Die vorliegende Ausarbeitung beschäftigt sich mit der Frage nach der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Im Mittelpunkt der (folgenden) Ausführungen steht die gesetzliche Altersvorsorge in Deutschland. Sie erzeugt aus lebenslauftheoretischer Perspektive heraus gewisse Erwartungshaltungen an einen finanziell gesicherten Ruhestand. Die ausgezahlte Rente in der Ruhephase des Lebenslaufs spiegelt eine sozialstaatliche Leistung wieder, die als Ergebnis der bis dahin erbrachten Leistungen im Lebensverlauf der Individuen zu interpretieren ist. Mit den rentenrechtlichen Vorgaben und Zugangsvoraussetzungen wird die an den Bürger gerichtete Leistung wohlfahrtsstaatlich definiert. Die Kriterien Erwerbsarbeit und Ehe stellen den Kern eines Rentensystems dar, welches auf dem Leitbild eines männlichen Haupternährers beruht. Aus diesen sozialstaatlichen Strukturen können soziale Ungleichheiten für Frauen entstehen. Im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Wandel wird dieses System in Frage gestellt, nicht zuletzt, weil das Armutsrisiko von Frauen in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen ist.
Für eine ausführliche Beschreibung des Geschlechterverhältnisses am Beispiel der gesetzlichen Rentenversicherung, ist eine knappe Erläuterung des Terminus „Geschlecht“ erforderlich. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wird auf unterschiedlichste Art diskutiert und beschreibt in erster Linie die Geschlechterzugehörigkeit zu bestimmten Tätigkeiten im alltäglichen Leben. So kann das Verhältnis als traditionelles verstanden werden, wenn sich das männliche Geschlecht in die Rolle des Familienernährers und das weibliche in die Rolle der Hausfrau und Mutter ein-ordnen lässt oder es kann ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen den Geschlechtern vorliegen, wenn sowohl der Mann als auch die Frau an den Bereichen Familie und Arbeitsmarkt gleichermaßen partizipieren. Der Begriff enthält aber mehr als eine bloße Beschreibung beobachtbarer Verhältnisse, er verdeutlich zum einen wie eine bestimmte Gesellschaft sich über diesen Begriff verständigt hat, zum anderen werden damit die Spuren aufgedeckt, wie Geschlecht und speziell Geschlechterdifferenzen legitimiert und verbreitet wurden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DER LEBENSLAUF
2.1 Die Grundlagen der soziologischen Lebenslaufbetrachtung
2.1.1 Die lebenslauftheoretische Perspektive
2.1.2 Die wichtigsten Leitbegriffe in der Lebenslauftheorie
2.1.3 Das Lebenslaufkonzept und Geschlecht
2.2 Die Lebenslaufverflechtung und Institutionalisierung
2.2.1 Einflussfaktoren für die Lebenslaufgestaltung
2.2.2 Die Verflechtungsstruktur in der Familie
2.2.3 Der Lebenslauf als Institution
2.3 Der Wandel der Lebensverläufe und das Geschlechterverhältnis
2.4 Zusammenfassung
3 DIE LEBENSLAUFPOLITIK
3.1 Theorien des Wohlfahrtsstaats und das Geschlechterverhältnis
3.1.1 Der Wohlfahrtsstaat und seine Entwicklung
3.1.2 Die Typologie des Wohlfahrtsstaates und Geschlecht
3.1.3 Geschlechterdifferenzen im Zusammenhang kultureller und institutioneller Rahmenbedingungen
3.2 Lebenslaufpolitik und Geschlecht
3.2.1 Die problematische Beziehung zwischen Sozialpolitik und Geschlecht
3.2.2 Die Ebenen der Benachteiligung weiblicher Lebensläufe
3.2.3 Die Wirkung geschlechterdifferenter Sozialpolitik auf den weiblichen Lebenslauf
3.3 Zusammenfassung
4 DIE ALTERSSICHERUNG VON FRAUEN
4.1 Die gesetzliche Rentenversicherung Deutschlands – Ein historischer Überblick
4.2 Die Verknüpfungslogik zwischen Alterssicherungssystem und Lebenslauf
4.2.1 Erwerbstätigkeit im Zusammenhang mit der Alterssicherung
4.2.2 Ehe und Kinder im Zusammenhang mit der Alterssicherung
4.2.3 Das soziokulturelle Leitbild im Zusammenhang mit der Alterssicherung
4.2.4 Zusammenfassung
4.3 Die geschlechtsspezifische Ungleichheit in der Alterssicherung
4.3.1 Die Differenzen im Alterseinkommen im Kontext gespaltener Lebensverläufe
4.3.2 Die institutionalisierte Ungleichheit für Frauen im Rentensystem
4.3.3 Die Berücksichtigung weiblicher Lebensläufe in unterschiedlichen Alterssicherungsmodellen
4.4 Die Reform 2001 – Was hat sich für den weiblichen Lebenslauf geändert?
4.5 Die Spaltung und Verflechtung von Lebensläufen – ein Produkt deutscher Rentenpolitik
5 SCHLUSSFOLGERUNG
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen des deutschen Rentensystems auf die Alterssicherung von Frauen aus einer lebenslauftheoretischen Perspektive. Ziel ist es zu zeigen, wie wohlfahrtsstaatliche Strukturen und die Verknüpfung von Erwerbsbiografien mit familiären Lebensformen geschlechtsspezifische Ungleichheiten produzieren und stabilisieren.
- Lebenslauftheoretische Grundlagen und Institutionalisierung
- Wohlfahrtsstaatliche Politik als Lebenslaufpolitik
- Rolle von Ehe und Erwerbsarbeit im Rentensystem
- Geschlechtsspezifische Folgen sozialpolitischer Instrumente
Auszug aus dem Buch
Die Grundlagen der soziologischen Lebenslaufbetrachtung
Die Grundlage für die empirische Forschung der Soziologie bildet im wesentlichen der individuelle Lebensverlauf. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der biografischen Gestaltung des Lebenslaufs im Zusammenhang mit externen und internen Einflussfaktoren. Unter externer Verknüpfung sind Institutionen zu verstehen, die gewisse Handlungsmuster der Individuen erklären oder regulieren. Darunter sind der Staat an sich, insbesondere die Regierung, Gerichte oder kommunale Einrichtungen zu subsumieren. Auch sind rechtliche Verankerungen im System über Verfassung oder Gesetzte darunter zu fassen. Arbeitsmarktbedingungen und Reglements bestimmen ebenso gewisse gesellschaftliche Verhaltensmuster.
Über Institutionen werden daher auch kulturelle Wertvorstellungen in einer Gesellschaft für einen gewissen Zeitraum gesteuert. Die Menschen handeln bewusst oder unbewusst nach den vorgegeben Prinzipien dieser externen Faktoren, sie erfüllen zumeist deren Erwartungen und legitimieren so ihren Sinn und Zweck. Die Ordnungsfunktionen der Institutionen werden deswegen jedoch nicht immer direkt wahrgenommen, da sie über einen meist sehr langen Zeitraum Bestand haben, man wird sozusagen „damit groß“. Allein hieraus wird deutlich, dass individuelle Handlungsmuster nicht zwingend als vom Individuum gewollte Handlungen zu sehen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Fragestellung zur Gleichberechtigung im deutschen Rentensystem und Definition der zentralen Begriffe.
2 DER LEBENSLAUF: Theoretische Herleitung der Lebenslaufforschung, Institutionalisierung und die Bedeutung sozialer Verflechtungen.
3 DIE LEBENSLAUFPOLITIK: Analyse des Wohlfahrtsstaats als Akteur, der durch politische Gestaltung Lebensverläufe strukturiert und beeinflusst.
4 DIE ALTERSSICHERUNG VON FRAUEN: Untersuchung der rentenrechtlichen Auswirkungen auf den weiblichen Lebenslauf und die Wirksamkeit von Reformen.
5 SCHLUSSFOLGERUNG: Fazit über die Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Sozialpolitik zur Verbesserung der Alterssicherung von Frauen.
Schlüsselwörter
Alterssicherung, Lebenslaufpolitik, Geschlechterverhältnis, Rentenversicherung, Wohlfahrtsstaat, Frauenarmut, Erwerbsbiografie, Familienmodell, Rentensplitting, Sozialpolitik, Lebensverlauf, Erwerbsunterbrechung, Gender, Reform 2001
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das deutsche Rentensystem hinsichtlich seiner geschlechtsspezifischen Wirkung auf die Alterssicherung von Frauen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Verknüpfung von individuellen Lebensläufen mit staatlichen Institutionen, der Rolle der Familie und der politischen Steuerung durch den Wohlfahrtsstaat.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Rentensystem traditionelle Rollenbilder fördert und dadurch strukturelle Benachteiligungen für Frauen im Alter erzeugt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein lebenslauftheoretischer Ansatz genutzt, um die Verflechtung von individuellen Lebensentscheidungen und institutionellen Rahmenbedingungen zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Theorien des Wohlfahrtsstaates, den historischen Entwicklungen der Rentenversicherung und den spezifischen Auswirkungen von Reformen auf weibliche Lebensläufe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Lebenslaufpolitik, Alterssicherung, Geschlechterverhältnis, Sozialpolitik und institutionelle Verflechtung.
Welche Bedeutung hat das "Bismarck-Modell" für diese Arbeit?
Das Modell verdeutlicht den deutschen Fokus auf erwerbszentrierte soziale Sicherheit, was zu Lasten von Personen mit Erwerbsunterbrechungen, insbesondere Frauen, geht.
Wie bewertet die Autorin die Rentenreform 2001?
Die Reform wird als ambivalent eingestuft; sie bietet zwar neue Ansätze für Familienleistungen, greift aber zu kurz, um eine echte eigenständige Alterssicherung für alle Frauen zu garantieren.
- Quote paper
- Nicole Heitmeier (Author), 2003, Frauen und Alterssicherung - Eine lebenslauftheoretische Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25949