„Zu dieser Zeit erklangen fast in der ganzen römischen Welt die Kriegstrompeten. Die wildesten Völker wurden aufgeboten und zogen durch die Grenzgebiete in ihrer Nähe. Die Alamannen verwüsteten gleichzeitig Gallien und Raetien, die Sarmaten und Quaden die pannonischen Länder, die Pikten und Sachsen, die Scotten und Attascotten suchten die Britannier mit stetem Unglück heim, die Austorianer und andere Maurenstämme verübten schlimmere Einfälle als sonst in Afrika, und die Räuberhaufen der Goten plünderten Thrakien.“ 1
Die Spätantike war eine Zeit der Grenzen. Das imperium sine fine des Vergil 2 existierte längst nicht mehr. Die Römer waren von der lange praktizierten expansiven Außenpolitik in die Defensive geraten. An allen Fronten bedrängten die Feinde des Reiches dessen Grenzen. So auch an Rhein und Donau. Germanen, Hunnen, Alanen, Sarmaten und andere aggressive Nachbarn machten es notwendig, daß die Römer ihr Territorium absicherten. Zu den Verteidigungslinien an den beiden großen Flußgrenzen gehörten neben der zivilen Infrastruktur militärische Bauten unterschiedlicher Art: Legionslager, Kastelle, aber auch kleinere Fortifikationen verschiedener Form und Zweckbestimmung. Diese Signalstationen, Wachtürme (Burgi) und befestigte Anlandemöglichkeiten für Flußschiffe (Ländeburgi) sollen in dieser Arbeit untersucht werden.
Als Quellenmaterial stehen uns dazu vor allem die archäologischen Hinterlassenschaften zur Verfügung. Zwar sind verwertbare Befunde und Funde in großer Zahl vorhanden, doch man stößt bei ihrer Interpretation in Bezug auf Fragen der Datierung und Funktion häufig auf Grenzen. Für die Problematik der zeitlichen Einordnung sind vor allem Ziegelstempel und Bauinschriften, also epigraphische Zeugnisse, von großer Bedeutung. Die schriftlichen Quellen schließlich beschränken sich auf wenige Autoren. In erster Linie ist Ammianus Marcellinus zu nennen, ein Geschichtsschreiber und Panegyriker (Lobredner) griechischer Herkunft. Ihm haben wir das letzte große Geschichtswerk der Antike zu verdanken.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Küstenwachtürme in Nordengland
2.1 Beschreibung und Rekonstruktion der Befunde
2.2 Funktion
2.3 Datierung
3. Ländeburgi an Rhein und Donau
3.1 Verbreitung
3.2 Lage
3.3 Beschreibung und Rekonstruktion der Befunde
3.4 Datierung
4. Wachtürme an Donau und Rhein
4.1 Donauknie (Valeria)
4.2 Obere Donau (Pannonia I und Noricum Ripense)
4.3 Donau-Iller-Rheinlimes (Raetia II und Maxima Sequanorum)
4.4 Ober- bis Niederrhein (Maxima Sequanorum, Germania I und Germania II)
5. Die Sicherung der Flußgrenzen in der Spätantike: Zur Funktion der Ländeburgi und Wachtürme an Rhein und Donau
6. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die spätantiken militärischen Kleinbefestigungen an den nördlichen Grenzen des Römischen Reiches, insbesondere entlang von Rhein und Donau. Ziel ist es, die baulichen Strukturen, ihre Funktionen innerhalb des Verteidigungssystems sowie die Problematik ihrer zeitlichen Einordnung auf Basis archäologischer und schriftlicher Quellen kritisch zu analysieren.
- Analyse von Wachtürmen (Burgi) und befestigten Anlandestellen (Ländeburgi)
- Untersuchung des sogenannten valentinianischen Festungsbauprogramms
- Geographische Differenzierung zwischen verschiedenen Limesabschnitten
- Kritische Bewertung der Datierungsmethoden und historischen Kontexte
Auszug aus dem Buch
2.1 Beschreibung und Rekonstruktion der Befunde
Die Anlagen sind nach einem einheitlichen Bauschema errichtet worden: Der Hauptbau bildete im Grundriß ein Quadrat von ca. 14-15 m Seitenlänge auf starken Fundamenten. Pfeilerstellungen dienten als Stütze für die oberen Stockwerke. In Goldsborough fand man in der Nordwest-Ecke einen kleinen Einbau, den man als Rest des Treppenaufganges deutet. Die Türme waren wohl um die 20 m hoch. Den Hauptbau umgab ein Hof, der von einer Mauer begrenzt wurde. Deren Ecken waren abgerundet und mit Türmen verstärkt. Die Tore waren durch nach innen ziehende Mauern gesichert. Die Anlagen wurden von einem Graben umgeben. Eine Ausnahme ist die Station von Filey, wo die neuen Untersuchungen den Graben im Osten der Anlage nicht bestätigen konnten. Aufgrund der besonderen Geländesituation, der Lage an einem schmalen Grat, war dies wohl als nicht notwendig erachtet worden.
Bei genauerer Betrachtung fallen bei diesem Bauschema eine Reihe von verteidigungstechnischen Mängeln auf: Der Eingang in die Haupttürme von Goldsborough, Filey und vermutlich auch von Scarborough lag in einer Linie mit dem Durchlaß in der äußeren Mauer. Günstiger wäre es gewesen, ihn an der gegenüberliegenden Seite anzulegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die historisch angespannte Lage der Spätantike und Vorstellung der zu untersuchenden militärischen Bautypen.
2. Küstenwachtürme in Nordengland: Detaillierte Betrachtung der sogenannten Yorkshire signal stations hinsichtlich ihres Bauschemas, ihrer strategischen Funktion und ihrer Datierung.
3. Ländeburgi an Rhein und Donau: Analyse der befestigten Schiffsländen als Teil der Grenzsicherung, ihrer Verbreitung, Konstruktionsweise und Datierungsansätze.
4. Wachtürme an Donau und Rhein: Untersuchung der Wachturmketten in verschiedenen Provinzen, unterteilt nach geographischen Abschnitten wie dem Donauknie und dem Donau-Iller-Rheinlimes.
5. Die Sicherung der Flußgrenzen in der Spätantike: Zur Funktion der Ländeburgi und Wachtürme an Rhein und Donau: Synthese über die Rolle der Kleinbefestigungen im gestaffelten Verteidigungssystem und deren Zusammenspiel mit mobilen Truppen und Flussschiffen.
6. Zusammenfassung: Resümee der Untersuchungsergebnisse, das die Notwendigkeit einer differenzierteren Betrachtung des valentinianischen Festungsbauprogramms betont.
Schlüsselwörter
Spätantike, Limes, Wachtürme, Ländeburgi, Grenzsicherung, Valentinian I., Befestigungsanlagen, Donau, Rhein, Militärgeschichte, Archäologie, Signalstationen, Verteidigungssystem, Festungsbauprogramm.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die militärischen Kleinfestungen (Wachtürme und Ländeburgi) an den spätantiken Nordgrenzen des Römischen Reiches.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bauweise, der strategischen Funktion der Anlagen und der historischen Einordnung ihrer Errichtung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Überprüfung der These, dass diese Anlagen primär als geschlossenes Bauprogramm unter Kaiser Valentinian I. entstanden sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine archäologische Analyse von Befunden und Funden in Kombination mit der Auswertung antiker schriftlicher Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in regionale Fallbeispiele (Yorkshire, Rhein, Donau) und eine übergreifende Diskussion zur Funktion der Anlagen im Verteidigungssystem.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Spätantike, Limes, Burgi, Ländeburgi, Grenzverteidigung und das valentinianische Festungsbauprogramm.
Welche besondere Rolle spielten die Ländeburgi an Rhein und Donau?
Sie dienten als gesicherte Anlandestellen für Flussschiffe und fungierten zudem als Stützpunkte zur Kontrolle von Flussübergängen und rechtsseitigen Flussmündungen.
Inwieweit lässt sich das "große Festungsbauprogramm" des Valentinian I. nachweisen?
Die Arbeit relativiert diesen Begriff, da für viele Anlagen Datierungshinweise auch auf andere Zeiträume (Julian, Konstantin I.) hindeuten, weshalb eher von einer längerfristigen baulichen Entwicklung auszugehen ist.
Warum wird die Funktion als "Signalstation" hinterfragt?
Die Interpretation wird durch Faktoren wie Nebel in Yorkshire oder fehlende Sichtverbindungen zwischen den Anlagen erschwert, was alternative Nutzungen, etwa als Fluchtburg oder Stützpunkt für Patrouillen, plausibel macht.
- Quote paper
- Patrick Jung (Author), 2001, Die Küstenwachtürme in Nordengland, die Ländeburgi und Wachtürme an Rhein und Donau - Zeugnisse des 'großen valentinianischen Festungsbauprogramms'?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26068