Thema dieser Hausarbeit ist die Entwicklung des Normalarbeitstages in Deutschland. Unter einem „Normalarbeitstag“ verstehen wir heute in Deutschland eine Höchstarbeitszeit von acht Stunden pro Werktag, das heißt von Montag bis einschließlich Freitag. Eine andere Verteilung der Wochenarbeitszeit ist dabei zulässig, solange eine Arbeitszeit von zehn Stunden täglich nicht überschritten wird (vgl. GLAUBRECHT 1984, 63-64). Bis zu dieser heutigen Regelung war es allerdings ein langer Weg, in dessen Verlauf die Arbeitszeiten erst ins Unermessliche gesteigert wurden, um dann Schritt für Schritt auf den jetzigen Stand gebracht zu werden. Dieser Prozess, der mit der Industrialisierung um 1850 begann und mit der gesetzlichen Vorschreibung des Normalarbeitstages 1918 endete, soll nachgezeichnet werden. Dabei ist zu beachten, dass sich während des gesamten Prozesses die ursprüngliche Betriebszeit immer stärker in Arbeitszeit und Freizeit aufgespalten wurde. Während es in der Phase der Frühindustrialisierung noch so war, dass in den langen Betriebszeiten sowohl Arbeit als auch Freizeit stattfand, wurden die Betriebszeiten im Laufe der industriellen Phase mehr und mehr komprimiert, sodass Arbeitszeit und Freizeit schließlich zeitlich und räumlich getrennt waren. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nicht nur die Veränderung der Betriebszeiten in Stunden, sondern auch die Veränderung in der Wahrnehmung von Zeit von etwas Organischem bis hin zur reflektierbaren Zeit, die das Individuum selbst füllen und gestalten kann. In der vorliegenden Arbeit orientieren wir uns vor allem an der Studie zur Entwicklung des Normalarbeitstages, die 1985 von Christoph Deutschmann veröffentlicht wurde.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1. DIE STUDIE VON CHRISTOPH DEUTSCHMANN
2. DIE ORGANISCHE ZEITSTRUKTUR DER ARBEIT
3. DAS FRÜHINDUSTRIELLE ZEITARRANGEMENT
3. 1 Datierung
3.2 Begriffsinhalte
3.3 Betriebszeit und alltägliches Arbeitszeitverhalten
3.3.1 Der „blaue Montag“
3.3.2 Alkohol
3.3.3 Unpünktlichkeit
3.4 Arbeitszeit im Bereich der Frauenarbeit
3.5 Betriebszeit und Erwerbsleben
3.5.1 Unternehmenspolitik
3.5.2 Erwerbsorientierung der Arbeiter
3.6 Das frühindustrielle Zeitarrangement: Fazit
4. DAS INDUSTRIELLE ZEITARRANGEMENT
4.1 Der Begriff des industriellen Zeitarrangements
4.2 Arbeitszeit und Arbeitsintensität
4.3 Zwei Bewegungen zur Arbeitszeitverkürzung
4.3.1 Streik
4.3.2 Unternehmerseite
4.4 Veränderungen des alltäglichen Arbeitsverhaltens
4.5 Veränderung der betrieblichen Personalpolitik und der Erwerbsorientierung der Arbeiter
4.5.1 Ausbildungspolitik
4.5.2 Sozialpolitik
4.6 Institutionalisierung von Arbeitszeitregelung
4.7 Das industrielle Zeitarrangement: Fazit
5. SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den historischen Prozess der Arbeitszeitverkürzung in Deutschland zwischen 1850 und 1918, mit dem Ziel, die Logik der gesellschaftlichen Prozesse und die Entwicklung hin zum gesetzlich verankerten Normalarbeitstag nachzuzeichnen.
- Wandel des Zeitverständnisses von der organischen zur abstrakten Zeit.
- Konfliktlinien zwischen frühindustriellen Arbeitsgewohnheiten und betrieblicher Zeitdisziplin.
- Die Rolle von Streiks, Gewerkschaften und betrieblicher Sozialpolitik bei der Arbeitszeitgestaltung.
- Unterschiedliche Entwicklungen in der Männer- und Frauenarbeit im Kontext der Mechanisierung.
Auszug aus dem Buch
3.3.2 Alkohol
Bedingt durch die hohen Arbeitszeiten und die fehlende Freizeit in der frühindustriellen Phase war auch der Alkoholgenuss der Arbeiter sehr hoch. Zum einen fehlten häufig Arbeiter auf Grund von zu starkem Alkoholgenuss, zum anderen war auch das Trinken während der Arbeitszeit in den Betrieben ein großes Problem. Das Fernbleiben von der Arbeit auf Grund von Alkoholgenuss hing wie gesagt eng mit dem Phänomen des „blauen Montags“ zusammen:
Am Montag wurde viel getrunken; meist war aber das Feiern am Montag selbst schon eine Folge des Alkoholgenusses, der sich dem Samstag (dem üblichen Lohnzahlungstag) anschloß. Versuche, den Alkoholgenuss der Arbeiter einzudämmen, indem man den Lohnzahlungstag auf den Freitag oder auf einen noch früheren Wochentag verlegte, scheiterten deshalb noch nach der Jahrhundertwende nicht selten, denn mit dem Samstag als Lohnzahlungstag blieb die Arbeitsunfähigkeit, wie es in dem [Jahrbuchb]ericht aus Westpreußen heißt, ‚wenigstens auf den Montag beschränkt“ (DEUTSCHMANN 1985, 85).
Zusammenfassung der Kapitel
1. DIE STUDIE VON CHRISTOPH DEUTSCHMANN: Vorstellung der theoretischen Basis, die den historischen Prozess der Arbeitszeitverkürzung nicht nur als konjunkturbedingt, sondern als Teil eines gesellschaftlichen Gesamtprozesses betrachtet.
2. DIE ORGANISCHE ZEITSTRUKTUR DER ARBEIT: Beschreibung des vorindustriellen Zeitverständnisses, das stark von natürlichen Rhythmen wie dem Sonnenverlauf und Jahreszeiten geprägt war.
3. DAS FRÜHINDUSTRIELLE ZEITARRANGEMENT: Analyse der Konfrontation zwischen traditionellen Lebensgewohnheiten und der einsetzenden Fabrikdisziplin, charakterisiert durch sehr lange Arbeitszeiten und informelle Widerstandsformen.
4. DAS INDUSTRIELLE ZEITARRANGEMENT: Untersuchung der diachronen Spaltung von Arbeit und Freizeit sowie der zunehmenden Institutionalisierung durch Gesetze und Tarifverträge im Zuge der Mechanisierung.
5. SCHLUSSBEMERKUNG: Fazit über den kontinuierlichen Prozess der Arbeitszeitreduzierung und den Übergang zum institutionalisierten Normalarbeitstag sowie Ausblick auf heutige Flexibilisierungstendenzen.
Schlüsselwörter
Normalarbeitstag, Arbeitszeitverkürzung, Industrialisierung, Fabrikdisziplin, Arbeitsintensität, Gewerkschaften, Betriebszeit, Sozialpolitik, Akkordarbeit, Zeitverständnis, Arbeitsverhältnisse, 1850-1918, Lohnauszahlung, betriebliche Personalpolitik, Industriegeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung der Arbeitszeit in Deutschland zwischen 1850 und 1918 und den Weg hin zur gesetzlichen Normierung des Achtstundentages.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen den Wandel des Zeitverständnisses, die Konflikte zwischen Fabrikleitung und Arbeiterschaft sowie die Rolle von Streiks und betrieblichen Maßnahmen bei der Gestaltung von Arbeitszeit und Freizeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie sich die Arbeitszeit durch einen gesellschaftlichen Prozess von extrem langen, informell geprägten Zeiten hin zum staatlich geregelten Normalarbeitstag entwickelte.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine historische und sozialwissenschaftliche Literaturanalyse, primär basierend auf der Studie von Christoph Deutschmann zur Entwicklung der Arbeitszeitpolitik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in das frühindustrielle Zeitarrangement (mit Phänomenen wie dem „blauen Montag“) und das industrielle Zeitarrangement, welches durch Rationalisierung und Institutionalisierung geprägt ist.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Normalarbeitstag, Arbeitszeitverkürzung, Industriegeschichte, Fabrikdisziplin und betriebliche Sozialpolitik.
Welche Rolle spielte der Alkohol für die Arbeitsdisziplin?
Alkohol war sowohl eine Folge der hohen physischen Belastung und fehlender Freizeit als auch eine Ursache für Arbeitsunfälle und Produktionsausfälle, was Fabrikleitungen zu restriktiven Gegenmaßnahmen veranlasste.
Warum war die Frauenarbeit durch andere Bedingungen gekennzeichnet?
Aufgrund der Doppelbelastung durch Fabrikarbeit und Haushalt waren flexiblere Arbeitszeiten für Frauen notwendig, was Betriebe teilweise gewährten, sofern die Arbeit im Akkord besonders effizient erfolgte.
- Quote paper
- Alexandra Strathmann (Author), Mirja Krüger (Author), 2004, Der Weg zum Normalarbeitstag, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25801