Verhandlungsmoral als Folge von Individualisierung


Hausarbeit, 2003

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einstimmung auf das Thema

2. Die Auflösung traditioneller Bindungen

3. Verhandlungsmoral – Schlüssel für die Tücken der Individualisierung ?

4. Markt versus Partnerschaft

5. Individualisierung versus Partnerschaft

6. Die Ehe – verdichtete Form der Verhandlungsmoral

7. Abschaffen der Sexualmoral

8. Schlussbemerkung / Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einstimmung auf das Thema

„Wortlos marschierte er an mir vorbei in die Wohnung, zog einen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn mir. Der Umschlag war bereits geöffnet worden. „Das liegt seit meiner Rückkehr bei uns im Posteingangskorb“, sagte er und ließ sich aufs Sofa fallen. „Ich habe den Umschlag versehentlich aufgemacht. Tut mir Leid. Aber ich denke, es ist letztlich am besten so.“

Zitternd zog ich die Karte aus dem Umschlag.

Auf der Karte ein Cartoon: Zwei Igel stehen vor einer Waschmaschine und schauen zu, was ein BH und eine Unterhose in der Trommel an erotischen Verschlingungen alles so anstellen.

„Von wem ist die Karte eigentlich?“, fragte er freundlich.

„Keine Ahnung.“

„Ich glaube aber schon“, sagte er mit jener ruhigen, beherrschten Art, die den Gedanken nahe legt, dass er jeden Moment ein Hackmesser zücken könnte, mit dem er mir die Nase abschneidet.

„Ich habe dir doch gesagt, ich weiß es nicht“, murmelte ich.

„Dann lies mal was da steht.“

Ich mache die Karte auf. Im Innenteil mit spinniger, roter Schrift die Worte: „Meinem Schatz zum Valentinstag – wir sehen uns, wenn du dein Nachthemd abholen kommst – alles Liebe – Sxxxxxxxx.“

Geschockt starrte ich darauf. In diesem Moment klingelte das Telefon.

Dachte, das wird Jude oder Shazzer sein mit ein paar idiotischen Ratschlägen zum Mark-Problem. Ich wollte schon drangehen, aber Mark hielt mich zurück.

„Hallo, Kleine, Gary hier.“ O Gott, was erlaubt der sich? „Wegen dem, was wir neulich im Schlafzimmer besprochen haben: Also, ich hab mir da was überlegt. Ruf an, dann komme ich vorbei.“

Marks Augen blinzelten ein paar Mal. Dann zog er die Nase hoch und wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht, als müsse er sich heftig zusammenreißen. „Okay“, sagte er, „willst du mir das erklären?“

„Es ist der Handwerker.“ Ich wollte Mark in die Arme nehmen. „Dieser Gary, den mir Magda empfohlen hat. Derselbe, der diese verdammten Regale aufgehängt hat. Er will den Platz zwischen Schlafzimmer und Treppe ausbauen.“

„Verstehe“, sagte er. „Und ist diese Karte auch von Gary? Oder kommt sie vielleicht von John oder irgendeinem anderen deiner zahlreichen...“

In diesem Augenblick fing das Faxgerät an zu knarzen. Ein Blatt Papier spulte sich durch.

Während ich noch darauf starrte, nahm Mark das Blatt, besah es sich kurz, reichte es mir. Es war eine kurze Notiz von Jude. „Wer braucht Mark Darcy, wenn man schon für schlappe 9.99 Pfund plus Versandkosten eins von diesen Dingern kriegt?“ Das Ganze hingekrakelt über eine Anzeige für einen Vibrator mit Zunge.“ ( Fielding 1997: 143-145 )

Das Pärchen findet am Ende trotz vieler Turbulenzen durch Verhandlungen, Aussprachen, sprich Gefühlsarbeit, wieder zusammen.

Diese Gefühlsarbeit ist ein Produkt der Entwicklung unserer modernen Gesellschaft.

2. Die Auflösung traditioneller Bindungen

In der vormodernen Gesellschaft waren Frau und Mann voneinander abhängig. Sie bildeten eine Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft, die sogenannte Produktionsfamilie. Die Familie lebte in einem Haus. Jedes Mitglied hatte seinen Platz und Aufgabe mit der er betraut war. Sie alle arbeiteten nicht für sich, sondern ihr Tun war dem großen Ziel, ihre Existenz zu erhalten, unterstellt. Es war eine engverbundene Gemeinschaft, mit wenig Raum für Privates. In diesem Zusammenhang war die vorindustrielle Familie eher eine Notgemeinschaft, zusammengehalten durch zwanghafte Solidarität.

Mit beginnender Industrialisierung verlor die Familie ihre Produktionsaufgabe. Die kleinen Bauern wurden von ihrem Land, das sie ernährte, freigesetzt, und mussten sich nach Arbeit in Fabriken umsehen. Arbeits- und Wohnplatz wurden getrennt, die traditionellen Bindungen aufgelöst. Es entstand die bürgerliche Kleinfamilie, und somit auch die traditionelle Ehe. Der Mann wurde zum Ernährer der Familie und die Frau war für Haushalt und Kinder zuständig. Folglich kam eine neue Art der Abhängigkeit der Ehepartner zustande: die Frau wurde abhängig vom Geld ihres Mannes, und der Mann brauchte sie zur Haushaltsführung und Versorgung um funktionsfähig und leistungsbereit zu sein. Der Familienzusammenhalt blieb durch die permanente Unterdrückung der Rechte der Frau gewahrt, während sich der Mann individuell beruflich entfalten konnte, durfte sie dies nicht. Man kann dies auch als halbierte Moderne bezeichnen. Der Zwang zur Gemeinschaft blieb in veränderter Weise bestehen. ( Beck/ Beck-Gernsheim 1994: 120/121 )

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts verlor die Familie, entstanden durch den steigenden Wohlstand und die technische Weiterentwicklung, auch zunehmend die Versorgungsfunktion. Kindertagesstätten wurden eingerichtet, Fast-Food-Ketten eröffnet, Fernheizung eingeführt und dies alles erleichterte das alltägliche Leben.

( Schmidt 1996: 32-36 )

Mit der zunehmenden Entfunktionalisierung wird immer größerer Wert auf die gefühlsbetonte Seite des Zusammenlebens zweier Menschen gelegt. Das “Aufeinanderangewiesensein“ entfiel zunehmend, und somit ging der wirtschaftliche Hauptinhalt der damaligen Beziehungen verloren.

Diese Tendenz wurde durch die Tatsache unterstützt, dass es seit den 60iger Jahren auch in immer größer werdendem Maße Frauen möglich war, sich beruflich und privat frei zu entfalten, wenn auch noch immer in einem anderen Umfang als Männer dies tun.

3. Verhandlungsmoral – Schlüssel für die Tücken der Individualisierung ?

Hier komme ich zum zentralen Thema meiner Hausarbeit: „auf der einen Seite der Wunsch und der Zwang, ein eigenständiges Individuum zu sein; auf der anderen Seite das Bedürfnis nach dauerhafter Gemeinsamkeit mit anderen Menschen, die aber ihrerseits wieder den Vorgaben und Erwartungen des eigenen Lebens unterstehen.“

( Beck/ Beck-Gernsheim 1990: 103) Diesen Zwiespalt zu überbrücken bedarf es viel Arbeit, zumeist Gefühls-, Beziehungsarbeit, die wiederum auf Verhandlungsmoral basiert. Zwei selbstentworfene Beziehungen müssen aufeinander abgestimmt werden. Die Normalbiographie wandelt sich zur Wahlbiographie. Alles ist möglich, nichts muss. Gerade hierin liegt aber das Problem: was Beziehung, Sexualität, Liebe, Ehe ist, muss jeder für sich und im Diskurs mit dem Ehepartner, Lebensabschnittsgefährten, Freund etc. selbst herausfinden. Es muss definiert, ausgehandelt, begründet werden. „Die Individuen selbst, die zusammenleben wollen, sind oder, genauer: werden mehr und mehr die Gesetzgeber ihrer eigenen Lebensform (...) Liebe wird eine Leerformel, die die Liebenden selbst zu füllen haben“. ( Beck/ Beck-Gernsheim 1990: 13 )

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Verhandlungsmoral als Folge von Individualisierung
Hochschule
Universität Leipzig  (Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V25840
ISBN (eBook)
9783638283571
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhandlungsmoral, Folge, Individualisierung
Arbeit zitieren
Julia Knauer (Autor:in), 2003, Verhandlungsmoral als Folge von Individualisierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25840

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