Theokrits 11. Idyll unter dem Aspekt der heilenden Kraft von Poesie


Hausarbeit, 2004

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Strukturanalyse

3. Lineare Interpretation

4. Gesamtinterpretation

5. Bibliographie

1. Einleitung

In Folgenden soll das mit „Kyklops“ betitelte und der Gattung der Bukolik[1] angehörende Idyll XI des hellenistischen Dichters Theokrit (*305 v.Chr. in Syrakus) anhand einer werkimmanenten Interpretation näher erläutert werden. Besonderes Augenmerk sei hierbei auf die heilende Wirkung der Poesie bei der Liebeskrankheit gerichtet, welche Theokrit durch die Schilderung des Kyklopen-Liedes dem Leser demonstriert.

In einem ersten Schritt soll die lineare Analyse des Inhaltes von Idyll 11 erfolgen ohne Hinblick auf die Gesamtheit des Werkes. Diese soll erst im zweiten Schritt ihre Beachtung finden, wobei die Thematik und Synthese der verschiedenen Teile fokalisiert werden.

Sprachlich erinnert Idyll 11 zwar an das archaische Epos, grenzt sich jedoch – wie für den Hellenismus typisch – von diesem durch seine Kürze deutlich ab. Um seinem Werk dennoch genügend Bandbreite und Tiefe zu verleihen, flechtet Theokrit ohne viele Worte zu benötigen zahlreiche Anspielungen auf andere Sagenkreise sowie subtile Andeutungen mit ein.

Obwohl der Kyklop und dessen eine recht starke dorische Färbung aufweisende Sprache bar jeder Künstlichkeit dargestellt werden, entbehrt der Stil von Idyll 11 nicht der Eleganz und Schönheit im Ausdruck; vielmehr gelingt Theokrit hierbei das rechte Verhältnis zwischen Kunst und Natur.

2. Strukturanalyse

Idyll 11 setzt sich zusammen aus einer Rahmen- und einer Binnenerzählung. Die in Briefform verfasste Rahmenerzählung richtet sich an einen städtischen Adressaten (an den Arzt und Musenfreund Nikias) und stellt den Bericht eines Städters über einen Landbewohner dar.

Die Binnenerzählung gibt das Lied des Landbewohners Polyphem wieder.

Somit weist Idyll 11 eine dreigeteilte Struktur auf:

Das die ersten 18 Verse umfassende Prooimion richtet sich an den Arzt und Musenfreund Nikias mit der allgemeinen Erkenntnis, dass es gegen die Liebe kein anderes Heilmittel

(ουδέν...φάρμακον άλλο) als die Musenkunst (ται Πιερίδες) gibt.

Die Verse 19-79 konkretisieren diese allgemeine Feststellung durch die Schilderung des Liedes des Kyklopen Polyphem, durch welches dieser – verschiedene Phasen durchlaufend - Heilung von seiner unglücklichen Liebe zu der Nymphe Galateia erfährt.

Das Schlusswort umfasst die Verse 80-81.

3. Lineare Interpretation

Die Einleitung (V. 1-6) in Idyll 11 stellt eine Briefsituation dar, wobei durch die Nennung des konkreten Problems der unglücklichen Liebe, deren einziges Heilmittel die Poesie (ται Πιερίδες, V. 3) ist, eine bestimmte Erwartungshaltung beim Leser erzeugt wird: Indem Theokrit seinem Freund Nikias mitteilt, dass die Medizin ein liebeskrankes Herz nicht zu heilen vermag, sondern dass dazu einzig und allein nur die Dichtung in der Lage ist, wird die Neugierde beim Leser geweckt, der nun erfahren möchte, wie dies vonstatten gehen soll.

Allerdings ist das als Heilmittel fungierende Lied nicht sofort zur Hand, wie man aus ευρειν

in V. 4 schließen kann, sondern es muss erst gefunden werden.

Nikias, als Arzt (ιατρον εόντα, V. 5) und Musenfreund (ταις εννέα δη πεφιλημένον έξοντα Μοίσαις, V.6), kennt also die Wirkung von Arzneimitteln und ist mit der Poesie vertraut, so dass man ihn daher als Fachmann für die Liebeskrankheit bezeichnen kann.

Als Beweis für seine im ersten Vers aufgestellte These führt Theokrit ab V. 7 die Geschichte des unglücklich in Galateia verliebten Kyklopen Polyphem an, der zu dieser Zeit ein Jüngling (αρτι...τε, V. 9) und somit noch recht unreif ist.

Im Folgenden (V 10-11) wird die natürliche und jeder Künstlichkeit entbehrende Art der Liebe Polyphems geschildert, die eine richtige Raserei (ορθαις μανιαις, V. 11) darstellt und von kultivierteren Liebesformen, welche durch die Symbole μαλοις, ροδω und κικιννοις (V. 10) beschrieben werden, abgegrenzt und in Kontrast gesetzt wird.

Äpfel galten als Symbol für Liebe und Sexualität. Allerdings können sie nicht nur für eine entstehende Liebesbindung, wie beispielsweise bei der Atalante-Sage[2], sondern auch für die zerstörerische Seite der Liebe, wie etwa beim Paris-Urteil in Homers Ilias, stehen – eine Ambiguität, die dem städtischen Leser wohlbekannt war und Polyphems naive Ungewissheit über den Ausgang seiner Liebe auf ironisch-humorvolle Weise zum Ausdruck bringen soll. Auch kann man darin eine Anspielung auf die Dichterin Sappho, welche als ganz oben im Baum hängender und daher unerreichbarer Apfel beschrieben wird, sehen, wodurch die Unerfüllbarkeit von Polyphems Liebe angedeutet werden soll.

Auch im Symbol der Rose kann eine weitere Allusion auf Sappho gesehen werden, die die Schönheit der Rose zu etwas Göttlichem erhob. Von all dem weiß Polyphem nichts, ist für ihn die Rose doch nichts weiter als eine Blume.

Das Symbol der Haarlocke lässt einerseits an die „veilchengelockten Musen“, andererseits an Die Locke der Berenike[3] denken. Wieder treibt Theokrit sein ironisches Spiel auf Kosten des Kyklopen, der der wahren Musenkunst unkundig ist und dessen Körper anstelle von schönen Locken hässliche Zotteln (V.50 ) zieren.

Die Liebe zu Galateia lässt Polyphem seine Hirtentätigkeit vernachlässigen (V. 11-13), während er singend auf einem hohen Felsen über dem Meer sitzt und auf diese Weise Heilung von der Liebe erfährt (αλλα το φαρμακον ευρε, V. 17).

Der Blick ins Meer (ες ποντον ορων, V. 18), der Heimat Galateias, kann wohl als dezente Anspielung Theokrits auf Odysseus‘ Aufenthalt auf Ogygia[4] gesehen werden, um den Leser an den homerischen Kontext bzw. die unerfüllte liebe Kalypsos gegenüber Odysseus zu erinnern.

Nun folgt ab V. 19 eine Schilderung des Liedes von Polyphem:

Beginnend mit der Frage, warum Galateia ihn von sich stoße (τι τον φιλεοντ' αποβαλλη) gibt Polyphem eine Beschreibung seiner Angebeteten ab, indem er sie mit Quark (πακτας, V. 20), einem Lamm (αρνος, V. 20), einem Kalb (μοσχω, V. 21) und einer unreifen Traube (ομφακος ωμας, V. 21) vergleicht: Mit materiellen Dingen aus seiner Hirtenwelt. Die dem Leser evidente Zweideutigkeit dieser Komplimente bemerkt Polyphem in seiner Naivität nicht. Einerseits bleibt dem Kyklopen der Unterschied zwischen materiellen Gütern und den immateriellen Qualitäten einer Geliebten verborgen, andererseits sind Milch und eine unreife Traube oftmals sauer. So gelingt es Theokrit, die auf den Leser belustigend wirkende Tölpelhaftigkeit und Einfalt des Kyklopen dezent zu ironisieren und den gebildeten Städter beim Lesen zu einem gewissen Maße auf Distanz zu Polyphem zu halten.

In V 24 bringt der Kyklop das völlig gegensätzliche Erscheinungsbild seiner selbst und der Nymphe zum Ausdruck, indem er sich mit einem grauen Wolf (πολιον λυκον, V. 24), Galateia jedoch mit einem Schaf (οις, V. 24) vergleicht, ohne auch hier der Unvereinbarkeit dieser beiden Tiere gewahr zu werden und die Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen zu erkennen., was wiederum eine komische Wirkung auf dein Leser erzielt.

[...]


[1] Theokrit definiert die bukolische Gattung als die Dichtung von Hirtenmusik. Weitere grundlegende Gattungseigenart ist die unglückliche Liebe meist naiver Hirten. Typisches Versmaß ist der Hexameter; die Sprachfärbung ist mehr oder weniger dorisch geprägt.

[2] Um der Heirat zu entgehen forderte Atalante ihre Werber zu einem Wettlauf heraus, wobei keiner sie zu besiegen vermochte. Erst Melanion gelang es, sie zu schlagen, indem er drei goldene Äpfel auf der Rennstrecke verteilte, die Atalante während des Rennens einsammelte und aufgrund dieser Verzögerung unterlag, so dass Melanion sie zur Frau bekam.

[3] Bei Kallimachos wird geschildert, dass Berenike sich eine Haarlocke abschneidet und gelobt, diese den Göttern zu opfern, wenn ihr Gatte heil aus der Schlacht zurückkehrte.

[4] Odyssee 5, 156

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Theokrits 11. Idyll unter dem Aspekt der heilenden Kraft von Poesie
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Klassische Philologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V25715
ISBN (eBook)
9783638282581
ISBN (Buch)
9783638747943
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theokrits, Idyll, Aspekt, Kraft, Poesie
Arbeit zitieren
Jessica Hund (Autor), 2004, Theokrits 11. Idyll unter dem Aspekt der heilenden Kraft von Poesie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25715

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