Sprechende Tiere üben eine gewisse Faszination auf uns Menschen aus. Möglicherweise ist unsere Neugierde ein Grund dafür, warum wir uns mit solchen Phänomenen beschäftigen. Wir neigen dazu, wissen zu wollen, wie es wäre, wenn wir nicht wir selbst wären. Wer wäre nicht gerne mal für einen Tag jemand anderes: Sein Nachbar, oder vielleicht jemand Berühmtes, nur, um mal zu sehen, wie das ist, und was in den anderen so vorgeht. Die menschliche Unzulänglichkeit die Person zu wechseln können wir zum Teil kompensieren, indem wir Erfahrungen austauschen, welche es uns ermöglichen, uns in jemand anderen hinzudenken oder hineinzufühlen. Das Medium, welches wir dazu benutzen, ist Sprache. Wenn es nun Tiere gäbe, welche ebenfalls sprechen lernen könnten, könnten wir auch über sie vieles lernen und uns in sie hineinversetzen. Warum man hier als erstes an Affen, genauer: Menschenaffen denkt, l iegt auf der Hand: Sie gehören zu den intelligentesten Tieren und sind mit uns Menschen eng verwandt. Ein weiterer Punkt sollte nicht vergessen werden: Wenn ein Tier, in unserem Falle ein Affe, nachweislich Sprache erlernen könnte, dann hätte dies weitreichende Folgen. Unsere Einzigartigkeit in der Natur würde relativiert, man müsste Affen ein Bewußtsein attestieren, einen menschenähnlichen Intellekt und vielleicht sogar eine Seele zugestehen, sie aber wohl auf jeden Fall mit Menschenrechten ausstatten.
Können Affen sprechen lernen? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler seit den 60er Jahren. Dabei läßt sich beobachten, daß es immer wieder Pro- und Kontra-Phasen gab. Anfang der 70er Jahre schienen sprechende Affen wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Nim, Washoe und Koko sind einige berühmte Beispiele. Anfang der 80er Jahre jedoch folgte eine Welle der Kritik bezüglich der Sprachfähigkeit dieser Affen. Selbst Forscher wie Herbert Terrace, der viele Jahre damit verbrachte, seinem Schimpansen Nim Chimpsky das „Sprechen“ beizubringen, stellte seine eigene Arbeit in Frage und wurde zu einem großen Verfechter des Standpunktes, Affen seien zur Sprache nicht fähig.
Inhaltsverzeichnis
1 KÖNNEN AFFEN SPRECHEN LERNEN ?
2 WAS IST SPRACHE?
3 WAS KÖNNEN AFFEN?
3.1 Wege der Kommunikation
3.2 Die Methode von Sue Savage-Rumbaugh
3.3 Savage-Rumbaughs Ergebnisse
4 AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE
4.1 Vocal-auditory channel
4.2 Arbitrariness
4.3 Semanticity
4.4 Cultural transmission
4.5 Spontaneous usage
4.6 Turn-taking
4.7 Duality
4.8 Displacement
4.9 Strukture dependence
4.10 Creativity
5 SCHLUßFOLGERUNG
6 AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, ob Menschenaffen die Fähigkeit besitzen, eine menschliche Sprache zu erlernen. Anhand wissenschaftlicher Kriterien werden verschiedene Experimente analysiert, um den Status der tierischen Sprachkommunikation kritisch einzuordnen.
- Kritische Analyse des Begriffs "Sprache" und dessen Definition
- Untersuchung der Sprachversuche mit Schimpansen und Bonobos
- Evaluierung basierend auf den zehn Aitchison-Kriterien
- Gegenüberstellung von Konditionierung und tatsächlicher Sprachkompetenz
- Diskussion über die Einzigartigkeit menschlicher Sprache
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Überwinden des Reiz-Reaktionsschemas
Was unterscheidet nun Shermans, Austins oder Kanzis „Sprachkompetenz“ von der ihrer Vorläufer, wie z.B. Washoe oder Nim? Savage-Rumbaugh unterstellte ihnen, daß ihr Verhalten auf Konditionierung und Imitation beruhte: “Human experimenters working with Washoe assigned intent to her early nonverbal gestures. Thus, Washoe’s gestures received a very different response than would have been the case if she had been reared by her natural chimpanzee mother. This difference permitted, and in fact encouraged, in Washoe a perception of cause-effect relationships between gestures and the resulting objects presented to her and events she caused to happen. (The same is true of other human-reared apes such as Nim, Koko, Alley, etc.)” (Savage-Rumbaugh 1986:21-22)
Oder in anderen Worten: „Zum ersten mal wurde mir folgendes klar: Wenn ich einen Gegenstand hochhielt und wenn der Schimpanse daraufhin das richtige Zeichen machte, bedeutete das nicht, daß der Affe den Namen des Gegenstandes kannte. Es hieß nur, daß das Tier unter bestimmten Umständen wußte, was es tun mußte, um den Gegenstan zu bekommen. (Savage-Rumbaugh 1998:82)
Wenn also Nim beispielsweise „Banane“ äußerte, dann war ihm – nach dieser Theorie – nicht der Zusammenhang zwischen Symbol und Referent klar. Er wußte nicht, daß das von ihm geäußerte Zeichen eine Banane symbolisierte. Die Äußerung dieses Zeichens war für ihn lediglich der Weg, an die Banane, einen begehrten Gegenstand, heranzukommen. Das Schema ist also: Ich muss mich so und so verhalten, um an diesen Gegenstand zu kommen – ein klassisches konditioniertes Verhalten. Die Banane stellt den äußeren Reiz dar, die Äußerung des Zeichens für „Banane“ ist die Reaktion, der Antrieb ist eine positive Erfahrung, welche mit dieser Handlung assoziiert wird. Damit stellte sich für Savage-Rumbaugh folgende Problematik, an der auch ihre Arbeit orientiert war: “It is easy to train an ape to say apple in order to get an apple but difficult to teach it to use apple to describe a food that it is not allowed to eat, a food that it sees someone else eating, a food that it does not like, a food that is found in a particular location, etc.” (Savage-Rumbaugh, 1993: 16)
Zusammenfassung der Kapitel
1 KÖNNEN AFFEN SPRECHEN LERNEN ?: Einleitung in die Faszination der sprechenden Tiere und die Problematik bisheriger Forschungsansätze.
2 WAS IST SPRACHE?: Definition von Sprache anhand wissenschaftlicher Kriterien, insbesondere unter Bezugnahme auf Sue Savage-Rumbaugh und Jean Aitchison.
3 WAS KÖNNEN AFFEN?: Vorstellung der physiologischen Voraussetzungen und der Methoden der Sprachvermittlung bei Schimpansen und Bonobos.
4 AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE: Detaillierte Prüfung der kommunikativen Leistungen von Affen anhand der zehn Kriterien von Aitchison.
5 SCHLUßFOLGERUNG: Fazit, das eine differenzierte Antwort zwischen der grundsätzlichen Fähigkeit zur Kommunikation und der Abgrenzung zur menschlichen Sprache zieht.
6 AUSBLICK: Reflexion über den Zusammenhang von sprachlicher und geistiger Entwicklung und den Nutzen weiterer Primatenforschung.
Schlüsselwörter
Affen, Schimpansen, Sprache, Kommunikation, Lexigramme, Sue Savage-Rumbaugh, Konditionierung, Spracherwerb, Semantizität, Grammatik, Symbolik, Referent, Primatenforschung, Kanzi, Kommunikationstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob Affen die Fähigkeit besitzen, menschliche Sprache zu erlernen, wobei besonders die Methoden und Erfolge von Sue Savage-Rumbaugh betrachtet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Themen zählen die Definition von Sprache, physiologische Voraussetzungen bei Affen, verschiedene Kommunikationssysteme (wie Lexigramme) und die kritische Abgrenzung zwischen reiner Konditionierung und echter sprachlicher Kompetenz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Können Affen sprechen lernen?“, wobei das Ziel darin besteht, die Sprachfähigkeit von Affen anhand linguistischer Kriterien kritisch zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der experimentelle Beobachtungen der Affenforschung den zehn wissenschaftlichen Sprachkriterien nach Jean Aitchison gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der detaillierten Untersuchung von Kommunikationsmethoden (z.B. Lexigramme), der Bedeutung der Symbol-Referent-Beziehung sowie der schrittweisen Überprüfung dieser Erfolge an Kriterien wie Semantizität, Grammatikalität und Kreativität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Affensprachforschung, Lexigramme, Konditionierung, symbolische Kommunikation, Spracherwerb, Semantizität und Grammatikalität.
Wie unterscheidet sich Kanzis Kommunikationsform von der eines Hundes?
Während bei Hunden die Kommunikation meist auf einfacher Konditionierung basiert, zeigen Affen wie Kanzi Ansätze von Semantizität und Grammatikalität, die der Sprachentwicklung von Kleinkindern in bestimmten Bereichen nahekommen.
Warum spielt die Unterscheidung von „Reiz-Reaktionsschema“ eine so wichtige Rolle?
Diese Unterscheidung ist entscheidend, um zu klären, ob ein Affe ein echtes Verständnis für Symbole besitzt oder lediglich eine erlernte Abfolge von Handlungen ausführt, um eine Belohnung zu erhalten.
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- Mario Vanella (Author), 2003, Können Affen sprechen lernen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26062