Frauen und Alterssicherung - Eine lebenslauftheoretische Perspektive


Examensarbeit, 2003

101 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Lebenslauf
2.1 Die Grundlagen der soziologischen Lebenslaufbetrachtung
2.1.1 Die lebenslauftheoretische Perspektive
2.1.2 Die wichtigsten Leitbegriffe in der Lebenslauftheorie
2.1.3 Das Lebenslaufkonzept und Geschlecht
2.2 Die Lebenslaufverflechtung und Institutionalisierung
2.2.1 Einflussfaktoren für die Lebenslaufgestaltung
2.2.2 Die Verflechtungsstruktur in der Familie
2.2.3 Der Lebenslauf als Institution
2.3 Der Wandel der Lebensverläufe und das Geschlechterverhältnis
2.4 Zusammenfassung

3 Die Lebenslaufpolitik
3.1 Theorien des Wohlfahrtsstaats und das Geschlechterverhältnis
3.1.1 Der Wohlfahrtsstaat und seine Entwicklung
3.1.2 Die Typologie des Wohlfahrtsstaates und Geschlecht
3.1.3 Geschlechterdifferenzen im Zusammenhang kultureller und institutioneller Rahmenbedingungen
3.2 Lebenslaufpolitik und Geschlecht
3.2.1 Die problematische Beziehung zwischen Sozialpolitik und Geschlecht
3.2.2 Die Ebenen der Benachteiligung weiblicher Lebensläufe
3.2.3 Die Wirkung geschlechterdifferenter Sozialpolitik auf den weiblichen Lebenslauf
3.3 Zusammenfassung

4 Die Alterssicherung von Frauen
4.1 Die gesetzliche Rentenversicherung Deutschlands – Ein historischer Überblick
4.2 Die Verknüpfungslogik zwischen Alterssicherungssystem und Lebenslauf
4.2.1 Erwerbstätigkeit im Zusammenhang mit der Alterssicherung
4.2.2 Ehe und Kinder im Zusammenhang mit der Alterssicherung
4.2.3 Das soziokulturelle Leitbild im Zusammenhang mit der Alterssicherung
4.2.4 Zusammenfassung
4.3 Die geschlechtsspezifische Ungleichheit in der Alterssicherung
4.3.1 Die Differenzen im Alterseinkommen im Kontext gespaltener Lebensverläufe
4.3.2 Die institutionalisierte Ungleichheit für Frauen im Rentensystem
4.3.3 Die Berücksichtigung weiblicher Lebensläufe in unterschiedlichen Alterssicherungsmodellen
4.4 Die Reform 2001 – Was hat sich für den weiblichen Lebenslauf geändert?
4.5 Die Spaltung und Verflechtung von Lebensläufen – ein Produkt deutscher Rentenpolitik

5 Schlussfolgerung

6 Abbildungsverzeichnis

7 Literaturverzeichnis

8 Versicherung

1 Einleitung

Die vorliegende Ausarbeitung beschäftigt sich mit der Frage nach der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Im Mittelpunkt der (folgenden) Ausführungen steht die gesetzliche Altersvorsorge in Deutschland. Sie erzeugt aus lebenslauftheoretischer Perspektive heraus gewisse Erwartungshaltungen an einen finanziell gesicherten Ruhestand. Die ausgezahlte Rente in der Ruhephase des Lebenslaufs spiegelt eine sozialstaatliche Leistung wieder, die als Ergebnis der bis dahin erbrachten Leistungen im Lebensverlauf der Individuen zu interpretieren ist. Mit den rentenrechtlichen Vorgaben und Zugangsvoraussetzungen wird die an den Bürger gerichtete Leistung wohlfahrtsstaatlich definiert. Die Kriterien Erwerbsarbeit und Ehe stellen den Kern eines Rentensystems dar, welches auf dem Leitbild eines männlichen Haupternährers beruht. Aus diesen sozialstaatlichen Strukturen können soziale Ungleichheiten für Frauen entstehen. Im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Wandel wird dieses System in Frage gestellt, nicht zuletzt, weil das Armutsrisiko von Frauen in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen ist.

Für eine ausführliche Beschreibung des Geschlechterverhältnisses am Beispiel der gesetzlichen Rentenversicherung, ist eine knappe Erläuterung des Terminus „Geschlecht“ erforderlich. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wird auf unterschiedlichste Art diskutiert und beschreibt in erster Linie die Geschlechterzugehörigkeit zu bestimmten Tätigkeiten im alltäglichen Leben. So kann das Verhältnis als traditionelles verstanden werden, wenn sich das männliche Geschlecht in die Rolle des Familienernährers und das weibliche in die Rolle der Hausfrau und Mutter einordnen lässt oder es kann ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen den Geschlechtern vorliegen, wenn sowohl der Mann als auch die Frau an den Bereichen Familie und Arbeitsmarkt gleichermaßen partizipieren. Der Begriff enthält aber mehr als eine bloße Beschreibung beobachtbarer Verhältnisse, er verdeutlich zum einen wie eine bestimmte Gesellschaft sich über diesen Begriff verständigt hat, zum anderen werden damit die Spuren aufgedeckt, wie Geschlecht und speziell Geschlechterdifferenzen legitimiert und verbreitet wurden. Stellt sich die Frage nach der Konstruktion des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern. Beispielsweise erfolgte die spezifische Aufgabenverteilung im traditionellen Verhältnis auf der Grundlage der jeweiligen differenzierenden biologischen Voraussetzungen. Die Frau wird dann auf die Rolle der Mutter verwiesen aufgrund ihrer Fähigkeit Kinder zu gebären und Muttermilch zu produzieren und der Mann auf die Rolle des erwerbstätigen Ehemannes, weil er die entsprechende Muskelkraft besitzt. Dieses differenzierte Bild zwischen den Geschlechtern im traditionellen Verhältnis, das auf biologische Vorrausetzungen beruht (sex) ist gleich zusetzten mit dem sozialen Geschlecht (Gender).[1] Die sozialpolitische Zuweisung des männlichen Geschlechts in den Bereich der Erwerbsarbeit und die weibliche Zuständigkeit für Familie und Kinder bezieht sich auf diese soziale Ebene.[2] Mit „Gender“ werden daher soziokulturelle und politische Attribute definiert. Der Bedeutungsgehalt des Begriffs hat sich im historischen Verlauf verändert. Beispielsweise wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das „Geschlecht“ zum Ordnungsbegriff der Gesellschaft, es diente als Kriterium zur Vergabe politischer Rechte und Teilhabechancen.[3] Frauen waren in dieser Zeit von diesen Rechten ausgeschlossen und gleichwohl zunehmender Teilhabechancen von Frauen in Politik und im Bereich des Arbeitsmarktes in den vergangenen Jahrzehnten deutscher Geschichte, ist eine Diskussion um Gleichberechtigung der Geschlechter bis zum heutigen Tage noch nicht abgeschlossen. Bei näherer Betrachtung wohlfahrtsstaatlicher Politiken (im Verlauf weiterer Erörterungen am Beispiel der gesetzlichen Rentenversicherung), scheint der Staat zumindest im Detail an dem Grundsatz festzuhalten: „Dem Manne der Staat, der Frau die Familie.“[4]

Ist Geschlecht in das Ordnungssystem eines Wohlfahrtsstaates eingebunden und werden dadurch ungleiche Chancen und Risiken sozialpolitisch verteilt, stellt sich überdies die Frage nach der Legitimationskraft eines staatlichen Systems, welches soziale Ungleichheit produziert. Der Frage nach Ungleichheiten für Frauen soll vorliegend nachgegangen werden, insbesondere aus lebenslauftheoretischer Perspektive. Das bedeutet, dass es hier im speziellen um die ungleichen Alterseinkommen geht, die im Zusammenhang mit unterschiedlichen Lebensverläufen zwischen den Geschlechtern zu analysieren sind. Wenn die individuellen Einkommen im Alter zwischen den Geschlechtern differenzieren, das heißt, diese ungleich verteilt werden, stellt sich also die Frage nach den Ursachen dafür. Welche Kriterien bestimmen die Höhe der Alterssicherung, welche Lebenslaufphase spielt dabei eine bedeutende Rolle, welche Chancen haben Individuen ihre Rentenhöhe zu beeinflussen und, vor allem, welche Chancen haben Frauen, eine lebensstandardsichernde Ruhephase im Alter zu erreichen. Dies sind nur einige Fragen, die im Laufe der Arbeit beantwortet werden sollen. Gesamt deuten sie auf eine Produktion von ungleichen Chancen sozialer Sicherheit seitens des Staates hin. Anhand der Steuerungsmechanismen der gesetzlichen Rentenversicherung in der Bundesrepublik Deutschland wird gezeigt, in welchem Maße und mit welchen Instrumenten Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern politisch verstärkt, stabilisiert oder gemindert werden. Es geht hierbei also nicht um eine klassische Schichtungsanalyse, die auf den Beruf als Schlüsselposition individueller Merkmale verweist und vertikale Mobilität, das heißt, Aufstiegsmöglichkeiten nicht ausschließt.[5] Im Vordergrund dieser Ausführungen steht der Lebenslauf und seine Politik. Welche Lebenslaufstrukturen implizieren Sicherheit im Alter, welche Verbundsstrukturen zwischen Lebensläufen maximieren zukünftige Lebensverlaufchancen, welche Interdependenzen zwischen Lebensläufen entfalten Risiken und welche wiederum Chancen für den individuellen Lebensverlauf? Welche institutionalisierten Verknüpfungen zwischen Lebensverlauf und externen Rahmenbedingungen existieren? Da eine Vielfalt möglicher Lebensführungen denkbar und in der „Modernen“ auch nicht mehr realitätsfremd sind, werden sie beispielhaft im Laufe der Arbeit erwähnt und im Vergleich zueinander gestellt. Im Fokus der Ausführungen steht jedoch die Familie als Lebensform, die eine Verbindung unterschiedlicher individueller Lebensverläufe darstellt, wobei sich diese gegenseitig beeinflussen und auf mehreren Ebenen mit den Institutionen des Staates oder des Arbeitsmarktes verknüpft sind.

Die Familie als Verbundsystem steht für die Beantwortung der genannten Fragen, sie dokumentiert zentral ein Geschlechterverhältnis, welches Frauen in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt. Spürbar werden Probleme in der Lebenslaufverflechtung weiblicher und männlicher Lebensläufe meistens erst, wenn ein gemeinsames Kind geboren wird. Die Verantwortung für das Kind obliegt beiden Elternteilen, das heißt die benötigte Pflege und Betreuung des Kindes bedarf einer Lösung. Da nicht der deutsche Sozialstaat diese Aufgabe übernimmt und mögliche Alternativen anbietet (wie Kinderbetreuungsinstitutionen oder Kindergärten am Arbeitsmarkt e.t.c.), organisieren und planen die beteiligten Personen das zukünftig gedachte gemeinsame Familienleben. In der heutigen Zeit, in der Frauen ebenso an beruflicher Karriere interessiert sein können wie Männer, in der die wirtschaftliche Situation die Chance auf einen Arbeitsplatz eher versagt als zusagt und in denen Familien mit vielen Kindern mit einem alleinigen Verdiener ihren Lebensstandard kaum mehr sichern können und der Doppelverdienerhaushalt zur „Normalität“ wird, erscheinen die Konflikte, die mit Familie einhergehen können, vorprogrammiert. Wer geht arbeiten und wer bleibt zuhause, wer arbeitet Vollzeit und wer Teilzeit, wer macht den Haushalt und betreut die Kinder und so weiter. Häufig führen diese Konflikte zur Ehescheidung. Eine in Bonn angelegte Familienstudie hat herausgestellt, dass sich mit der „erzwungenen“ Rollenverteilung innerhalb einer Familie viele Frauen heutzutage benachteiligt fühlen.[6] Warum die Rollenverteilung erzwungen ist und welche Rollenverteilung gemeint ist, soll in dieser Arbeit gezeigt werden.

Ich werde im einzelnen folgendermaßen vorgehen:

Im 2.Kapitel werden zunächst die Grundlagen der soziologischen Lebenslaufbetrachtung dargestellt. Die lebenslauftheoretische Perspektive verdeutlicht, dass sich die Strukturen des Lebenslaufs als Handlungsergebnis der Menschen interpretieren lassen und dass Handlungen beeinflusst werden von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Zusammenhang zwischen individuellem Lebensverlauf und externen Einflussfaktoren wird verdeutlicht und fokussiert den Ansatz der Verflechtung und Institutionalisierung von Lebensläufen. Mit dem Verflechtungsbeispiel der Familie als Verbundsystem und der Verknüpfung mit institutionalisierten Vorgaben des Staates oder des Arbeitsmarktes werden, in bezug auf gesellschaftlichen Wandel, geschlechtsspezifische Muster der Teilhabechancen an den Bereichen Familie und Arbeitsmarkt aufgezeigt.

Diese Partizipationschancen sind über das Arrangement des Wohlfahrtsstaates abzuleiten, in diesem Sinne ist die Politik des Staates eine Lebenslaufpolitik und im Ländervergleich zu differenzieren. Das Kapitel 3 fokussiert, im Gegensatz zu Kapitel 2, diese Politik. Statt aus der Perspektive des Lebenslaufs wird dann die Perspektive der Politik zum zentralen Bezugspunkt. Um ein Verständnis staatlicher Interventionen für die Bürgerwohlfahrt eines Landes zu erzielen, erscheint es sinnvoll einige Theorien des Wohlfahrtsstaates zu erläutern. Die Theorien nehmen indes keinen Bezug zum Geschlechterverhältnis, sondern stellen die Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Intervention und die Zielvorstellungen in den Vordergrund. Eine Unterscheidung unterschiedlicher Wohlfahrtsregime erfolgt über die Dimension des Zusammenspiels zwischen Staat, Markt und Familie, das heißt, die unterschiedlichen Wohlfahrtstypen verdeutlichen eine differenzierte Verantwortung für die Belange der Bürger. Anhand der Kriterien Dekommodifizierung und Stratifizierung[7] wird eine Typologie der Wohlfahrtsstaaten gekennzeichnet. Um ein Geschlechterverhältnis in den Wohlfahrtsregimen zu unterscheiden sind aber andere Kriterien erforderlich. Im Zentrum steht dabei die Unterscheidung in einer wohlfahrtsstaatlichen Politik, die auf einem schwachen, moderaten oder starken Modell einer männlichen Versorgerehe beruht. Das heisst ob die Politik darauf ausgerichtet ist ein traditionelles Verhältnis zwischen den Geschlechtern mit einer starken (moderaten oder schwachen) finanziellen Abhängigkeit der Frau zum Ehemann zu fördern. Die Bedeutung soziokultureller Faktoren für eine Beschreibung des Geschlechterverhältnisses ist Kern dieser Überlegung und typisiert die Länder neu. Diese eher theoretische Darstellung der Wohlfahrtsstaaten wird in Kapitel 3.2 hinsichtlich der Effekte wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen für den weiblichen Lebenslauf untersucht. Im Zentrum steht dabei der deutsche Wohlfahrtsstaat. Es zeigt sich, dass die Erwerbszentriertheit als tragende Säule für sozialstaatliche Lebensstandardsicherheit zu Risiken im weiblichen Lebensverlauf führt. Politik des Wohlfahrtsstaates als Lebenslaufpolitik produziert daher Ungleichheiten für Frauen.

Das 4. Kapitel beschreibt diese Ungleichheiten am Beispiel der Alterssicherung von Frauen. Anhand der rentenpolitischen Maßnahmen wird gezeigt, dass Erwerbstätigkeit und Ehe als Hauptkriterien sozialer Sicherheit im Alter zu verorten sind, die im Kontext des gesellschaftlichen Wandels als ein System, welches auf traditionelle Leitbilder beruht, in Frage zu stellen ist.

Die These dieser Ausarbeitung lautet, dass geschlechterdifferente Verflechtungen von Lebensläufen als Produkt wohlfahrtsstaatlicher Politiken entstehen. Somit produziert ein Wohlfahrtsstaat, der auf einem männlichen Haupternährermodell beruht, zum einen gespaltene Lebensläufe und zum anderen verflochtene Lebensläufe. Am Beispiel deutscher Rentenpolitik zeigt sich, dass über Instrumente der Hinterbliebenrente oder Anrechnung der Kindererziehungszeiten Frauen als Hausfrau und Mutter definiert werden, dass ihre Nichtbeteiligung am Arbeitsmarkt zu Rentenminderungen führt und Ehe als Kriterium sozialer Sicherheit impliziert wird. Eine sozialstaatlich geförderte eheliche Lebenslaufverflechtung spaltet die Lebensläufe in typisch männliche und typisch weibliche Lebensläufe.

2 Der Lebenslauf

Eine Darstellung der wichtigsten Ereignisse eines Lebens wie der Zeitpunkt der Geburt eines Kindes, der Schul- und Ausbildungsphasen, der Eheschließung, Zeiten der Erwerbstätigkeit oder der Arbeitslosigkeit markieren bestimmte Abschnitte im Leben eines Menschen. Diese Lebensbeschreibung kann unterschiedlichen Zwecken dienen, beispielsweise für eine Bewerbung um einen Arbeitsplatz oder sie wird aufgrund öffentlichen Interesses einer breiten Masse zugänglich gemacht, damit diese sich ein Bild der Person machen kann. Im zweiten Fall handelt es sich in erster Linie um allgemein bekannte Personen wie Politiker, Autoren oder Schauspieler. Die angegebenen Daten sind zumeist zweckmäßig gefiltert und chronologisch datiert. Diese biografische Anordnung der für jeden Menschen persönlich wichtigsten Stationen im Leben kennzeichnet die Forschung zur Biografie, nicht aber die zum Lebenslauf. Zu unterscheiden sind die beiden Forschungsgebiete grundsätzlich dadurch, dass die Biografie eine subjektive Deutung des Lebenslaufs darstellt, die Lebenslaufforschung hingegen stellt den Lebenslauf als soziale Struktur in den Mittelpunkt und befasst sich so weniger mit ihrer persönlich empfundenen Konstruktion.[8] Das bedeutet für die Lebenslaufforschung, dass die Stationen im Leben des Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit den Einflussfaktoren, die den Lebenslauf prägen, analysiert werden. Für diese relativ junge Disziplin in der Soziologie steht daher gesellschaftlicher Wandel im Vordergrund und dessen Auswirkungen auf der Individualebene.[9] Die Forschungsrichtungen sind vielfältig und setzen unterschiedliche Akzente. Zum Beispiel werden bestimmte Ereignisse im Leben des Menschen und deren Wirkung für den Lebenslauf untersucht. Beispielsweise eine eingetretene Arbeitslosigkeit im Lebensverlauf oder eine benötigte Hilfe zum Lebensunterhalt über staatliche Mittel wie Sozialhilfe. Es stellt sich die Frage, welche Effekte für den weiteren Lebensverlauf der Individuen daraus resultieren. Ebenso können soziale Phänomene in Abhängigkeit historischer Ereignisse untersucht werden, wie beispielsweise die Benachteiligung einer Kohorte aufgrund von Konjunkturkrisen oder Kriege. Weiterer Untersuchungsgegenstand ist das Verhältnisses von wohlfahrtsstaatlichen Politiken und subjektivem Handeln. Beispielsweise werden anhand der sozialen Sicherungssysteme die Bedeutungen institutioneller Arrangements für den Lebenslauf analysiert. Nicht zuletzt werden unter anderem die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern oder Generationen in der Forschung zum Lebenslauf fokussiert.[10] Trotz der unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte, steht indes im Zentrum die Beschreibung des Lebenslaufs als Produkt institutioneller und individueller Arrangements im Kontext des gesellschaftlichen Wandels. Befassen wir uns mit den Folgen des sozialen Wandels in westlichen Industrienationen, so begegnet uns immer wieder das Schlagwort: „Individualisierung“. Der Prozess der Individualisierung, der mit der Aufhebung ständisch geprägter sozialer Klassen einherging, führte zu neuen Vergesellschaftungsformen, die in ihrer Konsequenz die Lebenslagen und Lebensverläufe der Individuen verändert haben. Es stellt sich also die Frage, ob dieser gesellschaftliche Wandel die Individuen nicht nur aus den ständischen Bindungen freisetzt, sondern auch aus dem familiären Bezugsrahmen und, folglich, ob so eine den Erfordernissen des Arbeitsmarktes angepasste „vollmobile Single-Gesellschaft“ entsteht.[11] In diesem Sinne wäre eine Auflösung der Familienstruktur die Konsequenz und der individuelle Lebensverlauf würde sich in Abhängigkeit der Institutionen Markt und Staat gestalten. Lebensverläufe in bezug zu Individualisierungstheorien zu betrachten stellt den „main-Stream-Ansatz“[12] in der soziologischen Forschung. Allerdings unterliegt dem männlichen und weiblichen Lebenslauf eine verflochtene Struktur, die auch unter zunehmender Individualisierung nicht von der Hand zu weisen ist.

An diesen einleitenden Bemerkungen zur Theorie des Lebenslaufs wird die Reichweite der Untersuchungsobjekte deutlich. Die Fragen, was hat sich wie und wann in der Gesellschaft verändert, welche sozialen Phänomene sind über diese Veränderungen zu erklären, welche Personen sind davon betroffen und welche Chancen und Risiken ergeben sich, resultieren wiederum daraus. Lebensalter, Geschlechter- oder Generationenverhältnis können als eigene Strukturdimension aufgefasst und analysiert werden.

Es geht in diesem Kapitel zunächst um eine allgemeine Beschreibung der Grundlagen einer soziologischen Betrachtung von Lebensläufen. Sie soll dokumentieren, wie das Individuum sein Leben ordnet, plant und welche Vorstellungen über den Verlauf eines Lebens gesellschaftlich verankert sind. Die lebenslauftheoretische Perspektive und die Leitbegriffe der Lebenslaufforschung bieten einen Einstieg in die Thematik und werden spezifisch angewandt in Bezug zum Geschlechterverhältnis.

Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen die Vernetzungen unterschiedlicher individueller Lebensverläufe und deren Standardisierung, die Darstellung spezifiziert die vorangegangenen Überlegungen. Die Verflechtung unterschiedlicher sozial vorstrukturierter Lebensläufe zu einem Verbund ist bedeutend. Anhand eines ehelichen Verbundsystems lassen sich beispielsweise Geschlechtsspezifiken gut beschreiben. Im Mittelpunkt steht dabei das Verhältnis zwischen institutionellen Mechanismen, die den Lebenslauf zeitlich und sozial regulieren und den innerhalb der Familie ausgehandelten und daraus ableitbaren Arrangements. Es zeigt sich, dass, bezogen auf die Teilhabe an Institutionen wie Arbeitsmarkt oder Familie, Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu beobachten sind. Daraus ergeben sich unterschiedliche Chancen und Risiken im Lebensverlauf, diese sind wie der Lebenslauf selbst institutionalisiert.

2.1 Die Grundlagen der soziologischen Lebenslaufbetrachtung

2.1.1 Die lebenslauftheoretische Perspektive

Die Grundlage für die empirische Forschung der Soziologie bildet im wesentlichen der individuelle Lebensverlauf. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der biografischen Gestaltung des Lebenslaufs im Zusammenhang mit externen und internen Einflussfaktoren. Unter externer Verknüpfung sind Institutionen zu verstehen, die gewisse Handlungsmuster der Individuen erklären oder regulieren. Darunter sind der Staat an sich, insbesondere die Regierung, Gerichte oder kommunale Einrichtungen zu subsumieren. Auch sind rechtliche Verankerungen im System über Verfassung oder Gesetzte darunter zu fassen. Arbeitsmarktbedingungen und Reglements bestimmen ebenso gewisse gesellschaftliche Verhaltensmuster. Über Institutionen werden daher auch kulturelle Wertvorstellungen in einer Gesellschaft für einen gewissen Zeitraum gesteuert. Die Menschen handeln bewusst oder unbewusst nach den vorgegeben Prinzipien dieser externen Faktoren, sie erfüllen zumeist deren Erwartungen und legitimieren so ihren Sinn und Zweck. Die Ordnungsfunktionen der Institutionen werden deswegen jedoch nicht immer direkt wahrgenommen, da sie über einen meist sehr langen Zeitraum Bestand haben, man wird sozusagen „damit groß“. Allein hieraus wird deutlich, dass individuelle Handlungsmuster nicht zwingend als vom Individuum gewollte Handlungen zu sehen sind. Eine weitere relevante Lebenslaufvernetzung ist die mit den Lebensbiografien anderer Menschen, zum Beispiel der männliche Lebenslauf mit dem weiblichen oder der junge mit dem alten Lebenslauf.[13] Die Verflechtung zwischen Lebensläufen ist eine Verbindung zwischen den Geschlechtern und Generationen. Innerhalb einer Familie werden die Interdependenzen zwischen Lebensläufen bedeutend. Gerade dort fügen sich meist langfristige Bindungen zusammen, die von einer Partnerschaft über Kinder und Großeltern zu einer Großfamilie anwachsen kann. Innerhalb der Familie verknüpfen sich unterschiedliche individuelle Lebensverläufe, sie arrangieren, ordnen und gestalten ihr Leben in gegenseitiger Abhängigkeit. Gerade die Geburt eines Kindes, das in den ersten Jahren umsorgt werden muss und die Hilfe anderer Menschen benötigt, bedeutet meist eine enorme Umstellung für die Eltern. Mit einem Kind werden daher Verflechtungsmuster stärker, das heißt, dass die Planung und Gestaltung des gemeinsamen Familienlebens eine zusätzliche Kompromissbereitschaft der beteiligten Personen erfordert. Automatisch stellen sich Fragen der Organisation, wer geht von nun an arbeiten und sorgt finanziell für den Lebensunterhalt, wer umsorgt das Kind, können beide Partner arbeiten gehen oder nicht. Dies alles erfordert Kompromissbereitschaft bei der Planung des gemeinsamen Lebens der beteiligten Personen. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass eine Zunahme alternativer Lebensmodelle im Vergleich zum traditionellen Familienmodell zu verzeichnen ist, beispielsweise hat sich die Quote der in Teilzeit arbeitenden Frauen erhöht. Die Beobachtungen dokumentieren, dass vermehrt Frauen gleichzeitig an den Bereichen Erwerbsarbeit und Familie partizipieren. Diese Lebensmodelle ermöglichen daher eine Kopplung von Familie und Beruf für die Frau, aber die finanzielle Abhängigkeit zum Mann, als kontinuierlicher Erwerbstätiger und Haupternährer der Familie, wird dadurch im wesentlichen nicht gemindert. Denn nur wer kontinuierlich erwerbstätig ist, durchschnittlichen „Männerlohn“ verdient und etwa 45 Jahre Vollzeit arbeitet, ist im Alter, im Krankheitsfall oder im Rahmen von Arbeitslosigkeit sozialstaatlich abgesichert.

Zurück zur lebenslauftheoretischen Perspektive. Die Ausführungen haben verdeutlicht, dass sich Lebensverläufe mehrdimensional entwickeln. Sie sind verbunden mit Institutionen wie Arbeitsmarkt oder Staat und verflochten mit den Lebensverläufen anderer Menschen. Die verknüpften Bereiche sind aufeinanderbezogen wie Arbeitsmarkt und Staat oder Arbeitsmarkt und Familie.[14] In der Forschung zum Lebenslauf werden die sozialen Prozesse innerhalb dieser Bereiche untersucht und in den institutionellen Kontext und Wandel eingeordnet.

Für eine explizite Beschreibung der Verflechtungsmuster innerhalb der Familie ist es wichtig einige Grundbegriffe in der Forschung zum Lebenslauf zu erörtern.

2.1.2 Die wichtigsten Leitbegriffe in der Lebenslauftheorie

Es hat sich zunächst gezeigt, dass die Lebenslaufforschung die Strukturierung des Lebenslaufs im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Wandel analysiert. Sie ist aus diesem Grund als dynamische Perspektive zu definieren.[15] Ereignisse auf der Makroebene der Gesellschaft haben Einfluss auf der Individualebene. Der Lebenslauf steht daher in direkter Verbindung zu diesen Ereignissen. Die Prägung von externen Faktoren hängt von der jeweiligen Position des Individuums ab. Das bedeutet, der Lebenslauf eines Individuums durchläuft von der Geburt an bis zum Tod verschiedene Stationen, die logisch aufeinanderfolgen. Beispielsweise folgt nach der Kindheitsphase die Jugendphase und nach dieser tritt die Erwachsenenphase ein. Die Lebenslaufphasen sind über das Lebensalter abzugrenzen und bauen aufeinander auf. Niemand beispielsweise wird als Arzt geboren, sondern er hat eine vorgelagerte Lebensverlaufsgeschichte, die diese berufliche Stellung erst ermöglicht. In diesem Fall ist das eine entsprechende Ausbildungsphase. Die jeweilige Position im Lebenslauf ist dabei abhängig von einer früheren. Die innerhalb einer Position eröffneten Handlungschancen sind dann Ergebnis der davor liegenden Optionen.[16] Die Positionierung ist indes nicht alleine abhängig von persönlicher Willensstärke oder Motivation des Individuums. Es sind oftmals die externen Bedingungen, die es ermöglichen oder verhindern persönlich gesetzten Ziele im Lebenslauf zu erreichen oder eben nicht. Ebenso relevant ist, dass diese Rahmenbedingungen nicht für jedes Individuum gleich bedeutend sind, dass bestimmte externe Faktoren auf bestimmte individuelle Lebensverläufe Einfluss haben. Beide Aspekte können an dem folgenden Beispiel verdeutlicht werden: Wenn ein neues Angebot an Ganztagsbetreuung für Kinder staatlich initiiert wird, ist diese staatliche Regelung nicht gleichbedeutend mit der Prägung aller Lebensläufe. Sie sind eher unbedeutend für alleinstehende ältere Personen und jedoch bedeutend für alleinerziehende Mütter. Für diesen Personenkreis beispielsweise können sich über die Möglichkeit der Ganztagsbetreuung Chancen auf dem Arbeitsmarkt ergeben. Der Lebensverlauf würde sich entsprechend verändern. Die veränderte Lebensführung ist charakterestisch für den Übergang in eine neue Sequenz des Lebenslaufs. Der Begriff Sequenz umfasst in der Forschung zum Lebenslauf mindestens zwei Übergänge.[17] Eine Sequenz wäre in diesem Kontext beispielsweise der Übergang von der Schulphase in die Ausbildungsphase und von dieser in die Berufsphase. Unter anderem können Übergänge im Leben einer Frau die von einer ledigen Frau zu einer verheirateten oder von einer verheirateten zu einer geschiedenen Frau sein. Sie verändert durch diesen Übergang. ihre Position im Lebenslauf. Nimmt man erwähntes Beispiel, so wird über die durch den Staat gegebene Möglichkeit zur Ganztagsbetreuung der Kinder eventuell ein Übergang im Leben der Frau eingeleitet, der sie von einer nichterwerbstätigen Mutter zur erwerbstätigen Mutter macht. Weitere als institutionelle Übergänge bezeichnete Lebensverlaufsänderungen sind überdies der Übergang vom Kindergartenkind zum Schulkind oder vom Erwerbstätigen zum Rentner. Martin Kohli bezeichnet diese Übergänge in Verbindung mit institutionell geregelten Altersgrenzen als Phasenübergänge. Die Betrachtung des Lebenslaufs in Bezug zu staatlichen Arrangements oder Bedingungen des Arbeitsmarktes führen zu der Theorie der Standardisierung und Institutionalisierung des Lebenslaufs (siehe dazu auch Kapitel 2.2.3). Der Begriff Lebenslauf ist als übergeordnet zu verstehen.

Der „[...] Lebensverlauf kennzeichnet [...] die sozialstrukturelle Einbettung von Individuen im Verlauf ihrer gesamten Lebensgeschichte [...].“[18] Für die Soziologie ist das Muster von Lebensverläufen von Interesse. Fragen in der Forschung zum Lebensverlauf sind die nach Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Lebensverläufen. Oder es wird nach Ursachen gefragt, die in der vergangenen Lebensverlaufsgeschichte zu finden sind und für gewisse soziale Phänomene verantwortlich.[19] Die quantitative Forschung zum Lebenslauf, d.h. die empirischen Lebensläufe beschreiben die Lebensverläufe. Zum Beispiel wird der Übergang von der Schulzeit in die Ausbildungszeit im Lebenslauf untersucht. Es wird nach den Ursachen gefragt, die vor allem die schlechteren Chancen auf einen Ausbildungsplatz einer gewissen Geburtskohorte erklären können. Mehrere Faktoren, die Einfluss auf den Lebensverlauf haben, sind denkbar. Wirtschaftliche und politische Situation sind dabei ebenso relevant wie die Analyse des Lebensverlaufs der betroffenen Kohorte selber. Das heißt, es wird nach Merkmalen gesucht, die diese Kohorte im Lebenslauf nachhaltig geprägt haben. Die Personen der Kohorte zeichnen sich vielleicht durch einen starken Geburtenjahrgang aus und wurden vielleicht in Zeiten wirtschaftlichen Wohlstandes geboren. Beim Übergang in die Ausbildungsphase treffen daher viele Nachfrager auf ein wirtschaftlich bedingt schwaches Angebot an Ausbildungsplätzen.

Neben dem Verlaufsbegriff wird des weiteren oft von Wendepunkten im Lebenslauf gesprochen. Aufgrund bestimmter Übergänge können Lebensläufe entscheidend geprägt werden, das heißt, die Einflussfaktoren sind für einen Richtungswechsel im Leben des Menschen verantwortlich. Wendepunkte können zum Beispiel Übergänge wie etwa den von einer Partnerschaft zur Ehe, von der Ehe zur Scheidung oder von einer Scheidung zur Wiederheirat spezifizieren.[20]

2.1.3 Das Lebenslaufkonzept und Geschlecht

Für eine Analyse der Geschlechtsspezifik in der Lebenslaufkonzeption ist zunächst darauf hinzuweisen, dass sich über gesellschaftliche Veränderungen auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ändern kann. Der Lebensverlauf einer Frau ändert sich, wenn ihre Arbeitskraft auf dem öffentlichen Sektor nachgefragt wird oder wenn zusätzliche staatliche oder kirchliche Kinderbetreuungsinstitutionen eingerichtet werden. Diese Ereignisse führen eventuell zu einer sozialstaatlich abgesicherten beruflichen Stellung der Frau. Ebenso können Übergänge im Lebensverlauf mit Risiken einher gehen, wenn beispielsweise bedingt durch eine Ehescheidung ein Rückzug aus dem Arbeitsleben erfolgt, um für die Kinder sorgen zu können. Damit können aber auch finanzielle Probleme folgen, die zum Armutsrisiko führen. Ökonomische, infrastrukturelle, soziokulturelle oder politische Situation eines Systems haben daher Einfluss auf das Geschlechterverhältnis. Politische Entscheidungen können auf der einen Seite ein bestehendes geschlechterdifferentes Merkmal beseitigen oder mindern und es auf der anderen Seite legitimieren und produzieren.

Unterschiede im Lebensverlauf zwischen den Geschlechtern sind in mehrere Hinsicht zu beobachten. So ist die Erwerbsbiografie der Geschlechter insofern zu unterscheiden, als dass beispielsweise Frauen überwiegen teilzeiterwerbstätig sind und Männer vermehrt in Vollzeit arbeiten. Mütter nehmen eher Erziehungsurlaub als Väter, obwohl die Inanspruchnahme der Kindererziehungszeit für beide zugänglich ist und es sind eher Frauen, die in geringqualifizierenden Berufen tätig sind als Männer. Die Beispiele zeigen, dass weibliche Lebensläufe andere Charakteristika aufweisen als männliche Lebensläufe. Obwohl sich die Lebensbiografien beider Geschlechter gegenwärtig annähern, das heißt, dass eine vollzeitige Erwerbstätigkeit, die in der Vormodernen ausschließlich den Männern vorbehalten war, für Frauen in der modernen Industriegesellschaft nicht mehr auszuschließen ist oder Männer heutzutage durchaus auch als sogenannte „Hausmänner“ zu beobachten sind, weisen ihre Lebensverläufe in der Regel auch heutzutage noch differente Merkmale auf.

Entscheidend für eine Lebenslaufkonzeption, welche die Kategorien Geschlecht und Geschlechterdifferenz mit einbezieht, ist daher die Unterscheidung in grundsätzlich unterschiedliche soziale Strukturen des Lebenslaufs. Die männliche Struktur des Lebenslaufs weist andere Merkmale auf als die der Frauen. Ehe und Familie haben einen anderen Einfluss auf den weiblichen Lebensverlauf als auf den der Männer.

2.2 Die Lebenslaufverflechtung und Institutionalisierung

2.2.1 Einflussfaktoren für die Lebenslaufgestaltung

Mit diesem Kapitel sollen nun die einleitenden Ausführungen über den Gegenstand der Lebenslaufforschungen vertieft werden. Der Lebenslauf eines Menschen ist mit dem eines anderen verbunden. Die Familie ist ein Beispiel dieser Verflechtung. Sie ist aber keinesfalls die einzige. Verflechtungen entstehen überall, wo Individuen miteinander agieren, zum Beispiel zwischen Arbeitskollegen, Studenten, Kindern in einer Kindergartengruppe oder Familienmitgliedern. Die Art und Weise wie sich Lebensläufe miteinander verbinden oder welche Wirkung verflochtene Lebensläufe auf die partizipierenden individuellen Lebensverläufe haben ist nicht zu verallgemeinern. Die Verflechtung von Lebensläufen dient aber als übergreifende Struktur zur Beschreibung von vorherrschenden Geschlechterverhältnissen in einem bestimmten Wohlfahrtsregime. Die Verflechtung wird im Zusammenhang mit den politischen, ökonomischen und kulturelle Einflussfaktoren analysiert, da diese den Lebenslauf prägen. Der Lebenslauf und die Lebenslaufverflechtung ist eingebettet in ein System, welches über Gesetze und Regeln bestimmte normative Leitbilder innerhalb der Gesellschaft stabilisiert und produziert. Welche das sind, wie sie im Ländervergleich zu unterscheiden sind und welche Wirkungen sie für den individuellen Lebensverlauf haben wird im weiteren Verlauf thematisiert.

Ein wichtiger Aspekt bei der Lebenslaufbetrachtung ist deren Einbettung in den Kontext des gesellschaftlichen Wandels. Die rückläufige Tendenz des sogenannten „Normalarbeitsverhältnisses“, das heißt, einer kontinuierlichen Vollzeitbeschäftigung, und die damit einhergehende Zunahme an alternativen Beschäftigungsformen wie beispielsweise Teilzeitbeschäftigung verändern die Formen des Zusammenlebens. Veränderungen in den Bereichen, die mit dem Lebenslauf eng verknüpft sind, wie Arbeitsmarkt oder Staat, prägen daher den individuellen Lebensverlauf und die Lebenslaufverflechtungen. Ebenso werden Lebensläufe und Lebenslaufverflechtungen über internes Arrangement geprägt. Eine partnerschaftliche Lebenslaufverflechtung kann beispielsweise die Arbeitsmarktbeteiligung eines Partners oder beider Beteiligten beeinflussen. Die Krankheit eines Familienangehörigen kann dazu führen, dass neue zeitintensive Verpflichtungen der Versorgung des Erkrankten den Lebensverlauf des Angehörigen verändern. Ein Wohnungsortwechsel einer Familie führt beispielsweise dazu, dass neue Verflechtungsmuster zu Nachbarn, neuen Bekannten und Freunden oder Arbeitskollegen entstehen. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die individuellen Lebensverlaufseinflüsse vielschichtig sind und dass sie nicht zwangsläufig aus den Intentionen der Menschen abzuleiten sind. Im folgenden sollen die Einflussfaktoren auf der Grundlage verflochtener Leben detailliert betrachtet werden. Dabei steht die Familie im Mittelpunkt.

2.2.2 Die Verflechtungsstruktur in der Familie

Die Ebenen der Verflechtung zwischen Lebensläufen lassen sich auf der Grundlage einer biografischen Abfolge exemplarisch beschreiben. In Abhängigkeit vom Lebensalter verändern sich die Strukturen der Lebensläufe. Ebenso bedeutend ist die Position im Lebenslauf, die nicht zwingend mit dem Lebensalter identisch sein muss. Deutlich wird dieses bei der Verschiebung der Altersgrenze beim Berufseintritt oder dem Übergang von der Phase der Erwerbsarbeit in die Ruhephase. Möglichkeiten der Weiterbildung oder Umschulungen und der frühzeitigen Verrentung bieten die entsprechenden Rahmenbedingungen. Bezogen auf die Geschlechter rücken die Unterschiede noch stärker ins Blickfeld. Frauen bekommen immer später ihr erstes Kind, unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit oder verändern die Beschäftigungsform, wenn die Erziehung der Kinder abgeschlossen ist. Das bedeutet, dass sich vor allem Frauen nicht kontinuierlich in der Erwerbsarbeitsphase befinden und diese nicht an ein bestimmtes Alter gekoppelt ist. Der charakteristisch weibliche Lebenslauf lässt sich daher weniger in die Phasenübergänge nach Lebensalter eingliedern als der Lebenslauf der Männer. Trotz dieser nicht genau bestimmbaren Altersgrenze des Berufseintritts oder Austritts, der Heirat oder der Kindgeburten ist der Lebenslauf aber durchaus in Phasen einzustufen. Denn Kinder weisen andere verflechtende Strukturen auf als Erwachsene und erwerbstätige Personen wieder andere als Rentner. Bedenkt man zudem die zum Teil institutionelle Verankerung von Lebensalter (beispielsweise Kindergartenalter ab drei Jahre, Schuleintrittsalter mit sechs Jahren und Regelaltersrente mit 65 Jahren), legitimiert sich wiederum eine Lebenslaufbeschreibung anhand einer biografischen Abfolge und anhand von Lebenslaufphasen (siehe hierzu auch Kapitel 2.2.3 und 2.4).

Im Vordergrund stehen im folgenden die lebenslaufstrukturierenden Dimensionen in der Erwachsenenphase. In der Phase stehen für die meisten Menschen Themen wie Arbeitsmarkt und Familie in dem Mittelpunkt. Beide Lebensbereiche treten meist zeitgleich auf und bestimmen die individuelle Gestaltung des Lebensverlaufs von Mann und Frau. In einer Ehe oder Partnerschaft werden männliche und weibliche Lebensläufe miteinander verknüpft. Zwei unterschiedliche Lebensverläufe, die gekennzeichnet sind von spezifischen biografischen Mustern hinsichtlich ihrer bis dahin durchlaufenden Sequenzen, verbinden sich. Mit der Gründung einer Familie ergeben sich neue Verflechtungsstrukturen, die in erster Linie bewirken, dass die Lebenspartner das gemeinsame zukünftige Leben planen und organisieren. Treten Kinder in das Verbundsystem von Mann und Frau hinzu, ergeben sich zusätzliche Verflechtungsstrukturen, die insbesondere durch institutionell geregelte Zeitmuster im Lebensverlauf des Kindes, von festgelegten Öffnungszeiten des Kindergartens über zeitlich geregelte Schulzeiten bis hin zu Ausbildungszeiten, geprägt sind. Die Lebensplanung der Familie verläuft über interne Organisationen und in Abhängigkeit externer Bedingungen.[21] Innerhalb des Verbundsystems werden Entscheidungen getroffen, die sowohl die Teilhabe an der Erwerbsarbeit als auch die an der Familienarbeit betreffen. Wer arbeiten geht und die Rolle des Haupternährers übernimmt, ob der jeweilige andere Partner auch arbeiten gehen kann, ob die Kinder gegebenenfalls betreut werden können und wie das gesamt finanziell und zeitlich zu arrangieren ist, sind Aspekte, die zum Katalog der „Lebensplanungsfragen“ gehören. Zwar haben sich die Lebensformen im Laufe der Zeit durchaus verändert, aber auch heute noch ist dem Mann in der Regel die Rolle des Ernährers vorbehalten. Die Entscheidungsgründe hinsichtlich eines männlichen Haupt- oder Vollernährers sind eher ökonomischer Natur als dass sie den normativen Wertvorstellungen der partizipierenden Personen entsprechen. Hier zeigt sich deutlich, dass „kultureller Wandel in der Geschlechterbeziehung [...] auf institutionelle Ordnungssysteme des Familienmanagements [trifft], ohne diese aushebeln zu können“.[22]

Auch wenn sich das gesellschaftliche Leitbild von einer patriarchalisch bestimmten Familienstruktur distanziert hat, so wird die reale Lebensführung nach wie vor davon geprägt, da die in der Regel höheren Verdienstmöglichkeiten und der kontinuierliche Erwerbsverlauf des Mannes höhere institutionelle Absicherung bedeutet. Dies verdeutlicht die Diskrepanz zwischen gewünschten im Gegensatz zum von öffentlichen Institutionen geförderten Lebensverlauf. In der familiären Verflechtung zeigt sich aus diesem Grund die männlich dominierte Beteiligung am Arbeitsmarkt und die soziale Strukturierung des weiblichen Lebenslaufs um die Institutionen Familie und Arbeitsmarkt herum.

Die Problematik innerhalb dieses weitverzweigten Verflechtungssystems zeigt sich insbesondere in den Effekten institutioneller Strukturmechanismen für den weiblichen Lebenslauf. Die Rigidität der familienstrukturierenden Institutionen benachteiligt die Frauen. Öffnungszeiten von Ämtern, variierende Schulzeiten (innerhalb der Woche hat ein Schüler zumeist unterschiedliche Schulzeiten) oder Anfangs- und Endzeiten des Kindergartens produzieren eine innerfamiliäre Gestaltung, die von einem Elternteil in der Regel die Bereitschaft erfordert, flexibel auf diese extern geregelten Zeitmuster zu reagieren. Eine vollzeitige Erwerbstätigkeit ist unter diesen Umständen und bei den allgemein üblichen Anforderungen des Arbeitsmarktes kaum zu realisieren. Zwar wird nicht direkt die Frau auf die Familienarbeit verwiesen, doch die immer noch vorherrschenden Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern bestärken indirekt Frauen die Haus- und Erziehungsarbeit zu übernehmen. Auf der Basis dieses traditionellen Verständnisses von Familie agiert auch der deutsche Wohlfahrtsstaat. Das deutsche soziale Sicherungssystem beispielsweise fördert das beschriebene Geschlechterarrangement unter anderem mit den rentenrechtlichen Instrumenten der Hinterbliebenversorgung oder der Anrechnung von Kindererziehungszeiten. Die soziale Sicherung über den Ehemann und die sozialstaatliche monetäre Belohnung für die Erziehungsarbeit stabilisiert daher eine traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern (siehe dazu v.a. Kapitel 4). Lebenslaufverflechtung unter dem Gesichtpunkt des Geschlechterverhältnisses betrachtet birgt soziale Risiken für den weiblichen Lebenslauf. Spätestens mit der Familiengründung werden Weichen gestellt, die, nicht zwingend aber nur allzu oft, zu sozialer Ungleichheit für die Frau führen. Diese werden bis in die Alterssicherung transportiert und von lebenslaufstrukturierenden, bzw. familienstrukturierenden Institutionen produziert und stabilisiert.

2.2.3 Der Lebenslauf als Institution

Die schon mehrmals zitierten institutionalisierten Zeitmuster, die für die Lebenslaufstrukturierung von Bedeutung sind und gerade in der Verflechtung von Lebensläufen ein gewisses Organisationsmanagement der Individuen abverlangt, führt zu der These des Lebenslaufs als Institution. In der Bedeutung eines Regelsystems, welches das Leben in zentralen Bereichen ordnet, wird Lebenslauf zu einer sozialen Institution.[23] Im Kontext des historischen Wandels werden durch die Freisetzung der Individuen aus ständischen Bindungen Lebensläufe auf der Grundlage des Ablaufs von Lebenszeit strukturiert. Lebensalter spielt für die Menschen eine immer stärker werdende Rolle in der Gestaltung und Planung des Lebenslaufs. Diese Verzeitlichung, die sich am chronologischen Alter orientiert, führt zur Standardisierung des Lebenslaufs.[24] Martin Kohli entwickelte das Konzept der Institutionalisierung des Lebenslaufs in den 80er Jahren und verortete den institutionalisierten Lebenslauf um die Erwerbsarbeit herum.[25] Der moderne Lebenslauf gliedert sich zeitlich in Vorbereitungs-, Erwerbs- und Ruhestandsphase.[26] Die Gliederung beinhaltet biografische Planungselemente, die den Menschen in eine Erwartbarkeitshaltung bringen und so das Handeln der Individuen beeinflusst.[27] Diese Standardisierung des Lebenslaufs setzt gewisse Parameter voraus, zum Beispiel die Gewährleistung einer bestimmten Lebenserwartung der Individuen. In der vormodernen Zeit war das nicht der Fall. Der Tod konnte jederzeit und völlig unerwartet auftreten. Heute ist das zwar nicht ausgeschlossen, aber eher als Sonderfall zu sehen. Der Tod tritt in der Moderne weit weniger unvorhergesehen ein als in der Vormoderne.[28] Im Bezug zu diesen demographischen Daten lässt sich die Verzeitlichung und Chronologisierung erklären.

Gestützt werden die Lebenslaufstandards in der Moderne durch institutionelle Verankerungen in Form von Systemen öffentlicher Rechte und Pflichten.[29] Die Regulierungen des Arbeitsmarktes, des Bildungssystems und des gesetzlichen Rentensystems bedienen sich zum Beispiel dieser Lebenslaufstandardisierung .[30] Die Institution Arbeitsmarkt steht dabei im Mittelpunkt. Nach Martin Kohli strukturiert sich der Lebenslauf durch das Erwerbssystem und verknüpft sich mit der vorliegenden Bildungsphase und nachliegenden Ruhestandsphase. Das bedeutet, dass in der Vorbereitungsphase zur Erwerbsarbeit berufliche Optionen definiert und über Zertifizierungen im Ausbildungs- und Schulsystem rechtlich verankert werden. Die berufliche Laufbahn wird dadurch bestimmt. Nach Beendigung der Erwerbsarbeit wird im Rentensystem die zurückliegende Erwerbsbiografie bilanziert.

Die Institutionalisierung des Lebenslaufs beruht auf einer Berechenbarkeit des gesamten individuellen Lebensverlaufs. Die gesetzliche Rentenversicherung in der Bundesrepublik verankert die Altersgrenze beispielsweise gesetzlich und nimmt sie als Kriterium für staatliche Leistungen auf.[31]

Die Standardisierung des Lebenslaufs bedeutet zum einen Entlastung, da sie dem Individuum einen gewissen Lebensweg vorzeichnet oder Kriterien offeriert, an Hand derer sich die Menschen von Geburt an bis zum Tod orientieren können. Aber es bedeutet zum anderen auch Einschränkungen, da eine vollkommene Selbstbestimmung generell nicht möglich ist und die staatlichen Interventionen unter dem Gesichtpunkt der Rationalisierung und sozialen Kontrolle genau darauf ausgerichtet sind.[32] Als Siebzigjähriger beispielsweise noch aktiv am Erwerbssystem teilzuhaben scheint in Deutschland ebenso unmöglich wie als ungelernter, aber handwerklich begabter Mensch eine versicherungs- und damit sozial gesicherte Anstellung in einem entsprechendem Betrieb zu bekommen.

2.3 Der Wandel der Lebensverläufe und das Geschlechterverhältnis

Die Beschreibung der äußeren Struktur des Lebenslaufs und die Frage der gesellschaftlichen Bedeutung des Lebenslauf als Institution entfaltet weiteren Diskussionsstoff im Kontext des „postmodernen Wandels“. Die Veränderungen zeichnen sich auf der Ebene der Familie und der Arbeit ab. Familiäre Veränderungen lassen sich beispielsweise anhand zunehmender Ehescheidungen und einer im Bezug zum Alter relativ späten Eheschließung im Laufe der letzten Jahre belegen (siehe dazu auch Abbildung 1, Kapitel 4.3.1). Im Bereich der Arbeit mehren sich Teilzeitbeschäftigungsformen (siehe dazu auch Kapitel 4.3.1), Altersteilzeit oder lebenslange Bildungs- und Weiterbildungsbiografien. Durch diesen Strukturwandel weicht die von Kohli formulierte Dreiteilung des Lebenslaufs auf.[33] Trotzdem bleibt eine im Kern erhaltene Phasengrundlage des Lebenslaufs erhalten. Wie oben erörtert, liegt dies an der institutionellen Verankerung von Lebensalter in bestimmten mit dem Lebenslauf verknüpften Bereichen (siehe dazu auch Kapitel 2.2.2). Eine Destandardisierung des Lebenslaufs findet daher nicht statt.[34]

Es stellt sich dann dementsprechend die Frage, wie sich der Lebenslauf als Institution auf der individuellen Ebene abbilden lässt, genauer gesagt, welche Lebenslaufeffekte aus den institutionalisierten Strukturen im Kontext des sozialen Wandels entstehen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach den Unterschieden zwischen den Strukturen weiblicher und männlicher Lebensläufe. Kohlis Dreiteilung des Lebenslaufs in Vorbereitung auf Erwerbsarbeit, Erwerbsarbeit und Ruhephase vernachlässigt den familiären Bereich, der aber bei der Frage nach dem Geschlechterverhältnis an Bedeutung gewinnt. Eine Bestimmung des männlichen und weiblichen Lebenslaufs müsste daher neben der Erwerbsphase auch die Tätigkeiten innerhalb der Familie mit einschließen.[35] Es sind heutzutage, trotz gestiegener Frauenerwerbsquote in den letzten Jahren, immer noch überwiegend Frauen denen die Verantwortung für die Familie obliegt. Frauen müssen oftmals beide Bereiche, Arbeit und Familie, koordinieren. Beide Bereiche beeinflussen den individuellen Lebensverlauf.

Im folgenden werden die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Lebensphasen Vorbereitung zur Erwerbsarbeit, Erwerbsarbeit, Familienleben und Ruhephase beschrieben.

In der Gesamtdauer schulischer Ausbildung finden sich in modernen Industriestaaten keine Geschlechtsunterschiede mehr. Die Art der Ausbildung allerdings variiert nach wie vor. Obwohl eine Zunahme „frauenuntypischer“ Berufe im weiblichen Lebenslauf zu beobachten ist, wählen Frauen überwiegend Berufe in den Bereichen Erziehung, Krankenpflege oder Sprachen, wohingegen Männer eher naturwissenschaftliche oder handwerkliche Bereiche wählen.[36] In der Phase des Erwerbslebens zeigt sich eine zunehmende Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt. Die Art der weiblichen Erwerbstätigkeit weist erhebliche Unterschiede zur männlichen Erwerbstätigkeit auf. Die Beschäftigungsform der Teilzeitarbeit wird im überwiegenden Maße von Frauen gewählt und das führt unter anderem zu Defiziten in der sozialen Absicherung im Alter. Aus der hohen Erwerbstätigkeit von Frauen folgt daher nicht zwangsläufig finanzielle Unabhängigkeit. In einer Ehe gelten Frauen vielfach lediglich als „Dazuverdienerinnen“.[37] Bei der Betrachtung des Familienlebens ist die hohe Scheidungsrate auffällig. Für die Ehe entscheiden sich Paare häufig erst spät. Dieses gilt ebenso für die Geburt des ersten Kindes. Kindererziehungszeiten werden immer kürzer und aufgrund der spät erfolgten Geburt auch in einer späteren Lebenslaufphase in Anspruch genommen. Im Übergang zur Ruhephase ist zu beobachten, dass immer mehr Männer früher in den Ruhestand eintreten. Frauen hingegen treten selten vor ihrem sechzigsten Lebensalter in den Ruhestand ein.[38]

[...]


[1] Vgl.: Leitner, Sigrid (1999):Frauen und Männer im Wohlfahrtsstaat. Zur strukturellen Umsetzung von Geschlechterkonstruktionen in sozialen Sicherungssystemen. Frankfurt am Main: Peter Lang, 19.

[2] Vgl.: Leitner, Sigrid/Ostner, Ilona (2000): Von „geordneten“ zu unübersichtlichen Verhältnisses: Nachholende Modernisierung des Geschlechterarrangements in der deutschen Sozialpolitik? In: Leibfried, Stephan/Wagschal, Uwe (Hrsg.): Der deutsche Sozialstaat. Bilanzen – Reformen – Perspektiven. Fankfurt/New York: Campus, 212.

[3] Vgl.: Frevert, Ute (1995) Geschlecht – männlich/weiblich. Zur Geschichte der Begriffe (1730-1990). In: Frevert, Ute (Hrsg.): „Mann und Weib, und Weib und Mann“. Geschlechter-Differenzen in der Moderne. München: Beck, 59.

[4] Ebenda, 59.

[5] Vgl.: Hradil, Stefan (1999): Soziale Ungleichheit in Deutschland. 7. Auflage. Opladen: Leske + Buderich, 40.

[6] Vgl.: Associated Press (2002): Kind kommt, Sorgen auch. Studie über Familienentwicklung belegt: Unzufriedenheit mit erzwungener Rollenverteilung führt zu Scheidung. In: Der Patriot vom 8.Oktober 2002, Rubrik: Familie.

[7] Stammt vom englischen de-commodification = etwas seiner Warenförmigkeit entheben. Vgl. hierzu auch Schmidt, Manfred G. (1998): Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich. 2. vollst.überarbeitete Auflage. Opladen: Leske + Buderich, S.218. Mit Dekommodifizierung ist daher die Reduzierung der Marktabhängigkeit für die Individuen gemeint; Stratifizierung bedeutet, welche sozialen Lebenslagenstrukturen und welche Beziehungen zwischen den Bürger über soziale Sicherungssysteme des jeweiligen Wohlfahrtsstaatstypus bewirkt werden. Vgl.: Kohl, Jürgen (2000): Der Sozialstaat: Die deutsche Version des Wohlfahrtsstaates – Überlegungen zu einer typologischen Verortung. In: Leibfried, Stephan/Wagschal, Uwe (Hrsg.): Der deutsche Sozialstaat. Bilanzen – Reformen – Perspektiven. Fankfurt/New York: Campus, 123.

[8] Vgl.: Sackmann, Reinhold/ Wingens Matthias (2001): Theoretische Konzepte des Lebenslaufs: Übergang, Sequenz und Verlauf. In: Sackmann, Reinhold/ Wingens Matthias (Hrsg.): Strukturen des Lebenslaufs. Übergang – Sequenz – Verlauf. Weinheim/München: Juventa, 29.

[9] Vgl.: Born, Claudia/Krüger, Helga/Lorenz-Mayer, Dagmar (1996): Der unentdeckte Wandel. Annäherung an das Verhältnis von Struktur und Norm im weiblichen Lebenslauf. Berlin: Edition Sigma, 17.

[10] Vgl.: Krüger, Helga (2001): Geschlecht, Territorien, Institutionen. Beitrag zu einer Soziologie der Lebenslauf-Relationalität. In: Born, Claudia/Krüger, Helga (Hrsg.): Individualisierung und Verflechtung. Weinheim/München: Juventa, 257,258.

[11] Vgl.: Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 199.

[12] Krüger, H.: Geschlecht, Territorien, Institutionen , 260.

[13] Vgl.: Born, Claudia/Krüger, Helga (2001): Das Lebenslaufregime der Verflechtung: Orte, Ebenen und Thematisierungen. In: Born, Claudia/Krüger, Helga (Hrsg.): Individualisierung und Verflechtung. Weinheim/München: Juventa, 11.

[14] Vgl.: Mayer, Karl U.(1998): Lebensverlauf. In: Schäfers, Bernhard/Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands. Opladen: Leske + Buderich, 439.

[15] Vgl.: Sackmann, R./Wingens, M.: Theoretische Konzepte des Lebenslaufs, 17.

[16] Vgl.: Kohli, Martin (1982): Lebenslauftheoretische Ansätze in der Sozialisationsforschung. In: Hurrelmann, Klaus/Ulich, Dieter (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. 2. Auflage, 303.

[17] Vgl.: Sackmann, R./Wingens, M.: Strukturen des Lebenslaufs, S.19.

[18] Mayer, Karl U.: Lebensverlauf, 438.

[19] Vgl.: Ebenda, 439.

[20] Vgl.: Sackmann, R./Wingens, M.: Strukturen des Lebenslaufs, S.26.

[21] Vgl.: Krüger, H.: Geschlecht, Territorien, Institutionen, 269.

[22] Krüger, H.: Geschlecht, Territorien, Institutionen, 273.

[23] Vgl.: Kohli, Martin (1985): Die Institutionalisierung des Lebenslaufs: Historische Befunde und theoretische Argumente. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 37. Jahrgang, 1.

[24] Vgl.: Ebenda, 2,3.

[25] Vgl.: Geissler, Birgit/Oechsle, Mechtild (2001): Zeitordnungen des Erwerbssystems und biographische Verflechtungen an Andere. Verflechtung und Entkopplung. In: Born, Claudia/Krüger, Helga (Hrsg.): Individualisierung und Verflechtung. Weinheim/München: Juventa, 84.

[26] Vgl.: Kohli, Martin (1990): Lebenslauf und Lebensalter als gesellschaftliche Konstruktion: Elemente zu einem interkulturellen Vergleich. In: Elwert, Georg/Kohli, Martin/Müller, Harald K. (Hrsg.): Im Lauf der Zeit. Ethnographische Studien zur gesellschaftlichen Konstruktion von Lebensaltern. Saarbrücken/Fort Lauderdale: Breitenbach, 16.

[27] Vgl.: Born, C./Krüger, H./Lorenz-Mayer, D.: Der unentdeckte Wandel, 17.

[28] Vgl.: Kohli, M.: Lebenslauf und Lebensalter als gesellschaftliche Konstruktion, 17.

[29] Vgl.: Kohli, M.: Institutionalisierung des Lebenslaufs, 8.

[30] Vgl.: Kohli, M.: Lebenslauf und Lebensalter als gesellschaftliche Konstruktion, 17,18.

[31] Vgl.: Kohli, M.: Institutionalisierung des Lebenslaufs, 14.

[32] Vgl.: Ebenda, 19,20.

[33] Vgl.: Ebenda, 23.

[34] Vgl.: Ebenda, 24.

[35] Vgl.: Sorensen, Annemette (1990): Unterschiede im Lebenslauf von Frauen und Männern. In: Mayer, Karl Ulrich (Hrsg.): Lebensverläufe und sozialer Wandel. Sonderheft 31/1990 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag, 306.

[36] Vgl.: Ebenda, 312.

[37] Vgl.: Ebenda, 313.

[38] Vgl.: Ebenda, 315.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Frauen und Alterssicherung - Eine lebenslauftheoretische Perspektive
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Sozialpolitik
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
101
Katalognummer
V25949
ISBN (eBook)
9783638284356
Dateigröße
826 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Examensarbeit beleuchtet in seiner historischen Entwicklung die Altersversorgung von Frauen im politischen System Deutschland. Insbesondere im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Rentenreformen und insbesondere die Riester-Rente wird nach seinen Möglichkeiten einer eigenständigen Versorgung im Alter für Frauen untersucht. Dabei wird ersichtlich, dass der Wohlfahrtsstaat Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten Frauen benachteiligt und Armutsrisiken produziert.
Schlagworte
Frauen, Alterssicherung, Eine, Perspektive, Sozialpolitik
Arbeit zitieren
Nicole Heitmeier (Autor:in), 2003, Frauen und Alterssicherung - Eine lebenslauftheoretische Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/25949

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