Staatslose Gesellschaften. Das theoretische Konzept der social anthropology am Beispiel des Volkes der Nuer.


Hausarbeit, 2000
15 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1.0. Einleitung

2.0. Vorgehensweise bei Meyer Fortes und Evans-Pritchard

3.0. Staatenlose Gesellschaften und primitive Staaten

4.0. Die Nuer. Ein Volk ohne Staat
4.1. Äußere Lebunsumstände
4.2. Politische Struktur
4.3. Das Lineage-System
4.4. Das System der Altersklassen

5.0. Schluß

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1.0. Einleitung

Beginnend mit der revolutionären Wende in der Ethnologie, die durch Bronislav Malinowski und dessen neuartiges Konzept von Feldforschung ausgelöst wurde, entwickelte sich in England die social anthropology. Sie wurde in den 20er und 30er Jahren zunächst von Malinovski selbst, und dessen funktionalistischer Theorie geprägt, da dieser in England lehrte. Malinovski definierte die kulturellen Institutionen als Funktionen der „basic needs“ wie z.B. Nahrung, Fortpflanzung und Kommunikation. Detailgenaue Beschreibung der aufgenommen Eindrücke galt als wichtiger als Einordnung in eine theoretische Ordnung.

In den 40er und 50er Jahren wurde Malinovskis Schüler Radcliffe-Brown zum bestimmenden Theoretiker. Er richtete das Interesse stärker auf das Netz der sozialen Beziehungen. Dies implizierte eine hohe Bewertung der theoretischen Ordnug und einen höheren Abstraktiongrad.

Von Beginn an spielte die Erforschung sog. akephaler (kopfloser) oder segmentärer Gesellschaften also von Gesellschaften ohne Staat eine wichtige Rolle in der social anthropology. Möglicherweise weil gerade im Machtbereich des britischen Empire besonders viele dieser Völker anzutreffen waren. Darüber hinaus gab es zunächst noch starke Sympathien seitens der social anthropology gegenüber diesen Gesellschaften und dem Anarchismus als Theorie von der Abschaffung des Staates. Die intensive Beschäftigung mit akephalen Gesellschaften setzte sich auch unter den Schülern Radcliffe-Browns Meyer Fortes und Evans-Pritchard fort, jedoch gleichzeitig mit der Akademisierung des Faches, zunehmend unter anderen Vorzeichen: Die Arbeiten Evans-Pritchards über die Nuer, einen Volkstamm im Südsudan, wurden von der britischen Kolonialbehörde finanziert, und standen dem Kontext, daß es den Kolonialtruppen nicht gelang, dieses Volk vollständig zu unterwerfen, weshalb man eine genauere Kenntnis von dessen politischen Strukturen wünschte. Ungeachtet dieser mehr als fragwürdigen Kooperation mit einer imperialistischen Macht, muß man der social anthropology aber zu gute halten, daß sie mehr als alle anderen dazu beigetragen hat, das rassistische Bild vom „primitiven Wilden“ zu widerlegen, indem sie zeigte, daß es sich um funktionierende (Malinovski) und in sich rational strukturierte Gesellschaften handelt.

Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es, diesen Ansatz genauer darzustellen. Dies soll sowohl anhand theoretischer Überlegungen, wie sie in der Einleitung zum Buch „African political systems“ von Meyer Fortes und Evans-Pritchard angestellt werden, als auch anhand der im selben Buch enthaltenen Fallstudie über die Nuer geschehen.

2.0. Vorgehensweise bei Meyer Fortes und Evans-Pritchard

Widmet man sich der Erforschung nicht-europäischer Gesellschaften, so ist man als erstes mit einer beinahe unüberschaubaren Vielfalt kultureller, politischer und religiöser Ausdrucksformen konfrontiert, die weder einfach zu verstehen noch zu vergleichen sind. Soll aber Forschung in diesem Bereich überhaupt Sinn haben, so muß der/die EthnologIn davon ausgehen, das es prinzipiell möglich ist, als Außenstehender zutreffende Aussagen über die Gesellschaft der „anderen“ zu machen, daß es also soetwas wie die Möglichkeit von „Verstehen“ gibt.

Wenn man dem zustimmt stellt sich als nächstes die Frage welche Vorgehensweise zu wählen ist. Soll man jede Gesellschaft für sich als einzigartig sehen und sich mit deren Beschreibung begnügen, oder kann man klassifizieren, zusammefassen, Typologien erstellen?

Meyer Fortes und Evans-Pritchard bekennen sich deutlich zur zweiten Variante. Dies rechtfertigt ihren ersten Schritt: Sie gehen davon aus, daß es anhand einiger ausgewählter afrikanischer Gesellschaften möglich ist, sich ein weitgehend repräsentatives Bild aller vorhandenen Gruppen zu machen.

Wenn man dann anfägt zu vergleichen, und nach Gemeinsamkeiten zu suchen, stellt sich die Frage, was man denn nun vergleichen soll. Kulturelle, politische oder religiöse/mystische Ausdrucksformen? Welcher dieser Bereiche ist der Grundlegende, nach dessen Erfordernissen sich die anderen entwickeln? Gibt es soetwas überhaupt? Existieren solche Bereiche wirklich, oder sind sie nicht selbst schon Projektionen des Ethnologenhirns?

Ich gehe so ausfürlich auf diese Fragen ein, weil ich damit gleich zu Beginn deutlich machen möchte, daß schon das sich Festlegen auf solche Grundannahmen ein spekulatives Element in sich trägt, von dem der ganze weitere Verlauf der Forschung abhängt.

Für Meyer Fortes und Evans-Pritchard ist, wie der Name ihrer Untersuchung „african political systems“ schon deutlich macht, der politische Faktor der Entscheidende. Dementsprechent suchen sie nach Gemeinsamkeiten im politischen System über kulturelle Unterschiede hinweg. Sie haben nämlich festgestellt, daß sich Gesellschaften mit hoher kultureller Übereinstimmung nicht zwangläufig in ihrer politischen Struktur gleichen, und ebenso ähnliche politische Systeme nicht mit ähnlicher Kultur verbunden sein müssen.

Um diese „politischen“ Gemeinsamkeiten überhaupt wahrnehmen zu können, müssen sie daher wie die beiden Autoren meinen vom „Vorhang der kulturellen Uniformität“ befreit werden. Die sozialen Prozesse sollen auf die Funktion reduziert werden, die sie innerhalb der Gesellschaft haben unabhängig von ihren konkreten kulturellen Inhalten.

An dem Punkt, wo es darum geht, wie der Ethnologe zu verwertbaren Daten kommen soll, stellen Meyer Fortes und Evans-Pritchard einen Forderungskatalog zusammen, mit dem sie sich stark von der politischen Philosophie und der vergleichenden Politikwissenschaft abzugrenzen suchen: Theorien sollen anhand beobachtbaren Verhaltens aufgestellt werden und damit überprüfbar sein. Weiterhin soll es darum gehen Institutionen so darzustellen und zu erklären wie sie sind und nicht wie sie sein sollten. Ethnologische Forschung soll also um ihrer selbst willen betrieben werden anstatt als Hilfsmittel zu dienen um die bestehende europäische Gesellschaftsform entweder zu rechtferigen oder zu bekämpfen.

Im Gegensatz zum Vorgehen der sog. Evolutionisten lehnen die Autoren schließlich eine historische Herangehensweise ab, die primär bemüht ist, die Entwicklung von Gesellschaften nachzuvollziehen. Sie begründen dies damit, daß über die Ursprünge von Institutionen in den von ihnen erforscten Gesellschaften, aufgrund der praktischen Nichtexistenz von geschichtlichen Quellen, nichts herauszufinden sei. Sie gehen davon aus, daß es um die Funktion einer Institution zu begreifen, nicht notwendig ist deren Ursprung zu kennen.

3.0. Staatslose Gesellschaften und primitive Staaten

Im weiteren Verlauf des Textes, auf den ich mich oben bereits bezogen habe, kommen Meyer Fortes und Evans-Pritchard zu dem Schluß, daß es in Afrika zwei zueinader sehr verschiedene Gesellschaftsformen gibt: Primitive Staaten, im weiteren als Gruppe A bezeichnet und staatenlose Gesellschaften, im weiteren als Gruppe B.

Zur Gruppe A zählen sie die Zulu, Ngwato, Bemba, Banyankole und Kede; zu Gruppe B die Logoli, Tallensi und Nuer.

Da es dem Thema dieser Hausarbeit eher entspricht, werde ich meine Aufmerksamkeit im folgenden vorwiegend den staatenlosen Gesellschaften widmen und die primitiven Staaten nur als „Kontrastprogramm“ miteinbeziehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Staatslose Gesellschaften. Das theoretische Konzept der social anthropology am Beispiel des Volkes der Nuer.
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Soziologie)
Veranstaltung
Einführung in die Sozialanthropologie
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V25669
ISBN (eBook)
9783638282260
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vor allem Bezug auf Arthur Evans-Pritchard. Die nuer sind ein Volk im Süd-Sudan.
Schlagworte
Staatslose, Gesellschaften, Konzept, Beispiel, Volkes, Nuer, Einführung, Sozialanthropologie
Arbeit zitieren
Mark Thumann (Autor), 2000, Staatslose Gesellschaften. Das theoretische Konzept der social anthropology am Beispiel des Volkes der Nuer., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25669

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