Befindlichkeiten im Kapitalismus


Seminararbeit, 2000
21 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung

2 Atypische Beschäftigung in Österreich
2.1 Allgemeine Entwicklung
2.2 Arbeitslosigkeit
2.3 Teilzeit
2.4 Geringfügige Beschäftigung
2.5 Andere atypische Beschäftigungsverhältnisse
2.6 Zusammenfassung

3 Die psychischen Auswirkungen des Wandels
3.1 Position und Perspektive
3.2 Konsequenzen der Arbeitslosigkeit
3.3 Wie flexibel ist der Mensch?
3.4 Auflösung von Raum und Zeit

4 Die Überwindung der Arbeitsgesellschaft

5 Schlußbemerkung

6 Literaturverzeichnis

1 Vorbemerkung:

Eigentlich hätte die Arbeit einen ganz anderen Titel haben sollen, da Befindlichkeiten im Kapitalismus doch eine sehr diffuse Sache sind. Man kann ja wirklich alles darunter verstehen. Seit der Lektüre Sennets geht mir dieser Titel nicht mehr aus dem Kopf.

Der flexible Mensch Sennets erschien mir zunehmend als gehetzter Mensch, der sich durch die permanente Unsicherheit, durch strukturelle Veränderungen und durch die Auflösung von Raum und Zeit immer weniger zurecht findet, sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich.

Die Frage wie sich struktureller Wandel in Wirtschaft und Arbeitswelt auf einzelne Individuen auswirkt und die Frage nach dem warum wurden für mich immer interessanter.

Persönlich bin ich von dem Thema insofern betroffen, da ich als Student mit einem „unsicheren“ Studium selbst noch keinen Platz in der Arbeitsgesellschaft „erobert“ habe und auch nicht so recht weiß, wie ich es anstellen werde. Daß der Platz, sofern er sich findet, anders aussehen wird als in der Generation zuvor, ist klar. Offen gestanden macht mich die Unsicherheit selbst unsicher ...Sorge und Angst sind die Folge. Deshalb fand ich mich bei Sennet wieder.

Ich erwähne das nur aus dem Grund, um meine eigene Motivation für diese Arbeit offenzulegen und um zu zeigen, daß ich mich nicht als außenstehender Betrachter, sondern vielmehr als Teil des „kapitalistischen Räderwerks“ sehe.

Der Ausgangspunkt für meine Betrachtungen ist die Hypothese, daß sich die meisten Individuen in westlichen Gesellschaften nach wie vor über ihre Stellung im Produktionsprozeß, also ihren Arbeitsplatz definieren.

Ein Großteil der persönlichen Identität wird am Arbeitsplatz geschaffen.

In einer „flexibilisierten“ Welt, die gekennzeichnet ist durch ständigen Jobwechsel und Verlust, kommt es dann zu Veränderungen der Identität, wenn nicht gar zu Identitätsverlust (z.B. Arbeitslosigkeit). Die Auflösung traditioneller Erwerbsbiographien bewirkt auch eine Veränderung und Ausdifferenzierung der Lebensstile.

Der Wandel der Struktur der Beschäftigung und ihre Auswirkungen auf den Einzelnen ist also das Thema. Die Befindlichkeiten in dieser Übergangsphase zu untersuchen ist das Anliegen dieser Arbeit.

Mir ist klar, daß diese Betrachtung eurozentristisch ist, da die Menschen der südlichen Hemisphäre tiefgreifendere vor allem ökonomische Probleme haben und ja immer atypisch beschäftigt waren in einem westlichen, wohlfahrtsstaalichen Sinn.

So geht es hier, provokant gesagt, um das Leid der vom Wohlfahrtsstaat verwöhnten „Wessis“, und um die Frage welche Opfer der Wandel fordert.

Zuerst werde ich versuchen die Beschäftigungssituation in Österreich darzustellen, dann werde ich auf die psychischen Auswirkungen anhand Bourdieu und Sennet eingehen und schließlich sollen einige Alternativen beleuchtet werden, die helfen könnten die Arbeitsgesellschaft in dieser Form zu überwinden.

2 Atypische Beschäftigung in Österreich

Im folgenden wird es um die Entwicklung atypischer Beschäftigungsverhältnisse und der Arbeitslosigkeit gehen, es stellt sozusagen einen kleinen empirischen Teil dar, um zu klären, was unter „atypisch“[2] verstanden wird und wie viele Menschen in Österreich tatsächlich betroffen sind.[1]

2.1 Allgemeine Entwicklung

Zwischen 1973 und 1997 ist die Erwerbsquote[3] von 65,4% auf 70,9% gestiegen. Auffallend dabei ist, daß die Erwerbsbeteiligung der Männer leicht gesunken ist (auf 80%) und die der Frauen massiv gestiegen ist, nämlich von 48,5 auf 61,8%, wobei die Erwerbsquote der Frauen im internationalen Vergleich noch immer relativ niedrig ist. Weiters relativiert sich die letztgenannte Zahl durch den hohen Teilzeitanteil bei den Frauen. So sind 1997 28% der erwerbsfähigen Frauen teilzeitbeschäftigt.

2.2 Arbeitslosigkeit

Wenn man die Entwicklung der Arbeitslosigkeit betrachtet fällt auf, daß in den 70er Jahren von Vollbeschäftigung gesprochen werden konnte (2-3%), also die Arbeitslosigkeit war konjunkturell, saisonal und durch Jobsuche bedingt. Mit Beginn der 80er Jahre ist ein kontinuierlicher Anstieg der Arbeitslosenrate festzustellen, die 1998 schließlich mit 7,2% (nach österreichischer Berechnungsmethode vgl. EUROSTAT 4.7%) ihren höchsten Wert erreichte. Im Durchschnitt waren ca. 238 000 Menschen arbeitslos, von Arbeitslosigkeit betroffen waren im Jahresverlauf hingegen rund 715 000 Personen , das sind über 20% der Erwerbsfähigen. Über 30% aller Arbeitslosen sind Langzeitarbeitslose, d.h. sind länger als 6 Monate arbeitslos. Das Arbeitsmarktservice setzt sich das Ziel vor allem die Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Es geht also weniger darum, daß alle einen Arbeitsplatz haben, sondern eher um eine Rotation am Arbeitsmarkt ähnlich wie beim Sesselspiel, bei dem ja bekanntlich zu wenig Sessel vorhanden sind.[4]

Zu erwähnen ist noch, daß die vorher genannten Zahlen ja nur die offiziell Arbeitslosen erfassen. Es gibt ja auch eine beträchtliche Anzahl von Personen, die weder beschäftigt sind, noch sich beim Arbeitsamt melden mangels Versicherungsanspruch oder aus anderen Gründen. Die wahre Arbeitslosigkeit ist höher und auch die wahre Langzeitarbeitslosigkeit, da das AMS versucht möglichst viele Leute in Weiterbildungskurse zu bringen. In dieser Zeit gelten sie nicht als arbeitslos und nach dem Kurs nicht mehr als langzeitarbeitslos.

2.3 Teilzeit

Es gibt verschiedene Konzepte die Teilzeitbeschäftigung zu erheben. Hier wird nur das international übliche Labour-Force-Konzept (LFK) behandelt. Nach diesem Konzept ist teilzeitbeschäftigt, wer 1 bis 35 Stunden die Woche arbeitet, einschließlich Lehrer, aber exklusive Karenzurlauber[5], Präsenz- und Zivildiener.

1997 waren nach dem LFK 498 000 Personen teilzeitbeschäftigt, das entspricht einer Teilzeitquote von ca. 14%. Dieser Anteil hat sich seit Beginn der 70er mehr als verdoppelt. Etwa die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten arbeitet zwischen 12 und 24 Stunden und mehr als 85% aller Menschen in diesem Arbeitsverhältnis sind Frauen. Mit der Zunahme der Erwerbsbeteiligung der Frauen ist die Teilzeitquote dementsprechend gestiegen. Der überwiegende Teil dieser Frauen arbeitet wiederum im Handel und drei Viertel aller teilzeitbeschäftigten Frauen sind verheiratet. So zeigt sich, daß ein gut Teil dieser Beschäftigungsverhältnisse Ausdruck einer Anpassung an männliche Erwerbsbiographien und die Fortführung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung (Doppelbelastung) darstellt.

Die Probleme bei diesen Arbeitsverhältnissen sind vor allem die geringen Aufstiegschancen, das geringe Einkommen und die dementsprechend unzureichende Altersvorsorge.

[...]


[1] Vgl. Talos, 1999, S. 252-278

[2] Es stellt sich die Frage , was ist typische Beschäftigung . Hier meint typische Beschäftigung den sozialstaatlich abgesicherten Vollarbeitsplatz, der die meisten Erwerbsbiographien in Österreich kennzeichnete. In den USA würde man unter typischer Beschäftigung etwas anderes verstehen.

[3] Die Erwerbsquote wird definiert als Anteil der 15 bis64 jährigen Erwerbspersonen (Beschäftigte sowie Arbeitslose) an der jeweiligen Wohnbevölkerung.

[4] Diesen Vergleich brachte ein Vorstandsmitglied des AMS bei der Exkursion des PS Herausforderungen der Arbeitsmarktpol. Am 8.11.99

[5] An dieser Stelle soll erwähnt werden, daß ich mir bewußt ist, daß es nicht politcal correct ist, nur die männliche Form zu verwenden. Das soll nicht als Ignoranz mißverstanden werden. Es dient ausschließlich dem besseren Schreib- und Lesefluß.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Befindlichkeiten im Kapitalismus
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar aus internationaler Politik
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V2612
ISBN (eBook)
9783638115742
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Mensch in der Arbeitsgesellschaft definiert sich aufgrund seiner Stellung im Produktionsprozeß. Für eine Gesellschaft der die Arbeit ausgeht, kann das fatale Folgen haben. 154 KB
Schlagworte
Befindlichkeiten, Kapitalismus, Proseminar, Politik
Arbeit zitieren
Andreas Holzer (Autor), 2000, Befindlichkeiten im Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2612

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