damit ist aber nicht gemeint, wie oft fälschlicherweise unterstellt wird, der Konstruktivismus leugne die Existenz einer Außenwelt. Eben gerade nicht solipsi- ÿstisch, ist für den Konstruktivismus die Außenwelt unverzichtbar; jedoch verneint er die Möglichkeit, eine objektive Erkenntnis über sie erlangen zu können. Wie diese Sichtweise begründet wird, obgleich uns allen das, was uns unsere Sinne liefern so unmittelbar erscheint, soll in kurzer Zusammenfassung Inhalt des zweiten Kapitels dieser Hausarbeit sein.

Im dritten Kapitel möchte ich dann zur Theorie psychischer und sozialer Systeme von Niklas Luhmann übergehen.

Dieser, unter dem Label Systemtheorie bekanntgewordene, soziologische Theoretiker gehörte ebenfalls zu denen, die, die aus der Biologie kommenden konstruktivistiÿschen Thesen begierig aufgriffen und damit ihren Theorien einen neuen, tieferen Geÿhalt gaben.

Bei Luhmann spricht man in Bezug auf diesen Paradigmenwechsel sogar von der sog. „autopoietischen Wende“, die sich zuerst in seinem 1984 erschienen Buch „Soziale Systeme“ manifestierte.

Ziel dieser Arbeit soll schließlich sein, darzustellen, wo und wie Luhmann konstruktivistische Sichtweisen vertritt und wo es Weiterentwicklungen und/oder Differenzen zum konstruktivistischen mainstream2 gibt.

2.0. Einführung in den Konstruktivismus

2.1. Grundannahmen des radikalen Konstruktivismus

Der Begriff des radikalen Konstruktivismus geht auf Ernst von Glasersfeld zurück, und ist als Abgrenzung von anderen Spielarten des Konstruktivismus zu verstehen. Radikal ist er deshalb, weil er eine Erkenntnistheorie etabliert, die ohne Ontologie, also ohne die Annahme einer unmittelbaren Realität, auskommt. Wie oben bereits erÿwähnt, leugnet dies nicht die Existenz einer Außenwelt, sondern verneint nur die Annahme, daß, das, was wir für „real“ halten, also das, was wir sehen, hören, rieÿchen, fühlen usw., der Welt „da draußen“ entspricht.

Wissen wird also nicht passiv aufgenommen, sondern aus der eigenen Erfahrung abstrahiert und, ähnlich einer körperlichen Fähigkeit, aktiv von jedem Individuum aufgebaut (vgl. v. Glasersfeld, 1997, S. 147).

Kognition ist eine adaptive Funktion und dient der Erzeugung viabler Verhaltensweiÿsen und nicht der Entdeckung oder Abbildung einer ontologischen Realität . Man kann dies sehr anschaulich machen, wenn man sich das Bild von Schlüssel und Schloß vor Augen hält:

Sagen wir z.B., das Schloß stelle die Realität dar, also das, was jenseits menschli- ÿcher Wahrnehmung „real“ da ist. Diese „Realität“ ist uns unzugänglich; wir können nicht in das Schloß hineinblicken, um zu sehen, wie es von innen aussieht. Wir werden also verschiedene Formen von Schlüsseln ausprobieren, ähnlich einem Einbrecher, der mit seiner Sammlung von Ditrichen arbeitet, und schließlich das Schloß öffnen. Damit wissen wir dann aber nur, daß dieser Schlüssel „paßt“, nicht, daß er dem Schloß entspricht. Auch anders geformte Schlüssel könnten das selbe Schloß öffnen (vgl. Glasersfeld in: Watzlawick (Hg), 1981, S. 20f.). Genauso verhält es sich mit unseren Annahmen von der Beschaffenheit der Welt und all den Korrelationen und Kausalitäten, die wir in ihr wahrnehmen. Sie legen sozusa- ÿgen ein Raster, daß uns bis zu einem gewissen Grade erlaubt, in der Welt erfolgreich zu agieren, beweisen aber nicht, daß daß es derartige Strukturen „draußen“ tatsächÿlich gibt.

Damit das Individuum überhaupt ein solches Raster, daß wir auch Erfahrung nennen können, erzeugen kann, braucht es ein Gedächnis, und die Fähigkeit zur Reflexion. Damit ist es fähig, Bekanntes mit Neuem zu vergleichen, und so anhand bestimmter Kriterien Übereinstimmungen feststellen zu können. Die Kriterien, die dieser Assimilation zu Grunde liegen, sind aber im konstruktivistischen Sinne nicht objek- ÿtiv sondern leiten sich aus bestimmten angewöhnten Sichtweisen ab. So kann letz- tÿlich nur das wahrgenommen werden, was in die bestehenden Strukturen hineinpasst. Es wird praktisch so lange assimliert, wie es geht, und erst wenn das Ergebnis einer Handlung, oder das Handeln anderer nicht den Erwartungen des Individuums entÿspricht, entsteht eine Perturbation, die sich z.B. als Überraschung oder Enttäuschung äußern kann (vgl. Glasersfeld, 1996, S. 113ff.).

Daraufhin versucht das Individuum, die Ausgangssituation, wenn sie wieder herstellbar ist, erneut zu überprüfen, und Aspekte zu finden, die bei der Assimilation nicht berücksichtigt wurden. Daraus kann eine geringfügige Änderung der alten, oder aber die Bildung einer ganz neuen Struktur (Akkomodation) folgen. Kann die Umstrukturierung erfolgreich durchgeführt werden, ist das Gleichgewicht wieder hergestellt. Ist dies aus irgendwelchen Gründen nicht der Fall, z.B. weil die Perturbation so massiv war, daß weite Bereiche mentaler Strukturen unbrauchbar wurden, erleidet das Individuum eine Krise, die nur dadurch überwunden werden kann, daß möglicherweise über einen längeren Zeitraum hinweg ein neues Weltbild konstruiert wird, daß erneut ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen der Welt gegenüber möglich macht (vgl. Glasersfeld, 1996, S. 117ff.).

Es handelt sich bei dem oben beschriebenen Prozess aber, um es nocheinmal zu betonen, nicht um eine zunehmende Annährung an eine ontologische Wirklichkeit, sondern nur um den Auf- und Abbau von Konstruktionen.

Anschließend an diese Thesen ist auch die konstruktivistische Sichtweise sozialer Kontakte außerordentlich interessant:

Innerhalb seiner individuellen Wissenskonstruktion muß ein Bewußtsein auch Konstrukte von anderen Menschen aufbauen, denn diese Wesen sind ihm in ihrem Handeln und Denken ebensowenig unmittelbar zugänglich wie alles andere auch. Es muß also in sich selbst ein Wesen konstruieren, dessen Verhalten zuverlässige Vorhersagen über das Verhalten der beobachteten Wesen ermöglicht. Grundlage sol- ÿcher Konstruktionen können natürlich nur die Eigenschaften sein, die das Individ- uÿum an sich selbst beobachtet.

Erweist sich diese „Simulation“ als erfolgreich, führt sie zu der berechtigten Annah- ÿme, daß die Anderen eine ähnliche Wirklichkeitskonstruktion verwenden wie es selbst, und damit zu einer Verstärkung seiner eigenen Erfahrungswirklichkeit, einer „zweiten Ebene der Viabilität“ (vgl. Glasersfeld, 1997, S. 206f.).

2.2. Die Theorie lebender Systeme von Maturana und Varela

Im Zentrum der Theorie lebender Systeme steht der Begriff der „Autopoiesis. Es handelt sich dabei um ein von Maturana selbst geprägtes Kunstwort, das sich aus den griechischen Worten autos (=selbst) und poiein (=machen) zusammensetzt. Es bezeichnet das Organisationsprinzip, das nach Maturana und Varela allen lebenden Systemen und nur diesen eigen ist (vgl. Kneer/Nassehi, 1997, S. 48f.). Lebende Systeme sind danach solche, die sich sebst herstellen und erhalten. Dies tun sie in einem zirkulären Prozeß indem die Komponenten, aus denen das System be- ÿsteht, vom System selbst erzeugt werden. Maturana und Varela bezeichnen solche Systeme als geschlossen in dem Sinne, daß die Formen ihrer Selbstorganisation bzw. ihres Austausches mit der Umwelt ausschließlich intern festgelegt sind, und von a- uÿßen nicht gesteuert werden können (vgl. Kneer/Nassehi, 1997, S. 51). Dies läßt sich anhand einer lebenden Zelle sehr gut veranschaulichen:

Natürlich ist die Zelle auf eine Zufuhr von Nährstoffen von außen angewiesen und in diesem Sinne ein offenes System. Sie ist nicht autark. Sie bestimmt aber genau, welÿche Stoffe sie wann und wie aufnimmt, und ist somit organisationell geschlossen und kann als autonome s Gebilde betrachtet werden.

Das selbe eben autopoietische Organisationsprinzip ist nicht nur der Zelle zu eigen, sondern nach Maturana und Varela allen Lebewesen (ebd.).

Die Vielfalt des Lebens auf der Erde läßt dabei schon erahnen, daß autopoietische Systeme durchaus nicht statisch sind. Maturana und Varela unterscheiden dabei zwi- ÿschen der Organisation und der Struktur eines Systems. Die Organisation ist die der Autopoiese und ist notwendigerweise invariant, da sie das Grundprinzip des Lebens selbst darstellt. Die Struktur aber ist plastisch, sie ist der Rahmen der Möglichkeiten innerhalb der Organisation. So weisen Vögel, Frösche, Menschen und Amöben sehr unterschiedliche Strukturen aber die selbe Organisation auf (vgl. Kneer/Nassehi, 1997, S.49f.).

Die jeweiligen Operationen des Systems sind wiederum abhängig vom Zustand des Systems vor der Operation, also von der konkreten Struktur des Systems. In diesem Sinne sind autopoietische Systeme struktur- bzw. zustandsdeterminiert. Ihre Operationen verlaufen rekursiv: Das Ergebnis der einen Operation wird als Grundla- ÿge der nachfolgenden Operation verwandt (vgl. Kneer/Nassehi, 1997, S. 50). Ohne Verlust ihrer Autopoiesis gehen lebende Systeme strukturelle Kopplungen zu ihrem Medium oder zu anderen lebenden Systemen ein. In Bezug auf sein Medium wird dies als ontogenetische Anpassung bezeichnet und meint, daß ein System sich an bestimmte Zustände außerhalb seiner selbst anpaßt: Der Fisch zum Beispiel befin- ÿdet sich in einer strukturellen Kopplung mit seinem Medium Wasser. Verliert der Fisch den Zugang zum Wasser, stirbt er. Eine Strukturelle Kopplung zweier oder vi- eÿler lebender Systeme findet sich z.B. in jedem Organismus: Die einzelnen Zellen sind spezialisiert, d.h. nicht mehr als Einzellebewesen überlebensfähig. Sie sind strukturell gekoppelt, indem sie ihre jeweiligen Zustandsveränderungen sequentiell aufeinander abstimmen. Sie bilden einen konsensuellen Bereich. Aber auch z- wiÿschen höheren Organismen gibt es strukturelle Kopplungen: Menschliche Kommunikations- und Sozialsysteme sind nach Maturana und Varela nichts anderes als konsensuelle Bereiche, die durch Abstimmungen eineln er Akte ure entstehen (vgl. Schmidt in: Schmidt (Hg), 1987, S. 25).

Mit dem zuletzt Gesagten sind wir bereits in den Bereich der konstruktivistischen Kognitionstheorie übergegangen, wie sie Maturana und Varela auf Basis ihrer neurobiologischen Forschungen entwickelt haben. Da ebendiese Forschungen Inhalt des nachfolgenden Abschnittes sind, möchte ich an dieser Stelle nur darauf eingehen, was für Schlußfolgerungen die beiden Forscher in Bezug auf das Nervensystem gezoÿgen haben.

Für sie ist auch das Nervensystem geschlossen und operiert selbstreferentiell. Wie die Zelle die Form ihres Austausches mit der Umwelt bestimmt, bestimmt das Nervensystem, auf welche Weise eingehende sensorische Reize verarbeitet werden, und schließt rekursiv jede Operation an die vorhergehende an. Wir haben dies in anderen Worten im vorausgehenden Kapitel eingehend behandelt. Dennoch handelt es sich bei ihm nicht um ein autopoietisches System, da es sich nicht im physischen Sinne selbst erhält und selbst erzeugt. Es ist also nur ein Teilsyÿstem des autopoietischen Systems Mensch.

Ebensowenig sind soziale Systeme nach Maturana und Varela autopoietisch, da auch sie, die Komponenten, aus denen sie bestehen (Menschen), offensichtlich nicht selbst erzeugen (vgl. Kneer/Nassehi, 1997, S.54f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Luhmann und der Konstruktivismus
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Luhmann und Foucault eine kontrastive Einführung
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V25668
ISBN (eBook)
9783638282253
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gegenstand der Hausarbeit ist, die konstruktivistischen Grundlagen in Luhmann´s Systemtheorie zusammenfassend darzustellen.
Schlagworte
Luhmann, Konstruktivismus, Luhmann, Foucault, Einführung
Arbeit zitieren
Mark Thumann (Autor), 2000, Luhmann und der Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25668

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