Aspekte der Kriminalität


Seminararbeit, 1997
16 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Einige Theorien zur Erklärung von Kriminalität
2.1. Mertons Anomietheorie
2.2. Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland)
2.3. Gelegenheit und Kriminalität (Cloward und Ohlin)
2.4. Der labeling approach

3. Die Bedeutung von Kriminalitätsstatistiken und deren Verzerrung durch Selektionsprozesse

4. Kleiner Exkurs - Geschlecht und Kriminalität

5. Schlußbemerkungen - Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkungen

Ursprünglich hätte meine Arbeit den Titel Kriminalität haben sollen, also der spezielle mit Beispielen versehene Block zum Thema Devianz und soziale Kontrolle. Da es zu umfang­reich ist, einen Überblick über alle Arten von Kriminalität zu verschaffen, sah ich mich ge­zwungen, das Thema in "Aspekte der Kriminalität" zu ändern. Ich werde eher versuchen, die Arbeit anhand einiger Theorien und Beispiele zu gestalten. Von Vollständigkeit wird also keine Rede sein können.

Bei Kriminalität handelt es sich um einen Bereich, der eine Spannweite von Ladendiebstahl bis zu Massenmord umfaßt und daher nicht in eine Erklärung gegossen werden kann. Jede Theorie versucht also nur bestimmte Arten von Devianz zu erklären und keine vermag selbst das ohne Widersprüche.

Kriminelles bzw. delinquentes Verhalten ist also jenes abweichende Verhalten, das gegen Gesetze verstößt und mit strafrechtlicher Verfolgung bedroht ist - nicht mehr und nicht weni­ger. Das verbindet die verschiedenen Arten von Kriminalität und das relativiert sie wiederum, da bestimmte Verhaltensweisen in verschiedenen Gesellschaften, Kulturen und Epochen un­terschiedlich bewertet werden ( hier als abweichend dort als normal ). Es ist also eine Frage der Zuschreibung, was als delinquent qualifiziert wird und nicht abhängig von einer höheren Moral, gut und böse usw. .

Ich möchte nun einige Theorien herausgreifen, die helfen, das Entstehen von Kriminalität zu erklären. Diese Theorien sind alle soziologische, obwohl es eine Reihe von biologischen und psychologischen Erklärungsansätzen gibt, sollen sie hier ausgeklammert bleiben. Diese Theo­rien neigen dazu, kriminelles Verhalten eines Täters als konstante, umweltunabhängige und genetische Merkmale, seiner Persönlichkeit zu deuten und fragen nicht oder zu wenig nach den Umweltbedingungen und gesellschaftlichen Einflüssen, denen der einzelne ausgesetzt ist. Sie sind natürlich unerläßlich, z.B. Verhaltensweisen geistig abnormer Rechtsbrecher zu er­klären, jedoch interessieren uns weniger einzelne "pathologische" Persönlichkeiten, vielmehr wollen wir das Entstehen von Delinquenz aufgrund gesellschaftlicher Faktoren wie Sozialisa­tion, Schichtzugehörigkeit oder Geschlecht untersuchen.

Dieser Ansatz scheint nicht zuletzt deshalb gerechtfertigt zu sein, da 97% aller Verbrechen (Delikte mit mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe) in Österreich Eigentumsdelikte sind (vgl. Schulz, 1993:298), das heißt, daß man mit biologischen und psychologischen Ansätzen nur einen minimalen Teil der Gesamtkriminalität untersuchen kann.

2. Einige Theorien zur Erklärung von Kriminalität

2.1. Mertons Anomietheorie

Mertons Theorie ist dazu geeignet, vor allem das Auftreten von Eigentumskriminalität zu erklären. Seine Grundfrage lautet: Warum verhalten sich verschiedene Personen in verschiedenen Sozialstrukturen unterschiedlich häufig abweichend, oder wie er selber ffimuheAtosatz untersucht, in welcher Weise die soziale und kulturelle Struktur auf Personen in unterschiedlichen Situationen in dieser Struktur einen Druck ausübt, sich sozialabweichend zu verhalten" (Merton, 1968:284)

Er unterscheidet also zwei gesellschaftliche Momente, die kulturelle und die soziale Struktur der Gesellschaft. Jede Gesellschaft kennt kulturell vorgegebene Ziele, in den Industriegesell­schaften sind dies vor allem Geld, Macht, Prestige usw., und vorgegebene Mittel zur Errei­chung dieser Ziele, wie z.B. harte Arbeit, Fleiß, Ausbildung usw.. Merton geht davon aus, daß die meisten Mitglieder der westlichen Gesellschaften diese Ziele internalisiert haben, d.h. un­abhängig von ihrer Schichtzugehörigkeit, im Gegensatz zu traditionalen Gesellschaften wie Kastengesellschaften, in denen jede Kaste eigene kulturelle Ziele internalisiert hat (für einen Pariah ist arm sein keine Schande).

Trotz allgemein geteilter Ziele läßt die Struktur der Industrienationen ein großes Maß an sozi­aler Ungleichheit erkennen, und soziale Ungleichheit ist ja nichts anderes als Chance­nungleichheit bezüglich des Zugangs zu legitimen Mitteln zur Erreichung der Ziele.

Merton folgert daraus, "daß der stärkste Druck zum Abweichen doch auf den niedrigen Schichten liegt" (Merton, 1968:296), was sich ja durch Studien zur Schichtverteilung von Kri­minellen oder Verdächtigen belegen läßt. So zeigt ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen von 1968, daß 65% der Personen, denen von der Polizei Diebstahlsdelikte zur Last gelegt werden, werden, Angehörige der unteren Unterschicht sind, jedoch nur 16% der Gesamtbevölkerung. (vgl. D. Peters,1971:96).

Wie entsteht nun der Druck der ärmere Schichten zum Abweichen drängt? Merton meint, daß es darauf ankommt, inwieweit Ziele und legitime Mittel auseinanderklaffen. So hat die Überbetonung der Ziele zur Folge, daß legitime Mittel mehr und mehr vernachlässigt werden. Man könnte es mit einem Spiel vergleichen, in dem das Gewinnen für die Beteiligten zum Selbstzweck wird, das Spiel an sich ist egal, es kommt nur darauf an zu gewinnen. Unter der Voraussetzung beginnen Menschen zu "schwindeln", oder besser gesagt:

"Generell ließe sich also sagen, daß jedes Ziel, das in der Kultur einer Gruppe übersteigert und nur wenig eingeschränkt wird, zu einer Vernachlässigung der institutionellen Mittel und damit zu Anomie führt." (Merton, 1968:308)

Merton unterscheidet fünf Anpassungstypen nach den Kriterien, ob sie die kulturellen Ziele bejahen oder ablehnen:

Typologie individueller Anpassung: (vgl. Merton, 1968:293)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In die Gruppe der Konformisten fallen die meisten Mitglieder einer stabilen Gesellschaft, man könnte ihre Lebensphilosophie mit " Weiterkommen und nicht auf die schiefe Bahn geraten " umschreiben. Der Typ der Innovation teilt zwar die Erfolgsziele der Gesellschaft, hat jedoch weder legale Mittel noch diesselben internalisiert. Das ist die Voraussetzung für die "krimi­nelle" Karriere eines Unterschichtsangehörigen.

Ritualismus findet man oft bei Angehörigen der unteren Mittelschicht. Es sind Menschen die ihre Erfolgsziele aufgegeben haben, sich mit ihrer gesellschaftlichen Position abgefunden ha­ben, sich jedoch peinlich genau an Werte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit usw. halten, da sie die Mittel derart internalisiert haben.

Unter den Typ der Apathie fallen die Außenseiter der Gesellschaft wie Landstreicher, Süchti­ge usw. . Sie haben zwar Ziele und legale Mittel übernommen, sehen aber keine Chance sie zu verwirklichen.

Rebellen verwerfen die Ziele und Mittel der Gesellschaft und wollen sie durch neue ersetzen. Merton hat für die Kriminalsoziologie wichtige Arbeit geleistet: Das Beleuchten des Zusam­menhangs zwischen Sozialstruktur und Anomie ist eine Basis auf der jede weitere kriminolo­gische Arbeit aufbaut, jedoch läßt er noch viele Fragen offen und stiftet Verwirrung. Er unter­stellt der Gesellschaft einen allgemeinen Wertekatalog (gesell. Ziele) und gibt keine Antwort auf die Frage der Verbrechen der sogenannten honorigen Bürger, also jener Kriminellen die legale Mittel zur Verfügung haben, noch beantwortet er warum manche Unterschichtsangehö­rige kriminell werden und andere nicht. Mit diesen Fragen werden sich folgenden Kapitel be­fassen.

2.2. Theorie der differentiellen Kontakte (Sutherland)

"In einem Gebiet mit hoher Delinquenzrate wird ein ungezwungener, geselliger, aktiver und kräftiger Junge sehr wahrscheinlich mit anderen Jungen in der Nachbarschaft Zusammen­kommen, delinquentes Verhalten von ihnen lernen und ein Gangster werden." (Suther- land,1968:398)

Dieses Zitat könnte alleine für die gesamte Theorie von Sutherland stehen. Er fragt weniger, warum abweichendes Verhalten in bestimmten Schichten häufiger auftritt, vielmehr interes­siert ihn der Grund für das Abweichen des einzelnen Individuums. So wäre der gesellige Jun­ge aus dem Slumviertel in einer "besseren" Gegend nicht Gangster, sondern Mitglied einer Pfadfindergruppe und später angesehener Bürger geworden.

Für Sutherland wird delinquentes Verhalten in "Interaktionen mit anderen Personen in einem Kommunikationsprozeß hauptsächlich in intimen persönlichen Gruppen erlernt" (Sutherland, 1968:396) Sowohl die kriminellen Techniken, also das "kno]w how" z.B. für einen Diebstahl, alsauch die Motivationen und Werte , die dieses Verhalten rechtfertigen, werden in diesen Gruppen erlernt. So gilt in subkulturellen Jugendbanden Diebstahl als normales Verhalten und Sachbeschädigung z.B. einer Telefonzelle ist eine Heldentat.

Es hängt von der Dauer und Häufigkeit der differentiellen Kontakte ab, ob die Person letztlich kriminell wird oder nicht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Kriminalität
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar Soziologie
Note
1
Autor
Jahr
1997
Seiten
16
Katalognummer
V2613
ISBN (eBook)
9783638115759
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es geht um Theorien der Kriminalität und deren Verknüpfung. 142 KB
Schlagworte
Aspekte, Kriminalität, Proseminar, Soziologie
Arbeit zitieren
Andreas Holzer (Autor), 1997, Aspekte der Kriminalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2613

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