Die Gattungsproblematik der Crescentia in der Kaiserchronik


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Die Einordnung der Crescentia als Legende

3. Die Einordnung der Crescentia als Roman/Novelle

4. Die Turmepisode in der Crescentia als Proto-Märe

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Die auf Motive des altorientalischen Sagenkreises zurückgehende Crescentiaerzählung [1] darf als eine der wohl spannendsten Geschichten innerhalb der etwa „um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandenen“ [2] deutschen Kaiserchronik betrachtet werden, schildert sie doch in eindrucksvoller, den Leser unglaublich fesselnder Weise die Geschichte einer gottesfürchtigen Kaiserin namens Crescentia, die aufgrund von Intrigen zweimal zum Tode verurteilt und ertränkt werden soll, den Wurf in die Fluten jedoch beide Male überlebt und vom heiligen Apostel Petrus mit der Gabe ausgestattet wird, ihre Peiniger vom Aussatz zu heilen, der diese befallen hat, nachdem sie sich durch ihre Verleumdungen gegenüber Crescentia versündigt hatten.

Doch nicht nur inhaltlich weiß die Crescentia zu überzeugen. Was sie vor allem so besonders macht, ist ihre innere Form, die den künstlerischen Charakter dieses Werkes besonders treffend verdeutlicht. Bereits der symmetrische Aufbau der Erzählung, der zuerst von dem bedeutenden Germanisten Ernst Friedrich Ohly (1914-1996) nachgewiesen wurde, zeigt ein eindrucksvolles Kompositionsprinzip:

So entspricht der verschiedenartigen Bestrafung und Errettung der Kaiserin im Exempel die Wiederholung des gleichen Ertränkungsmotivs mit der Errettung durch die verwandten Gestalten des Fischers und des Petrus. Die Beichtszenen wurden verdoppelt und vollkommen parallel gebaut, wodurch ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen den Teilen A und B erreicht wurde. [3]

Im Folgenden soll insbesondere der vielfach diskutierten Frage nach der Gattungszugehörigkeit der Crescentia auf den Grund gegangen werden, die immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen war. Während Elfriede Stutz [4] beispielsweise den erst durch die Dichtungstheorie Goethes populär gewordenen Begriff der Novelle auch für mittelalterliche Texte fruchtbar zu machen und den Nachweis zu erbringen suchte, dass es sich bei der Crescentia um eine eben solche handele, ordnete Karen Baasch [5] sie als Beichtlegende ein. Für die Gattung der Legende plädierte auch Ohly, der kurz und knapp festhielt: „Die Gattung der Crescentiadichtung ist die der durch spätantike Romanformen beeinflußten weltlichen Legende“ [6] .

Diese Arbeit will einen weiteren Beitrag zum Verständnis der Gattungsproblematik der Crescentia leisten. Die These meiner Untersuchung ist, dass sich die Crescentia jeder festen Einordnung in irgendeine Gattung entzieht. Stattdessen muss das Werk als eine Art „Gemisch“ aus den unterschiedlichsten Gattungen betrachtet werden. Der bloße Versuch einer starren, dogmatischen Einordnung in eine feste Gattung allerdings muss schon von Anfang an als gescheitert gelten. Explizit im Text nachweisen lassen sich dagegen Merkmale der Legende, des Romans/der Novelle und des Märes.

Methodisch wird diese Untersuchung wie folgt vorgehen: Die Arbeit gliedert sich in drei Teile, von denen jeder für sich kritisch abwägend der Frage nachgeht, welche Gattung für die Crescentia in Frage kommen könnte. Der erste Teil wird dabei die Eignung der Gattung Legende für die Crescentia untersuchen, während sich der zweite Teil den Gattungen Roman/Novelle annimmt. Ein abschließender dritter Teil erörtert die Möglichkeit, dass es sich bei der Turmepisode der Crescentia um ein Proto-Märe handeln könnte. Ein Fazit am Ende der Untersuchung stellt noch einmal die wichtigsten gewonnenen Erkenntnisse in den Blickpunkt der Betrachtung.

Für den Verlauf meiner Untersuchung orientiere ich mich in den ersten beiden Teilen an der Argumentationsstruktur von Frank Plagwitz, der meiner Ansicht nach die beste Publikation [7] zum Problemgegenstand vorgelegt hat. Trotz seiner bestechenden Beweisführung werde ich ihn an geeigneter Stelle kritisieren und dort Schwächen in seinen Gedankengängen aufzeigen, wo ich dies für gerechtfertigt halte.

Der dritte Teil befasst sich mit der Behauptung von Claudia Bornholdt [8] , dass die bekannte Turmepisode der Crescentia Elemente eines Märes enthalte. Bornholdt argumentiert für ihre These streng am Text und weist in vielfacher Hinsicht nach, wie die Turmepisode die an ein Märe gestellten Anforderungen erfüllt.

2. Die Einordnung der Crescentia als Legende

Plagwitz unterteilt seinen Aufsatz in fünf Abschnitte: in einen einleitenden Teil, der den Leser in die Gattungsproblematik einführt (S. 103-107), in einen zweiten Teil (S. 107f.), der mögliche Argumente für eine Einordnung der Crescentia als Legende anführt, in einen dritten Abschnitt (S. 108-113), der „ romanhaft-novellistische Elemente [9] diskutiert, in einen vierten Teil zum Kompositionsschema (S. 113-119) sowie in ein abschließendes Fazit (S. 199f.)

Im zweiten Teil seiner Untersuchung nimmt sich Plagwitz der Frage an, welche Argumente für eine Einordnung der Crescentia in die Gattung der Legende sprechen. Er zitiert hier Wehrli, der als wichtige Merkmale der Legende nennt:

die einfache Typik der Motive […]; legendenhaft ist die durchsichtige Symbolik: Sünde und Aussatz, Absolution und Heilung sind kaum zu unterscheiden, und die wunderbare Rettung vom leiblichen Tod verbürgt zugleich das ewige Leben. [10]

Die hier erwähnte „einfache Typik der Motive“ glaubt Plagwitz vorrangig in den Persönlichkeitsmerkmalen Crescentias entdecken zu können, nämlich „ihre geduldige Liebe, ihr grenzenloses Verzeihen und ihr demütiges Duldertum“ [11] . Doch auch in den „biblischen Reminiszenzen, die sich in der Petrusszene durch ihre Analogie zu Matth. 16, 19, der Übertragung der Schlüsselgewalt, und zu Matth. 14, 30, dem sogenannten Wasserwunder, finden“ [12] , glaubt Plagwitz das von Wehrli geforderte Kriterium der Motivtypik wiederfinden zu können und „nicht zuletzt erinnert freilich auch die Symbolik von Sünde und Aussatz sowie Buße und Heilung an biblische Topoi (etwa Joh. 5, 14; Kor. 11, 30ff.)“ [13] .

Aus Wehrlis Definition geht als drittes die Legende konstituierendes Merkmal neben der motivischen Typik und der Symbolik noch ein göttlicher Eingriff in das Naturgeschehen („wunderbare Rettung“) hervor. Wunder tauchen an verschiedenen Stellen in der Crescentia auf, etwa die Errettung der Gottesfürchtigen durch den Apostel Petrus (VV. 12365-12410) [14], die Heilung des Herzogs und seines viztuoms vom Aussatz(VV. 12411-12570) sowie die Heilung der beiden Dietriche (VV. 12571-12742). Bemerkenswert ist die Ausführung von Plagwitz zur Rolle des Wunders einerseits in der Legende, andererseits im Märchen. Im Märchen sei das Wunder „für die Handelnden zur Selbstverständlichkeit geworden“ [15]. Doch kann diese Stelle als Argument dafür, warum die Crescentia kein Märchen sein könne, überhaupt überzeugen? Kritisch muss eingewandt werden, dass an keiner Stelle die übernatürlichen Vorgänge – die Rettung durch Petrus und die Wunderheilungen Crescentias –auf die von der Handlung betroffenen Personen erstaunlich wirken oder auf sie den Eindruck von bemerkenswerten Ereignissen machen[16]– und somit also ganz „für die Handelnden zur Selbstverständlichkeit geworden“ sind, wie der Autor schreibt. Das Argument von Plagwitz geht hier also fehl.

Nicht nur im zweiten Abschnitt macht sich der Autor Gedanken zum legendarischen Charakter. Bereits im ersten Teil zitiert er Hellmut Rosenfeld:

Voraussetzung echter Legende sei der Glaube. Die Geltung der Legende beschränke sich auf die Religionsgemeinschaft, in der sie erwuchs. Weil sie aus dem Glauben erwachse, habe sie die Form eines einfachen, naiven unreflektierten Berichtes […]. [17]

Dieses Zitat nutzt Plagwitz als Gegenargument zur Einordnung als Legende, denn

die kunstvolle Komposition unserer Erzählung [widerspricht, K.S.] einer eindeutigen Zuordnung zur Gattung 'Legende', als einem 'naiven, unreflektierten Bericht' im Sinne Rosenfelds. […] Ein solcher Befund macht eine Einordnung dieses komplexen sprachlichen Kunstwerkes in nomothetische Gattungskategorien aber unmöglich. [18]

Betrachtet man diese Argumentation vor dem Hintergrund der gründlichen Kompositionsanalyse Ohlys [19] , so kann man diesem Kontra-Argument von Plagwitz eine gewisse Überzeugungskraft nicht absprechen.

3. Die Einordnung der Crescentia als Roman/Novelle

Nach der Betrachtung legendarischer Elemente in der Crescentia nimmt sich Plagwitz der Frage nach romanhaft-novellistischen Merkmalen der Erzählung an. Als zentrales Argument für einen romanhaften Wesenszug bringt der Autor die „Entwicklung der Protagonistin unserer Erzählung“ [20] ins Spiel. Anfangs stünde die leidgeplagte Heldin „an der Spitze weltlicher Macht“ [21] , mache sich jedoch im Verlauf ihrer Odyssee auf den Weg „hin zu Gott“ [22] . Im Ganzen beschreite unsere gedemütigte Kaiserin also den Weg einer Tetrade: weltliche Sphäre (anfängliche Macht) – religiöse Sphäre (Petrusbegegnung) – weltliche Sphäre (Rückkehr an die Macht) – religiöse Sphäre (Gang ins Kloster):

Crescentia zeigt also zumindest tendenziell eine Entwicklung vom Dasein einer […] fest im weltlichen Bereich verankerten römischen Kaiserin […] bis zur Heiligung durch Petrus und darüber hinaus bis zu ihrem Triumph, da sie, mit priesterlichen Vollmachten versehen, die göttliche Gnade vermittelt. Am Ende kehrt sie […] zur weltlichen Herrschaft zurück, um erst dann endgültig zu entsagen und sich ins Kloster zurückzuziehen. [23]

An sich spricht gegen diese Argumentation nichts. Plagwitz hätte sie allerdings noch stärker untermauern können, wenn er dem Namen der Protagonistin ein wenig mehr Beachtung geschenkt hätte. Dass die Heldin der Erzählung Crescentia , also lateinisch für Wachstum , heißt, ist sicherlich nicht ohne Bedeutung für die Geschichte und bisher noch kaum näher untersucht worden [24] . Doch gerade wenn man einen Entwicklungsvorgang der Kaiserin behauptet, kommt es einem zugute und ist es eine nicht zu unterschätzende dienliche Hilfe, wenn man den Fokus auf ihren Namen legt: Wachstum ist bekanntlich ein prozesshaftes Geschehen, dass bezogen auf die Körpergröße zwar irgendwann abgeschlossen ist, aber nicht bezogen auf die Persönlichkeit eines Menschen, die stets im Werden begriffen ist. Auch Crescentia wächst an den Plagen und Drangsalen, denen sie ausgesetzt ist, denn schließlich gibt sie niemals auf, sondern versteht es, sich trotz aller Schicksalsschläge die Hoffnung zu bewahren. Und auch die von Plag-witz implizierte Tetrade stellt letztlich eine Art Wachstum dar. Insofern verpasst der Autor hier eine fruchtbare Gelegenheit, mittels einer Namensanalyse das Argument einer Entwicklung Crescentias zusätzlich zu nähren.

Im Folgenden begründet Plagwitz noch einmal, warum die Crescentia nicht „zur Legende im Sinne Rosenfelds“ [25] gerechnet werden könne, nämlich 1. wegen Crescentias persönlicher Entwicklung in der Dichtung, 2. aufgrund ihrer Charakterisierung während der Turmepisode, die dem Typus der „weltabgewandte[n] christliche[n] Heilige[n]“ [26] widerspreche und 3. angesichts diverser Motive wie „die erotische Thematik, die höfischen Szenen am Kaiser- und Herzoghof […]“ [27] etc.

Unverständlich bleibt, warum Plagwitz nicht auf die Gattung der Novelle eingeht. Die Abschnittsüberschrift gerät hier zur Mogelpackung, denn der Autor erörtert gar nicht, ob die Crescentia novellistische Elemente enthält und man sie zur Novelle zählen könnte oder ob nicht. Dabei hätten sich gerade hier interessante Anknüpfungspunkte ergeben, wenn man sich einmal die Definition des Novellenbegriffs vor Augen führt:

Novelle , f. […], Erzählung in Prosa, seltener Versform, gestaltet ein real vorstellbares Ereignis oder eine Folge weniger, aufeinander bezogener Ereignisse, die gemäß dem Namen ›N‹. den Anspruch auf Neuheit erheben. Die Ereignisfolge beruht auf einem zentralen Konflikt , der inhaltlich meist einen Gegensatz von Außergewöhnlichem oder Neuartigem mit Normalem bzw. Hergebrachtem herausstellt […]. [28]

Oder auch:

Novelle w (it., ‚Neuigkeitʻ), literar. Form kunstvoller Prosaerzählung, deren Gegenstand „eine sich ereignende unerhörte Begebenheit“ (Goethe) ist. [29]

Hier hätten sich Plagwitz Möglichkeiten geboten, die Anwendbarkeit des Novellenbegriffs zu- oder ablehnend zu erörtern, gerade im Hinblick auf Goethes Kriterium der „unerhörten Begebenheit“ oder das Merkmal der Neuheit. Leider nimmt der Autor auch diese Möglichkeit nicht wahr, was hier kritisch angemerkt werden muss.

4. Die Turmepisode in der Crescentia als Proto-Märe

Bornholdt plädiert dafür, die Turmepisode der Crescentia als Märe zu deuten. Sie führt dazu einige charakteristische Merkmale der Gattung Märe an, die sie der Untersuchung Karl-Heinz Schirmers [30] entnimmt. So sieht sie in der Erzählung etwa das Merkmal „description of a woman’s beauty“ [31] als erfüllt an, denn „Crescentia is referred to as good-looking“ [32] . Weitere Merkmale weist sei ebenfalls anhand des Textes nach, etwa die Prophezeiung schlechter Zeiten, die der Erzähler in Zeiten des Wohlstandes ankündigt [33] : „After Crescentia chooses a husband, the narrator foreshadows the bad times to come: ‚des chom si sît in grôze nôte’ (11,413)“ [34] . Ebenso entgeht ihr nicht das Kriterium, wonach in einem Märe die Handlungen mancher Charaktere unter dem Einfluss äußerer Mächte begangen werden („[…] are guided by outside influences (e.g., the devil)“ [35] ): „Dietrich attempts to force himself on Crescentia after the departure of her husband because he is guided by the influence of the devil“ [36] .

Ferner findet die Autorin das Prinzip der Wiederholung („the use of repetition“ [37] , wie sie schreibt) in der Turmepisode der Erzählung wieder:

Four times Dietrich is bent on adultery and four times Crescentia poses a condition he must fulfill before she is willing to give in. He must build a tower, provide it with locks, stock it with food and drink, and secure relics. [38]

Wichtiger aber noch als die Betrachtung von stilistischen Märenelementen erscheint ihr die Hinwendung zu Kompositionselementen („ elements of composition [39] ) des Märes. Außer des Prologs nämlich seien in der Turmepisode alle notwendigen kompositorischen Glieder vorhanden, so etwa eine drei Hauptcharaktere enthaltende „ Märenexposition [40] (Crescentia, der schöne Dietrich und der hässliche Dietrich), in der die Charaktere und eine vorwegnehmende Situation bereits den Keim des künftigen Konflikts in sich tragen: „[…] the conflict unfolds without delay since Crescentia has to choose between the two brothers“ [41] . Eine dreigeteilte Struktur, bestehend aus „1) the development of the events and the unfolding of the conflict, 2) climax and turning point, 3) resolution of the conflict” [42] sieht die Autorin gegeben in 1) einem Konflikt, der damit beginne, dass der hässliche Dietrich Crescentia mit dem schönen Dietrich zurücklasse (Geschehnisentwicklung), 2) in dem Verführungsversuch des schönen Dietrich (Klimax) sowie in Crescentias Tücke als Wendepunkt, „since she wards off the immediate danger by keeping him busy“ [43] . Die angespannte Situation letztlich „is solved the moment he is in captivity” [44] . Weitere Gemeinsamkeiten mit einem Märe – etwa einem szenischen Übergang, der Zeit- und Naturbeschreibungen beinhaltet sowie ebenfalls eine gewisse Eigenständigkeit zeigt – konstatiert Bornholt wie folgt:

The transitions between the scenes contain expressions of time and descriptions of nature. Furthermore, the tower episode is self-contained; even if it were taken out of the ‘Crescentia’ text, it would retain its effect and meaning. [45]

Doch könne die Turmepisode der Gattung Märe nicht in allen Einzelheiten gerecht werden, denn einige Eigenschaften eines Märes würden diesem speziellen Segment der Crescentia fehlen:

Aside from these obvious similarities, however, the tower episode lacks two very important characteristics of the Märe: the prologue and the use of exempla in which the narrator addresses his audience in order to explain his intention […] of the text. [46]

Bornholdt ist eine gute Analyse der Turmepisode gelungen, die freilich das Problem einer abschließenden Gattungszuweisung der Crescentia auch nicht zu lösen vermag:„[…] this analysis does not purport to solve the problem of genre classification for the

’Crescentia’ story as a whole“ [47] .

5. Fazit

Die vorliegende Arbeit konnte die zuvor in der Einleitung aufgestellte These belegen, dass eine endgültige Einordnung der Crescentiaerzählung in der Kaiserchronik in eine klar definierte, fest umrissene Gattung nicht möglich ist. Als ein literarisches Werk, das sich aus dem vielfältigen Merkmalsfundus unterschiedlichster Gattungen bedient, ist die Crescentia als solche jedoch selbst keiner Gattung eindeutig zuzuordnen. Sie entzieht sich jeder starren Typisierung. So konnte die Untersuchung von Plagwitz etwa zeigen, dass die Crescentiaerzählung eindeutig Merkmale einer Legende trägt, etwa die von Wehrli angeführte „einfache Typik der Motive“ [48] , für Plagwitz begründet in der Persönlichkeit Crescentias oder das Vorkommen von Wundern („die wunderbare Rettung vom leiblichen Tod“ [49] ). Nicht zuletzt ist auch der christlich-religiöse Symbolreichtum der Erzählung (Petrusszene, Sünde, Buße etc.) ein ausreichender Grund dafür, einen legendarischen Charakter des Werkes zumindest teilweise zu legitimieren.

Doch auch Gegenargumente für eine ausschließliche Verortung als Legende macht Plagwitz geltend. So weist er darauf hin, dass die von Ohly aufgezeigte Gestaltung der Erzählung [50] eindeutig gegen das Rosenfeldsche Kriterium des „einfachen, naiven unreflektierten Berichtes“ [51] spreche. Ein anderes Kontra-Argument von Plagwitz, nämlich das die Crescentia kein Märchen sein könne, denn im Märchen sei das Wunder „für die Handelnden zur Selbstverständlichkeit geworden“ [52] , konnte indes nicht überzeugen und musste bei näherer Betrachtung zurückgewiesen werden.

Auch was das Romanhafte der Crescentia angeht, ergibt sich keine klare Möglichkeit zur Gattungszuordnung. Als einziges romanhaftes Motiv kommt der Entwicklungsprozess der Titelheldin in Betracht. Die Frage, ob die Crescentia als Novelle gewertet werden könne oder nicht, bleiben bei Plagwitz außen vor.

Ein interessanter Vorstoß ist bei Bornholdt zu beobachten. Die Untersuchung ihrer Thesen im Rahmen dieser Arbeit hat ergeben, dass die Deutung der Turmepisode unter dem Bezugspunkt des Märes eine neue Perspektive eröffnet. Zwar musste auch hier festgestellt werden, dass die Episode nicht alle Merkmale eines Märes aufweist – es fehlt beispielsweise der für ein Märe wichtige Prolog –, aber immerhin gelingt es Bornholdt, anhand des Textes zentrale Merkmale dieser Gattung nachzuweisen, etwa die dreigliedrige Struktur der Episode, eine gewisse Prophezeiung zukünftiger Geschehnisse, die Tatsache, dass dieses Segment auch als eigenständige Geschichte funktionieren könnte etc. Bornholdt untersucht dazu einerseits „ stylistic characteristics of the Märe [53] , andererseits aber auch „ elements of composition of the Märe [54] – beides, so konnte im Verlauf dieser Arbeit gezeigt werden, kann sie überzeugend nachweisen und findet immer wieder Textstellen, um ihre These auch zu belegen.

Abschließend kann nur noch gesagt werden, dass das Problem der Gattungszugehörigkeit der Crescentia wohl nun endgültig als gelöst angesehen werden muss. Es gibt schlicht und einfach keine befriedigende Möglichkeit einer festen Zuordnung dieser Erzählung zu einer vordefinierten Gattung. Schon der Versuch einer solchen Einordnung muss letztlich scheitern. So komme ich mit den beiden Autoren denn auch zu dem Ergebnis:

Jeder Versuch, die 'Crescentia' der Kaiserchronik gattungsmäßig festzulegen, muß fehlschlagen […]. Jede Interpretation, die diese charakteristische Gattungsmischung nicht wahrnehmen möchte und statt dessen nur eine der hier zum Ausdruck kommenden Gattungen verabsolutiert, muß einseitig bleiben und letztlich beim Versuch des Verstehens dieses sprachlichen Kunstwerks scheitern. [55]

Mit dieser Ansicht steht Plagwitz nicht allein da. So notiert etwa Claudia Bornholdt denn auch:

To sum up: this analysis does not purport to solve the problem of genre classification for the “Crescentia” story as a whole. As my close reading has made clear, the traditional ways of classifying this tale–legend, miracle story, novella, inter alia –are inadequate to explain the tower episode. [56]

6. Literaturverzeichnis

I. Quellen

Crescentia-Erzählung der Kaiserchronik (Kchr). In: Schröder, Edward (Hg.): Die Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen (= MGH, Deutsche Chroniken, 1. Bd., 1. Abt.), (Unveränderter Nachdruck: Deutsche Neudrucke, Texte des Mittelalters, hrsg. von Stackmann, Karl. Berlin und Zürich 1964). Hannover: Hahn, 1892. S. 289-314.

II. Sekundärliteratur

[1] Baasch, Karen: Die Crescentialegende in der deutschen Dichtung des Mittelalters. Stuttgart 1968 (Germanistische Abhandlungen 20).

[2] Bornholdt, Claudia: Tricked into the Tower: The “Crescentia” Tower Episode of the Kaiserchronik as Proto- Märe . In: Journal of English and Germanic Philology.

Vol. 99, No. 3 (2000). S. 395-411.

[3] Lingen Verlag [Hg.]: Das große Lingen Universal Lexikon. 20 Bände. Band 12.

Köln: Lingen, 1982.

[4] Ohly, Ernst Friedrich: Sage und Legende in der Kaiserchronik. Untersuchungen über Quellen und Aufbau der Dichtung. 2., unveränderte Aufl. Repografischer Nachdruck der 1. Aufl., Münster in Westfalen 1940 (= Forschungen zur deutschen Sprache und Dichtung. Heft 10). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968.

[5] Pézsa, Tibor Friedrich: Studien zu Erzähltechnik und Figurenzeichnung in derdeutschen ʻKaiserchronik’. Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1378. Frankfurt/Main; Berlin; Bern; New York; Paris;Wien: Verlag Peter Lang, 1993. Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1992.

[6] Plagwitz, Frank: Die ironische Dulderin. Zum Gattungsproblem der 'Crescentia'- Erzählung in der 'Kaiserchronik'. In: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik. Bd. 36 (1992). S. 103-120.

[7] Rosenfeld, Hellmut: Legende. 4. Aufl. Stuttgart 1982.

[8] Schirmer, Karl-Heinz: Stil- und Motivuntersuchungen zur mittelhochdeutschen Versnovelle. Tübingen:Niemeyer, 1969.

[9] Schweikle, Günther; Schweikle, Irmgard [Hg.]: Metzler-Literatur-Lexikon: Stich-

wörter zur Weltliteratur. Stuttgart: Metzler, 1984. S. 308-310.

[10] Stutz, Elfriede: Frühe Deutsche Novellenkunst. Diss. (masch.) Heidelberg 1950.

Hrsg. von Clifford Albrecht Bernd und Ute Schwab. In: Müller, Ulrich; Hundsnur-

scher, Franz; Sommer, Cornelius (Hg.): Göppinger Arbeiten zur Germanistik.

Nr. 560. Göppingen: Kümmerle Verlag, 1991.

[11] Wehrli, Max: Roman und Legende im deutschen Mittelalter. In: Ders.: Formen

mittelalterlicher Erzählung. Zürich 1969. S. 155-176.

[...]


[1] Crescentia-Erzählung der Kaiserchronik (Kchr). In.: Schröder, Edward (Hg.): Die Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen (= MGH, Deutsche Chroniken, 1. Bd., 1. Abt.), (Unveränderter Nachdruck:

Deutsche Neudrucke, Texte des Mittelalters, hrsg. von Stackmann, Karl. Berlin und Zürich 1964). Hannover: Hahn, 1892. S. 289-314.

[2]Pézsa, Tibor Friedrich: Studien zu Erzähltechnik und Figurenzeichnung in der deutschen ʻKaiserchro-nik’. Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1378. Frank-furt/Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien: Verlag Peter Lang, 1993. Zugl.: Göttingen, Univ.,Diss., 1992. S. 13.

[3]Ohly, Ernst Friedrich: Sage und Legende in der Kaiserchronik. Untersuchungen über Quellen und Aufbau der Dichtung. 2., unveränderte Aufl. Repografischer Nachdruck der 1. Aufl.,Münster in Westfalen 1940 (= Forschungen zur deutschen Sprache und Dichtung. Heft 10). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968. S. 193f.

[4] Stutz, Elfriede: Frühe Deutsche Novellenkunst. Diss. (masch.) Heidelberg 1950. Hrsg. von Clifford Al-brecht Bernd und Ute Schwab. In: Müller, Ulrich; Hundsnurscher, Franz; Sommer, Cornelius (Hg.):Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 560. Göppingen: Kümmerle Verlag, 1991.

[5] Baasch, Karen: Die Crescentialegende in der deutschen Dichtung des Mittelalters. Stuttgart 1968.

Germanistische Abhandlungen 20.

[6] Ohly, a.a.O., S. 195.

[7] Plagwitz, Frank: Die ironische Dulderin. Zur Gattungsproblematik der 'Crescentia'-Erzählung der

'Kaiserchronik'. In: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik. Bd. 36 (1992). S. 103-20.

[8] Bornholdt, Claudia: Tricked into the Tower: The “Crescentia” Tower Episode of the Kaiserchronik

Proto- Märe . In: Journal of English and Germanic Philology. Vol. 99, No. 3 (2000). S. 395-411.

[9] Plagwitz, a.a.O., S. 108. Hervorhebungen wie im Original.

[10] Wehrli, Max: Roman und Legende im deutschen Mittelalter. In: Ders.: Formen mittelalterlicher Erzäh-

lung, Zürich 1969. S. 155-176. Hier: S. 157. Zit. nach Plagwitz, a.a.O., S. 107. Von mir leicht gekürzt.

[11] Plagwitz, a.a.O., S. 107.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Ich folge bei dieser und den beiden nächsten Versangaben der Einteilung Ohlys, a.a.O., S. 189.

[15] Plagwitz, a.a.O., S. 107.

[16] Vgl. den Dialog mit Petrus von VV. 12372-12382, wo Crescentia nicht etwa erstaunt über das Eingrei-fen einer himmlischen Gestalt ist, sondern dem Apostel ganz normal auf dessen Frage antwortet.

[17]Rosenfeld, Hellmut: Legende. 4. Aufl. Stuttgart 1982, S. 10. Zit. nach Plagwitz, a.a.O., S. 106. Von mir leicht gekürzt wiedergegeben.

[18] Plagwitz, a.a.O., S. 106f.

[19] „Die Aufbauanalyse erweist, daß Wiederholung in der Crescentialegende das formgebende Prinzip bedeutet. Es handelt sich dabei um einen bewußten Kompositionsgrundsatz, der von bestimmendem Einfluß auf die inhaltliche Gestaltung der Crescentialegende wurde“ [Ohly, a.a.O., S. 193.

[20] Plagwitz, a.a.O., S. 112.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Plagwitz, a.a.O., S. 112f.

[24] Bis auf einen kurzen Kommentar von Bornholdt, der meine These hier stützt: „[…] but rather slowly grows into her role, as her name, which probably derives from Latin crescere (to grow, to grow great), suggests“ [Bornholdt, a.a.O., S. 403. Hervorhebung wie im Original].

[25] Plagwitz, a.a.O., S. 113.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Novelle. In: Schweikle, Günther; Schweikle, Irmgard [Hg.]: Metzler-Literatur-Lexikon: Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart: Metzler, 1984. S. 308-310. Hier: S. 308. Hervorhebungen wie im Original.

[29] Novelle. In: Lingen Verlag [Hg.]: Das große Lingen Universal Lexikon. 20 Bde. Bd. 12. Köln: Lingen, S. 3657. Hervorhebung wie im Original.

[30] Schirmer, Karl-Heinz: Stil- und Motivuntersuchungen zur mittelhochdeutschen Versnovelle.

Tübingen: Niemeyer, 1969.

[31] Bornholdt, a.a.O., S. 406.

[32]A.a.O., S. 407. Bornholt führt hierfür keinen Vers an, bezieht sich aber vermutlich auf V. 11383: der hete ein tohter lussam . Es sei erwähnt, dass sie für ihre Untersuchung nicht nur die eigentliche Turmepisode von VV. 11518-11721 (nach Ohly) in den Blick nimmt, sondern den Abschnitt von VV. 11378-11729. Vgl. dazu Bornholdt, a.a.O., S. 399 Fußnote 21.

[33] Vgl. S. 406.

[34] A.a.O., S. 407.

[35] A.a.O., S. 406.

[36] A.a.O., S. 407.

[37] A.a.O., S. 406.

[38] A.a.O., S. 407.

[39] A.a.O., S. 406. Hervorhebungen wie im Original.

[40] Ebd. Hervorhebung wie im Original.

[41] A.a.O., S. 407.

[42] A.a.O., S. 406.

[43] A.a.O., S. 407.

[44] Ebd.

[45] Ebd.

[46] Ebd. Hervorhebung wie im Original.

[47] A.a.O., S. 411.

[48] Siehe Fußnote 10.

[49] Ebd.

[50] Ohly, a.a.O., S. 189.

[51] Siehe Fußnote 16.

[52] Siehe Fußnote 14.

[53] Bornholdt, a.a.O., S. 406. Hervorhebungen wie im Original.

[54] Ebd. Hervorhebungen wie im Original.

[55] Plagwitz, a.a.O., S. 119.

[56] Bornholdt, a.a.O., S. 411. Hervorhebungen wie im Original.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Gattungsproblematik der Crescentia in der Kaiserchronik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Die 'Vorauer Handschrift 276'
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V262104
ISBN (eBook)
9783656509455
ISBN (Buch)
9783656509608
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gattungsproblematik, crescentia, kaiserchronik
Arbeit zitieren
Kim Schlotmann (Autor), 2013, Die Gattungsproblematik der Crescentia in der Kaiserchronik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262104

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