Freie Alternativschulen und ihr Prinzip der Selbstregulierung


Seminararbeit, 2002

16 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Allgemeine Informationen zu Freien Alternativschulen in der BRD
2.1.1. Entwicklung und aktuelle Daten
2.1.2. Pädagogik und Methodik
2.1.3. Bildungspolitisches und pädagogisches Selbstverständnis
2.2. Zum Begriff der „Selbstregulierung“
2.2.1. Oskar Negt und der Selbstregulierungsprozess bei Kindern
2.2.2. Lutz van Dick und die Bedeutung der Selbstregulierung in der Glocksee- Schule
2.2.3. Anne Krovoza und Inge Negt über selbstständige Konfliktregulierung
2.3. Bewegungen, die zur Gründung Freier Alternativschulen beitrugen
2.3.1. Summerhill
2.3.2. Studenten- und Kinderladenbewegung
2.3.3. Reformpädagogik
3. Schlussbemerkungen
3.1. Rolle der Freien Alternativschulen im öffentlichen Bildungssystem
3.2. Eigene Beurteilung Freier Alternativschulen und des Prinzips der Selbstregulierung

„Wenn Sie ein Kind etwas lehren,

so hindern Sie es daran,

es selbst zu entdecken.“[1]

Jean Piaget

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit sollen verschiedene Gedanken zur Methodik, Pädagogik und alltäglichen Arbeit von Freien Alternativschulen (FAS) zusammen getragen werden. Da die genannten Bereiche sehr umfangreich sind, möchte ich mich insbesondere auf den Aspekt der Selbstregulierung Freier Alternativschulen konzentrieren.

Durch das Seminar wurde mein Interesse an dieser Schulform geweckt und durch die Vorbereitung der Präsentation zu Freien Alternativschulen bekam ich viele Informationen zu dieser Schule, die mich faszinierten, aber auch zum kritischen Nachdenken anregten. Vorher waren mir Freie Schulen weitgehend unbekannt.

Die Selbstregulierung ist eines der wichtigsten, wenn nicht sogar das wichtigste Arbeitsprinzip aller Freien Alternativschulen. Die Gründung vieler Schulen basierte auf diesem Leitmotiv.[2] Ich habe aus verschiedenen Quellen Stellungnahmen zu dem Begriff der Selbstregulierung zusammen getragen, um deren Bedeutung für die Alternativschulpädagogik erkennbar zu machen.

In meinen Ausführungen will ich versuchen, das Prinzip der Selbstregulierung darzustellen, indem ich die Entstehung (und Entwicklung) der Freien Alternativschulen in Deutschland erläutere.

Hierzu nehme ich einen historischen Rückblick auf die Reformpädagogik im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts, auf die 1921 gegründete englische Schule Summerhill und auf die 68er-Bewegung in Verbindung mit der Entstehung antiautoritärer Kinderläden vor.

Bei der Darstellung dieser Bewegungen will ich versuchen, einen Einblick in das Prinzip der Selbstregulierung zu geben und zu zeigen, inwiefern es für die jeweilige Bewegung von Bedeutung war.

Diese drei Ansätze, die die Alternativschulbewegung beeinflusst und geprägt haben, sollen hinführen zu deren Entstehung zu Beginn der 70er Jahre in Deutschland.

2. Hauptteil

2.1. Allgemeine Informationen zu Freien Alternativschulen in der BRD

2.1.1. Entwicklung und aktuelle Daten

- Anfang der 70er Jahre konkretisierte sich in Deutschland die Freie Alternativschulbe- wegung mit der Gründung der Glocksee-Schule in Hannover (1972). Aus diesem, zunächst an eine Regelschule gekoppelten, öffentlichen Schulversuch hat sich inzwischen eine vielbeachtete und renommierte Schule entwickelt.[3]
- Mittlerweile gibt es in der BRD 52 Freie Schulen, die von ca. 2800 Schülerinnen und Schülern besucht werden. Außerdem bemühen sich etwa 22 Initiativen um die Gründung einer Freien Schule.
- Innerhalb von Deutschland gehören die FAS zu dem 1988 gegründeten „Bundesverband der Freien Alternativschulen“ (BFAS).
- Der Großteil der FAS sind Grundschulen, denen eine Kindertagesstätte vorgeschaltet ist. Andere Schulen umfassen lediglich den Sekundarbereich I. Aber die Zahl der Schulen, die in den Jahrgängen 1 bis 10 arbeiten, wächst stetig an.
- Alle Freie Schulen sind Ganztagsschulen, in denen gemeinsame Mahlzeiten fest in den Tagesablauf integriert sind.
- Nur wenige Schulen arbeiten in kommunaler Trägerschaft. Der überwiegende Teil funktioniert in freier Trägerschaft.
- Die Schulen finanzieren sich hauptsächlich durch Elternbeiträge, die einkommensabhängig erhoben werden, und durch staatliche Beihilfen.
- Alle Freie Alternativschulen sind einzügig.[4]

2.1.2. Pädagogik und Methodik

Mathetik

FAS arbeiten nach dem mathetischen Prinzip. Kinder sollen nicht belehrt werden, sondern haben die Freiheit, sich in den Lernprozess als selbsttätiges Subjekt einzubeziehen. Ziel ist das Lernen lernen![5]

Nach Hartmut von Hentig, dem Gründer der Laborschule in Bielefeld, umfasst die Mathetik folgende pädagogischen Mittel:

- Gliederung in Lernbereiche und nicht in Fächer.
- Integration der Kulturtechniken in den Sachunterricht. Erlernen von Kulturtechniken durch selbstgesetzte Aufgaben.
- Ganzheitliche Erfahrungen sammeln und ganzheitliches Lernen ermöglichen durch Projekte.
- An die Erfahrungswelt der Kinder anknüpfen und ohne Zwänge motivieren.
- Altersmischung, Mischung von Kindern verschiedener Herkunft und verschiedener geistiger, psychischer und physischer Veranlagung.
- Unvoreingenommene Haltung gegenüber der Entwicklungsfähigkeit von Kindern.
- „Lebensprobleme“ der Heranwachsenden ernst nehmen, da sie die Lernprobleme überlagern.
- Praktizieren unterschiedlicher, abwechslungsreicher Lernformen: U.a. Gruppenarbeit, Partnerarbeit, Einzelarbeit mit oder ohne Unterstützung von LehrerInnen, Spielen, Lernen in Bewegung mit dem ganzen Körper, Projekte.
- Verzicht auf Noten, um Vergleiche und Konkurrenzdruck zu vermeiden.
- Lehrer, Erzieher und Eltern sollen unterstützend helfen, wenn ein Kind bei seinem selbstregulierten Lernen an Grenzen stößt oder ziellos lernt.
- „Buchführung“ über angebotene Lernerfahrungen, den Werdegang und die Lernbiographie des/der Schülers/Schülerin.
- Realistische Einschätzung der Grenzen dieses Prinzips. Z.B. ist es notwendig, den SchülerInnen beim Verlassen der Schule einen Leistungsnachweis zu erstellen.[6]

Freiwilligkeit

Die Kinder und Jugendlichen können entscheiden, ob sie an den differenzierten Lernangeboten teilnehmen möchten oder nicht. Mittlerweile besitzt jede Schule eine verbindliche Lernzeit für alle SchülerInnen, in der der/die einzelne SchülerIn seine/ihre Lernform frei wählen kann. Der zeitliche Umfang dieser Lernphase variiert von Schule zu Schule, da er von der Selbstregulierungsfähigkeit der SchülerInnen abhängig ist.

Freiheit

SchülerInnen in FAS besitzen viele Freiheiten, die teilweise bereits bei den Erläuterungen zum pädagogischen Prinzip der Mathetik genannt wurden.

Eine weiteres entscheidendes Merkmal für die Pädagogik an Freien Schulen ist die Freiheit der Kinder und Jugendlichen, gleichberechtigt mit Erwachsenen über wichtige Angelegenheiten zu verhandeln. Hierzu gehören u.a. Verhandlungen über Unterrichtsinhalte und über Rechte und Regeln für SchülerInnen und für einzelne Klassen. Selbstverständlich ist für FAS- SchülerInnen, dass sie ggf. ihre LehrerInnen offen kritisieren.

Weitere Freiheiten sind die des freien Spiels, nicht nur in den Pausen, die Freiheit des spontanen Handelns, welche die Phantasie und Lebensfreude der Kinder zum Ausdruck bringt, und die Freiheit, ohne ständige Kontrolle der Erwachsenen zu handeln. Freie AlternativschulpädagogInnen haben sehr selten die Erfahrung gemacht, dass Kinder das ihnen entgegengebrachte Vertrauen missbraucht haben.

Außerdem haben Jungen und Mädchen die Freiheit, sich ungestört vom anderen Geschlecht zurückzuziehen. Hierfür gibt es an fast allen Schulen eingerichtete Mädchen- bzw. Jungenräume. Alle Räume, die den Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen, dürfen von ihnen gestaltet werden.

FAS sind „Orte der Bildung, die den Umgang mit Freiheit und Selbstverantwortung zu ihrem zentralen Anliegen machen“[7], dennoch bedürfen alle dargestellten Freiheiten immer der Abstimmung mit anderen Kindern und mit LehrerInnen.[8]

2.1.3. Bildungspolitisches und pädagogisches Selbstverständnis

Die Alternativschulbewegung ist eine reformpädagogische Entwicklung, die sich von der Pädagogik und Methodik der Regelschulen deutlich abgrenzt. Kennzeichen älterer Reformschulen, wie z.B. Waldorfschulen oder Montessorischulen, finden sich jedoch in der Freien Alternativschulpädagogik wieder (z.B. „Pädagogik vom Kinde aus“).

Ihr bildungspolitisches und pädagogisches Selbstverständnis haben die FAS in einer Grundsatzerklärung dokumentiert, die zum Ausdruck bringt, dass Demokratie im Schulalltag und das Recht auf Selbstbestimmung und Mitbestimmung bedeutsame Kriterien der Alternativschulpädagogik sind.[9]

Dieses Selbstverständnis wird in der ersten These der Grundsatzerklärung konkretisiert, die ich hier wiedergeben möchte:

Die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und Zukunft (Ökologie, Kriege, Armut usw.) sind auf demokratische Weise nur von Menschen zu lösen, die Eigenverantwortung und Demokratie leben können. Alternativschulen versuchen Kindern, Lehrern und Eltern die Möglichkeit zu bieten, Selbstregulierung und Demokratie im Alltag immer wieder zu erproben. Das ist die wichtigste politische Dimension der Alternativschulen.[10]

[...]


[1] Piaget, Jean; zit. nach: Negt, Oskar: Kindheit und Schule in einer Welt der Umbrüche. Göttingen 1997, S. 206 f.

[2] Vgl. http://userpage.fu-berlin.de/~babou/glocksee.htm. Vom 16. 07.2002.

[3] Vgl. Scholz, Norbert: Vorwort. In: Freie Alternativschulen: Kinder machen Schule. Innen- und Außenansichten. Hrsg. v. BFAS . Wolfratshausen 1992, S. 9.

[4] Vgl. http:www.paritaet.org/bfas/. Vom 17.07.2002.

[5] Vgl. Lambrich, Hans-Jürgen: Erkenntnisse zum mathetischen Prinzip. Freiheit im Lernprozess und der Erwerb grundlegender Lernfähigkeiten. In: Freie Alternativschulen: Kinder machen Schule. Innen- und Außenansichten. Hrsg. vom BFAS . Wolfratshausen 1992, S. 318 f.

[6] Vgl. von Hentig, Hartmut: Wie frei sind Freie Schulen? Gutachten für ein Verwaltungsgericht. Stuttgart 1985, S. 81 ff.

[7] Borchert, Manfred: Kinder können Freiheit lernen. Zur Pädagogik der Freien Alternativschulen. Hrsg. vom BFAS, S. 1.

[8] Vgl. Borchert, Manfred: Kinder können Freiheit lernen. Zur Pädagogik der Freien Alternativschulen. Hrsg. vom BFAS, S. 2 ff.

[9] Vgl. Maas, Michael: Zur Geschichte der Alternativschulbewegung in der Bundesrepublik Deutschland (1972-1997). Bochum 1997, S. 1ff.

[10]. Maas, Michael: Zur Geschichte der Alternativschulbewegung in der Bundesrepublik Deutschland (1972-1997). Bochum 1997, S. 1.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Freie Alternativschulen und ihr Prinzip der Selbstregulierung
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Schulpädagogik)
Veranstaltung
Seminar: Aktuelle Reformkonzepte für die Grundschule und Sekundarstufe
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V25699
ISBN (eBook)
9783638282505
ISBN (Buch)
9783638831215
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Freie, Alternativschulen, Prinzip, Selbstregulierung, Seminar, Aktuelle, Reformkonzepte, Grundschule, Sekundarstufe
Arbeit zitieren
Judith Düringer (Autor), 2002, Freie Alternativschulen und ihr Prinzip der Selbstregulierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25699

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