Der Bismarck-Mythos in der politischen Kultur des wilhelminischen Kaiserreichs

Die kultische Verehrung des „Reichsgründers“ durch die Parteien und Verbände des nationalen Lagers 1890-1914


Examensarbeit, 2002
113 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungen

I. Bismarck- Mythos, Bismarck- Kult und "Bismärcker"

II. Bismarck- Verehrung und politische Kultur
a) Begriffsdefinitionen und Erkenntnisinteresse
b) Quellen und Untersuchungszeitraum

III. Anfänge und Ausbreitung des Bismarck- Kultes 1890- 1898
a) Die "nationale Opposition" und die "Bismarckfonde" gegen den "Neuen Kurs"
b) Huldigungsfahrten

IV. Die Bewegung zum Bau von Bismarck- Türmen und -Säulen
a) Typen von Bismarck- Denkmälern und die Tendenz zur Monumentalisierung
b) Der Aufruf der deutschen Studentenschaft zum Bau von Bismarck- Säulen 27 1898/
c) Initiatoren und Träger von Bismarck- Turm und -Säulenprojekten und ihre Motive
d) Die Verbreitung von Bismarck- Türmen und -Säulen und politische Wider- stände

V. "Nach Canossa gehen wir nicht!": Bismarck- Kult und Kulturkampfagitation

VI. "Die Wacht an Weichsel und Warthe": Der Bismarck- Kult des Ostmarkenvereins

VII. Bismarck- Kult und völkischer Nationalismus
a) Der Alldeutsche Verband und andere völkische Gruppen
b) Die österreichischen Deutschnationalen

VIII. Fazit

IX. Abbildungen und Anhang

X. Quellen- und Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tab.1 Bismarck- Türme und -Säulen in den preußischen Provinzen (Stand 1914)

Tab.2 Bismarck- Türme und -Säulen außerhalb Preußens (Stand 1914)

Tab.3 Bismarck- Türme und -Säulen in den bayrischen Regierungsbezirken Anhang

Tab.4 Bismarck- Türme und -Säulen nach Baujahr

Tab.5 Einzelmitglieder des Bismarck- Bundes nach Berufsstand 1905

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Bismarck- Mythos, Bismarck- Kult und „Bismärcker“

„Laß nicht den Bismarck sterben in Dir! Gib es nicht her das errung’ne Panier, Laß in Vergessens Erbärmlichkeit Nicht versinken die heilige Zeit (...) In Deiner Seele, die sich erhebt, Steht er Dir auf, kommt wieder und lebt, Kommt und ist da, Allgegenwärtig und nah, Deutschland, Dein Bismarck, er lebt!“1 Ernst von Wildenbruch, Unser Bismarck, 1898.

Bismarck blieb in der kollektiven Erinnerung der Deutschen länger und intensiver präsent als alle anderen Politiker des 19. Jahrhunderts. Generationen von Historikern bemühten sich um eine Deutung seiner Persönlichkeit und Politik.2 Diese Arbeit beabsichtigt nicht, eine weitere Studie hinzuzufügen, sondern sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, „Bismarcks zweites Leben“, seine Existenz als Gegenstand einer kultischen Verehrung, die zum integralen Bestandteil der politischen Kultur des wilhelminischen Kaiserreichs wurde, nachzuvollziehen.3

Sieht man Zeitungs- oder Zeitschriftenberichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts durch, in denen über Bismarck und die Verehrung seiner Person berichtet wurde, stößt man auf drei grundlegende Feststellungen. Bismarck sei im öffentlichen Bewusstsein zu einer Mythengestalt gewachsen (Bismarck- Mythos), es existiere ein Bismarck- Kult und unter- schiedliche Gruppen sogenannter „Bismärcker“ (d.h. Bismarck- Verehrer) hätten sich die Förderung des Kultes um ihr Idol zu eigen gemacht. Unter dem Begriff Bismarck- Mythos lässt sich die Zuschreibung übermenschlicher Leistungen und außeralltäglicher Qualitäten auf Bismarck subsumieren. Durch sie wurde der „Eiserne Kanzler“ bereits zu Lebzeiten in den Rang einer ahistorischen Identifikationsfigur erhoben. Die Charakterisierung und, nach seinem Tod, die Erinnerung an Person und Politik Bismarcks wurde häufig aus der konkreten historischen Situation herausgelöst. Bismarcks Vermächtnis glaubte man nur würdigen zu können, wenn man es in Beziehung zu anderen mythischen (z.B. Siegfried, Hagen) und historischen Gestalten (z.B. Arminius, Luther, Goethe) setzte, oder es mit politischen Forderungen verknüpfte, in deren Erfüllung man die Fortsetzung Bismarckscher Politik erblickte.4 Zu finden ist die Mythisierung Bismarcks nicht nur in unzähligen Biographien und anderen Schriften über Person und Politik des „Reichs- gründers“, sondern in einem sehr breiten Spektrum von Quellen. In Zeitschriften- und Zeitungsberichten, Gedichten, Liedern und Festreden wurde der Bismarck- Mythos weit über die Leserschaft von Biographien und anderer geschichtswissenschaftlicher Literatur hinausgetragen. Drei Beispiele aus der Fülle des Materials sollen einen ersten Eindruck von der Erhebung der historischen Persönlichkeit Bismarcks zur mythischen Figur geben: In seiner Rede auf einem Berliner Festkommers anlässlich Bismarcks 80. Geburtstages stellte Otto Pfleiderer, der Rektor der Friedrich- Wilhelm Universität, den „Reichsgründer“ in eine Linie mit Siegfried, Arminius und Barbarossa und zog folgendes Fazit:

„An ihnen hat sich das Volk begeistert, sie sind ein Einigungsband geworden für die sonst auseinanderstrebenden Geister. Ich preise es als ein schönes Geschenk der Vorsehung, dass sie uns in Bismarck einen Mann gegeben hat, der dies Einigungsband um alle deutschen Stämme geschlungen hat.“5

Die Berliner Nationalzeitung bediente sich anlässlich Bismarcks Tod ebenfalls der germanischen Mythologie zur Charakterisierung des Verstorbenen und verglich ihn mit dem germanischen Gott Thor. Die Schlussfolgerung lautete, dass Bismarck in der mythen- bildenden Phantasie der Nachwelt zu einer neuen Verkörperung der „germanischen Urkraft“ heranwachsen werde.6 Mit der Distanz von 17 Jahren zu Bismarcks Tod glaubte der Schriftsteller Bruno Garlepp in einer neuen Auflage seines Monumentalwerkes über den 80. Geburtstag des „Eisernen Kanzlers“ sagen zu können, dass sein Idol mittlerweile in übermenschliche Sphären entrückt sei: „Je weiter wir uns zeitlich von den Jahren seines Wandelns unter uns entfernen, desto mehr erscheint es dem staunenden Schilderer seiner Taten, als habe ein Halbgott unter uns gelebt.“7 Die zunehmende Tendenz zur heroischen Entrückung hinderte die Bismarck- Verehrer allerdings nicht daran, ihr Idol gleichzeitig zu verbürgerlichen. Bismarck wurde in Literatur und Festreden auch als liebender Familien- vater, gläubiger Christ und politischer Ratgeber gefeiert.8

Es kann kaum verwundern, dass bereits im Kaiserreich selbst viele Kritiker die BismarckVerehrung unter den Rubriken „Personenkult“ und „patriotischer Kitsch“ verbuchten. So führte der Soziologe Max Weber den Bismarck- Kult im wilhelminischen Kaiserreich auf die obrigkeitsstaatliche Hinterlassenschaft der Bismarckära zurück, die insbesondere auf das Bürgertum abgefärbt habe.

„Er (Bismarck T.G.) hinterließ eine Nation ohne alle und jede politische Erziehung, tief unter dem Niveau, welches sie in dieser Hinsicht zwanzig Jahre vorher bereits erreicht hatte. Und vor allem eine Nation ohne allen und jeden politischen Willen, gewöhnt, dass der große Staatsmann an ihrer Spitze für sie die Politik schon besorgen werde.“9

Zutreffend ist, dass sich in der Mythisierung Bismarcks das Vertrauen in die historische und politische Wirkungsmacht eines autoritären und dennoch volksnahen Führers, eines charismatischen Herrschers (Weber), spiegelt. Auf „Bismarckliteratur für den Weihnachtstisch des Spießbürgers“ und „eine völlig unpolitische Art der Heldenverehrung“10 beschränkte sich der Bismarck- Mythos aber keineswegs.

Der Begriff Personenkult ist eine unzureichende Umschreibung der Mythisierung Bismarcks. Ausgangspunkt für die Verehrung des „Reichsgründers“11 war die Identifizierung Bismarcks mit seinem Werk, dem deutschen Nationalstaat. Äußere und innere Reichsgründung wurden nicht nur mit dem Namen Bismarcks in Verbindung gebracht und als seine Leistungen gewürdigt, der erste Reichskanzler avancierte vielmehr zum integralen Bestandteil des deutschen Nationalmythos.12 Festreden, Gedichte und Lieder thematisierten die Untrennbarkeit der Begriffe „Bismarck“ und „Deutschland“.13 In einem anonymen Gedicht von 1893 heißt es beispielsweise: „Wie kann man Deutschland ohne Bismarck nennen?/ Nein, Deutsches Reich und Bismarck sie sind Eins!/ Kein irdischer Mund kann diese Namen trennen,/ Verschmolzen sind die Tiefen ihres Seins.“14 Dasselbe Motiv brachte der auf Bismarck- Verherrlichung spezialisierte Schriftsteller Max Bewer auf die Formel: „Bismarck heißt Deutschland (...) Von ihm sind wir gekommen, durch ihn sind wir geworden.“15

Bismarck- Verehrung war immer auch Nationsverehrung. In Reden, Bildmotiven, Biographien und Denkmälern wurde der „Reichsgründer“ insbesondere seit den 1890er Jahren als Allegorie auf das „Deutschtum“ schlechthin, als „Inkarnation deutschen Wesens und Geistes“, als „lebendige Verkörperung des nationalen Gedankens“, als „Deutschester der Deutschen“ präsentiert.16 Die Verknüpfung, bzw. völlige Identifizierung Bismarcks mit Begriffen wie „Nation“, „Reich“ und „Deutschtum“ machte es allen „Nationalgesinnten“ zur Aufgabe, ihrem Idol nachzueifern. Auf einer Feier zum 80. Geburtstag des „Reichsgründers“ in Nürnberg forderte der Festredner: „Können wir ihm auch nicht gleich sein, so können wir doch leben, denken und handeln in seinem Sinn.“17

Nach Bismarcks Tod wurde in vielen Nachrufen und Festreden immer wieder betont, dass es beim Gedenken an den „Reichsgründer“ nicht nur um die Verehrung einer großen historischen Persönlichkeit gehe, sondern um die Verinnerlichung von „Bismarcks Wesen und Geist“ - Begriffe, die häufig mit „deutschem Wesen und Geist“ synonym gesetzt wurden. Beispielhaft dafür lässt sich ein Ausschnitt aus der Rede des Prorektors der Technischen Hochschule Berlin, Otto Witt, anlässlich einer Bismarck- Gedenkfeier der Hochschule am 9. März 1899 anführen:

„Nicht darin besteht die Unsterblichkeit der großen Todten einer Nation, dass ihre Namen in Stein gemeißelt und ihre Züge in Erz gegossen werden der Nachwelt zum Gedenken und vielleicht zu staunender Frage, sondern darin, dass das Walten ihres Geistes fort und fort wirkt im geistigen Leben ihres Volkes; dass es immer neue Gebiete befruchtend durchdringt, bis es seinem Ursprung nach gar nicht mehr erkennbar, des ganzen Volkes unveräußerliches Eigenthum wird.“18

Bismarck sollte nicht Gegenstand nostalgischer Erinnerung werden, sondern sein „Geist“, gleichgesetzt mit „deutschem Geist“, sollte auch für Gegenwart und Zukunft richtungs- weisend sein. Eine verpflichtende Definition, was man unter „Bismarckschem Geist“ zu verstehen habe, gab es nicht. Es blieb den „Bismärckern“ überlassen, den Begriff mit politischen Inhalten zu füllen. Das geschriebene Wort wurde zu diesem Zweck häufig als unzureichend angesehen. „Nicht jeder hat soviel Zeit, dass er die Lebensbeschreibungen (...) immer wieder durch Lesen in sich auffrischen kann“, bemerkte Bruno Garlepp und betonte die Bedeutung „handgreiflicher“ Formern der Bismarck- Verehrung.19

Neben ihrer Präsenz in den Medien fanden Verehrung, Huldigung und Mystifizierung Bismarcks im wilhelminischen Kaiserreich ihren Ausdruck in einem breiten Spektrum kultureller Aktivitäten: Von der Benennung von Orten, Straßen, Plätzen, Gebrauchsgegen- ständen und Lebensmitteln mit dem Namen des „Reichsgründers“, der Verleihung von Ehrenbürgerschaften, bis hin zur Errichtung unzähliger Denkmäler.20 Hinzu kommen die Bismarck- Feiern zum Geburtstag des „Eisernen Kanzlers“ (der 1.April wurde im Kaiserreich zu einem inoffiziellen Nationalfeiertag), nach seinem Tod auch zur Sommersonnenwende (21.Juli) und zum Sedantag (2.September). Die Formen dieses Bismarck- Kultes nahmen zum Teil skurrile, religiös anmutende Ausprägungen an: Von „Wallfahrten“ nach Friedrichsruh war die Rede und von „Bismarck- Gemeinden“, die zu Ehren des „Reichsgründers“ Feiern abhielten. Ab 1898 begannen Bismarck- Verehrer, eine Initiative der deutschen Studentenschaft aufgreifend, das gesamte Reichsgebiet mit Bismarck- Türmen und -Säulen zu überziehen, die unter anderem als Kultstätten für ihre Feiern dienten.21

Dass der Bismarck- Kult „dem unmittelbaren Tageskampf der Parteien und Meinungen entrückt“22 sei, trifft auf die Mehrheit der Denkmalssetzungen und Feiern zu Ehren des „Reichsgründers“ nicht zu. Beispielsweise konnte eine Bismarck- Feier im katholischen Bayern oder im Rheinland, auf der Bismarck mit Luther verglichen und zum Kampf gegen den „Ultramontanismus“ aufgerufen wurde, genauso wenig unpolitisch sein, wie die Errichtung eines Bismarck- Turmes in überwiegend von Polen bewohnten Regionen Posens und Oberschlesiens. (siehe V. und VI.)

Die Verknüpfung des Bismarck- Kultes mit politischen Inhalten führt unmittelbar zur Frage nach den „Bismärckern“, den Initiatoren und Trägern des öffentlichen Gedenkens an den „Reichsgründer“. In diesem Punkt bleiben manche Publikationen, die den Bismarck- Mythos als Gesamtphänomen untersucht haben relativ vage. In Rudolf Parrs literaturwissenschaftlich angelegter Arbeit werden das Motivrepertoire des Bismarck- Mythos und die rhetorischen Strategien in bismarckverherrlichender Literatur, Presse und Festreden analysiert. Die Konzentration auf sprachlich- literarische Quellen bringt aber mit sich, dass die „handgreiflichen“ Aspekte des Kultes um den „Reichsgründer“ (Denkmals- setzungen, Feiern etc.) und die sozialstrukturelle und politische Einordnung seiner Träger weitgehend ausgeblendet bleiben.23 In Lothar Machtans Studie wird als Trägerschicht pauschal das Bürgertum genannt, das durch den Bismarck- Kult „bürgerliches National- gefühl, aber auch bürgerliche Selbstinszenierung und bürgerliches Pathos“ zum Ausdruck bringen wollte.24 Ein differenzierteres Bild liefert die in deutschen Veröffentlichungen bisher nicht rezipierte Arbeit Michael McGuires. Er hat festgestellt, dass sich der Bismarck- Kult nicht zum überparteilichen und allgemein akzeptierten Ausdruck nationaler Identität entwickelte. Vielmehr bemächtigten sich ab den 1890er Jahren die Parteien und Verbände des nationalen Lagers des Kultes. In Huldigungsfahrten nach Friedrichsruh (Bismarcks Alterssitz, später Grabstätte), Denkmalsprojekten und alljährlichen Bismarck- Feiern bemühten sie sich um die Identifizierung ihrer eigenen politischen Ziele mit Bismarcks Vermächtnis.25

In der Tat vermittelt eine Durchsicht der Baugeschichte von Bismarck- Monumenten der unterschiedlichsten Form, sowie von Berichten über Bismarck- Feiern, den Eindruck, dass der Bismarck- Kult ohne das massive Engagement von Ortsgruppen und Einzelpersonen der Parteien und Verbände des nationalen Lagers eine wesentlich geringere Verbreitung erfahren hätte.26

II. Bismarck- Verehrung und politische Kultur

a) Begriffsdefinitionen und Erkenntnisinteresse

Die Feststellung, dass der Bismarck- Kult kein unpolitisches Phänomen darstellt, macht es notwendig, nach seiner Rolle in der politischen Kultur des wilhelminischen Kaiserreichs zu fragen. Politische Kultur soll dabei weniger im klassischen Sinne als messbares Ausmaß der affektiven Bindung an politische Institutionen verstanden werden. Nicht nur politische Einstellungen selbst sind als Gegenstand der Forschung relevant, sondern auch ihre „Verinnerlichung“ und „Veräußerlichung“ beispielsweise in Zeremonien, Ritualen, Feierlichkeiten oder Denkmalssetzungen. Es sollen daher die Kommunikationsformen untersucht werden, in denen politische Botschaften auch außerhalb eines institutionellen Rahmens wie Parlament, Wahlkämpfe etc. vermittelt wurden.27 Im Rahmen des Bismarck- Kultes können vor allem Denkmalsprojekte und Feiern als die zentralen Kommunikationsformen identifiziert werden. Sie selbst und die auf sie folgende Presseberichterstattung waren die öffentlichkeitswirksamsten Gelegenheiten, gleichzeitig den Ausgangspunkt des Bismarck- Mythos, d.h. die Identifizierung von „Bismarck“ und „Deutschland“, zu pflegen und Verknüpfungen von Bismarcks Vermächtnis mit Verbands- und Parteiinteressen herzustellen. Diese positiven Verknüpfungen konnten bei Bedarf auch negativ ausgedrückt werden, indem man die politischen Gegner zu Feinden Bismarcks erklärte und ihnen den Patriotismus absprach.28

Wie sehr das Bekenntnis zu Bismarck und zur Nation in der deutschen Öffentlichkeit mit den Parteien und Verbänden des nationalen Lagers identifiziert wurde, kann ein Artikel der Dresdener Nachrichten über die alljährliche Abhaltung von Bismarck- Feiern exemplarisch zeigen. Ohne darin einen Widerspruch zu erkennen, erklärte er die Feiern zur Angelegenheit der „gesamten Nation“ und betonte gleichzeitig ihre Funktion im anstehenden Reichstagswahlkampf.

„Unter dem Gesichtspunkt der Bekämpfung der inneren Feinde haben die BismarckFeiern in diesem Jahre noch eine besondere Bedeutung. Die Neuwahlen zum Reichstage stehen bevor und da gilt es, die ruhmreichen Feldzeichen des Altreichskanzlers gegen zwei scharfe, unerbittliche und wohlgewappnete Gegner des Deutschen Reiches ins Gefecht zu führen, gegen die Sozialdemokratie und den Ultramontanismus.“29

Das zentrale Anliegen dieser Arbeit besteht darin, die zur Herstellung der Verknüpfung von Bismarck- Verehrung, Nationsverehrung und Verbands- und Parteiinteressen notwendigen Argumentationsstrategien und die verwendete Symbolik nachzuvollziehen. In Anlehnung an die neuere Nationalismusforschung, die den Konstruktcharakter von Nationalismus und nationalen Identitäten betont, soll das Augenmerk auf den „Konstruktionsleistungen“ im Rahmen des Bismarck- Kultes liegen.30 Die Beanspruchung von Bismarcks Vermächtnis für die politischen Ziele der Parteien und Verbände des nationalen Lagers ergab sich nicht notwendigerweise aus der simplen Tatsache, dass diese Anhänger Bismarckscher Politik waren. Bismarcks Leistungen (v.a. die Reichsgründung), seine Popularität im Amt oder sein charismatischer Regierungsstil wurden im Rahmen des Kultes diskutiert, sie waren aber nicht seine Auslöser. Vielmehr muss die konkrete innenpolitische Konfliktsituation nach Bismarcks Entlassung, d.h. die Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Neuen Kurs“, als eigentlicher Ausgangspunkt für die Etablierung eines Kultes um den „Reichsgründer“ angesehen werden. Bismarcks eigene Beiträge zur Förderung seiner Popularität sollten in Bezug auf die Herausbildung der kultischen Verehrung seiner Person hingegen nicht überschätzt werden.31 Der erste Teil der Arbeit, der nach dem Ursprung des Bismarck- Kultes fragt, versucht, diese These zu untermauern. (siehe III.) Anstatt von einer tatsächlichen Affinität zwischen Bismarcks Vermächtnis und den politischen Zielen der Parteien und Verbände des nationalen Lagers auszugehen, ist es sinnvoller, nach drei zentralen „Konstruktionsleistungen“ der Akteure des Bismarck- Kultes zu fragen:

- Wenn man die eigenen politischen Ziele im Sinne Bismarcks erscheinen lassen wollte, musste man Widersprüchlichkeiten vermeiden, indem man inkompatible Handlungen und Äußerungen Bismarcks ausblendete oder uminterpretierte. Man musste sich, wenn nicht ein kohärentes, zumindest ein Kohärenz beanspruchendes Bismarckbild kreieren.
- Die Parteien und Verbände des nationalen Lagers unternahmen mit Hilfe des Bismarck- Kultes den Versuch, ihren politischen Anliegen eine höhere, eine „nationale“ Legitimation zu verschaffen. De facto konnten ihre Ziele aber keine universelle Gültigkeit über politische, gesellschaftliche und konfessionelle Grenzen hinaus beanspruchen und waren in manchen Fällen sogar innerhalb des nationalen Lagers umstritten. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit galt es beispielsweise durch rhetorische Strategien in Festreden oder in der Symbolik von Denkmalsbauten zu überbrücken.
- Wenn Bismarck- Verehrung und Nationsverehrung für untrennbar erklärt wurden, müssten sich in Denkmalssetzungen, Feiern und anderen Aktivitäten des Kultes die Nationskonzepte seiner Träger ausfindig machen lassen. Repräsentierte Bismarck in den Augen seiner Verehrer ebenso wie etablierte staatsnationale Symbole (preußisch- deutsches Herrscherhaus, siegreiches Heer) ausschließlich den von ihm geschaffenen preußisch- kleindeutschen Nationalstaat?32

Welche Attraktivität ein konstruiertes Bismarckbild entwickelte und welche Verbreitung die Koppelung von Bismarck- Verehrung mit bestimmten politischen Inhalten fand, hing allerdings nicht ausschließlich von den „Konstruktionsleitungen“ selbst ab. Zum einen musste eine Partei oder ein Verband den Bismarck- Kult vor Ort dominieren und eine „Deutungshoheit“ über ihn etablieren und aufrechterhalten. Nur als Ausrichter von Bismarck- Feiern und als Initiator von Denkmalsbauten war es möglich, eine öffentlichkeitswirksame Verknüpfung des Kultes mit den eigenen politischen Zielen herzustellen. Zum anderen erzeugte der Bismarck- Kult ein besonders starkes öffentliches Interesse, wenn er in der vor Ort ausgefochtenen Auseinandersetzung mit den inneren „Reichsfeinden“ Stellung bezog.33 Konfessionelle, ethnische, soziale Spannungen wirkten in manchen Regionen geradezu belebend auf die Denkmals- und Festkultur zu Ehren des „Reichsgründers“. Es ist daher notwendig, auch die realhistorischen Konflikte, in die der Bismarck- Kult, häufig als gezielte Provokation, eingebracht wurde, im Blick zu behalten. Die Arbeit gliedert sich nach den Akteuren des Bismarck- Kultes und der von ihnen intendierten politischen Nutzung des Kultes. Behandelt wird zunächst die deutsche Studentenschaft als Erfinderin der Bismarck- Säulen, die auch für andere Gruppen zu Kultstätten der Bismarck- Verehrung werden sollten. (IV.b.c.) Bereits vor Bismarcks Rücktritt verliehen die Nationalliberale Partei und der Evangelische Bund (EB) dem Bismarck- Kult im Rahmen ihres Kampfes gegen den „Ultramontanismus“ eine un- zweideutige politische Note. (V.) Anschließend soll die Nutzung des Bismarck- Kultes durch den Ostmarkenverein beleuchtet werden, der mit ihm sein Eintreten für eine radikale, eine „Bismarcksche“ Germanisierungspolitik in den preußischen Ostprovinzen untermauerte. (VI.) Schließlich werden der Alldeutsche Verband und österreichische Deutschnationale in die Untersuchung einbezogen, die in dem Kult um den „Reichsgründer“ ein Ausdrucksmittel für ihren völkischen Nationalismus fanden. (VII.) Diese Auflistung könnte problemlos um weitere „Bismärcker“ aus dem nationalen Lager ergänzt werden, wie z.B. den Bund der Landwirte oder die Reichsvereinigung gegen die Sozialdemokratie. Es wurden für die Darstellung diejenigen Parteien und Verbände aus- gewählt, die das stärkste Engagement beim Denkmalsbau, bei der Organisation von Bismarck- Feiern und der Propagierung von Bismarck- Verehrung in ihrer Presse zeigten. Die Gemeinsamkeit aller im Bismarck- Kult agierenden Parteien und Verbände ist, wie bereits angedeutet, in ihrer Zugehörigkeit zum nationalen Lager zu suchen. In Anlehnung an Karl Rohe soll unter den Begriff „Lager“ weniger die Zusammenfindung von Parteien und Wählerschaften aufgrund positiver Gemeinsamkeiten gefasst werden, vielmehr soll die Abgrenzung gegen gemeinsame Gegner als strukturbildend aufgefasst werden. Im Fall des nationalen Lagers erfolgte diese Abgrenzung, bei gleichzeitiger Duldung innerer Heterogenität, durch die Frontstellung gegen die katholischen, sozialistischen und partikularistischen (v.a. nationale Minderheiten) „Reichsfeinde“.34 Die Scheidung politischer Ansichten und Parteien in „reichsfeindlich“ und „reichstreu“ setzte sich, wie das Beispiel des Bismarck- Kultes zeigen kann, bis in kulturelle Aktivitäten hinein fort. Begrüßung und Ablehnung der Bismarck- Verehrung verliefen in der Regel entlang der Lagergrenzen. Während die übergroße Mehrheit der „Bismärcker“ dem protestantischen Bürgertum, der dominierenden gesellschaftlichen Gruppe im nationalen Lager, ent- stammten, blieben Katholiken und Arbeiter, die für die beiden anderen Lager als konstitutiv anzusehenden Sozialmilieus, auf kritischer Distanz.35

In einer wichtigen Hinsicht bedarf der Lagerbegriff allerdings einer Erweiterung: Spätestens seit den 1890er Jahren wurde die politische Kultur des Kaiserreichs durch außerparlamentarische wirtschaftliche und politische Interessenverbände entscheidend mitgeprägt. Verbände wie der Evangelische Bund, der Alldeutsche Verband, oder der Ostmarkenverein rekrutierten nicht nur ihre Anhänger aus der Mitglieder- und Wählerschaft der Parteien des nationalen Lagers, sie teilten auch ihre Beanspruchung eines „nationalen Wächteramtes“ in Abgrenzung gegenüber den „reichsfeindlichen“ Lagern. Ihre Versammlungen und Presse machten einen großen Teil der „deutschnationalen Öffentlichkeit“ (Chickering) aus, in der Antworten auf die Frage nach der nationalen Identität der Deutschen unterbreitet und diskutiert wurden.36 Hinzu kommt, dass die Verbände in organisatorischer Hinsicht, durch den Versuch der Überwindung der Honoratiorenpolitik und der Werbung einer Massenmitgliedschaft, den Parteien von den Linksliberalen bis zu den Konservativen überlegen waren und sich in einigen Fällen als Surrogat für deren mangelhaft ausgebildete Basisorganisationen andienten.37 Dies erforderte und förderte die Verbreitung eines „neuen politischen Stils“ (Mosse), der in der Lage war, die Propagierung politischer Ziele und die Schaffung von Gemeinschaftsgefühl auch außerhalb von Wahlkampfzeiten in öffentlichkeitswirksamer Weise zu leisten.38 Es stellt sich daher die Frage, inwiefern der Bismarck- Kult in dieser Hinsicht mobilisierend wirken konnte.

b) Quellen und Untersuchungszeitraum

Aus der Absicht, die Verknüpfung von Partei- und Verbandsinteressen mit dem Bismarck- Kult in den Vordergrund der Darstellung zu rücken, ergeben sich die Kriterien zur Auswahl des Quellenmaterials und die Eingrenzung des Untersuchungszeitraumes. Der Hauptteil der Arbeit beruht im Wesentlichen auf der Auswertung von Berichten über Aktivitäten (Huldigungen, Denkmalsbau, Feiern etc.) im Rahmen des Bismarck- Kultes in der zeitgenössischen Tagespresse und der einschlägigen Partei- und Verbandspresse. Hierzu konnten als wichtigster Quellenbestand die Sammlungen von Zeitungsausschnitten und bismarckverherrlichender Literatur des Archivs der Bismarck Gesellschaft Stendal herangezogen werden. Zu Huldigungsfahrten und zur Entwicklung des Kultes in der Zeit zwischen Bismarcks Entlassung 1890 und seinem Tod 1898 liefern die von Karl Wipper- mann und Bruno Garlepp herausgegebenen Berichte über die Feierlichkeiten anlässlich des 80. Geburtstages des „Reichsgründers“ unentbehrliche Informationen.39 Zum Denkmals- kult bietet die zeitgenössische Beschreibung von 165 Denkmalsprojekten des Architekten Max Erhardt (Stand 1903) wichtige Ergänzungen zu dem, was man aus Presseberichten zu diesem Thema entnehmen kann. Über die Schaffung der Kultstätten der Bismarck- Ver- ehrung, den Bismarck- Türmen und -Säulen, gibt eine Bestandsaufnahme dieses Denkmalstyps von Günter Kloss und Sieglinde Seele (Stand 1997) Auskunft, die in quantitativer und qualitativer Hinsicht ausgewertet wurde.40

In Bezug auf den zeitlichen Rahmen erscheint eine Begrenzung auf die Zeit vor 1914 sinnvoll, obwohl der Bismarck- Kult weder mit dem Kriegsausbruch noch mit dem Untergang des Kaiserreichs erlosch.41 Sein Inhalt war allerdings Veränderungen unterworfen. Während des Ersten Weltkriegs, insbesondere aus Anlass des 100. Geburtstages des „Reichsgründers“ 1915, überdeckten Kriegspropaganda und Kriegszieldebatte alle anderen Motive der Bismarck- Verehrung einschließlich vieler der hier zur Debatte stehenden Partei- und Verbandsinteressen.42

III. Die Anfänge und Ausbreitung des Bismarck- Kultes 1890- 1898.

Wann und worin ist der Ausgangspunkt für die Entstehung einer zumindest im protestantischen Bürgertum weit verbreiteten Bismarck- Verehrung und einer politisch instrumentalisierbaren Mythisierung Bismarcks zu suchen? Eine Interpretation sieht Ansätze dazu bereits in den Besonderheiten des Bismarckschen Herrschaftssystems angelegt, das Hans- Ulrich Wehler als eine Form „außeralltäglicher“, oder charismatischer Herrschaft im Sinne Max Webers Typisierung der Formen legitimer Herrschaft interpretiert hat. Bismarck habe sich, so die Argumentation, durch seine erfolgreiche Bewältigung äußerer und innerer Krisen, die siegreiche Bestreitung der „Einigungskriege“ und die in erster Linie ihm zugeschriebene Reichsgründung ein extremes Maß an politischer Zustimmung und Loyalität erworben, das ihm eine Machtposition als charismatischer Herrscher jenseits traditional (Monarchie) und rational (Reichstag, Bürokratie) verfasster Herrschaftszentren sicherte. Diese Position versuchte Bismarck, durch die Meisterung zum Teil selbstgeschaffener Krisen zu halten und sich als unentbehrlicher „Krisenmanager“ zu präsentieren. Obwohl diese Strategie, wie Bismarcks Entlassung 1890 zeigt, scheiterte, wirkte das Charisma des „Reichsgründers“ ungebrochen nach.43 An dieser Interpretation ist kritisiert worden, dass sie sich vom Weberschen Idealtyp zu weit entferne und einige integrale Bestandteile des Modells zu wenig berücksichtige.44 Der Kritik hinzuzufügen ist, dass Bismarck zwar das Verdienst der Reichseinigung zugeschrieben wurde, sich daraus aber bis zu seiner Entlassung kein ihn ins mythische überhöhender Kult mit einer fanatischen Anhängerschaft, einer „charismatischen Gemeinschaft“ (Weber), entwickelte. In den ersten beiden Jahrzehnten des Kaiserreichs war es noch nicht absehbar, dass Bismarck einmal in den deutschen Nationalmythos erhoben und als Verkörperung des Deutschtums verehrt werden würde. In Denkmälern zur Reichsgründung oder zu Ehren Wilhelms I. erschien Bismarck lediglich als Nebenfigur des Kaisers auf einer Stufe mit Roon und Moltke. Ebenso wurde Bismarck in älteren Festreden, trotz Zuschreibung von „Größe“ und „Genialität“, selten als alleiniger Schöpfer des deutschen Nationalstaates präsentiert.45 Die wenigen Denkmäler und anderen Monumente, die bis 1890 zu seinen Ehren errichtet wurden, entstanden, wie beispielsweise der erste Bismarck- Turm in Ober- Johnsdorf (1869), kaum bemerkt von der Öffentlichkeit in Privatinitiative, oder sie standen in Bezug zu aktuellen politischen Konflikten, in die Bismarck verwickelt war. Das letztere trifft z.B. auf die „Canossasäule“ bei Bad Harzburg (1877) zu, von der im Zusammenhang mit dem Einsatz des Bismarck- Kultes im Rahmen der nationalliberalen Kulturkampfagitation noch die Rede sein wird. Auch die Reaktion der reichsdeutschen Öffentlichkeit auf Bismarcks Entlassung lässt nicht auf eine übermäßig starke affektive Bindung an den „Reichsgründer“ schließen. Unverhohlene Freude und Erleichterung bildeten den Grundtenor in der linksliberalen und sozialdemokratischen Presse. „Ein Glück, dass er fort ist!“46 war in Eugen Richters Freisinniger Zeitung vom 21. März 1890 zu lesen. Aber auch in konservativen und regierungsnahen Blättern akzeptierte man in der Regel die Entscheidung des Kaisers, würdigte zwar Bismarcks Werk, forderte aber nicht seine Rückkehr.47 Der österreichisch- ungarische Botschafter Graf Széchenyi meldete am 19. März über die Stimmung in Deutschland nach Wien: „Es ist unglaublich, wie glatt hier dies weltgeschichtliche Moment abläuft. Der Eindruck allenthalben im Auslande ist weit gewaltiger als hier.“48

Ganz anders stellte sich die Situation nur wenige Jahre später dar. Es mehrten sich die Anzeichen, dass Bismarck- Verehrung vor allem im protestantischen Bürgertum gewaltig an Popularität gewann.49 Die sogenannten „Huldigungsbesuche“ von Abordnungen berufs- ständischer, wirtschaftlicher, politischer und regionaler Gruppen, sowie von individuellen Verehrern in Friedrichsruh nahmen stetig zu. Unzählige Städte ernannten Bismarck, vor allem aus Anlass seines 75. und 80. Geburtstages zum Ehrenbürger; insgesamt bekam er aus etwa 450 Gemeinden einen Ehrenbürgerbrief verliehen oder zugeschickt.50 Im Gegenzug verschickte Bismarck häufig Eichensetzlinge aus dem Sachsenwald an Gemeinden oder einzelne Verehrer, die dann als „Bismarck- Eichen“ gepflanzt wurden. Zu seinem 80. Geburtstag erhielt Bismarck fast eine halbe Million Glückwunschtelegramme, bei deren Absendern es sich vorwiegend um Personen aus dem gehobenen und mittleren Bürgertum (Akademiker, Beamte, Offiziere, Handwerker, Lehrer, Hausfrauen) des ganzen Reiches (aus Preußen mehr als aus Süddeutschland) handelte.51

Die Ablehnung einer von Konservativen und Nationalliberalen beantragten Glückwunsch- adresse am 1.April 1895 durch den Reichstag mit den Stimmen von Sozialdemokraten, Zentrum, Linksliberalen und Partikularisten (Dänen, Polen, Elsass- Lothringer) wurde in der „nationalen“ und konservativen Presse als Skandal bezeichnet und von weiten Teilen des protestantischen Bürgertums auch als solcher empfunden.52 Noch nachdrücklicher als Konservative und Nationalliberale gerierten sich viele der in den 1890er Jahren ge- gründeten außerparlamentarischen wirtschaftlichen und nationalistischen Interessenver- bände als Bewahrer und Fortführer bismarckscher Politik. Beispielsweise bezeichnete der Bund der Landwirte (BdL) Bismarck als seinen eigentlichen Gründer und der Alldeutsche Verband verlieh dem „Eisernen Kanzler“ die Ehrenmitgliedschaft. Nach Bismarcks Tod 1898 ebbte die Verehrung von und die Berufung auf den „Reichsgründer“ keineswegs ab. Sie erhielt ganz im Gegenteil durch die zahlreichen Denkmalsprojekte, die Bewegung zum Bau von Bismarck- Türmen und -Säulen, sowie die Abhaltung von Bismarck- Gedenkfeiern neue Impulse. Innerhalb von fünf Jahren nach dem Tod des Altreichskanzlers steigerte sich die Zahl der insgesamt fertiggestellten oder im Bau begriffen Denkmäler von etwa 40 auf 165, unter denen die Turm- und Säulenprojekte schon weit mehr als die Hälfte ausmachten.53 Dieser Stimmungsumschwung in der öffentlichen Meinung von relativer Gleichgültigkeit bei der Entlassung des Reichskanzlers zur Entwicklung eines „Bismarckenthusiasmus“ im Laufe der 1890er Jahre legt nahe, dass es sich bei dem Phänomen der Bismarckverehrung im wilhelminischen Kaiserreich nicht ausschließlich um Nachwirkungen Bismarcks charismatischer Persönlichkeit und seiner politischen Erfolge handeln kann. Es stellt sich vielmehr die Frage, welche politischen Entwicklungen nach Bismarcks Entlassung die Forcierung eines Bismarck- Kultes begünstigt haben. Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick auf sogenannte Politik des „Neuen Kurses“, die innen- wie außenpolitische Neuorientierung der deutschen Politik unter Bismarcks Nachfolger Caprivi notwendig.

a) Die „nationale Opposition“ und die „Bismarckfronde“ gegen den „Neuen Kurs“

Bismarcks Entlassung bedeutete nicht nur einen personellen, sondern auch einen politischen Neuanfang, sowohl was Regierungsstil als auch Regierungspolitik anbelangte. Caprivi war trotz seiner Herkunft als preußischer General liberalen Ideen gegenüber aufgeschlossen und teilte in vielen Punkten die Kritik der Liberalen an Bismarcks autoritärem Regime, über das er beispielsweise folgendermaßen urteilte: „Indem er (Bismarck T.G.) die in der äußeren Politik zulässigen Mittel skrupellos auch auf die Innere übertrug, indem er unseren alten guten Beamtenstand zum Servilismus erzog, indem er jeden Widerspruch persönlich nahm und die Charaktere beugte oder entfernte, hat er Schaden getan (...), der lange nachwirken wird.“54

Caprivi war bereit, die Konsequenzen aus dieser Beurteilung zu ziehen, selbst wenn sie seine Hausmacht schwächten und den unsteten Einflussnahmen des Kaisers auf die Tagespolitik mehr Raum ließen. Die Konzentration von Macht und Ämtern in der Person des Reichskanzlers wurde rückgängig gemacht und Kompetenzen zurück in die Reichsämter und preußischen Ministerien verlagert. In der Außenpolitik distanzierte man sich von Russland, konzentrierte sich auf das Bündnis mit Österreich- Ungarn und versuchte sich in Kolonialfragen mit Großbritannien zu verständigen (Helgoland- Sansibar- Vertrag). Innenpolitisch wurde Bismarcks Kampf gegen die „Reichsfeinde“ abgeschwächt: Das Sozialistengesetz wurde nicht verlängert, die Germanisierungspolitik im preußischen Osten gegenüber den Polen wurde gemäßigt, und die Regierung bemühte sich um parlamentarische Unterstützung von Zentrum und Linksliberalen.

Auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik wurden Neuerungen auf den Weg gebracht, die nicht im Sinne Bismarckscher Politik gewesen wären. Mit den Abschlüssen von Handelsverträgen ging die Senkung heimischer Agrarzölle einher, um geringere Einführzölle für deutsche Industrieprodukte bei den Partnerstaaten zu erwirken. Auch die von Bismarck nicht mehr fortgesetzte Sozialpolitik wurde mit der Einschränkung von Sonntags- und Kinderarbeit wieder aufgenommen. Diese Maßnahmen erlauben es zwar nicht, von einer umfassenden „Reliberalisierung“ des Kaiserreichs zu sprechen, sie wurden aber als einschneidend genug empfunden, um Anlass für die Formierung einer „Opposition von rechts“ gegen den „Neuen Kurs“ zu geben, die sich vor allem in außer- parlamentarischen Interessenverbänden sammelte.55 Diese gaben, trotz aller Differenzen untereinander, die Rückkehr zur Bismarckschen Politik als gemeinsames Ziel aus. Drei Gruppen von Verbänden bemühten sich zwischen 1890 und 1898 besonders intensiv um die Nähe zum Altreichskanzler und wiesen auch darüber hinaus ihre Politik als „bismarckisch“ und sich selbst als „Bismärcker“ aus. Zum einen handelte es sich um eine, sowohl kleine als auch große Grundbesitzer umfassende bäuerliche Protestbewegung gegen die Senkung von Schutzzöllen, von der man die Konkurrenzfähigkeit heimischer Erzeugnisse auf dem Agrarmarkt bedroht sah. Sie sammelte sich 1893 im Bund der Landwirte, der innerhalb weniger Jahre über 200.000 Mitglieder organisieren konnte.56 Zum andern regte sich in der Nationalliberalen Partei und im bereits 1886 gegründeten Evangelischen Bund zur Wahrung der deutsch- protestantischen Interessen (EB) Widerstand gegen die Nähe der Regierung Caprivi zum Zentrum. Der politische Katholizismus hatte in den Augen der Mehrheit des protestantischen Bürgertums, vor allem des Bildungsbürgertums, mit dem Ende des Kulturkampfes keineswegs seinen reichsfeindlichen Charakter verloren. Für die Bildung politischer Bündnisse unter Ausschluss des Zentrums und die Beibehaltung der Kulturkampfgesetzgebung beriefen sich Nationalliberale und EB in der Zeit des „Neuen Kurses“ und darüber hinaus auf Bismarck.57

Das protestantische Bildungsbürgertum fühlte sich in seinem Selbstverständnis als „Hüter des nationalen Idealismus“58 nicht nur durch das mangelnde Engagement der Regierung im Kampf gegen den „Ultramontanismus“ herausgefordert. Die angebliche „Versöhnungs- politik“ gegenüber den inneren „Reichsfeinden“ und die zögerliche Kolonialpolitik der Regierung Caprivi boten weitere Anlässe zur Gründung nationalistischer Interessen- verbände. Besonders bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang der 1891 aus der Kolonialbewegung hervorgegangene Allgemeine Deutsche Verband (1894 in Alldeutscher Verband umbenannt), und der drei Jahre später gegründete Deutsche Ostmarkenverein, der sich für eine radikale Germanisierungspolitik in den preußischen Ostprovinzen stark machte. Beide Verbände forcierten nach 1898 den Bau von Bismarck- Türmen und -Säu- len, sowie die Ausrichtung von Bismarck- Feiern und machten sie zum permanenten Bestandteil ihrer Propagandarepertoires. Dies ist vor allem deshalb von Bedeutung, weil die sich in den 1890er Jahren formierenden Interessenverbände in ihren Ortsgruppen nicht nur lokale Honoratioren sammelten, sondern sich intensiv um die Werbung einer bis ins Kleinbürgertum hinunter reichenden Massenmitgliedschaft bemühten. Auch wenn ADV und Ostmarkenverein an den Mitgliederzahlen gemessen damit weniger Erfolg hatten als andere nationalistische Verbände, waren sie doch stets um öffentlichkeitswirksames Auftreten in politischen oder kulturellen Veranstaltungen bemüht. Bismarck- Verehrung in Form von Huldigungsfahrten nach Friedrichsruh und später in Denkmalsprojekten und Feiern bot nicht nur die Gelegenheit, ein politisches Bekenntnis abzulegen. Sie konnte auch zur Mitgliederwerbung genutzt werden, entweder in direktem Zusammenhang mit den genannten Unternehmungen und Veranstaltungen, oder indirekt über die durch sie erzeugte Präsenz in der regionalen und überregionalen Presse.59

Der „nationalen“ Opposition gegen den „Neuen Kurs“ kam entgegen, dass sich auch Bismarck selbst mit der Politik seines Nachfolgers nicht anfreunden konnte, so dass sie sich relativ sicher sein konnte, mit ihren Anliegen beim „Reichsgründer“ Gehör zu finden. In seinem Hausblatt, den Hamburger Nachrichten, ließ Bismarck bereits kurz nach seiner Entlassung eine Kampfansage gegen den „Neuen Kurs“ veröffentlichen:

„Man wird von einem Staatsmann, der 30 Jahre lang die hervorragendste Stellung im öffentlichen Leben eingenommen und dies wie kein anderer maßgebend beherrscht hat, nicht erwarten dürfen, dass er mit seinen Ämtern zugleich seine politische Kraft, seine Vaterlandsliebe und das Bedürfnis verloren habe, mit der öffentlichen Meinung in Fühlung zu bleiben und sie nach seiner Überzeugung zu beeinflussen. Wer vom Fürsten Bismarck glaubt, dass er, alt und gebrochen, künftig den gänzlich passiven Zuschauer der Ereignisse auf der Weltbühne abgeben werde, irrt in jeder Hinsicht.“60

Fortan sprach man in der Öffentlichkeit von einer „Bismarckfronde“ des Altreichskanzlers und der ihm nahestehenden Presse, die sich aufgrund der Umstände der Entlassung Bismarcks gegen den Kaiser, aber noch schärfer gegen die Politik des „Neuen Kurses“ wandte. Neben den Hamburger Nachrichten boten sich weitere Tageszeitungen und Zeitschriften an, als Sprachrohre der „Bismarckfronde“ zu fungieren, unter ihnen die Münchener Allgemeine Zeitung, die Leipziger Neuesten Nachrichten und Maximilian Hardens „Zukunft“, die sich der Kritik an der Hofkamarilla und am „persönlichen Regiment“ Wilhelms II. verschrieben hatte. Zusätzlich verbanden etliche eifrige Journalisten und Schriftsteller, wie Horst Kohl, Heinrich von Poschinger oder Max Bewer, in ihrer teils literarisch, teils populärwissenschaftlich inspirierten „Bismarck- Literatur“ die Verbreitung einer Idealisierung von Bismarcks Person und Politik mit scharfer Kritik an seinen Nachfolgern.61

Die Regierung versuchte, Bismarcks Opposition mit einem Boykott seiner Person zu beantworten. Allen Verbündeten und den Regierungen der Einzelstaaten wurde durch einen „Circularerlaß“ (23.5.1890) mitgeteilt, dass Bismarcks Äußerungen politisch irrelevant seien. Außerdem bemühten sich Reichsregierung und Kaiser darum, dass Bismarck auf seiner Wien- Reise 1892, die auch durch Süd- und Mitteldeutschland führte, keine Audienzen an deutschen oder ausländischen Fürstenhöfen gewährt wurden.62 Auf die öffentliche Meinung hatten diese Maßnahmen nicht den gewünschten Effekt. Sie ver- schafften Bismarck in den Augen seiner Anhänger eine Märtyrerrolle im Kampf gegen Hof und Regierung im Stile eines Götz von Berlichingen oder Martin Luther und machten ihn als Bezugspunkt einer „Opposition von rechts“ noch attraktiver.63 Die Boykottpolitik drohte zu einer Schädigung des Ansehens des Kaisers zu führen. Die Vielzahl der bismarckfreundlichen Stimmen in der Presse, in den Interessenverbänden und zum Teil auch in den Parteien des nationalen Lagers, sowie die absehbare Steigerung der Bismarck- Verehrung im Zuge des 80. Geburtstages des „Reichsgründers“ nötigten Wilhelm II. zu einer inszenierten Aussöhnung mit Bismarck im Januar 1894. Die Aussöhnung konnte der Bismarck- Verehrung zwar die antimonarchische Spitze nehmen, nicht aber die Ausbreitung des Bismarck- Kultes bremsen. Dies vermochte auch der von Wilhelm II. persönlich geförderte Hohenzollern- Kult und die Erhebung seines Großvaters zu „Wilhelm dem Großen“ nicht. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs gab es im Deutschen Reich mehr Bismarck- Denkmäler als Kaiser- Wilhelm- Denkmäler.64

Die Ausbreitung eines Bismarck- Kultes in den frühen 1890er Jahren, den selbst Kaiser und Reichsregierung nicht einzudämmen vermochten, kann nicht ausschließlich als Ergebnis von Bismarcks Politik nach seiner Entlassung angesehen werden. Sie ist nur aus dem Zusammenspiel der in den Interessenverbänden organisierten „nationalen Opposition“ gegen den „Neuen Kurs“ und der „Bismarckfronde“, d.h. Bismarcks eigener Kritik an Kaiser und Regierung, zu verstehen.65 Obwohl Bismarck alle oben aufgeführten Aspekte des „Neuen Kurses“ in seiner Pressepolitik scharf kritisieren ließ, scheiterten Versuche eines politischen Comebacks des „Reichsgründers“ bereits im Ansatz. Ein 1891 ge- wonnenes Reichstagsmandat nahm er nicht wahr, und die Gründung einer dezidiert gegen Caprivis Politik gerichteten „Nationalpartei“ als Zusammenschluss von Alldeutschen, Agrariern und Konservativen unter der Führung Bismarcks kam mangels Wahlchancen nicht zustande.66

Dass Bismarcks Popularität in den Jahren nach seiner Entlassung sprunghaft anstieg, änderte nichts daran, dass eine Rückkehr in die aktive Politik selbst bei seinen Anhängern nicht zur Debatte stand. Die politische Führung der Opposition gegen den „Neuen Kurs“ lag nicht in Bismarcks Händen, sondern in denen der Interessenverbände. Bismarck selbst hat diese Rollenverteilung auch durchaus erkannt und akzeptiert. In einer Rede vor einer Abordnung deutscher Universitätsprofessoren anlässlich seines 80. Geburtstages betonte er, dass der Kampf gegen die inneren „Reichsfeinde“ auch weiterhin notwendig sei und zeigte sich erfreut, dass eine „starke Bewegung (...), die sich an meinen Namen knüpft“ dies erkannt habe. Dabei erscheine sein Name allerdings nicht „als die Hauptsache, sondern als Feldgeschrei, unter dem die national gesinnten Reichsfreunde sich geeinigt haben, sich zu sammeln.“67 Diese Konstellation ermöglichte es den Gegnern des „Neuen Kurses“, sich bei Bismarck moralische Unterstützung zu holen und mit dem Namen des „Reichsgründers“ für ihre Ziele zu werben. Besonders medienwirksame Gelegenheiten, einzelne politische Anliegen der Parteien und Verbände des nationalen Lagers mit Bismarcks Namen und dem Kampf gegen den „Neuen Kurs“ zu verknüpfen, boten bis zum Tod des „Reichsgründers“ sogenannte Huldigungsfahrten zu Bismarcks Gütern Friedrichsruh und Varzin.

b) Huldigungsfahrten

In den 1890er Jahren wurden Abordnungen von Vereinen, Verbänden oder Parteien vor allem anlässlich Bismarcks Geburtstag auf den Alterssitzen des „Reichsgründers“ vorstellig, um ihm Ehrenbezeugungen zu Teil werden zu lassen. Dies konnte in Form von Geschenken, dem Vortragen von patriotischen Liedern und Gedichten oder der Überreichung von Ehrenbürgerurkunden geschehen. Abgeschlossen wurden solche „Huldigungsfahrten“, wie sie von den Beteiligten selbst genannt wurden, in der Regel durch eine Dankesrede Bismarcks, in der der Exkanzler häufig die Gelegenheit ergriff, zu tagespolitischen Fragen Stellung zu nehmen.

Die „Bismarck- Literatur“ pries solche Huldigungen als patriotische Tat. In Bruno Garlepps Monumentalwerk über den 80. Geburtstag des „Reichsgründers“ heißt es beispielsweise: „Friedrichsruh, der Hauptsitz des Fürsten, wurde zum Wallfahrtsort aller, die ihren heißen Gefühlen für das Vaterland begeisterten Ausdruck geben wollten.“68 In der Reichstagsdebatte über eine Glückwunschadresse im Namen des Parlaments wurden dagegen Zweifel an dem rein patriotischen Charakter der Bismarck- Huldigungen laut. SPD, Zentrum und Linksliberale kritisierten, dass die Parteien des nationalen Lagers bestrebt seien, sie „zu parteipolitischen Zwecken für sich selbst auszunutzen.“69

Huldigungsfahrten von Turn-, Wander- oder Gesangvereinen hatten in der Regel einen un- politischen oder allgemeinpatriotischen Charakter. Diejenigen der Nationalliberalen, des Bundes der Landwirte, studentischer Korporationen, oder von Deutschen aus den preußischen Ostgebieten und vielen anderen nahmen dagegen Formen politischer Kundgebungen an, in denen die Übereinstimmung von Bismarck und der jeweiligen Gruppe im Kampf gegen den „Neuen Kurs“ zelebriert wurde. An den Huldigungsfahrten von Abordnungen aus Posen und Westpreußen, sowie dem Besuch von Vertretern des Bundes der Landwirte kann dies exemplarisch verdeutlicht werden.70

Am 16. September 1894 wurde eine Gruppe bestehend aus über 2.000 Deutschen aus der Provinz Posen unter der Führung des Gutsbesitzers Hermann Kennemann von Bismarck in Varzin empfangen. Nach dem Absingen patriotischer Lieder würdigte Kennemann Bismarcks Verdienst um die Reichseinigung, die den Bewohnern der Provinz das Bewusstsein gebracht habe, in einem deutschen Bundesstaate zu leben. Durch die schwankende Polenpolitik der Regierung Caprivi sei das deutsche Nationalbewusstsein aber nun in Frage gestellt. Dieses Stichwort griff Bismarck in seiner Ansprache bereitwillig auf, indem er die Regierungspolitik mit scharfen Worten attackierte: „Wir singen ‚Fest steht und treu die Wacht am Rhein’, aber sie steht an der Warthe und Weichsel ebenso. Wir können nach keiner von beiden Seiten hin auch nur einen Morgen Landes missen.“71 Die Annäherungsversuche der Regierung an die Polen bezeichnete Bismarck als vergebens, da deren politische Führung, d.h. Adel und Klerus, ihre nationalpolnische Gesinnung niemals aufgeben würden. Was man aber von den Polen lernen könne, sei die Organisation der eigenen Interessen, „der feste Zusammenhalt unter- einander“.72

Exakt eine Woche später traf eine Abordnung Deutscher aus Westpreußen in Varzin ein. Auch ihre Absicht war es, Bismarck als Vorkämpfer des Deutschtums in der Ostmark zu feiern, was man mit dem Vortrag folgenden Liedes zum Ausdruck brachte: „Ostwacht (zur Melodie von „Die Wacht am Rhein“)

Aus Deutschlands Ostmark ziehn wir her/ Vom Weichselstrom und Baltenmeer/ Aus deutscher Niederung grünen Au’n/ Wo Ritterburgen niederschaun/ Ob Slawensturm uns wild umtost/ Wir halten treu und fest die Wacht im Ost. Durch alle Herzen zuckt es schnell/ Und aller Augen leuchten hell/ Zum Hauptmann, der mit Deichen stark/ Bewahrt des Reiches ferne Mark. (...) Ein Eichbaum ragst Du stolz und stark,/ Vom Wipfel deutsch bis in das Mark./ Dem Vaterland zur Freud und Zier:/ Heil- Fürst und Vorbild Bismarck, Dir! Ob Slawensturm uns wild umtost/ Wir halten treu und fest die Wacht im Ost.“73

In der folgenden Laudatio auf Bismarck herrschte derselbe Tenor: Dem „Reichsgründer“ komme das Verdienst zu, „das Deutschtum an den Grenzen, der Anmaßung und Begehrlichkeit fremder Elemente gegenüber, mächtig gestärkt und gefördert zu haben.“74 In seiner eigenen Rede warnte Bismarck erneut vor dem Begehren der polnischen Eliten nach einem eigenen Staat. Seine Bemerkung, dass mit der übrigen polnischen Bevölkerung ein friedliches Zusammenleben durchaus möglich sei, tat der antipolnischen Stimmung der Veranstaltung keinen Abbruch.75

Die beiden Huldigungsfahrten blieben für die weitere Entwicklung des deutsch- polnischen Konflikts in den preußischen Ostprovinzen nicht folgenlos. Bereits am 28. September fanden in Posen erste Beratungen zur Gründung eines „Vereins zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken“ statt. Zu den Gründervätern des Deutschen Ostmarken- vereins gehörte auch Hermann Kennemann, der die Huldigungsfahrt der Posener organisiert hatte.76 Nach Bismarcks Tod blieb der Ostmarkenverein der bedeutendste Träger des Bismarck- Kultes in den preußischen Ostprovinzen. In Denkmalsprojekten und alljährlichen Feiern gedachte der Verband Bismarck als Vorkämpfer für das Deutschtum im Osten und präsentierte ihn als Vorbild für eine entschlossene Polenpolitik. (siehe VI.)

Neben der Polenpolitik hatte Bismarck in der ihm nahestehenden Presse besonders scharf die Landwirtschaftspolitik der Regierung Caprivi angegriffen. Daher lag es nahe, dass sich unter den Verbänden, die anlässlich Bismarcks 80. Geburtstages eine Abordnung nach Friedrichsruh schickten, auch der Bund der Landwirte befand. Die Abgesandten des BdL überreichten Bismarck einen Ehrenschild auf dem Zitate des Altkanzlers über die zentrale Bedeutung der Landwirtschaft für Staat und Volkswirtschaft eingraviert waren und dankten Bismarck für seine Verdienste um den Bauernstand.77 Bismarck nutzte seine Dankesrede, um - unter Beifallsstürmen seiner Zuhörer - die Handelsverträge und die Senkung der Agrarzölle zu geißeln. Sie seien Produkte von Bürokraten, die von den Bedürfnissen der Landwirtschaft keine Ahnung hätten. Daher sei es notwendig, agrarische Interessen mit mehr Energie denn je zu verfechten und das „Erstgeburtsrecht“ der Landwirtschaft gegenüber der Industrie einzufordern. In Anspielung auf Caprivis Be- kenntnis, keinen agrarischen Grundbesitz zu haben, forderte Bismarck „der Gesetzes- macherei ohne Halm und Ar den Kriegsruf entgegenzusetzen: Für Halm und Ar!“78 Wenn der Bund der Landwirte in der Folgezeit Bismarck immer wieder als Vorkämpfer für seine Ziele bezeichnete, so wurde vor allem auf diese Rede verwiesen, deren Aussagen in der völkisch- agrarromantischen Publizistik nochmals verschärft wurden. So schrieb Max Bewer, ein Spezialist für bismarckverherrlichende Literatur, über das Engagement seines Idols gegen die Landwirtschaftspolitik des „Neuen Kurses“: „Caprivi war kein Bauer. Der Grundunterschied zwischen der Bismarckschen und der kaiserlichen Politik liegt in diesem Satz ausgesprochen. (...) Bismarck nannte in einer seiner prachtvollen Geburtstagsreden die Bauern ‚die erstgeborenen Kinder des Landes’. Aber der erstgeborene, der ackerbestellende Esau wird heute von dem Börsenjakob wiederum um die politischen Rechte seiner Erstgeburt betrogen.“79

Zwar beteiligte sich der BdL nach Bismarcks Tod nicht so intensiv am Bau von Denkmälern und an der Bewegung zum Bau von Bismarck- Türmen und -Säulen wie andere Parteien und Verbände des nationalen Lagers. Dennoch beanspruchte auch er, Bismarcks politisches Erbe zu pflegen und fortzuführen, indem er Kranzniederlegungen in der Friedrichsruher Grabkapelle organisierte und Bismarck- Feiern abhielt.80 Huldigungsfahrten, wie die drei geschilderten, zeigen, dass sich der Bismarck- Kult der Parteien und Verbände des nationalen Lagers von Beginn an auf mehr gründete als auf nationales Pathos. Mit der patriotischen Tat der Ehrung des „Reichsgründers“ wurden eigene politische Ziele, Anfang der 1890er Jahre insbesondere der Kampf gegen die Politik des „Neuen Kurses“, verknüpft.81

Dass die Huldigungsfahrten, nachdem sie anlässlich Bismarcks 80. Geburtstages einen Höhepunkt erreicht hatten, immer seltener wurden, ist nicht nur auf Bismarcks ab- nehmende Gesundheit zurückzuführen, sondern auch auf ein Abflauen der Konfrontation zwischen Regierung und „nationaler“ Opposition. Im Oktober 1894 trat Caprivi zurück. Die nachfolgenden Regierungen fühlten sich eher einer Sammlungspolitik im Sinne von Verständigung und Kooperation mit den Parteien und Verbänden des nationalen Lagers verpflichtet und führten die liberalen Ansätze des „Neuen Kurses“ insbesondere in der Polen- und Landwirtschaftspolitik nicht fort. Die Teilnahme von Caprivis Nachfolger Hohenlohe- Schillingsfürst an einem Festkommers der Berliner Friedrich- Wilhelm- Universität anlässlich Bismarcks 80. Geburtstages wurde von den „Bismärckern“ als symbolische Geste der Annäherung an ihre politischen Positionen verstanden.82 Das Scheitern des „Neuen Kurses“ hinderte die Parteien und Verbände des nationalen Lagers aber nicht daran, auch weiterhin Bismarck als Nationalheros und Vorkämpfer für ihre eigenen politischen Ziele in Anspruch zu nehmen, wobei die Auseinandersetzung mit der Regierungspolitik gegenüber dem direkten Angriff auf die inneren „Reichsfeinde“ zurücktrat. In diesem Sinne bemühten sie sich nach dem Tod des „Reichsgründers“ 1898 darum, das Gedenken an Bismarck in Form von Denkmalsprojekten und Feiern zu organisieren. Die Errichtung von Bismarck- Türmen und -Säulen und ihre Nutzung als Kultstätten der Bismarck- Verehrung rückten dabei immer mehr in den Mittelpunkt.83

IV. Die Bewegung zum Bau von Bismarck- Türmen und -Säulen

Der Bau von Türmen zu Ehren einer berühmten Persönlichkeit, oder die Benennung bereits vorhandener nach ihr, war gegen Ende des 19. Jahrhunderts kein ungewöhnlicher Vorgang.84 Erklärungsbedürftig ist jedoch, warum diese Form der Ehrung Bismarcks nach 1898 geradezu massenhaft in Deutschland, vereinzelt auch in den deutschen Kolonien und in Österreich- Ungarn, umgesetzt wurde. Von den schätzungsweise 500 bis 1914 gebauten Bismarck- Denkmälern waren 218 nachweislich Türme oder Säulen, wobei unter „Säule“ keine zylindrische Stütze einer Decke oder ein Obelisk zu verstehen ist, sondern ein Bismarck- Monument, das sich an einem speziellen Entwurf des Architekten Wilhelm Kreis orientiert. (Abb.1) Eine ähnliche Anhäufung dieser architektonischen Denkmalsform zu Ehren eines Politikers ist nicht bekannt.85

a) Typen von Bismarck- Denkmälern und die Tendenz zur Monumentalisierung

Die Bewegung zum Bau von Bismarck- Türmen und -Säulen ist eingebettet in einen generellen Wandel der zur Ehrung des „Reichsgründers“ genutzten Denkmalsformen. Es lässt sich eine Abwendung von der klassischen Denkmalsplastik und eine Hinwendung zu einer als Kultstätte nutzbaren monumentalen Architektur beobachten.86 Abgezielt wurde auf die Verstärkung des emotionalen Effekts zu Lasten des Transportierens einer kohärenten Geschichtsideologie, die ein gewisses Maß an Vorbildung und rationaler Betrachtungsweise verlangte wie beispielsweise die Goslarer Kaiserpfalz.87

[...]


1 Karl Leopold Mayer (Hg.), Bismarck in deutscher Dichtung, Berlin 1914, S. 219f.

2 Einen Überblick über Bismarckbiographien von den 1870er bis in die späten 1990er Jahre liefern: Karina Urbach, Between Saviour and Villain. 100 Years of Bismarck Biographies, in: The Historical Journal 41 (1998), S. 1141- 1160; Hans Fenske, Das Bismarckbild der Deutschen, in: Historische Mitteilungen 13 (2000), S. 94- 141.

3 Bismarck als Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses und historisch- politischer Kontroversen: Vgl. Jürgen Kocka, Bismarcks zweites Leben. Sichtweisen seit 1890, in: Marcus Grässner/ Christian Lammert/ Söhnke Schreyer (Hg.), Staat, Nation, Demokratie. Traditionen moderner Gesellschaften. Festschrift für Hans- Jürgen Puhle, Göttingen 2001, S. 53-59; Christoph Studt, Das Bismarckbild der deutschen Öffentlichkeit 1898- 1998 (Friedrichsruher Beiträge Bd.6), Friedrichsruh 1999; Gerd Fesser, Bismarck und die politische Kultur in Deutschland. Wissenschaftliches Kolloquium in Bad Kissingen vom 27. bis 29. Juli 1998, in: ZfG 46 (1998), S. 1109- 1112; Michael Stürmer, Bismarck- Mythos und Historie, in: APZG B3 (1971), S. 3- 30; Hans- Günter Zmarzlik, Das Bismarckbild der Deutschen gestern und heute, Freiburg 1965.

4 Vgl. Wolfgang Hardtwig, Geschichtsinteresse, Geschichtsbilder und politische Symbole in der Reichsgründungsära und im Kaiserreich, in: Ekkehard Mai/ Stephan Waetzoldt, Kunstverwaltung, Bau- und Denkmal- Politik im Kaiserreich (Kunst, Kultur und Politik im Deutschen Kaiserreich Bd.1), Berlin 1981, S. 67f; Rudolf Parr, „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust“. Strukturen und Funktionen der Mythisierung Bismarcks (1860-1918), München 1992.

5 Karl Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag. Ein Gedenkbuch, München 1895, S. 56.

6 Vgl. Nationalzeitung 31.7.1898.

7 Bruno Garlepp, Bismarck- Denkmal für das deutsche Volk. Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstage des großen Kanzlers, Berlin 1915, S. 500.

8 Diesbezüglich sei auf die unzähligen „Homestories“ unter der von spezialisierten Autoren wie Heinrich von Poschiner oder Max Bewer verfassten Bismarck- Literatur verwiesen. Einen Überblick bieten: Arthur Singer, Bismarck in der Literatur, Wien (2.Aufl.) 1912; Neues Bismarck- Jahrbuch 1 (1911), S. 340- 349.

9 Max Weber, Gesammelte politische Schriften, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen (2.Aufl.) 1958, S. 307.

10 Ebd.

11 In zeitgenössischen Schriften und Festreden ist der Begriff „Reichsgründer“ das am häufigsten verwendete Synonym für Bismarck.

12 Vgl. Lothar Machtan, (Hg.), Bismarck und der deutsche National- Mythos, Bremen 1994.

13 Vgl. Bismarck Jahrbuch 1 (1894), S. 165- 256.

14 Anonym, Ein Gruß an das Deutsche Volk. Zur Erinnerung an den Sieg der Treue zwischen Kaiser Wilhelm II. und Fürst Bismarck, Dresden 1893, S. 5.

15 Max Bewer, Vaterland, Dresden 1906, S. 70.

16 In dieser Reihenfolge: Otto Lyon, Rez.: Friedrich Lange, Reines Deutschtum. Grundzüge einer nationalen Weltanschauung, Berlin 1893, in: ZfDU 8 (1894), S. 424; Ders., Bismarck, in: ZfDU 9 (1895), S. 301; BB 5 (1907), S. 79.

17 Johannes Paul Reé, Fürst Bismarck. Festrede zum 80. Geburtstag des Fürsten gehalten am 1.4.1895 bei der öffentlichen Feier zu Nürnberg, Nürnberg 1895, S. 6.

18 Otto N. Witt, Rede bei der Gedenkfeier für Seine Durchlaucht den verewigten Reichkanzler Fürsten v. Bismarck am 9. März 1899 in der Aula der Königl. Techn. Hochschule zu Berlin gehalten von Prorektor O.N.W., Berlin 1899, S. 12.

19 Garlepp, Bismarck- Denkmal, S. 449.

20 Zu Bismarck- Verehrung und -Denkmalskult: Vgl. Thomas Nipperdey, Nationalidee und Nationaldenkmal in Deutschland im 19. Jahrhundert, in: HZ 206 (1968), S. 529- 585, insb. S. 573ff; Volker Plagemann, Bismarck- Denkmäler, in: Ders./ Hans-Ernst Mittig, Denkmäler im 19. Jahrhundert. Deutung und Kritik (Studien zur Kunst des 19. Jahrhunderts Bd. 20), München 1972, S. 217- 252; Hans- Walter Hedinger, Bismarck- Denkmäler und Bismarck- Verehrung, in: Ekkehard Mai/ Stephan Waetzoldt (Hg.), Kunstverwaltung, Bau- und Denkmal- Politik im Kaiserreich, Berlin 1981, S. 277- 314; Meinhold Lurz, Kriegerdenkmäler in Deutschland, Bd.2: Einigungskriege, Heidelberg 1985, S. 430- 454; Reinhard Alings, Monument und Nation. Das Bild vom Nationalstaat im Medium Denkmal. Zum Verhältnis von Nation und Staat im deutschen Kaiserreich 1871- 1918 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte Bd.4), Berlin/ New York 1996, insb. S. 128- 142, 235- 245.

21 Zu den pseudo- religiösen Ausprägungen der Bismarck- Verehrung: Hans- Walter Hedinger, Der Bismarck- Kult. Ein Umriß, in: Gunther Stephenson (Hg.), Der Religionswandel in unserer Zeit im Spiegel der Religionswissenschaft, Darmstadt 1976, S. 201- 215. Zu Bismarck- Devotionalien: Vgl. Konrad Breiten- born, Bismarck. Kult und Kitsch um den Reichsgründer aus den Beständen des früheren Bismarck- Museums Schönhausen (Elbe) und dem Archiv der ehemaligen Stendaler Bismarck- Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1990, insb. S. 119- 122, 142.

22 Nationalzeitung 31.7.1898.

23 Vgl. Parr, Zwei Seelen.

24 Lothar Machtan, Einführung, in: Ders. (Hg.), Bismarck und der deutsche National- Mythos, S. 9. Leider wenig zur Bismarck- Verehrung im Kaiserreich bietet: Ders., Bismarck, in: Etienne Francois/ Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd.2, München 2001, S. 86- 104.

25 Vgl. Michael C.Q. McGuire, Bismarck in Walhalla. The cult of Bismarck and the politics of national identity in Imperial Germany 1890- 1915 (= Diss. University of Pennsylvania) Ann Arbor 1993, S. 630- 643. Ebenso: Ders., Bismarck in Walhalla. Der Bismarckkult und die Politik der nationalen Identität vom Kaiserreich zum Dritten Reich, in: Ders./ Hermann und Heide Reuter (Hg.), Otto von Bismarck. Spuren und Wirkungen, Lingen 1996, S. 139- 163.

26 Eine zeitgenössische Zusammenstellung von Bismarck- Denkmälern aller Art: Vgl. Max Erhardt, Bismarck im Denkmal des In- und Auslandes, Leipzig/ Eisenach 1903. Alle bis 1997 bekannten Bismarck- Türme und -Säulen: Vgl. Günter Kloss/ Sieglinde Seele, Bismarck- Türme und Bismarck- Säulen. Eine Bestandsaufnahme, Petersberg 1997; Aktualisierung des Bestandes: www.bismarcktuerme.de. Berichte über Bismarck- Feiern und andere Aktivitäten im Rahmen des Bismarck- Kultes in Partei- und Verbandspresse: Vgl. z.B. AB; ADBl; BB; Ostmark.

27 Für eine Erneuerung des Begriffs plädieren: Karl Rohe, Politische Kultur. Zum Verständnis eines theoretischen Konzepts, in: Oskar Niedermayer/ Klaus von Beyme (Hg.), Politische Kultur in Ost und Westdeutschland, Berlin 1994, S. 1- 21; Carola Lipp, Politische Kultur oder das Politische und Gesellschaftliche in der Kultur, in: Wolfgang Hardtwig/ Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Kulturgeschichte heute (= GG Sonderheft 16), Göttingen 1996, S. 78- 110.

28 Vgl. Wolfgang Hardtwig, Der bezweifelte Patriotismus- nationales Bewusstsein und Denkmal 1786 bis 1933, in: GWU 44 (1993), S. 773- 785, insb. S. 779ff.

29 Dresdener Nachrichten 1.4.1903.

30 Vgl. Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation, Frankfurt a.M. (3.Aufl.) 1993; Eric Hobsbawm, Nationen und Nationalismus, Frankfurt a.M. (2.Aufl) 1992; Heinz- Gerhard Haupt/ Charlotte Tacke, Die Kultur des Nationalen. Sozial- und kulturgeschichtliche Ansätze bei der Erforschung des europäischen Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert, in: Wolfgang Hardtwig/ Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Kulturgeschichte heute (= GG Sonderheft 16), Göttingen 1996, S. 255- 283; Lothar Machtan, Nationale Selbstbilder zwischen Inszenierung und Verinnerlichung 1885- 1935, in: ZfG 46 (1998), S. 818- 827; HansUlrich Wehler, Nationalismus. Geschichte, Formen, Folgen, München 2001, S. 7- 13.

31 Es ist daher mehr als fraglich ob ein Schlusskapitel einer Bismarck- Biographie einen zufriedenstellenden Rahmen für die Analyse des Bismarck- Kultes abgeben kann. Dennoch hilfreich: Vgl. Otto Pflanze, Bismarck. Der Reichskanzler, München 1998, S. 623- 699.

32 Zur Symbolik des preußisch- kleindeutschen Staatsnationalismus in Denkmälern: Vgl. Nipperdey, Nationalidee und Nationaldenkmal, S. 533- 546; Alings, Monument und Nation, S. 88- 105, 105- 128.

33 Vgl. McGuire, Bismarck in Walhalla (1996), S. 143- 158.

34 Vgl. Karl Rohe, Wahlen und Wählertraditionen in Deutschland. Kulturelle Grundlagen deutscher Parteien und Parteiensysteme im 19. Jahrhundert, Frankfurt a.M. 1992, S. 14- 29.

35 Vgl. Hedinger, Bismarck- Denkmäler, S. 282.

36 In Bezug auf den ADV: Vgl. Roger Chickering, We Men who feel Most German. A Cultural Study of the Pan- German League 1886- 1914, Boston 1984, S. 152- 212.

37 Vgl. Geoff Eley, Reshaping the German Right. Radical Nationalism and Political Change after Bismarck, New Haven/ London 1980, insb. S. 101- 140.

38 Vgl. George L. Mosse, Die Nationalisierung der Massen. Politische Symbolik und Massenbewegungen von den Befreiungskriegen bis zum Dritten Reich, Frankfurt a.M./ New York 1993. Als Träger des „neuen politischen Stils“ im Kaiserreich nennt Mosse vor allem „allgemeinpatriotische“ Vereine (Schützen-, Turn-, Gesangvereine). In Bezug auf den Bismarck- Kult waren diese Vereine zwar häufig auf Bismarck- Feiern und auf Einweihungen von Türmen präsent, sie hatten auf die politischen Inhalte des Kultes aber kaum Einfluss. Diesen sicherten sich die Parteien und Verbände des nationalen Lagers.

39 Vgl. Wippermann, Fürst Bismarcks 80. Geburtstag; Garlepp, Bismarck- Denkmal.

40 Vgl. Kloss/ Seele, Bismarck- Türme. Zur Auswertung: Tab.1- 3, Anhang Tab.4.

41 Vgl. Machtan, Bismarck- Kult und deutscher National- Mythos, S. 16- 67; Ders., Bismarck, S. 86- 104; Dirk Blasius, Von Bismarck zu Hitler. Kontinuität und Kontinuitätsbegehren in der deutschen Geschichte, in: APZG B51 (1998), S. 3- 10.

42 Vgl. Egmont Zechlin, Das Bismarck- Bild 1915. Eine Mischung von Sage und Mythos, in: Ders., Krieg und Kriegsrisiko. Zur deutschen Politik im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf 1979, S. 227- 233.

43 Zum Modell der charismatischen Herrschaft: Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen (5.Aufl.) 1972, S. 140-148, 654-681. Zur Anwendung auf Bismarck: Vgl. Hans- Ulrich Wehler, Bonapartismus oder charismatische Herrschaft?, in: Ders., Gegenwart als Geschichte, München 1995, S. 72- 83; Ders., Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd.3: Von der deutschen Doppelrevolution bis zum Beginn des

1. Weltkriegs 1849-1914, München 1995, S. 368- 376, 849- 1000; Ders., Nationalismus, S. 70, 77.

44 Vgl. Richard Evans, Bürgerliche Gesellschaft und charismatische Herrschaft, in: Die Zeit 13.10.1995, S. 32f; John Breuilly, Auf dem Weg zur deutschen Gesellschaft? Der 3. Band von Wehlers „Gesellschaftsgeschichte“, in: GG 24 (1998), S. 136- 168, insb. S. 154ff.

45 Ein Beispiel: Vgl. Heinrich von Treitschke, Zur Vorfeier des siebzigsten Geburtstages des Fürsten Bismarck. Ansprache auf dem studentischen Commers im Wintergarten des Centralhotels zu Berlin am 27. Februar 1885, in: Ders., Historische und politische Aufsätze, Bd.4: Biographische und historische Abhandlungen vornehmlich aus der neueren deutschen Geschichte, Leipzig 1897, S. 397- 400.

46 Freisinnige Zeitung (Berlin) 21.3.1890.

47 Presseecho zu Bismarcks Entlassung: Hans- Joachim Schoeps, Bismarck über Zeitgenossen, Zeitgenossen über Bismarck, Frankfurt a.M./ Berlin (2.Aufl.) 1972, S. 240ff.

48 Zit. nach Stürmer, Bismarck- Mythos, S. 17.

49 Zur Zunahme der Bismarck- Verehrung nach 1890: Vgl. Rheinisch- Westfälische Zeitung 1.4.1904.

50 Vgl. Bismarck Jahrbuch 2 (1895), S. 430- 433, 618; Garlepp, Bismarck- Denkmal, S. 92ff.

51 Dies lässt sich feststellen, weil auf vielen vorgedruckten Grußkarten neben dem Absender auch Beruf oder „Stand“ angegeben werden sollte. Vgl. Werner Pöls, Bismarckverehrung und Bismarcklegende als innen- politisches Problem der wilhelminischen Zeit, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 20 (1971), S. 187ff.; Manfred Hank, Kanzler ohne Amt. Fürst Bismarck nach seiner Entlassung (tuduv- Reihe Kulturwissenschaften Bd.8), München 1977, S. 86; Abbildungen vorgedruckter Grußkarten: Otto May, Deutsch sein heisst treu sein. Ansichtskarten als Spiegel von Mentalität und Untertanenerziehung in der wilhelminischen Ära 1888- 1918 (Untersuchungen zu Kultur und Bildung Bd.1), Hildesheim 1998, S. 140.

52 Vgl. Studt, Bismarckbild, S. 7f; Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag, S. 64- 79.

53 Vgl. Erhardt, Bismarck im Denkmal.

54 Brief Caprivis an Schneidewein 28. Dez. 1894. Zit. nach John C.G. Röhl, Deutschland ohne Bismarck. Die Regierungskrise im zweiten Kaiserreich 1890- 1900, Tübingen 1969, S. 65.

55 Vgl. Ebd., S. 57- 111; Wehler, Gesellschaftsgeschichte, S. 1005f., 1038- 1045.

56 Vgl. Hans- Jürgen Puhle, Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservatismus im Wilhelminischen Reich (1898- 1914). Ein Beitrag zur Analyse des Nationalismus in Deutschland am Beispiel des Bundes der Landwirte und der Deutsch- Konservativen Partei, Hannover 1966.

57 Vgl. Herbert Gottwald, Evangelischer Bund zur Wahrung der deutsch- protestantischen Interessen, in: Dieter Fricke (Hg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland, Bd.2, Leipzig 1984, S. 580- 587.

58 Zur Beanspruchung eines „nationalen Wächteramtes“ durch das Bildungsbürgertum siehe z.B. die Huldigungsfahrten von Gymnasiallehrern, Universitätsrektoren und Studenten nach Friedrichsruh: Vgl. Johannes Kreutzer, Die Huldigungsfahrt der höheren Lehrerschaft nach Friedrichsruh, in: ZfDU 9 (1895), S. 393- 405, zit. S. 393; Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag, S. 106- 114, 116- 126, 149- 159, 198- 206, 226- 232.

59 Zu den nationalistischen Interessenverbänden: Vgl. Eley, Reshaping the German Right. Interessenverbände und Bismarck- Kult: Vgl. McGuire, Bismarck in Walhalla, S. 26- 40; Ders., Bismarck in Walhalla (1996), S. 143- 148; Hank, Kanzler ohne Amt, S. 280.

60 Hamburger Nachrichten 19.4.1890.

61 Zu Bismarcks 80. Geburtstag hatten Händler um den Alterssitz des „Reichsgründers“ Stände eröffnet, die Bismarck- Devotionalien und bismarckverherrlichende Literatur, allen voran die Schriften der genannten Personen, anboten. Vgl. Garlepp, Bismarck- Denkmal, S. 83. Die von Wippermann und Garlepp herausgegebenen Erinnerungsbücher an Bismarcks 80. Geburtstag können wiederum selbst zur bismarckverherrlichenden Literatur gezählt werden. Zur „Bismarckpresse“: Vgl. Pflanze, Bismarck, S. 626- 628; Hank, Kanzler ohne Amt, S. 122- 162.

62 Vgl. Hank, Kanzler ohne Amt, S. 327- 371.

63 Vergleich mit Berlichingen und Luther: Max Bewer, Bismarck und der Kaiser, Dresden 1895, S. 151.

64 Vgl. Hank, Kanzler ohne Amt, S. 372- 414; Pöls, Bismarckverehrung, S. 192f; Alings, Monument und Nation, S. 78; Hardtwig, Der bezweifelte Patriotismus, S. 778f.

65 Vgl. Wolfgang Stribrny, Bismarck und die deutsche Politik nach seiner Entlassung (1890- 1898), Paderborn 1977, S. 331- 342; McGuire, Bismarck in Walhalla (1996), S. 143- 148; Kocka, Bismarcks zweites Leben, S. 53.

66 Zur „Bismarckfronde“: Vgl. Jürgen W. Schaefer, Kanzlerbild und Kanzlermythos in der Zeit des „Neuen Curses“. Das Reichskanzleramt und seine Beurteilung in der zeitgenössischen Presse, Paderborn 1973; Stribrny, Bismarck; Pöls, Bismarckverehrung, S. 183- 201; Hank, Kanzler ohne Amt.

67 Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag, S. 108.

68 Garlepp, Bismarck- Denkmal, S. 158.

69 Eugen Richter, zit. nach: Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag, S. 70f.

70 Auflistung sämtlicher Huldigungen 1890- 97: Vgl. Hank, Kanzler ohne Amt, S. 692- 696.

71 Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag, S. 18.

72 Ebd., S. 24.

73 Ebd., S. 29.

74 Ebd., S. 31.

75 Vgl. Ebd., S. 35- 37.

76 Vgl. Edgar Hartwig, Deutscher Ostmarkenverein, in: Dieter Fricke (Hg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland, Bd.2, Leipzig 1984, S. 225- 244; Ted M. Kaminski, Bismarck and the Polish Question. The „Huldigungsfahrten“ to Varzin in 1894, in: Canadian Journal of History 22 (1988), S. 235- 250.

77 Vgl. Garlepp, Bismarck- Denkmal, S. 67, 109; Bismarck Jahrbuch 2 (1895), S. 583- 585.

78 GW XIII, S. 611.

79 Bewer, Bismarck und der Kaiser, S. 54.

80 Vgl. BB 8 (1910), S. 116. Zur Gründungsphase des BdL: Vgl. Puhle, Agrarische Interessenpolitik, S. 23-

36. Bismarck- Verehrung des BdL: Ebd., S. 87.

81 Vgl. Hank, Kanzler ohne Amt, S. 284; McGuire, Bismarck in Walhalla, S. 30- 40.

82 Vgl. Wippermann (Hg.), Fürst Bismarcks 80. Geburtstag, S. 52- 64.

83 Vgl. Lothar Machtan, Bismarcks Tod und Deutschlands Tränen. Reportage einer Tragödie, München 1998; McGuire, Bismarck in Walhalla, S. 96- 161.

84 Vgl. beispielsweise die Namen rheinischer Aussichtstürme: Johannes Kleinmanns, Rheinische Aussichtstürme im 19. und 20. Jahrhundert (= Diss. TH Aachen), Aachen 1985, S. 216- 340.

85 Vgl. Kloss/ Seele, Bismarck- Türme, S. 22- 31. Zum Begriff „Bismarck- Säule“: Vgl. BB 6 (1908), S. 38.

86 Vgl. Alings, Monument und Nation, S. 131; Mosse, Die Nationalisierung der Massen, S. 51- 53.

87 Vgl. Monika Arndt, Die Goslarer Kaiserpfalz als Nationaldenkmal. Eine ikonographische Untersuchung, Hildesheim 1976.

Ende der Leseprobe aus 113 Seiten

Details

Titel
Der Bismarck-Mythos in der politischen Kultur des wilhelminischen Kaiserreichs
Untertitel
Die kultische Verehrung des „Reichsgründers“ durch die Parteien und Verbände des nationalen Lagers 1890-1914
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
113
Katalognummer
V25818
ISBN (eBook)
9783638283380
ISBN (Buch)
9783638702218
Dateigröße
3112 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bismarck- Mythos, Bismarck- Kult, Otto von Bismarck, Kaiserreich, Wilhelminisches Zeitalter, Nationalismus, politische Kultur, Bismarcktürme, Bismarcksäulen, Denkmäler, Feste, Nationalismusforschung
Arbeit zitieren
Thomas Gräfe (Autor), 2002, Der Bismarck-Mythos in der politischen Kultur des wilhelminischen Kaiserreichs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25818

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