Büchners „Lenz“ (1839), Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970) und Kumpfmüllers „Durst“ (2003) – drei literarische Werke, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Einerseits, weil sie aus verschiedenen Jahrhunderten stammen. Andererseits, weil sie sich mit unterschiedlichen Themen befassen. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch eine fundamentale Gemeinsamkeit auf: die Geistesstörung der Protagonisten. Die psychische Erkrankung und der voranschreitende Wirklichkeitsverlust der Helden – Lenz, Bloch und Conny – stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit.
Bei Kumpfmüllers „Durst“ handelt es sich um das jüngste, hier zu analysierende, Werk. Ein häufiges Problem bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Gegenwartsliteratur stellt der Mangel an Quellen dar. Daher wird sich auf Büchners „Lenz“, Handkes „Tormann“ und deren Sekundärliteratur gestützt, die eine solide Basis bilden sollen, um Connys geistigen Krankheitsverlauf zu untersuchen. Die Annahme besteht, dass sie Kumpfmüller als Vorlage für seinen Roman gedient haben. Die beiden Bücher stehen stellvertretend für zwei literarische Epochen (den Vormärz und die Nachkriegsliteratur) und wurden ausgewählt, da es notwendig ist sich auf vorherige Werke zu beziehen, um der modernen Literatur gerecht werden und um sie zu verstehen zu können.
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung
B Historischer Kontext
I Die moderne Psychologie
II Die Rolle der Schizophrenie
C Ein Vergleich
I Trema
1. Unsinnige Handlungen
2. Initiale Depression
3. Misstrauen
4. Wahnstimmung
II Apophäne Phase
1. Äußere und innere Apophänie
2. Anastrophé
3. Sprachzerfall
II Apokalyptische Phase
D Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Prozess der geistigen Umnachtung und den damit einhergehenden Wirklichkeitszerfall der Protagonisten in den literarischen Werken "Lenz" von Georg Büchner, "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" von Peter Handke und "Durst" von Michael Kumpfmüller. Die Forschungsfrage fokussiert sich darauf, wie sich diese psychischen Krankheitsprozesse innerhalb einer phasenbasierten Struktur literarisch darstellen lassen.
- Analyse des psychologischen Krankheitsverlaufs in der Literatur
- Vergleich von Wirklichkeitszerfall und Schizophrenie-Symptomen
- Untersuchung literarischer Techniken der Bewusstseinsdarstellung
- Strukturierung der geistigen Umnachtung in Phasen (Trema, Apophänie, Apokalyptik)
- Bezugnahme auf fachwissenschaftliche Gestaltanalysen des Wahns
Auszug aus dem Buch
1. Unsinnige Handlungen
Bereits am Anfang von Büchners „Lenz“ wird dem Leser klar, dass es sich bei der Hauptfigur nicht um eine gewöhnliche Person handelt. Die Aussage, dass es Lenz manchmal unangenehm sei, „daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte“, kann durchaus als merkwürdig eingestuft werden. Der Protagonist legt allgemein ein Verhalten an den Tag, dass für Außenstehende unsinnig erscheint. Ein Beispiel hierfür ist Lenz‘ erster Sprung in den Brunnen. Er leidet unter einer „unnennbaren Angst“ und kennt keinen anderen Ausweg, als sich in den Brunnen zu stürzen. Conrad erläutert, dass die Schizophrenie sich in ihrer beginnenden Phase durch ein ständiges Gefühl von Anspannung ausdrückt. Auch Lenz empfindet fast pausenlos eine innere Unruhe, ein „Drängen“. In der Nacht wird dieser Druck durch die Angst verstärkt. Damit Lenz mit dieser Spannungserhöhung umgehen kann, bleibt ihm nichts anderes, als aus der Situation zu fliehen – indem er ins eiskalte Wasser springt. Die umstehenden Menschen wissen nichts von seinem inneren Notzustand. Für sie ist das Geschehen eine „eigenartige Entgleisung“, etwas Verrücktes. Lenz kann sein Handeln jedoch noch rechtzeitig begründen, da er antwortet „daß er gewohnt sei kalt zu baden“.
Zusammenfassung der Kapitel
A Einleitung: Vorstellung der untersuchten Werke und Erläuterung des Vergleichsansatzes bezüglich der psychischen Erkrankung der Helden.
B Historischer Kontext: Erörterung der Entwicklung der Psychologie als Disziplin und der klinischen Einordnung der Schizophrenie.
C Ein Vergleich: Praktischer Teil, der den Krankheitsverlauf anhand der Phasen Trema, Apophäne Phase und Apokalyptische Phase vergleichend analysiert.
D Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Bestätigung des linearen Verlaufs des Wirklichkeitszerfalls bei allen drei Figuren.
Schlüsselwörter
Schizophrenie, Wirklichkeitszerfall, psychische Erkrankung, literarischer Vergleich, Trema, Apophänie, Anastrophé, Wahnwahrnehmung, Sprachzerfall, Identitätsverlust, Bewusstseinszustand, Büchner Lenz, Handke Tormann, Kumpfmüller Durst, Psychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht den Prozess der psychischen Zersetzung und des Wirklichkeitsverlusts der Protagonisten in drei Werken der deutschsprachigen Literatur aus verschiedenen Epochen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die zentralen Themenfelder sind die literarische Darstellung von Geisteskrankheiten, insbesondere schizophrener Schübe, und die damit verbundenen Wahrnehmungsstörungen der Hauptfiguren.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den "Prozess der geistigen Umnachtung" sowie den Wirklichkeitszerfall bei Lenz, Bloch und Conny herauszuarbeiten und diesen anhand von psychologischen Phasen zu strukturieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die durch Konzepte der modernen Psychologie (speziell Klaus Conrads "Die beginnende Schizophrenie") fundiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Werke in drei Phasen des schizophrenen Schubs unterteilt: das Trema, die apophäne Phase und die apokalyptische Phase.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Schizophrenie, Wirklichkeitszerfall, Wahnwahrnehmung, Anastrophé und Sprachzerfall.
Wie unterscheidet sich Conny in "Durst" von den anderen beiden Figuren?
Conny zeigt eine ähnliche Symptomatik wie Lenz und Bloch, jedoch ist bei ihr die soziale Inaktivität und die Unfähigkeit zur Kommunikation mit dem eigenen Umfeld, etwa ihren Kindern, besonders stark ausgeprägt.
Welche Bedeutung hat das "Trema" in dieser Untersuchung?
Das Trema ist die erste Phase des Schizophrenie-Verlaufs, in der die Protagonisten durch erste unsinnige Handlungen, initiale Depressionen und wachsendes Misstrauen auffallen, noch bevor ein Wahn voll ausbricht.
Was ist das zentrale Merkmal der apokalyptischen Phase?
In dieser finalen, aggressiven Etappe löst sich die Wahrnehmung vollständig in einem Nebel aus qualitativer Erfahrung auf, und die Betroffenen verlieren den Bezug zwischen Traum und Wirklichkeit völlig.
- Citation du texte
- Francoise Stoll (Auteur), 2013, Der Prozess der geistigen Umnachtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262084