Jeder möchte gern einen Raum sein Eigen nennen können. Ist es ein Wohnraum, wo man sich zuhause oder einen Aufenthaltsraum und Handlungsraum, in dem man sich frei entfalten und sicher fühlen kann, um eigene Absichten oder bevorzugte Formen der Lebensführung zu verwirklichen. Werden diese Räume nun an Orten gesucht, die sich von den bisher bewohnten Orten zum Beispiel aufgrund des Klimas, der Kultur oder Sprache unterscheiden, ist dieser ohnehin schon herausfordernde Prozess mit weiteren oftmals unbekannten Schwierigkeiten verbunden. Fehlt es einem Migranten in dem eingewanderten Land zudem noch an einem legalen Aufenthaltsstatus, so wird es ihm schon allein rechtlich untersagt, sich in dem Land aufzuhalten und das Bedürfnis einen Raum sein Eigen nennen zu können somit grundsätzlich versagt.
Gesamt gesehen sind im ersten Halbjahr 2012 447.000 Ausländer nach Deutschland zugezogenen1. Dies ist ein Anstieg von 17 % im Vergleich zum ersten Halbjahr 2011. Die Zuwanderungen sind im Jahr 2011 gegenüber dem Vorjahr um 20 % gestiegen. Dahingegen wurden im Jahr 2011 318.000 Fortzüge aus Deutschland registriert (vgl. Statistisches Bundesamt 2012). Da in der Bundesrepublik allein schon im Jahr 2010 jede fünfte Person 65 Jahre und älter war, gewinnt die soziale Integration von Migranten in Deutschland immer mehr an Bedeutung (vgl. Statistisches Bundesamt 2012, 25).
In den soeben genannten Zahlen ist jedoch nicht die irreguläre Migration berücksichtigt worden. Es ist kein Geheimnis, dass sich aus unterschiedlichen Gründen eine unsichere Anzahl von Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere in Deutschland aufhalten und diese hier im permanenten Konflikt mit rechtlichen Bestimmungen leben. In der vorliegenden Arbeit wird bewusst der Begriff der Illegalität vermieden und stattdessen die Bezeichnung irregulär verwendet, da diese auf das konfliktive Verhältnis zu den rechtlichen Bestimmungen verweist und dadurch die Prozesshaftigkeit sowie Veränderbarkeit des Konfliktes zum Ausdruck gebracht werden kann (vgl. Buckel 2011, 251).
Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, was für Möglichkeiten irregulären Migranten haben, um zu handeln und Räume zu gestalten. Eine psychologische Sicht-weise auf die Situation von irregulären Migranten kann in dem Umfang dieser Arbeit nicht gegeben werden. [...]
Anhang ist nicht im Lieferumfang enthalten
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Rechtliche Grundlagen von Personen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung
1.1 Rechte im Bereich Arbeit
1.2 Rechte im Bereich Bildung
1.3 Rechte im Bereich Gesundheit
2. Forschungsstand in Hamburg
3. Raumvorstellungen in der Sozialen Arbeit
3.1 Die Entwicklung der Raumvorstellungen
3.2 Der soziale Raum
3.3 Verortungen von Individuen im sozialen Raum anhand der Kapitalarten nach Bourdieu
3.4 Die Aneignung von Raum
3.4.1 Die Verbindung von physischem und sozialem Raum
3.4.2 Der Kampf um Raum
3.5 Der Wandel der Raumdeutung
3.6 Soziale Räume und Soziale Arbeit
3.6.1 Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit
3.6.2 Herausforderungen einer sozialraumorientierten Sozialen Arbeit
3.6.3 Kritik der Sozialraumorientierung
3.7 Die Notwendigkeit einer reflexiven Raumorientierung in der Sozialen Arbeit
4. Forschungsanliegen
4.1 Wissenschaftstheoretischer und methodologischer Ausgangspunkt
4.2 Forschungsmethode
4.3 Forschungsprozess
4.4 Auswertung und Ergebnisse der Interviews
4.4.1 Kapitalarten und -volumen irregulärer Migranten
4.4.2 Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von irregulären Migranten in den Bereichen Arbeit, Bildung und Gesundheit
4.4.3 Handlungs- und Gestaltungsbeschränkungen von irregulären Migranten in den Bereichen Arbeit, Bildung und Gesundheit
4.4.4 Handlungsauftrag der Sozialen Arbeit
4.4.5 Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse
5. Die Soziale Arbeit und ihr Mandat
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten von irregulären Migranten in Hamburg in den zentralen Lebensbereichen Arbeit, Bildung und Gesundheit. Ziel ist es, aus einer raumtheoretischen Perspektive aufzuzeigen, wie diese Menschen in einer rechtlichen Grauzone existieren und welchen Handlungsauftrag die Soziale Arbeit in diesem Kontext hat.
- Rechtliche Rahmenbedingungen für Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus
- Raumtheoretische Perspektiven auf soziale Praxis und Aneignung
- Kapitalarten nach Bourdieu als Analyseinstrument für soziale Ungleichheit
- Die Rolle der Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit
- Empirische Untersuchung der Lebenslagen durch Experten- und Betroffeneninterviews
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Die Verbindung von physischem und sozialem Raum
Der physische Raum kann durch seine wechselseitigen Äußerlichkeiten definiert werden. Die Struktur des Sozialraumes wird als Aneinanderreihung von sozialen Positionen in den verschiedensten Kontexten in Gestalt räumlicher Oppositionen zum Ausdruck gebracht. Die in einer hierarchisierten Gesellschaft vorherrschenden sozialen Räume bringen sich also in verwischter Weise in den physischen Raum ein, wodurch sodann soziale Abstände zum Ausdruck gebracht werden. Der bewohnte bzw. angeeignete Raum funktioniert dann wie eine Art spontane Symbolisierung des Sozialraumes (vgl. Bourdieu [1993] (2008), 160). Die Position im sozialen Raum drückt sich oft auch durch gesetzliche Berechtigungen auf den eingenommenen Platz aus. Teilweise resultiert die Beständigkeit der Strukturen des Sozialraumes aus dem Umstand, dass sie sich in den physischen Raum einschreiben. Diese Struktur lässt sich nur durch mühevolle Verpflanzungen, wie durch den Umzug von Dingen oder Personen (teilweise) verändern, was jedoch höchst schwierige und kostspielige gesellschaftliche Veränderungen voraussetzt. Dieser verdinglichte Sozialraum äußert sich demnach als Verteilung verschiedener Arten von Gütern und Diensten sowie Akteuren und Gruppen mit ihrer physischen Platzierung (vgl. ebd., 161).
„Je nach Kapitalausstattung und ihrer jeweiligen physischen Distanz zu diesen Gütern, die ja selbst kapitalabhängig ist, wachsen oder verringern sich die Chancen, in den Genuss dieser Güter und Dienste zu gelangen. In der Beziehung zwischen der Verteilung von Akteuren und der Verteilung von Gütern im Raum manifestiert sich der jeweilige Wert der unterschiedlichen Regionen des verdinglichten Sozialraums“ (ebd., 161).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Rechtliche Grundlagen von Personen ohne gültige Aufenthaltsgenehmigung: Dieses Kapitel erläutert die rechtliche Situation von Menschen ohne Papiere unter besonderer Berücksichtigung der Bereiche Arbeit, Bildung und Gesundheit.
2. Forschungsstand in Hamburg: Hier wird der Überblick über die wissenschaftliche Studienlage zur Situation irregulärer Migranten im Hamburger Raum gegeben.
3. Raumvorstellungen in der Sozialen Arbeit: Das Kapitel führt in raumtheoretische Grundlagen ein und verbindet diese mit Konzepten der Sozialraumorientierung sowie Bourdieus Kapitaltheorie.
4. Forschungsanliegen: Darstellung des methodischen Vorgehens und der empirischen Auswertung der Interviews mit Betroffenen und Experten.
5. Die Soziale Arbeit und ihr Mandat: Diskussion über das professionelle Selbstverständnis und den Auftrag der Sozialen Arbeit im Kontext von Menschenrechten und sozialen Spannungsfeldern.
6. Schlussbetrachtung: Zusammenfassendes Fazit über die Notwendigkeit, irreguläre Migration als dauerhafte Herausforderung für die Soziale Arbeit zu begreifen.
Schlüsselwörter
Irreguläre Migration, Soziale Arbeit, Sozialraum, Kapitalarten nach Bourdieu, Lebenslage, Hamburg, Aufenthaltsstatus, Handlungsspielraum, Soziale Ungleichheit, Raumtheorie, Sozialraumorientierung, Beratung, Rechtliche Grauzone, Integration, Bildungszugang.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Lebensbedingungen von irregulären Migranten in Hamburg und untersucht, wie diese Menschen in den Bereichen Arbeit, Bildung und Gesundheit agieren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die rechtliche Situation, die raumtheoretische Perspektive auf die soziale Teilhabe und die Möglichkeiten der Unterstützung durch die Soziale Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten irregulärer Migranten zu identifizieren und den Stellenwert dieser Zielgruppe für die Soziale Arbeit zu erörtern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Es wurde eine qualitative Forschungsmethode angewandt, primär basierend auf problemzentrierten Interviews mit einem betroffenen Migranten sowie Experten aus relevanten Unterstützungsbereichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit Raumkonzepten und Bourdieus Kapitaltheorie sowie in eine empirische Analyse der Handlungsbeschränkungen und -möglichkeiten der Zielgruppe.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialraumorientierung, irreguläre Migration, Kapitalarten, soziale Teilhabe und der professionelle Handlungsauftrag der Sozialen Arbeit.
Welche Rolle spielt die Hamburger Behörde für Arbeit in diesem Kontext?
Die Behörde wird im Kontext der finanziellen Unterstützung und der Bedingungen für den Zugang zu Kindertagesstätten für Kinder ohne legalen Status diskutiert.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Sozialen Arbeit für irreguläre Migranten?
Die Autorin sieht einen klaren Handlungsauftrag der Sozialen Arbeit, die Interessen dieser Adressaten in der Öffentlichkeit zu vertreten und trotz der rechtlich schwierigen Lage Zugänge zu lebenswichtigen Ressourcen zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Almut Hoffmann (Autor:in), 2013, Die Suche nach Raum in einer Grauzone, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262069