Psycholinguistische Studien zum Generischen Maskulinum


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Generische Maskulinum
2.1. Kritik am Generischen Maskulinum
2.2. Alternativen zum Generischen Maskulinum

3. Vier Untersuchungen zum Generischen Maskulinum
3.1. Klein
3.2. Rummler
3.3. Rothermund
3.4. Heise

4. Bilanz

5. Literatur

1. Einleitung

Die deutsche Sprache zeichnet sich aus durch eine Prädominanz männlich konnotierter Ausdrücke, ein Umstand, der erwachsen ist aus den sozialen Machtverhältnissen der Gesellschaft:

„Der Mann stellt auch im heute üblichen Sprachgebrauch die Norm und damit den Maßstab dar. Frauen bilden die Ausnahme, werden als Begleiterin des Mannes bezeichnet und oft auf einige wenige sexistische Eigenschaften reduziert.“1

Seit ca. hundert Jahren wird die Marginalisierung und die Unterrepräsentation der Frau in der Sprache von Frauenrechtlerinnen kritisiert2. Jedoch erst seit ca. dreißig Jahren, seit dem Aufkommen der feministischen Wissenschaften, insbesondere der feministischen Linguistik, erfährt dieses Problem eine mehr und mehr versachlichte – „wissenschaftliche“ - Behandlung im Hinblick auf Ursachen, Konsequenzen und Alternativen.

In dieser Arbeit konzentriere ich mich auf den sexistischen Charakter des Generischen Maskulinum. Im Mittelpunkt steht dabei die mentale Repräsentation der Geschlechter, die durch dieses grammatische Phänomen aktiviert wird. In Kapitel 2. stelle ich dieses Phänomen kurz vor, in Kapitel 2.1. gehe ich auf seine spezielle Problematik ein. In Kapitel 2.2. zeige ich Alternativen zum Generischen Maskulinum. Im 3. Kapitel bespreche ich vier empirische Untersuchungen zu dem Thema hinsichtlich ihrer Methodik sowie ihrer Ergebnisse, in Kapitel 4. ziehe ich Bilanz.

2. Das generische Maskulinum

Beim generischen Maskulinum (GM) handelt es sich um die im deutschen übliche Verwendung grammatisch maskuliner Nomina als angeblich geschlechtsneutrale Form, d.h. gleichermaßen auf Männer wie auf Frauen referierend. Vor allem bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen („Meine Schüler waren heute ausgesprochen kooperativ.“), bei generellen Typbezeichnungen (Im Plural: „Ärzte tragen viel Verantwortung.“ oder im Singular: „Geh doch mal zum Arzt“, „Wer ist der Nächste“), idiomatisierten Ausdrücken („Der Nächste bitte!“) sowie bei Relativpronomen („Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“) und Indefinitpronomen („Jeder wäre gerne reich“, „Nicht drängeln, keiner kommt zu kurz“) findet es Verwendung. Dabei ist das GM in seiner heutigen Ausprägung nicht das Resultat einer natürlichen Entwicklung, vielmehr wurde es im deutschen wie im englischen Sprachraum zur Vereinfachung der Sprache aktiv eingeführt3. Mit dem Argument ihrer Unterlegenheit und Abhängigkeit vom Mann, wurde die Frau sozusagen aus der Sprache entfernt. Bei Irmen&Köhncke findet sich folgendes Textdokument aus dem englischen Sprachraum, das diesen Schritt deutlich macht:

„Be it enacted. That in all Acts to be hereafter are made Words importing the Masculine Gender shall be deemed and taken to include Females, and the Singular to include the Plural, and the Plural to include Singular, unless the contrary as to Gender or Number is expressly provided (British Sessions Papers [1850] 338.I.5, zitiert nach Baron, 1986, S.140).“4

2.2. Kritik am Generischen Maskulinum

Wie schon Irmen&Köhncke trefflich feststellen, fällt in dem Textbeispiel auf,

„dass eine asymmetrische Lösung für die Genusinterpretation gewählt wurde, dagegen eine symmetrische für die Vereinfachung der Singular- und Pluralverwendung: Singular und Plural konnten wahlweise füreinander stehen, nicht jedoch Maskulinum und Femininum.“5

Es handelt sich bei dieser sprachreformerischen Maßnahme also weniger um die Vereinfachung der Sprache - das doppelte Referenzpotential des Maskulinum führt im Gegenteil zu Unklarheiten und Missverständnissen - als um die Manifestierung sozialer Positionen in derselben. Dass Frauen und Männer durch das GM gleichermaßen bezeichnet würden, wird – wie gesagt – seit ca. hundert Jahren von FeministInnen in Frage gestellt. Vielseitige Untersuchungen zeigen mehr und mehr, dass Frauen keineswegs die gleiche Chance haben wie Männer, durch das GM mitgemeint oder mitgedacht zu werden. Die Untersuchungen, die ich in Kapitel 3 besprechen werde, zeigen unter anderem, dass selbst wenn das Maskulinum von SprecherInnen und SchreiberInnen generisch bzw. geschlechtneutral gemeint ist, es von HörerInnen und LeserInnen geschlechtsspezifisch, nämlich männlich, verstanden wird, und dass sogar bei individueller Vorerfahrung mit überwiegend weiblichen Personen (Friseurinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen) der Gebrauch des GM männliche Konzepte aktiviert. Das heißt, die Frau wird im aktuellen Sprachgebrauch nicht nur nicht mitgenannt, sie wird auch nicht mitverstanden, sie ist somit nicht nur grammatisch, sondern auch mental nicht mitrepräsentiert, sie wird ignoriert. Diese Unsichtbarkeit in der Sprache bedeutet für Frauen und Mädchen ein Fehlen von Identifikationsmöglichkeiten, die zur Bildung eines Selbstbildes und Selbstbewusstsein wichtig wären. Diese männliche Dominanz in der Sprache hat außerdem weitreichende Folgen, da eine Interaktion zwischen Sprachgebrauch und Gesellschaftsordnung besteht. Der Sprachgebrauch spiegelt nicht einfach nur die bestehenden Zustände wider, sondern hat einen nicht zu verachtenden Einfluss auf die Denkstruktur der Gesellschaft. (s. Kapitel 3.2.) Zusammengefasst sind die Schwierigkeiten des GM also folgende:

1. Sein asymmetrischer Charakter: das Maskulinum kann für Frauen stehen, dass Femininum kann umgekehrt nicht für Männer stehen.
2. Seine Ambivalenz durch das zweifache Referenzpotential: es kann generisch, d.h. geschlechtsneutral, oder spezifisch männlich gemeint sein.
3. Der Widerspruch zwischen Gebrauch und Rezeption des GM: auch wenn es generisch gemeint ist, wird das GM häufig männlich verstanden.
4. Sein Einfluss auf die mentale Repräsentation der Geschlechter: selbst bei Vorerfahrung mit überwiegend weiblichen Personen (Friseurin, Ärztin, Lehrerin), aktiviert der Gebrauch des GM männliche Konzepte.
5. Mangelnde bzw. inadäquate Identifikationsmöglichkeiten für Frauen und Mädchen.
6. Weitreichende Konsequenzen, bedingt durch die Interaktion von Sprache und Denkstruktur der Gesellschaft.

2.3. Alternativen zum Generischen Maskulinum

Um diesem Ungleichgewicht entgegenwirken zu können, ist es zum einen wichtig, seine Ursachen und Auswirkungen genauestens zu analysieren, um auf dieser Basis geeignete Alternativformen zu entwickeln, deren Effekte auch getestet werden müssen, um eine Integration der neuen Form in die Sprache zu legitimieren und ihre Etablierung zu gewährleisten. Im Falle des GM stehen zur Zeit folgende Alternativen zur Auswahl:

1. Das „Generische Femininum“ (Pusch 1984)6

Dieser Radikalentwurf kann in Analogie zur Marxschen Revolutionsidee gedacht werden. Der Umsturz der dominierenden Gruppe durch die unterlegene soll letztendlich zum Ausgleich zwischen beiden führen. Ausserhalb feministischer Kreise wird dieser Ansatz nicht ernst genommen.

2. Die Beidnennung (Paarform/Splitting)

Beispiel: „Leserinnen und Leser“ bzw. „Leser/innen“

Die Beidnennung für die gesprochene und die geschriebene Sprache und die Schrägstrichform für die geschriebene Sprache garantieren die Sichtbarkeit der Frau in der Sprache; sie geben beiden Geschlechtern die Möglichkeit, quantitativ und qualitativ gleichwertig nebeneinander zu stehen. Sie eignet sich auch sehr gut für die Relativpronomina: „Jemand, der/die...“ bzw. „Jemand, der oder die...“. Nicht zu empfehlen ist die Klammerschreibweise („Leser(innen)“), da die Klammer eine gewisse Marginalität, Unwichtigkeit oder Weglassbarkeit impliziert.

3. Die Neutralform

Es gibt zwei Möglichkeiten neutraler Formulierungen für Substantive: Nominalisierungen wie z.B. „Studierende“ statt „Studenten“, die allerdings nur für den Plural greifen, oder neutrale Termini wie „Lehrkraft“ statt „Lehrer“, die allerdings im Singular durch weibliche oder männliche Artikel und Pronomen Ungleichheiten verursachen: „Die Lehrkraft macht ihre Sache gut.“

4. Das Binnen-I

Diese Form macht die Frau in der Sprache sichtbar, allerdings sichtbarer als den Mann, da sie der weiblichen Form sehr ähnelt: „Ärztinnen“ – „ÄrztInnen“. Sie ist außerdem wegen der Umlautung („Arzt“ – „Ärztin“ – *„ArztIn“) nur im Plural umsetzbar.

5. Das Abwechseln von Alternativformulierungen

6. Das Abwechseln von GM und Alternativformulierungen

Dieses „kreative Formulieren“ ist momentan die am häufigsten in Richtlinien vertretene Strategie, obwohl sie unter anderem die Schwierigkeit birgt, dass in Gegenwart weiblicher Formen männliche als spezifisch männlich und nicht mehr als neutral oder generisch interpretiert werden.

7.

Die Indefinitpronomen „jeder“ bzw. „keiner“

sind relativ einfach durch die parallel existierenden Formen „Alle“ bzw. „niemand“ zu ersetzen, „einer“ durch „jemand“.

Die genannten Formulierungen sind alle mehr oder weniger gut realisierbar; schwierig wird es zum Beispiel bei Komposita, die für eine Ausgeglichenheit der Geschlechter meist im Ganzen ersetzt werden müssten: „Lehrerkonferenz“ durch „Kollegiumskonferenz“ zum Beispiel, oder „Ärztekongress“ durch „Medizinischer Kongress“. Dennoch darf die Komplexität eines solchen Problems keinesfalls zur Resignation führen, sondern sollte vielmehr zu intensiver Auseinandersetzung anregen. Wie oben erklärt, kann eine solche Auseinandersetzung nur auf der Grundlage fundierten Datenmaterials fruchtbar werden. Darum möchte ich im nächsten Kapitel vier psycholinguistische Untersuchungen zum GM vorstellen und kritisch besprechen.

3. Vier Untersuchungen zum Generischen Maskulinum

Die Psycholinguistik untersucht sprachliche Strukturen mit den Methoden und Theorien der Psychologie. Dabei gab und gibt es immer wieder verschiedene Ansätze, wobei für die Untersuchungen zum GM vor allem die Grundlagen der kognitiven Psychologie, die Interaktion zwischen – in diesem Fall linguistischen – Beschreibungsebenen und kognitiven Systemen von Bedeutung sind.

[...]


1 Rummler (1995) S. 173

2 Stopes (1908), Parsons (1913); aufgeführt in Irmen&Köhncke (1996), S. 154

3 Pusch (1985), S. 263

4 Irmen&Köhncke (1996), S. 153

5 Irmen&Köhncke (1996), S. 153

6 Pusch 1984, S. 76 ff

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Psycholinguistische Studien zum Generischen Maskulinum
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar Sprache und Geschlecht
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V25902
ISBN (eBook)
9783638284028
ISBN (Buch)
9783638739658
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit entstand im Sommersemester 2003 für das Hauptseminar Sprache und Geschlecht bei Dr Wengeler an der Uni Köln. Es verschafft einen Überblick über das Problem Generisches Maskulinum, seine Geschichte, seine Bedeutung, seine Schwierigkeiten, sowie Alternativen zum GM. Es werden vier psycholinguistische Untersuchungen zum GM (Heise, Klein, Rothermund, Rummler) ausgewertet.
Schlagworte
Psycholinguistische, Studien, Generischen, Maskulinum, Hauptseminar, Sprache, Geschlecht
Arbeit zitieren
Britta Sonnenberg (Autor), 2003, Psycholinguistische Studien zum Generischen Maskulinum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25902

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