Die Deutsche Flottenrüstung 1897 - 1913 unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

26 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Gewinnung der öffentlichen Meinung für den Kriegsschiffbau

3. Großindustrie und Schlachtflottenbau
3. 1. Organisierter Kapitalismus und Interventionsstaat
3. 2. Die Monopolstellung der Firma Krupp bei der Herstellung von Panzerplatten
3. 3. Werftindustrie und das Reichsmarineamt
3. 4. Die Zulieferindustrien im Zeichen des Flottenbaus

4. Rüstungsgewinne und Rüstungsfinanzierung
4. 1. Rüstungsgewinne und Konjunkturverlauf
4. 2. Der Tirpitz-Plan und der Reichshaushalt

5. Zusammenfassung

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“[1], mit diesen Worten eröffnete Kaiser Wilhelm II. am 23. 9. 1898 nicht nur den neuen Stettiner Hafen, sondern der Monarch wies damit auch die neue Richtung der deutschen Außenpolitik. Stählern, gepanzert und schwer bewaffnet sollte diese Zukunft aussehen und England die Weltmachtstellung streitig machen.

Entgegen dem Bismarck`chen System der verzwickten Bündnisse ging der neue Kaiser andere Wege. Dahin gehend, daß „ohne Deutschland und ohne deutschen Kaiser keine große Entscheidung mehr fallen darf.“[2]

Weltpolitik bedeutete Kolonialpolitik, jene wiederum machte eine leistungsstarke Schlachtflotte notwendig. Solche zu bauen, hatten sich Flottenfananiker auf die Fahne geschrieben. Seit 1898 erfuhren diese Absichten mit dem „Gesetz betreffend die deutsche Flotte“ ihre Operationalisierung durch die Politik.

Diese Arbeit widmet sich dem wirtschaftlichen Teil des Flottenbauprogramms. Ausgehend von den politischen Weichenstellungen, geht es in den folgenden Ausführungen um die Rüstungswirtschaft, die ein solch ehrgeiziges Projekt Gestalt annehmen ließ und um die Verzahnungen zwischen Politik und Industrie, die der Kriegsschiffbau mit sich brachte. Dem Ruhrindustriellen Krupp wird ein ganzes Kapitel gewidmet sein. Wegen seiner Monopolstellung bei der Herstellung von Stahl macht sich dies notwendig.

Aber auch die mentalen Gesichtspunkte werden erörtert. Wie schafften es die Marinegläubigen unter Admiral Tirpitz, die öffentliche Meinung und den Reichstag von der Dringlichkeit einer Flottenaufrüstung zu überzeugen, welche teilweise mit den Interessen der Heeresrüstung in Konflikt gerieten?

Dieses Thema ist durch die Geschichtswissenschaft recht gut erschlossen. Dennoch widmen sich die meisten Publikationen der imperialistischen Politik des Flottenrüstens.

Michael Epkenhans sei an dieser Stelle erwähnt, der in seiner 1989 vorgelegten Dissertation, die 1991 als umfangreiches Buch in München erschien, die wilhelminische Flottenrüstung ausschließlich im Hinblick auf wirtschaftliche Aspekte hin untersuchte. Seine durch umfangreiche Quellenarbeit gekennzeichneten Forschungsergebnisse bilden die Basis dieser Hauptseminararbeit.

Die Verzahnung von Politik und Industrie, Lobbyismus, Monopolisten – organisierter Kapitalismus, wie unter anderem von Hans-Ulrich Wehler theoretisiert – sollen den „Überbau“ oder das Handlungsschema bilden, in dem sich die maritime Rüstung vollzog.[3] Nachzuweisen, ob das kaiserliche Deutschland die Industrie instrumentalisierte, oder ob dies, was zugegebenermaßen naheliegender ist, umgekehrt geschah, soll die Frage sein, auf die meine Arbeit eine Antwort sucht.

Inwieweit ging das Konzept auf, durch eine gezielte Förderung des deutschen Seeinteresses die Wirtschaft zu beleben und Konjunkturkrisen abzuschwächen? Man hatte in der Zeit des Flottenbauprogramms ja gerade den sogenannten Gründerkrach überwunden. Hier muß der Begriff „Sozialimperialismus“ fallen. Durch einen kontinuierlichen Ausbau der Flotte sollte einerseits die Industrie ordentlich verdienen. Andererseits gab es den Machthabern damit auch ein Instrument in die Hand, Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten zu schaffen, um auf diese Weise der Sozialdemokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen.[4]

Als ein weiterer Aspekt dieser Arbeit ist die gesellschaftliche Relevanz der Marinerüstung zu anzusehen, die in der wirtschaftlichen aufgeht. Nach 1871 brauchte, so schien es damaligen Politkern, die Nation wieder ein gemeinsames Ziel: Viele große und kleine Kriegsschiffe schienen prestigeträchtig genug, um dieses Ziel zu bilden.

Die Quellenlage gestaltet sich günstig. Viele der Reden, Briefwechsel und Akten sind in Dokumentationen ediert, etwa in Volker R. Berghahns „Rüstung im Zeichen wilhelminischer Weltpolitik“[5] oder Willi A. Boelckes „Krupp und die Hohenzollern in Dokumenten“[6].

2. Die Gewinnung der öffentlichen Meinung für den Kriegsschiffbau

„Ich brauchte ein Gesetz, um die Stetigkeit des Flottenbaus nach verschiedenen Flanken zu schützen“, schreibt Alfred von Tirpitz in seinen Erinnerungen.[7] Der Admiral, der seit 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamtes war und die Flottenrüstung energischer betrieb als sein Vorgänger Hollmann, wollte jedes Jahr „so viele Schiffe wie möglich bauen“.[8] Das Flottengesetz von 1898 sicherte den Bau von insgesamt 40 Schiffen, darunter ein Flottenflaggschiff, sechs große Kreuzer, über ein Dutzend kleine Kreuzer und eine Menge anderer, z. B. Untersee- und Torpedoboote.[9] Trotzdem war für die Umsetzung der gesetzlich festgelegten Flottenstärke eine umfangreiche Propaganda notwendig. Schließlich war nicht jedes Gesetz ein populäres, diente jenes zudem noch Partikularinteressen, wie dem flottenvernarrten Wilhelm II., diversen Imperialisten und einigen Marinestrategen wie Admiral Tirpitz.

Bei der Propaganda für eine starke und England ebenbürtiger Flotte ging es nicht ausschließlich um emotionale Beweggründe und emporgetretenes Weltmachtstreben. So vertraten nicht nur dem Imperialismus anheim gefallene Politiker diesen Standpunkt. Ebenso Historiker und Wirtschaftswissenschaftler gehörten zu den Befürwortern der maritimen Aufrüstung. Ihre Argumente: Schutz von Handelsschiffen und somit die Sicherstellung der Roh- stoffzufuhr für die deutsche Wirtschaft. Denn Autarkie, darüber herrschte Klarheit, war nicht zu machen.[10]

Aber auch die wegen der schlechten Konjunkturlage um die Jahrhundertwende hohe Arbeitslosigkeit diente als Grund für den Kriegsschiffbau. So schrieb 1901 der Vorsitzende des deutschen Flottenvereins, einer Lobbyistenversammlung, welche der Ruhrindustrielle Krupp ins Leben rief, Fürst Otto zu Salm an Tirpitz: „Von den Herren verschiedenster Parteirichtungen bin ich gebeten worden, eine Bewegung einzuleiten, welche dahin geht, den Reichstag zu veranlassen, an die Regierung die Bitte zu richten, angesichts der schlechten Konjunktur und der ungünstigen Geschäftslage von Handel und Industrie und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit vieler Tausender von Arbeitern den auf einen längeren Zeitraum verteilten Bau von Kriegsschiffen in möglichst beschleunigtem Tempo herbeizuführen.“[11] Zu diesem Zeitpunkt stand die Richtung bereits fest, die Propagandamaschine lief und Werbung für die deutsche Seerüstung wurde nicht mehr ausschließlich vom Flottenverein betrieben, sondern nunmehr vom Nachrichtenbureau des Reichsmarineamtes.

Das Jahr 1897 bedeutet in der Marinepolitik des deutschen Kaiserreiches in gewisser Weise eine Zäsur. Mit dem Wechsel der Führung vollzog sich auch ein Wechsel in der Öffentlichkeitsarbeit. Im Sommer 1897 gebildet, kümmerte sich nun ein „Nachrichtenbureau“ des Reichsmarineamtes um die „Public Relations“ für den geplanten Schiffbau. Der Leiter dieses Büros zur Meinungsmache, Fregattenkapitän von Heeringen, führte in einer Denkschrift von 1900 aus, wie er sich die Arbeit seiner Dienststelle vorstellt. Dabei zieht Heeringen eine starke Beeinflussung der Presse in Betracht: „Die Unterstützung der Tagespresse, die Jahre 1897/ 98 vom Nachrichtenbureau selbst stärker direkt beeinflußt worden ist, wie während der letzten Kampagne, muß auch fernerhin stattfinden.“[12]

Heeringen rät zur „dauerhaften Anstellung eines gewandten Journalisten“ im Nachrichtenbureau um einem Stoffmangel vorzubeugen.[13] Es ging also um eine kontinuierliche Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Damit es dem deutschen Marinebegeisterten nimmer langweilig werde, suchte das Nachrichtenbureau nach einem Öffentlichkeitsarbeiter, der stets Neues und Interessantes aus der Welt der Flotte vermeldete. Heeringens Chef Admiral Tirpitz ging es um gezielte Aufklärungsarbeit. Er wußte, so Lothar Burchardt, daß er „in Deutschland nur von einer Minderheit unterstützt wurde“.[14] Die Argumente der Überzeugungsarbeit betrafen weniger die wirtschaftlichen Impulse, wie sie etwa Otto zu Salm verwandte, als die außenwirtschaftlichen Aspekte. Im Falle eines Krieges wäre Deutschland von wichtigen Rohstoffimporten abgeschnitten. Bis zum Kriegsbeginn blieben Admiral Tirpitz, sein Reichsmarineamt und der Flottenverein diesen Beweggründen für eine leistungsfähige Kriegsmarine treu.[15] Tirpitz` Amt verfügte selbst über zwei Druckwerke: „Nauticus“ und „Marine-Rundschau“. Für letztere hatte der Nachrichtenbüro-Kapitän Heeringen eine besondere Rolle im Auge: „Ein solches Wochenblatt à la Militär-Wochenblatt gedacht, welches selbständig nach außen ist, aber der Zensur des Reichs-Marine-Amtes unterliegen müßte.“[16] Ein derartiges Fachblatt würde laut Heeringen größere Beachtung durch die Tagespresse und die öffentliche Meinung erfahren, zumal es sein Informationsmonopol exklusiv zu nutzen hätte.[17]

Heeringen erkannte aber auch die Wirksamkeit der Vereine, namentlich der Kolonialgesellschaft, des Alldeutschen Verbandes und des Flottenvereins. Da diese für die „Flottensache“ gewirkt haben, und dafür auch weiter wirken sollten, „... sind sie bisher nach jeder Richtung unterstützt worden. Auch in Zukunft wird hieran im Prinzip festzuhalten sein.“[18]

[...]


[1] Siehe: Johann, Ernst (Hrsg.): Reden des Kaisers. Ansprachen, Predigten und Trinksprüche Wilhelms II. München 1977, S. 81.

[2] Siehe: Johann: Reden des Kaisers, S. 89.

[3] Vgl. Wehler, Hans-Ulrich: Der Aufstieg des Organisierten Kapitalismus in Deutschland. In: Winkler, Heinrich August (Hrsg.). Organisierter Kapitalismus. Voraussetzungen und Anfänge (=Kritische Studien zur Geisteswissenschaft Bd. 9). Göttingen 1974, S. 36 – 58.

[4] Vgl. Berghahn, Volker R.: Der Tirpitz Plan. Genesis und Verfall einer innenpolitischen Krisenstrategie unter Wilhelm II., Düsseldorf 1971, S. 131.

[5] Berghahn, Volker R. / Deist, Wilhelm (Hrsg.): Rüstung im Zeichen wilhelminischer Weltpolitik. Grundlegende Dokumente 1890 – 1914, Düsseldorf 1988.

[6] Boelcke, Willi A. (Hrsg.): Krupp und die Hohenzollern in Dokumenten. Krupps Korrespondenz mit Kaisern, Kabinettschefs und Ministern 1850 – 1918. Frankfurt am Main 1970.

[7] Siehe: Schönbrunn, Günter (Hrsg.): Geschichte in Quellen: Das bürgerliche Zeitalter. München 1980, S. 602.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Gesetz betreffend die deutsche Flotte vom 10. 4. 1898. In: Geschichte in Quellen, S. 602.

[10] Vgl. Burchhardt, Lothar: Friedenswirtschaft und Kriegsvorsorge. Deutschlands wirtschaftliche Rüstungsbestrebungen vor 1914. Boppard am Rhein 1968, S. 85.

[11] Schreiben des Präsidenten des deutschen Flottenvereins, Fürst Otto zu Salm, an den Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Vizeadmiral v. Tirpitz, vom 3. 12. 1901. In: Berghahn, Volker, Deist, Wilhelm (Hrsg.): Rüstung im Zeichen wilhelminischer Weltpolitik. Grundlegende Dokumente 1890 – 1914. Düsseldorf 1988, S. 289.

[12] Denkschrift des Fregattenkapitäns von Heeringen vom 24. 9. 1900. In Berghahn/ Deist: Rüstung, S. 207.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Burchardt: Friedenswirtschaft, S. 72.

[15] Ebd.

[16] Berghahn/ Deist: Rüstung, S. 209.

[17] Ebd.

[18] Ebd., S. 209.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Deutsche Flottenrüstung 1897 - 1913 unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,5
Autor
Jahr
1999
Seiten
26
Katalognummer
V2617
ISBN (eBook)
9783638115780
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsches Kaiserreich o. Rüstungswirtschaft
Arbeit zitieren
Dirk Wurzel (Autor), 1999, Die Deutsche Flottenrüstung 1897 - 1913 unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2617

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