Antisemitismus in der UdSSR bis 1953


Seminararbeit, 2003
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Antisemitismus in Rußland vor 1914

3. Entwicklung des Judentums vom Ersten Weltkrieg bis zum Tod Lenins – 1914 bis 1924

4. Die Entwicklung unter Stalin
4.1. Emanzipation und Terror unter Stalin – 1924 bis 1948
4.2. „Die Schwarzen Jahre“ – 1948 bis 1953

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der modernen Historiographie, speziell in der russischen, liegt in den letzten Jahren das Hauptaugenmerk auf der Regierungszeit Stalins. Als Ursache dafür kann man die seit über 10 Jahren stattfindende Aufarbeitung der eigenen Geschichte ansehen und somit die Untersuchung der Verbrechen die unter Stalin verübt wurden sind. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR sind zahlreiche Dokumente zugänglich geworden, die dieses Kapitel der Geschichte der Sowjetunion um viele Facetten ergänzen. Man kann diese Forschung mit der Nationalsozialismusforschung in Deutschland, die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, vergleichen. Zunehmend spielt bei den Untersuchungen der Herrschaft Stalins auch die Antisemitismusforschung eine wichtige aber leider weiterhin untergeordnete Rolle.

Daher soll die vorliegende Arbeit sich dem Antisemitismus in der UdSSR bis 1953, dem Todesjahr Stalins, widmen und unter der Kernfrage stehen, welche Formen des Antisemitismus in der Sowjetunion bis 1953 zu finden waren. Mögliche Ursachen bzw. Hintergründe des Antisemitismus sollen desweiteren hinterfragt werden. Letztendlich soll untersucht werden, wie sehr die Politik in der Sowjetunion diesen Antisemitismus beeinflußte, ja sogar schürte.

Um dieser Kernfrage nachzugehen, sollen ausgewählte Beispiele von antisemitischen Übergriffen bzw. antisemitischen Tendenzen unter Berücksichtigung des historischen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergrundes untersucht werden. Der Aufbau dieser Arbeit erfolgte bewußt nach einem chronologischen Schema, um Kontinuitätslinien bzw. –brüche, im Bezug auf den Antisemitismus, besser zu veranschaulichen.

Die Untersuchung beginnt mit einer Betrachtung der Entwicklung des Judentums im Zarenreich, um die Situation zu verdeutlichen, in der sich die Juden zur Zeit der Gründung der Sowjetunion befanden. Außerdem sind hier die Grundlagen eines verbreiteten Antisemitismus zu suchen, der in den Köpfen der Menschen, die in der UdSSR lebten, weiterhin zu finden war. Bezüglich der Regierungszeit Stalins sei angemerkt, daß in der Historiographie Stalin oft mehr Kontinuität zum Zarenreich, als zur Revolution von 1917 nachgesagt wird. Worauf an einer späteren Stelle eingegangen werden soll.

Desweiteren folgt eine Betrachtung der Situation der Juden im Ersten Weltkrieg und in der Revolutionszeit bis zu Lenins Tod, dessen Nachfolge Stalin antrat. An dieser Stelle soll dargelegt werden, welche Veränderungen für die Juden die Revolution und der Bürgerkrieg mit sich brachten und in welchen Formen Antisemitismus anzutreffen war.

Die Untersuchung von Stalins Regierungszeit, die sich daran anschließt ist bewußt in zwei Teile untergliedert. Denn in den sogenannten „schwarzen Jahren“ der Herrschaft Stalins unterschied sich der vorherrschende Antisemitismus sehr stark vom Antisemitismus, der in den Vorkriegs- bzw. Kriegsjahren anzutreffen war. Dieser offensichtliche Wandel in Stalins Politik gegenüber den Juden soll vor allem im letzten Kapitel hinterfragt werden.

Wie vorher bereits erwähnt wurde, ist mit dem Zusammenbruch der UdSSR die Zahl der Darstellungen, die sich mit dem Terror unter Stalin beschäftigen stark angestiegen. Jedoch ist das Fehlen eines Werkes, das sich ausführlich mit dem Antisemitismus in der UdSSR bis zu Stalins Tod beschäftigt, zu bemängeln. Entweder liefern die Darstellungen nur Einblicke in bestimmte Phasen des Antisemitismus in der UdSSR, oder in ihnen wird der antisemitische Aspekt der russischen bzw. sowjetischen Politik nur als nebensächlich betrachtet.

2. Antisemitismus in Rußland vor 1917

Bis zur ersten Teilung Polens, im Jahre 1772, der noch drei weitere folgen sollten, war die Anzahl der Juden auf russischem Territorium verschwindend gering. Daher hatten die meisten Einwohner dieses Landes keine Erfahrungen mit Juden gesammelt. Antisemitische Tendenzen innerhalb der Bevölkerung vor dieser Zeit sind der Literatur nicht zu entnehmen.

Somit stand das Zarenreich seit 1772 vor der großen Herausforderung, die Juden, deren Anteil an der russischen Bevölkerung sich mit der Okkupation des polnischen Gebietes stark erhöhte[1], in die eigene Bevölkerung möglichst reibungslos zu integrieren. Als problematisch erwies sich dabei die Tatsache, daß die sozio- ökonomische Struktur der Juden, die weitestgehend im Handel und im Handwerk beschäftigt waren, schwer in die sozio-ökonomische Struktur Rußlands zu integrieren war. Denn im Zarenreich lag der wirtschaftliche Schwerpunkt im Bereich der Landwirtschaft. Der Bereich des Handels war fast ausschließlich dem Adel vorbehalten.[2] Es gab kein aufstrebendes Bürgertum in Rußland, wie in anderen europäischen Staaten, in das die Juden hätten integriert werden können. Somit war auch nicht die Möglichkeit einer ähnlichen Emanzipation der Juden, wie sie vor allem in den westeuropäischen Gesellschaften im 19.Jahrhundert anzutreffen war, gegeben.

1772 erließ die Zarin Katharina II. ein Manifest, das die Gleichstellung der Juden beinhaltete. Der Besitz der Juden und ihre Religion blieben unangetastet. Das Ziel der Politik Katharinas II. war die zunehmende Integration der Juden in das russische Ständegefüge, um mit ihrem wirtschaftlichen Potential die Modernisierung des Reiches zu beschleunigen.[3] Die Politik der Zarin zielte also darauf ab, die Juden langfristig zu assimilieren, ohne ihre Religion und Kultur zu unterdrücken, und sie nicht auszugrenzen. Hierin lag eine große Chance, mögliche antisemitische Vorurteile abzubauen.

Es kam aber anders. Denn mit der Okkupation des polnischen Territoriums wurden auch polnische antijüdische Vorurteile, die sich im Laufe von Jahrhunderten in Polen bildeten, von der russischen Gesellschaft übernommen. Besonders große Ressentiments gegenüber den Juden hatten die Moskauer Kaufleute, die in den Juden eine neue und gefährliche Konkurrenz sahen. Auf deren Petition ging auch das sogenannte Ansiedlungsrayon von 1804 zurück, das erst nach der Februarrevolution von 1917 abgeschafft wurde. Es besagte, daß die Juden sich nicht außerhalb eines Territoriums ansiedeln durften, welches aus den ehemaligen polnischen Gebieten, der linksufrigen Ukraine und Neurußland bestand.[4] Bis zur Mitte des 19.Jahrhunderts verschärften sich diese antisemitischen Tendenzen. Sie waren jedoch nicht rassistisch, sondern vor allem wirtschaftlich und religiös motiviert.

Eine ganz neue und grausame Qualität bekam der russische Antisemitismus in den Jahren zwischen 1881 und 1906. Diese Phase der Geschichte der russischen Juden kann man als die Zeit der Pogrome bezeichnen. Das russische Wort Pogrom, das Gewitter bedeutet, wurde zum ersten mal im Jahr 1871 verwendet, als die in Odessa lebenden Juden Opfer eines Übergriffes der griechischen Minderheit wurden.[5] In diesen Jahren entlud sich, wie ein Gewitter, der Antisemitismus der Russen in blutigen Ausschreitungen mit unzähligen Todesopfern.

Bei der Suche nach den Gründen für diese Pogrome muß zwischen zwei Phasen dieser Pogromwellen unterschieden werden.

Die erste Pogromwelle, etwa 250 Pogrome, ereignete sich zwischen 1881 und 1884. Als deren Auslöser gilt die Ermordung des Zaren Alexander II. im Jahre 1881, welche das Resultat einer vermeintlichen jüdischen Verschwörung, die der Bevölkerung in einer antisemitischen Kampagne vorgetäuscht wurde, gewesen sei. Die Ursachen dieses verbreiteten Antisemitismus auf einen Faktor zu reduzieren ist sicherlich verkehrt. Ein wichtiger Faktor war die Tatsache, daß der exklusive Nationalismus im Europa und auch im Rußland des 19.Jahrhunderts, vor allem ab den 1870er Jahren, einen verstärkten Fremdenhaß und somit auch Antisemitismus mit sich brachte.[6] Iris Boysen führt als weitere Ursache für die Pogrome an, daß sich große Teile der russischen Bevölkerung, bedingt durch die beschleunigte Industrialisierung und Modernisierung, in einer ökonomisch schwierigen Lage befanden. Dies wurde auf die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden zurückgeführt. Die große Anzahl an Wanderarbeitern, die sich an diesen Pogromen beteiligten, scheint diese These zu bestätigen. Denn die wirtschaftliche Situation der Wanderarbeiter war zu dieser Zeit sehr schlecht.[7] Der wirtschaftlich bedingte Antisemitismus verschärfte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so stark, daß er sich, ergänzt durch weitere Ursachen, in Form von gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Juden entlud. Daß die russische Regierung diese Pogrome angezettelt hat, was in der älteren Historiographie häufig behauptet wurde, scheint ausgeschlossen. Ein potentielles Ausufern dieser Ausschreitungen wäre eine zu große Gefahr für die Regierung selbst gewesen.

Bei der zweiten Pogromwelle zwischen 1903 und 1906, etwa 600 Pogrome, schließt auch die revisionistische Historiographie, die den Verschwörungstheorien der älteren Historiographie ablehnend gegenübersteht, eine teilweise Verstrickung lokaler Behörden nicht aus. Diese Ausschreitungen waren wesentlich blutiger als die Pogrome 20 Jahre zuvor. Sie hatten einen urbaneren Charakter. Träger der Pogrome war nun vor allem die städtische Mittel- und Unterschicht. Neben den Ursachen, vor allem der wirtschaftlich schlechten Situation, die bereits bei der ersten Pogromwelle erwähnt wurden, spielte bei den Pogromen von 1903 bis 1906 die Tatsache, daß sich unverhältnismäßig (im Vergleich zum Anteil an der Bevölkerung) viele Juden in sozialrevolutionären Parteien organisierten, eine wichtige Rolle. Die Ursache dafür lag vor allem in den wirtschaftlichen Beschränkungen der Juden, die zur Folge hatten, daß diese, trotz ihres Bildungsstandes, nicht in die Wirtschaft integriert werden konnten und somit zunehmend verarmten. Juden und linke Gruppierungen sowie Parteien wurden infolgedessen sehr häufig als identisch angesehen, was zur Folge hatte, daß sich zu den vielen Vorurteilen gegenüber den Juden nun auch das des Revolutionärs gesellte.[8] „Im ‚Juden‘ waren die Feinde der traditionellen, agrarischen und autokratischen russischen Gesellschaft in einer Gestalt vereinigt.“[9] Mit dem Abebben der Pogrome verbesserte sich die Lage der russischen Juden nicht wesentlich. Die bestehenden Einschränkungen blieben bestehen. Antisemitische Agitationen blieben an der Tagesordnung, vor allem vor Duma-Wahlen(seit 1905), um die „jüdische-Linke“ zu diskreditieren. Die Gesellschaft des Zarenreiches war geprägt von Gegensätzen. Und in dieser angespannten innenpolitischen Lage stolperte Rußland, sowie der restliche Teil Europas in den Ersten Weltkrieg.

[...]


[1] Ab diesem Zeitpunkt bildeten die russischen Juden die größte jüdische Gemeinschaft der Welt.

[2] Vgl. Kappeler, Andreas: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte - Zerfall, München 2001, S.82ff.

[3] Vgl. Ebd., S.84.

[4] Vgl. Boysen, Iris: Die revisionistische Historiographie zu den russischen Judenpogromen von 1881 bis 1906, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Jg.8(1999), S.14.

[5] Vgl. Bartal, Israel: Staatlicher Antisemitismus in Osteuropa, in: Stern, Frank(Hrsg.):Universalgeschichte der Juden. Von den Ursprüngen bis zur Gegenwart, Wien 1993, S.190f.

[6] Vgl. Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus, München 2002, S.59ff.

[7] Vgl. Boysen, Iris: a.a.O., S.17f.

[8] Vgl. Ebd., S.22ff.

[9] Bergmann, Werner: a.a.O., S.65.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Antisemitismus in der UdSSR bis 1953
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Antisemitismus im internationalen Vergleich
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V26028
ISBN (eBook)
9783638284905
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, UdSSR, Vergleich
Arbeit zitieren
Christopher Müller (Autor), 2003, Antisemitismus in der UdSSR bis 1953, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26028

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