Familienbildung mit sozial benachteiligten Familien


Diplomarbeit, 2011
114 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Benachteiligung
2.1 Der Versuch einer Definition von Benachteiligung
2.2 Benachteiligte Personengruppen in Deutschland
2.3 Die verschiedenen Dimensionen von Benachteiligung
2.3.1 Materielle Dimension und Benachteiligung
2.3.2 Kulturelle Dimension und Bildung
2.3.3 Physische und psychische Dimension
2.3.4 Familiale Dimension
2.3.5 Regionale Dimension
2.3.6 Soziale Integration
2.3.7 Zusammenfassung

3 Familienbildung: Allgemeine Darstellung unter besonderer Berücksichtigung benachteiligter Familien
3.1 Historische Entwicklung und gesellschaftliche
Bezüge der Familienbildung
3.1.1 Die Anfänge von Familienbildung
3.1.2 Von der Mütterschule zur Familienbildungsstätte
3.1.3 Familienbildung in der DDR
3.1.4 Familienbildung in der BRD
3.1.5 Familienbildung zur Zeit der Wiedervereinigung
3.2 Familienbildung im 21. Jahrhundert
3.2.1 Das aktuelle Erscheinungsbild von Familie
3.2.1.1 Veränderungen in der äußeren Familienform
3.2.1.2 Veränderungen im Lebensverlauf von Familien
3.2.1.3 Veränderungen in der Arbeitsteilung und den sozialen Rollen von Familien
3.2.1.4 Zusammenfassende Bewertung
3.2.2 Die aktuelle Aufgabe von Familienbildung und ihre strukturellen Besonderheiten
3.2.2.1 Die Rechtliche Beauftragung der Familienbildung
3.2.2.2 Ansatzpunkte und Aufgaben von Familienbildung
3.2.2.3 Familienbildung: fürsorgliche Aufgabe oder bildende Funktion?
3.2.2.4 Familienbildung zwischen Jugendhilfe und Erwachsenenbildung
3.2.2.5 Zusammenfassung
3.3 Institutionelle Realität
3.3.1 Trägerlandschaft und Formen
3.3.2 Angebote und Themen der Familienbildung
3.3.3 Nutzung von Angeboten der Familienbildung
3.3.3.1 Nutzung von Angeboten der Familienbildung nach Angaben der Institutionen
3.3.3.2 Nutzung von Angeboten der Familienbildung nach Angaben der Familien
3.3.4 Familienbildung aus Sicht von Eltern
3.3.4.1 Ansprechpartner bei Fragen zur Erziehung
3.3.4.2 Gewünschte und bevorzugte Angebote und Themen
3.3.4.3 Die gewünschte Art der Vermittlung von Information
3.3.4.4 Gewünschte Form und Wege der Vermittlung von Informationen
3.4 Zusammenfassende Bewertung

4 Lern- und Bildungskonzepte für eine Familienbildung mit Familien in benachteiligten Lebenslagen
4.1 Bedeutsame Aspekte für eine Familienbildung mit
benachteiligten Familien
4.1.1 Aufgaben des Staates, des Landes oder der Kommune:
4.1.2 Aufgaben der Institutionen/Anbieter der Familienbildung
4.1.3 Aufgaben der Dozenten, Familienbildner oder Kursführer:
4.2 Das FuN-Programm
4.2.1 Das FuN-Konzept
4.2.2 Neue Wege zur Erreichung benachteiligter und bildungsferner Familien
4.2.3 Die Fun-Ziele
4.2.4 Das FuN-Programm in seinem Ablauf
4.2.5 FuN- Wirkung und Evaluation

5 Schlussbetrachtung und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Anlagen

1 Einleitung

Familienbildung stellt einen politisch und öffentlich breit diskutierten Themenbereich dar. Dabei ist der Gedanke, Eltern in Erziehungsfragen anhand von Bildung zu unterstützen, keine Erfindung der Neuzeit. Bereits vor mehreren hundert Jahren gaben Autoren in ihren Schriften interessierten und „unfähigen“ Eltern Anregungen rund um die Erziehung und Versorgung ihrer Kinder (vgl. Konrad, F.-M. 2004, S. 10ff). Gegenwärtig erhält Familienbildung im Zusammenhang mit Benachteiligung unter den Bezeichnungen „Infantilisierung“ „Soziale Vererbung“ und „Familialisierung“ Einzug in die Öffentlichkeit. Auslöser hierfür stellen im Wesentlichen zwei bedeutsame gesellschaftliche Entwicklungen dar: Zum Einen die Vererbung von Bildungsbiografien, zum Anderen das konstant ansteigende Armutsrisiko insbesondere von Kindern und Jugendlichen. Beide Aspekte weisen auf Ungleichheit und soziale Benachteiligung hin. Die Forderung, „vermehrt benachteiligte und bildungsferne Elterngruppen zu erreichen“, nimmt auf dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Entwicklung in der aktuellen Diskussion um Familienbildung einen zentralen Stellenwert ein (Mengel, M. 2007, S. 51).

Doch welche Personengruppen und Haushalte gelten in der aktuellen Gesellschaft als benachteiligt und weshalb? Wie beeinflusst Deprivation das Leben von Betroffenen? Welche unterschiedlichen Dimensionen von Benachteiligung gibt es und wie hängen diese miteinander zusammen? Gibt es staatliche Bemühungen im Sinne von Familienbildung, die Auswirkungen von Deprivation auf die einzelnen Lebensbereiche der Betroffenen möglichst gering zu halten? Kommen diese Bemühungen bei den Betroffenen an und werden sie von ihnen entsprechend wahrgenommen?

Diesen Fragen möchte ich in der vorliegenden Arbeit nachgehen.

Hierfür werde ich mich zunächst dem Phänomen der Benachteiligung widmen. Neben einer Definition und einer Beschreibung der Risikogruppen, sollen die unterschiedlichen Dimensionen auf denen Benachteiligung stattfinden kann sowie deren Auswirkungen auf das Leben von Familien erläutert werden.

Im zweiten Kapitel werde ich mich ausführlich mit Familienbildung beschäftigen. Eine Darstellung der Geschichte der Familienbildung von den Wurzeln bis zur Gegenwart, unter der Berücksichtigung der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse, welche ihre Spuren auch in der Definition und Lebensweise von Familie und Elternschaft hinterlassen haben, soll in die Thematik einleiten und einen Überblick sowie Verständnis für die Realität und Aufgaben der gegenwärtigen Familienbildung geben.

Das dritte Kapitel beschreibt die aktuelle institutionelle Realität der Familienbildung. Dabei werden Angebote, Themen und Zielgruppen erläutert. Die Nutzung von Familienbildung soll unter der Berücksichtigung entsprechender Studien aus zwei unterschiedlichen Perspektiven dargestellt werden. Die Sichtweisen der Einrichtungen sowie die Einschätzungen der Eltern sollen (auch im Vergleich miteinander) zeigen, welche Angebote wo und wie genutzt oder nicht genutzt werden, welche Motivationen hinter der Inanspruchnahme bzw. Nicht- Inanspruchnahme stecken und welche Lebensbereiche sowie Themen in der aktuellen Familienbildung ausreichend angeboten werden oder zu kurz kommen. Die Daten und Ansichten von sozial benachteiligten Familien werden dabei besonders in den Blick genommen.

Im vierten Kapitel soll zusammenfassend herausgestellt werden, was für die Bildungsarbeit mit sozial schwachen und bildungsfernen Familien von Bedeutung ist. Die Vorstellung eines Familienbildungsprogrammes, welches die Bedürfnisse und Lebensweisen von benachteiligten Haushalten berücksichtigt soll zeigen, wie eine solche Bildungsarbeit in der Praxis funktioniert und welche Wirkung sie zeigt.

2 Benachteiligung

Benachteiligung ist ein relativer Begriff, der von einer Vielzahl individueller, kultureller und sozialer Faktoren bestimmt wird. Eine international einheitliche Definition von Benachteiligung gibt es nicht (vgl. Münster, E./Letzel, S. 2008, S. 63). In Deutschland wird Deprivation häufig im Zusammenhang mit materieller bzw. relativer Armut[1] und deren Auswirkungen auf die soziale Teilhabe an der Gesellschaft gebracht (vgl. Holz, G. 2008, S. 71f). Deprivation kann dennoch auf verschiedenen Ebenen stattfinden und sich in unterschiedlichen Maß auf das Leben von Personen oder Familien auswirken. „Die Diskrepanzerfahrung der ungleichen Chancenverteilung“ wird von Betroffenen „als individuelles Schicksal oder persönliches Merkmal erlebt“, welches mit dem Ziel der Handlungsfähigkeit und Selbstwertwahrung immer wieder neu bezwungen werden muss (Mengel, M. 2007, S. 52). Demnach hat Benachteiligung neben Einschränkungen an der gesellschaftlichen Teilhabe auch immer Auswirkungen auf die Persönlichkeit, das psychische und physische Wohlbefinden sowie auf das menschliche „Miteinander“ und Agieren in einer Familie und ihrer Funktion als Unterstützungsinstanz (vgl. Mangelsdorf, U. 2008, S. 111ff; Münster, E./Letzel, S. 2008, S. 65f; Palentien, C. 2004, S. 213f).

Ziel sozialstaatlichen Handelns und in diesem Sinne auch der Familienbildung ist es, allen Familien unabhängig ihrer materiellen Ressourcen sowie sonstiger Lebenslagen (Bildung, Gesundheit, Familienstand, kulturellen Hintergrund etc.) die Aussicht auf eine Teilhabe an der Gesellschaft sowie die Chance ihre individuellen Möglichkeiten auszuschöpfen zu ermöglichen (vgl. BMAS 2008, S. 1).

2.1 Der Versuch einer Definition von Benachteiligung

Benachteiligung muss ebenso wie andere soziale Phänomene im Zusammenhang mit der Gesellschaft, deren Entwicklung und Anforderungen, verbunden mit den individuellen Möglichkeiten einer Person gesehen werden. Deprivation wird es soziologisch betrachtet immer geben, „da in jeder Gesellschaft Personen oder Personengruppen leben, die mit den gesellschaftlichen Anforderungen nicht zurecht kommen […]“ (Brüning, G. 2002, S. 12).

Für E. Nuissl und H. Sutter bedeutet Benachteiligung, „dass die Chancen eines Einzelnen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, aufgrund von Faktoren, die er nicht oder nur kaum beeinflussen kann, stark vermindert werden“ (Brüning, G. 2002, S. 20 z. n. Nuissl, E./Sutter, H. 1981, S. 3). Melanie Mengel bezieht in ihrem Definitionsbegriff den Aspekt des zunehmenden Missverhältnisses von Arm und Reich mit ein. Sie sieht Benachteiligung als ein Ergebnis von sozialer Ungleichheit, welches im Zusammenhang mit den als Standard geltenden sowie erstrebenswerten Besitztümer, Stellenwerten und Positionen der aktuellen Gesellschaft gesehen werden muss, zu denen jede Person oder Familie aufgrund verschiedener subjektiver, sozialer sowie struktureller Ausstattungsmerkmale und Einflussfaktoren unterschiedlichen Zugang besitzt bzw. erhält (vgl. Mengel, M 2007, S. 52). Auf die Einflussfaktoren, welche sich je nach Ausprägung verschärfend oder mindernd auf Benachteiligung auswirken können, geht die Soziologin Gerhild Brüning detaillierter ein. Sie grenzt Komponenten auf individueller Ebene von denen die auf sozialer Ebene liegen ab: Zu den individuell-subjektiven Faktoren zählen Alter, Geschlecht, Lernsozialisation, Schul- und Berufsabschluss, Lerninteresse sowie Werthaltungen und Einstellungen. Als soziale Faktoren werden Familienstand, Erwerbstätigkeit, Nationalität, Einkommen, beruflicher Status, soziales Milieu und Sozialstatus der Herkunftsfamilie aufgeführt. Zudem scheinen institutionelle Bedingungen von Bildungsträgern (z.B. in Bezug auf Verfügbarkeit, Erreichbarkeit, Ausstattung und Arbeitsweise) einen Einfluss auf Benachteiligung zu haben. Zumindest in dem Maße, wenn es um die „Auflösung“ von Benachteiligung oder Verbesserung durch Bildung geht (vgl. Brüning, G. 2002, S. 17f). „Erst das Zusammentreffen von spezifischen subjektiven und objektiven Faktoren in Kombination mit nicht adäquaten Rahmenbedingungen, die dadurch eine neue negative Qualität erhalten, führt zu Benachteiligung […]“ (Brüning, G. 2002, S. 21).

2.2 Benachteiligte Personengruppen in Deutschland

Das Risiko für gewisse Personengruppen, Familienformen und Haushaltskonstellationen in Benachteiligung leben zu müssen, ist deutlich erhöht. Die Realität zeigt und die Wissenschaft bestätigt, dass Kinder und Jugendliche, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Migranten/Ausländer, ostdeutsche Bürger, Alleinerziehende und Familien mit mehr als zwei Kindern überproportional häufig von sozialer Benachteiligung betroffen sind (vgl. BMAS 2005, S.73ff; BMAS 2008, S.77ff).

Eine Aufstellung der betroffenen Personengruppen macht deutlich, dass Heranwachsende bis 20 Jahre mit knapp 17%, eine der am häufigsten von relativer Armut betroffenen Altersgruppe darstellen. Im Osten Deutschlands sind mit 22,6% etwa doppelt so viele Bürger von Armut betroffen als im Nord-Westen mit 12,3% oder Süd-Westen mit 11,7% des Landes. Ebenso besitzen Personen nicht deutscher Staatbürgerschaft ein fast doppelt so hohes Risiko in einkommensarmen Verhältnissen leben zu müssen, als Einheimische. Das Armutsrisiko von arbeitslosen Menschen liegt mit 43% etwa dreimal höher als das der Gesamtbevölkerung, von der durchschnittlich 13% als betroffen gelten (vgl. (vgl. BMAS 2008, S.77ff; Statistisches Bundesamt 2008, S. 167ff).

Ebenso wie für gewisse Personengruppen zeichnet sich für bestimmte Familienformen ein deutlich höheres Armutsrisiko ab: Paarhaushalte mit minderjährigen Kindern (13,3%) weisen im Vergleich zu kinderlosen Haushalten (7,2%) eine fast doppelt so hohe Gefahr auf in Armutslagen zu verfallen. Dabei sind besonders Alleinerziehende mit einer Quote von 35,4% und Haushalte mit mehr als zwei Kindern mit einer Quote von 18,4% (in Ostdeutschland liegt der Anteil sogar bei 40,6%) von relativer Einkommensarmut betroffen (vgl. Statistisches Bundesamt 2008, S. 167ff).

Zudem besitzen Haushalte aus der Mittelschicht, welche sich in prekären Lebenslagen oder Krisen befinden (z.B. geringes Einkommen, Scheidung, Krankheit, Kurzarbeit etc.), ein erhöhtes Armutsrisiko (vgl. Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 74).

2.3 Die verschiedenen Dimensionen von Benachteiligung

Kinder und Jugendliche stellen in unserer Gesellschaft die Bevölkerungsgruppe dar, die am häufigsten von Deprivation betroffen ist (vgl. BMAS 2005, S. 76ff). Betroffenheit und Ausmaß scheinen besonders im Zusammenhang mit der finanziellen Situation ihrer Familien zu stehen (vgl. Mengel, M. 2007, S. 53ff). Die Anzahl Heranwachsender, die in materieller Armut aufwachsen müssen, hat im Jahr 2007, in Zeiten des Konjunkturaufschwungs ihren Höchststand erreicht. „Nie zuvor und nie danach lebten ähnlich viele, nämlich fast 1,93 Millionen von 11,44 Millionen Kindern unter 15 Jahren, die es damals insgesamt gab, nach Daten der Bundesagentur für Arbeit in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften […]“ (Butterwegge, C. 2010). Doch Armut bedeutet zweifellos mehr als wenig Geld zu haben. Familien können sozial-, materiell-, familiär-, gesundheitlich oder bildungsbenachteiligt sein (vgl. Brüning, G. 2002, S. 21; Münster, E./Letzel, S. 2008, S. 63). Der sogenannte Lebenslagenansatz geht davon aus, „dass Armut und Benachteiligung nicht ausschließlich durch Einkommensprobleme gekennzeichnet sind […]“ (Becher, U. 2008, S. 43). Für Betroffene heißt arm zu sein auch „persönlicher Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten“ beraubt zu werden sowie sozial benachteiligt und (etwa im Hinblick auf Bildung und Kultur, Wohlergehen und Gesundheit, Wohnen und Wohnumfeld, Freizeit und Konsum) unterversorgt zu sein“ (Butterwegge 2010). Auf einer Ebene Deprivation zu erfahren bedeutet zumeist auch Einschränkungen in anderen Lebensbereichen hinnehmen zu müssen, da die einzelnen Benachteiligungsdimensionen stark miteinander verwoben sind und sich gegenseitig bedingen (vgl. Brüning, G. 2002, S. 21; Münster, E./Letzel, S. 2008, S. 63).

Familien, bei denen Einschränkungen in einem oder mehreren der zuvor beschriebenen Bereiche festzustellen sind, werden jedoch nicht als arm, sondern als „arm dran“ oder benachteiligt bezeichnet (vgl. Hock, B. u.a. 2000, S. 28f). Werden die nicht-monetären Kriterien von Armut im Sinne des sogenannten Lebenslagenansatzes mit in die Armutsdefinition einbezogen, steigt die Anzahl armer - oder korrekt ausgedrückt - sozial benachteiligter Kinder, nochmals um etwa 1,5 Millionen auf 3,0 bis 3,3 Millionen Heranwachsende. Demnach wuchs im Jahr 2007 jedes dritte bis vierte Kind in Deutschland in sozialer Benachteiligung auf (vgl. Butterwegge, C. 2010).

2.3.1 Materielle Dimension und Benachteiligung

Die disponiblen finanziellen Ressourcen von Familien spielen für Benachteiligung bis hin zur Armut aus dem Grund eine entscheidende Rolle, „weil die Lebenslage, der Lebensunterhalt, der Erwerb von Gütern und der Zutritt zu gesellschaftlichen Aktivitäten vornehmlich vom verfügbaren Einkommen abhängen“ (Becker/Lauterbach 2002, S. 163). Einkommensarmut wird in Deutschland anhand eines Mindeststandards festgelegt, der durch die Gesellschaft und ihren durchschnittlichen Lebensstandard bestimmt wird. Unterschreiten Haushalte in einem gewissen Grad diesen ermittelten Mindeststandard, leben sie in relativer Armut (vgl. Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 23). Laut aktuellen Daten (Stand 2006) liegt die Armutsquote in Deutschland bei 13,9% (vgl. Statistisches Bundesamt 2008, S. 167ff).

In unserer Konsumgesellschaft besitzen materielle Ressourcen einen besonderen Stellenwert. Beinahe täglich werden Familien und Heranwachsende von der Werbeindustrie mit den neusten „must-have“ Produkten konfrontiert. An einer Welt des raschen technischen Fortschritts, sich rasant wandelnder Mode und den verschiedensten Köstlichkeiten und Produkten aus aller Welt möchte jeder teilhaben. Neben dem massiven Druck seitens der Werbeindustrie sind Familien in ihrem Alltag gezwungen, sich mit dem Eigentum und Lebensstil anderer Familien auseinander zu setzen. Besonders Jugendliche sind den Spannungen ausgesetzt mit Gleichaltrigen mithalten zu können (vgl. Butterwegge, C. 2010; Statistisches Bundesamt 2008, S. 2). Der Besitz „cooler Klamotten“, neuster Handys und „angesagter Games“ für verschiedenste Spielkonsolen gibt ihnen das Gefühl dazu zu gehören. Doch Statussymbole unter Jugendlichen, die in ähnlicher Weise auch unter Erwachsenen gelten, sind mit Kosten verbunden, welche einkommensarme Familien zumeist nicht aufbringen können. Ihnen bleibt die Wahl: Ein Leben ohne Markenklamotten und I-Phone, der Kauf der „notwendigen Luxusartikel“ gepaart mit der Konsequenz in anderen Bereichen (z.B. Wegfallen von Familienunternehmungen oder (gesunden) Lebensmitteln) bewusst oder unbewusst einsparen zu müssen, sich mit dem Kauf der Güter zu verschulden oder sich mit Diebstählen strafbar zu machen (vgl. BMAS 2008, S. 50ff; Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 71ff; Palentien, C. 2004, S. 218f). Mögliche Auswirkungen und damit einhergehende Konsequenzen von finanzieller Not werden anhand dieser Wahlmöglichkeiten deutlich und durch Forschungsergebnisse bestätigt: Familien mit Niedrigeinkommen leben verhältnismäßig häufiger in beengten Wohnverhältnissen und/oder belasteten Wohngebieten, was sich verstärkend ungünstig auf die psychische, kognitive und motorische Entwicklung ihrer Kinder auswirkt (vgl. Mengel, M. 2007, 55). Insbesondere Heranwachsende aus Familien „mit ungünstigen materiellen und wohnlichen Bedingungen“ sind bei der Ausübung krimineller Verhaltensweisen überrepräsentiert (Palentien, C. 2004, S. 218). Zudem treten Jugendliche und Erwachsene ohne Berufsausbildung und ohne Job in der Kriminalstatistik vergleichsweise häufiger auf (vgl. Palentien, C. 2004, S. 218f). Neben einer ungünstigen Wohnsituation und erhöhter Straffälligkeit führt ihre prekäre Einkommenslage im Vergleich zu finanziell besser gestellten Familien häufiger dazu, dass sie sich verschulden und infolge dessen mit den Konsequenzen von Überschuldung leben müssen (vgl. BMAS 2005, S. 52). Hinzu kommen Beeinträchtigungen im gesundheitlichen Bereich. Einkommensarme Familien, so haben Untersuchungen bestätigt, ernähren sich deutlich ungesünder, verbringen in ihrer Freizeit mehr Zeit vor dem Computer oder Fernseher und treiben weniger Sport. Übergewicht, motorische Defizite, körperliche Beschwerden und Erkrankungen sowie psychische Probleme und soziale Ausgrenzung können dann sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern die Folge sein (vgl. Mangelsdorf, U. 2008, S. 111ff; Palentien, C. 2004, S. 213).

Auch die (schulische) Bildung der Kinder scheint unter dem wirtschaftlichen Notstand der Familie zu leiden: Studien belegen, dass finanzielle Aufwendungen in Schule oder Kita, wie Essensgeld, Unterrichtsmaterialien oder Kosten für Ausflüge von armen Familien vergleichsweise häufiger unregelmäßig, verspätet oder gar nicht gezahlt werden. Zudem werden Heranwachsende aus einkommensschwachen Familien vergleichsweise häufiger hungrig in die Schule geschickt (vgl. Hock, B. u.a. 2000, S. 50f). Neben den Einbußen in der Grundversorgung der Kinder werden mit Kosten verbundende außerschulische Förderungsleistungen wie Nachhilfestunden oder außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote von Eltern mit niedrigem Einkommen deutlich seltener geleistet (vgl. BMFSFJ 2002, S. 31). Selbst die Schulleistungen und die Schulform können in Zusammenhang mit den Einkommensverhältnissen von Familien gestellt werden: Kinder einkommensärmerer Familien zeigen signifikant schlechtere Schulleistungen (z.B. im Lesen und Rechnen) und sind bildungsunmotivierter als Heranwachsende aus einkommensstarken Haushalten. Zudem besuchen sie seltener das Gymnasium und verlassen die Schule häufiger ohne Abschluss (vgl. BMFSFJ 2002, S. 29ff).

Diese Tatsache kann jedoch nicht damit gerechtfertigt werden, dass Kinder armer Familien weniger intelligent und aufnahmefähig sind. „Schule traut es armen und benachteiligten Schülern oft nicht zu, den Anforderungen an Realschulen und Gymnasien zu genügen und spricht ihnen deshalb auch nur selten eine Empfehlung für eine höher qualifizierende Schulstufe aus, obwohl sie entsprechende intellektuelle Leistungen erbringen“ (Becher, U. 2008, S. 44).

Die Auswirkungen finanzieller Armut werden anhand der Ausführungen deutlich. Eine eingeschränkte Teilhabe an der Gesellschaft, eine mangelnde und unzureichende Grundversorgung, geringere Bildungschancen, gesundheitliche Einschränkungen, psychische Belastungen sowie soziale Isolation können als Folgen von materieller Unterversorgung gesehen werden.

2.3.2 Kulturelle Dimension und Bildung

Bildungsstand, Erwerbstätigkeit und berufliche Stellung einer Person hängen von vielerlei Faktoren ab. Neben sozialen Bedingungen wie Einkommen, Nationalität, soziales Milieu und Bildungsstand der Herkunftsfamilie stehen individuelle Einflussgrößen, wie Geschlecht, Schul- und Berufsabschluss, Motivation, Einstellungen sowie Wahrnehmungs-, Denk und Handlungsschemata im engen Zusammenhang mit dem Bildungsniveau eines Individuums (vgl. BMFSFJ 2002, 11ff). Die „wichtigste Voraussetzung und wirksamste Grundlage“ für erfolgreiches Lernen in der Schule stellt – so zeigen zahlreiche Untersuchungen - die „Qualität des kulturellen und sozialen Kapitals“ dar, die sich Kinder anhand des Vorbildes ihrer Eltern aneignen (BMFSFJ 2002, S. 12). Mit kulturellem und sozialem Kapital sind Qualifikationen, Einstellungen und Wertorientierungen, welche von den Eltern vermittelt werden sowie deren Verarbeitung, Verinnerlichung und Umsetzung gemeint. Je mehr die gewonnen Kenntnisse und Normen den Erwartungen des Schulsystems oder der künftigen Berufswelt entsprechen, umso erfolgreicher verläuft der Lernprozess (vgl. BMFSFJ 2002, S. 12). Jedoch eignen sich Menschen aufgrund unterschiedlicher Sozialisationsbedingungen verschiedene Denkmuster und Haltungen an. So besitzen beispielsweise Familien aus fremdländischen Kulturen Ansichten zum Thema Beruf und Schule, die sich von den Denkweisen der deutschen Kultur unterscheiden. Von ihren Kindern werden diese andersartigen Einstellungen übernommen, was in Kombination mit mangelnden Sprachkenntnissen und weiteren ungünstigen Voraussetzungen (z.B. niedriger sozioökonomischer Status) als Ursache dafür gesehen werden kann, dass Heranwachsende mit Migrationshintergrund vergleichsweise schwächere Schulleistungen zeigen und an deutschen Haupt- und Förderschulen überrepräsentiert sind (vgl. BMFSFJ 2002, S. 22, 34; Czarnitzki, B./Herz, B. 2008, S. 82).

Jedoch nicht nur Migrantenfamilien tragen aufgrund ihres kulturellen und sozialen Hintergrundes ein erhöhtes Risiko ihren Kindern Einstellungen und Werte zu vermitteln, die - einfach formuliert - nicht zum deutschen Bildungs- und Berufssystem passen. Ebenso können schulische oder berufliche Niederlagen der Eltern und damit einhergehende Gefühle und Ansichten (z.B. Minderwertigkeitsgefühl, Angst, Gleichgültigkeit, Demotivation) Auslöser dafür sein, dass Kinder Einstellungen übernehmen, die sie an einer erfolgreichen schulischen oder beruflichen Laufbahn hindern (vgl. Meier-Gräwe, U. 2008, S. 65ff). Die Schülerrinnen und Schüler, die eine Förderschule in Deutschland besuchen, stammen fast ausschließlich aus sozial benachteiligten Familien. „Einschränkende und zum Teil demütigende Erfahrungen, die arme und benachteiligte Schüler während ihrer Schulzeit erfahren, haben Auswirkungen auf ihre Identität und Personalität“ (Becher, U. 2008, S. 45). Sie haben ein deutlich geringeres Selbstbewusstsein, zeigen wenig Bildungsmotivation, fürchten sozialen Kontakt mit Mitschülern und reagieren auf direkten Kontakt mit Bildungsinstitutionen oft mit dem Gefühl von Ohnmacht (vgl. Becher, U. 2008, S. 44f).

Neben der Konformität vermittelter Werte und Einstellungen mit dem deutschen Bildungs- und Berufssystem sind günstige Lernvoraussetzungen sowie ein stimulierendes Agieren und Kommunizieren mit dem Kind bereits im Babyalter für erfolgreiches, lebenslanges Lernen (in der Schule) von Bedeutung. „Die Bemühungen der Kinder um Wissen, Können und Verstehen werden dadurch gefördert, dass Eltern ihre Kinder auf wichtige Dinge und Sachverhalte, auf Rätselhaftes und Schönes aufmerksam machen, auf ihre Fragen reagieren und ihnen Worte geben, mit denen die differenzierende Wahrnehmung der Kinder unterstützt, Nachdenklichkeit ermöglicht und Ordnung in Erfahrenes oder Gedachtes gebracht werden kann“ (BMFSFJ 2002, S. 19). Hinzu kommt, dass Eltern durch ihre eigene Lebensgeschichte verdeutlichen, „inwieweit es sich lohnt, die Anstrengungen des Lernens“ und Zurechtkommens im Alltag, in der Kindertagesstätte oder in der Schule auf sich zu nehmen (BMFSFJ 2002, S. 19). Das frühzeitige Erfahren einer liebevollen, motivierenden und kindgerechten Er- und Beziehung gepaart mit Empathie, Anerkennung und Akzeptanz und einem positiven Vorbild kristallisiert sich als bedeutsame Ressource für einen erfolgreichen Bildungsweg heraus, über die Heranwachsende, je nach Elternhaus und Lebenssituation im unterschiedlichen Maße verfügen (vgl. BMFSFJ 2002, S. 11ff; Meier-Gräwe, U. 2008, S. 61ff).

Die Ausführungen zeigen, dass die Eltern in allerlei Hinsicht die primäre und bedeutendste Einflussgröße für erfolgreiches lebenslanges Lernen darstellen. Doch nicht jedem Elternteil oder Elternpaar gelingt es seinem Kind in seiner Persönlichkeit entsprechend zu fördern und zu fordern, ihm ein Vorbild zu sein und/oder ihm ein positives, werte- und einstellungskonformes Bild zu vermitteln. In deutschen Schulen – so haben zahlreiche Studien belegt – gelten neben Kindern mit Migrationshintergrund insbesondere Heranwachsende aus einkommensarmen und sozial schwachen Familien als benachteiligt (vgl. BMFSFJ 2002).

Familien in benachteiligten Lebenslagen zeigen vergleichsweise häufiger Probleme darin, aus ihrer Krisensituation aufgrund fehlender individueller Lösungsstrategien und Zukunftsperspektiven einen Ausweg zu finden. Dieser Zustand wird von den Betroffenen als belastend und beschämend empfunden und führt bei den Eltern nicht selten zu Antriebslosigkeit, Demotivation, Resignation, Unzufriedenheit, Aggressionen und Selbstwertverlust. Neben der Problematik, dass diese benannten Einstellungen und Gefühle auf die Kinder und deren Einstellung zur Schule übertragen werden können, sind die Eltern, aufgrund ihrer eigenen starken psychischen Belastung, weniger in der Lage auf die Bedürfnisse ihrer Kinder (auch im schulischen Bereich) einzugehen (vgl. Becher, U. 2008, 46). Zu der fehlenden Unterstützung, der eingeschränkten Ansprechbarkeit der Eltern und den materiellen Einschränkungen der Familien kommen mögliche Verhaltensauffälligkeiten der Kinder auf die veränderte Situation oder auf eine vernachlässigende Lebenslage. Ein Abfall schulischer Leistungen und/oder soziale Auffälligkeiten stellen typische kindliche Reaktionen im Bereich Schule dar, die sich durch Hänselleien von Klassenkameraden und sozialem Ausschluss von Mitschülern wiederum verstärkend auf die negative Einstellung zur Schule auswirken können. Spaß, Engagement und Neugier am schulischen Lernen gehen verloren. Stattdessen verfestigen sich negative Bewertungen und Erfahrungen in der Biografie des Kindes. Eine mangelnde Grundausbildung, ein schlechter Schulabschluss sowie ein Ausschluss vom Arbeitsleben, gepaart mit fehlender (Lern)Motivation und dem Nichtvorhandensein von Lernstrategien können die Folgen sein und im weiteren Lebenslauf über Generationen hinweg zur Verfestigung von Armut und Benachteiligung führen (vgl. BMFSFJ 2002; Hock, B. u.a. 2000, S. 47ff).

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass Kinder aus sozial schwachen und einkommensarmen Familien ebenso wie Migrantenkinder nicht generell diesem Kreislauf verfallen müssen. Dennoch heißt in Deutschland einkommensarm zu sein häufig auch bildungsarm zu sein. Von beiden Benachteiligungen sind sozial schwache Familien sowie Migranten aufgrund ihrer prekären Lebenssituation verhältnismäßig häufiger betroffen (vgl. Meier-Gräwe, U. 2008, S. 62f).

2.3.3 Physische und psychische Dimension

Die psychische und physische Gesundheit stellt die wichtigste Voraussetzung für das individuelle Wohlbefinden und somit für die ökonomische und soziale Teilhabe einer Person an der Gesellschaft dar (vgl. BMFSFJ 2005, S. 217). Insgesamt ist die deutsche Bevölkerung dank ansteigender Standards in Ernährung, Medizin, Wohnen und Hygiene in den vergangenen Jahren offensichtlich körperlich gesünder geworden. Diese Tatsache spiegelt sich z.B. in der deutlich abnehmenden Säuglings- und Kindersterblichkeit wieder. Die Todesfälle während des ersten Lebensjahres bezogen auf 1000 lebendgeborene Kinder sind von 23,4% im Jahr 1970 auf 4,1% im Jahr 2004 zurückgegangen (vgl. Mangelsdorff, U. 2008, S. 111). Unterstützend leisten das ausgebaute Krankenkassennetz und die stetig fortschreitende Verbesserung der Gesundheitsreform ihren Beitrag zu einem hohen gesundheitlichen Niveau der deutschen Bürger. Unabhängig von Einkommen, Bildungsstand und Gesundheitszustand sind etwa 90% der Bevölkerung (Tendenz steigend) gesetzlich oder privat krankenversichert (vgl. BMFSFJ 2005, S. 217ff; Mangelsdorff, U. 2008, S. 111).

Trotz der präventiven, versorgenden und absichernden Grundvoraussetzungen im gesundheitlichen Bereich wird beobachtet, dass gewisse Krankheiten und Störungen wie Karies, Diabetes, Essstörungen, Fettleibigkeit, Verhaltensauffälligkeiten, Nikotinsucht sowie Sprach- und Entwicklungsstörungen von Kindern etc., in benachteiligten Haushalten, insbesondere in Migrantenfamilien, in Familien mit mehreren Kindern und in einkommens- sowie bildungsarmen Haushalten, verstärkt auftreten. Unzureichende kognitive und motorische Stimulierung sowie eine ungesunde Lebensweise, geprägt durch mangelnde oder falsche Ernährung, wenig Bewegung und verstärkter Mediennutzung, kann als Ursache dafür gesehen werden. Bereits in der Schwangerschaft und in der Versorgung von Kleinkindern scheint sich das Gesundheitsbewusstsein sozial schwacher und bildungsarmer Haushalte von den gebildeterer und finanziell bessergestellter Familien zu unterscheiden: Frauen aus einkommensarmen und bildungsferneren Verhältnissen rauchen häufiger während der Schwangerschaft, Stillen seltener und nehmen weniger pflichtbewusst Vorsorgeuntersuchungen und anstehende Arzttermine ihrer Kinder (z.B. den regelmäßigen Zahnarztbesuch) wahr (vgl. Mangelsdorff, U. 2008, S. 114ff; Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 71ff; Münster, E./Letzel, S. 2008, S. 65ff; Palentien, C. 2004, S. 206ff). Hinzu kommt ein geringeres Bewusstsein Gefahren einzuschätzen, was sich beispielsweise in der Tatsache äußert, dass Kinder benachteiligter Personengruppen vergleichsweise häufiger ohne Schutzkleidung (z.B. Fahrradhelm, Reflektoren) im Straßenverkehr unterwegs sind und zahlreicher Opfer von Verkehrsunfällen werden (vgl. Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 71ff). Studien zeigen, dass selbst mit der Bewältigung von Krankheiten und deren Folgen Personen mit niedrigem Bildungsniveau oder Personen, welche der deutschen Sprache nicht oder nicht ausreichend mächtig sind, vergleichsweise häufiger Schwierigkeiten haben. Sie zeigen Probleme Symptome oder Krankheiten, auch die ihrer Kinder zu benennen oder zu beschreiben (Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 277f). Sie suchen im Krankheitsfall vergleichsweise seltener einen Arzt auf und nehmen weniger Medikamente ein. „Eine aktive Auseinandersetzung mit Diagnosen, verschiedenen Behandlungsmaßnahmen und Einschätzungen von Ärzten findet kaum statt“ (Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 277).

Folglich können materielle Ressourcen, kultureller Hintergrund und Bildungsstatus im Zusammenhang mit dem körperlichen Gesundheitszustand von Familien sowie deren Gesundheitsbewusstsein gebracht werden. Neben körperlichen Auswirkungen kann gesundheitliche Benachteiligung auch psychische Folgen für die Familie haben Studien bestätigen, dass insbesondere Kinder unter den Auswirkungen gesundheitlicher Benachteiligung leiden. Sichtbare Zahnfäule, Läuse, Fettleibigkeit oder ein ungepflegter Gesamtzustand können dazu führen, dass sie von Gleichaltrigen ausgeschlossen oder gar gehänselt werden (vgl. Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 71ff, 277ff; Münster, E./Letzel, S. 2008, S. 65ff).

Die aufgeführten Daten zeigen deutlich, dass sich prekäre Lebenslagen in Deutschland, wie Arbeitslosigkeit, Migrationsstatus, niedriges Bildungsniveau oder finanzielle Notstände, auf die physische und psychische Gesundheit von Familien auswirken. Insbesondere die Kinder sind dabei die Leittragenden. Ihre geistige, sprachliche und körperliche Entwicklung beruht auf dem Verantwortungsbewusstsein und der Fürsorge der Eltern. Eine frühe gesundheitlich benachteiligte Lebenslage kann bis ins Erwachsenenalter negative Konsequenzen für die Persönlichkeitsentwicklung einer Person haben. „Wie ein roter Faden zieht sich diese beeinträchtigte Gesundheitsbiografie von der Geburt bis ins Erwachsenenalter: niedrigeres Geburtsgewicht, höhere Säuglingssterblichkeit, schlechtere Versorgung, weniger Vorsorgeuntersuchungen, verzögerte motorische, sprachliche und geistige Entwicklung, dadurch schlechtere Startbedingungen für die Schullaufbahn, niedrigere Schulabschlüsse, dementsprechend schlechtere Perspektiven für die Zukunft“ (vgl. Mangelsdorff, U. 2008, S. 111).

2.3.4 Familiale Dimension

Der familialen Dimension, zu der Lebensform, Familienklima, Paarbeziehung, Eltern-Kind-Beziehung sowie Alltags- und Erziehungskompetenzen gehören, wird im Zusammenhang mit Benachteiligung eine entscheidende Rolle zugesprochen. Neben der bereits in Abschnitt 2.2 erläuterten Tatsache, dass für gewisse familiäre Lebensformen, wie Einelternfamilien oder Großfamilien, das Risiko in Benachteiligungslagen (z.B. materiell) leben zu müssen deutlich erhöht ist, scheinen auch innerfamiliäre Faktoren einen Einfluss auf das Ausmaß und die Folgen von Deprivation zu nehmen (vgl. Hock, B. u.a. 2000, S. 53ff; Mengel, M. 2007, S. 53ff).

Die Verfügbarkeit von Haushaltskompetenzen einer Familie ist in diesem Zusammenhang besonders bedeutsam. Familien, die beispielsweise nicht mit dem ihnen zur Verfügung stehenden Einkommen wirtschaften können, Schwierigkeiten haben Termine einzuhalten (z.B. Schul- Arbeitsbeginn, Arzttermin, Termine bei Ämtern) oder nicht im Stande sind die Anforderungen des Haushaltes zu bewältigen (z.B. Ordnung, Sauberkeit, Versorgung der Kinder etc.), können auf familialer Ebene als benachteiligt klassifiziert werden (Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 77ff). Das Fehlen von Alltags- und Haushaltskompetenzen kann eine Ausweitung von Deprivation auf andere Lebensbereiche (z.B. Gesundheit, Berufstätigkeit etc.) nach sich ziehen. Insbesondere sozial benachteiligte Haushalte und Haushalte in prekären Lebenslagen – so von Studien und Experten bestätigt – scheinen vergleichsweise über ein geringeres Maß an Haushaltsführungskompetenzen zu verfügen. Vor allem der Umgang mit ihrem zumeist niedrigen Haushaltseinkommen bereitet diesen Familien Schwierigkeiten. Sie scheinen ihr Geld vermehrt lustorientiert auszugeben und weniger vorausschauend bzw. planend zu haushalten. Überschuldung und deren Konsequenzen können die Folge sein. Laut statistischen Daten ist eine unwirtschaftliche Hausführung einer der häufigsten Gründe für Überschuldung (vgl. BMAS 2005, S. 51ff). Als ein bezeichnendes, dokumentiertes Beispiel für lustorientiertes und unwirtschaftliches Haushalten kann die Aussage eines befragten Experten in dem Buch von Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. gesehen werden: Ein Mitarbeiter des Sozialamtes erklärt, dass nicht wenige seiner Klienten trotz knappen Budget zu Beginn des Monats Pizza bestellen und sich ab Mitte des Monats wundern, weshalb sich kein Geld mehr auf ihrem Konto befindet. Zudem - so ein weiterer Experte - geben benachteiligte Familien ihr verfügbares Einkommen weniger für Grundgüter wie Nahrung oder Bekleidung aus. Vorrangig werden finanzielle Mittel für Statussymbole und Unterhaltungselektronik verwendet und Bereiche wie Ernährung oder Bildung vernachlässigt (vgl. Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 77ff).

Ohne diese Einschätzungen werten zu wollen, möchte ich darauf hinweisen, dass eine unwirtschaftliche Haushaltsführung bei Familien mit einem sehr geringen Einkommen deutlich mehr auffällt. Bei einkommensstarken Haushalten treten „unnötige Ausgaben“ oder „verschwenderisches haushalten“ weniger ins Gewicht und sie bleiben von Zuschreibungen, Beurteilungen oder Diskriminierungen von Experten aufgrund ihrer nicht vorhandenden Hilfebedürftigkeit verschont.

Neben der Verfügbarkeit von Haushaltsführungskompetenzen stellen eine qualitativ hochwertige Beziehung und Kommunikation zwischen den Familienmitgliedern sowie Strategien der Stressbewältigung Faktoren dar, die „ebenfalls“ unabhängig von der sozialen Lage positive Entwicklungsmöglichkeiten für die Familie bieten. Auch für die Zukunftschancen von Heranwachsenden werden familiären Strategien und Interaktionsmustern eine besondere Bedeutung zu gemessen. „Kinder brauchen für eine gelingende Kindheit“ neben materieller Sicherheit, Bildung und positiven Vorbildern, „ein zufriedenes und ausgeglichenes Herkunftsmilieu“ (Meier-Gräwe, U. 2008, S. 62). Förderlich für die Entwicklung eines Heranwachsenden sind – so haben Studien belegt – ein gutes Familienklima, wenig innerfamiliäre Streitigkeiten sowie regelmäßige gemeinsame Aktivitäten mit der Familie. Auch für die Kompensation materieller Armut zeigen diese Faktoren positive Auswirkungen und können als Ressource von Kindern für die Überwindung von Armut betrachtet werden. Heranwachsende, die trotz materieller Defizite innerhalb der Familie positive Zuwendung erfahren haben, zeigen ein deutlich höheres Wohlbefinden und weisen bessere Zukunftschancen auf, als Kinder der Vergleichsgruppe (vgl. Hock, B. u.a. 2000, S. 53ff).

Wenn neben materieller Mangellage und einem geringen Bildungsstand der Eltern ungünstige familiale Sozialisationsbedingen hinzukommen, ist die Wahrscheinlichkeit bei der Überwindung von Armut zu scheitern und das Risiko Armutslagen an die nächste Generation weiterzugeben, deutlich höher. Zu negativen familialen Sozialisationsbedingungen gehören neben regelmäßigen, heftigen Auseinandersetzungen und wenig Zuwendung für das Kind, emotional belastende Probleme im Elternhaus (z.B. Scheidung, Tod, Schulden), bestrafendes, autoritäres Erziehungsverhalten, wenig Förderung von Autonomie, von der gesellschaftlichen Norm abweichende familiäre Lebensmuster sowie abweichende Normen und Werte in der Familie (vgl. Hock, B. u.a. 2000, S. 62f).

Hinzuzufügen wäre, dass Armutslagen und erschwerende Situationen zu einer enormen Belastung des familiären Systems führen. Eltern, die trotz Stress und Problemen sowie finanziellen Mangellagen ein positives Familienklima sowie eine ausgeglichene Beziehung zum Kind und Partner aufrechterhalten können, wird besondere Geschicklichkeit zugesprochen. Trotz benachteiligender Lebenslage(n) besitzen sie die Fähigkeit ihren Kindern bestmögliche Entwicklungsbedingungen zu ermöglichen und sie vor negativen Folgen von Armut zu bewahren (vgl. Mengel, M. 2007, S. 57f).

2.3.5 Regionale Dimension

Ein weiterer bedeutsamer Faktor, insbesondere in Bezug auf Ausmaß und Verteilung von Einkommensarmut, stellt die regionale Dimension dar. Benachteiligung kommt in allen Regionen der Bundesrepublik Deutschland vor. Dennoch sind gewisse Gebiete und Landesteile besonders betroffen. Daten und Studien zeigen, dass relative Einkommensarmut im Osten Deutschlands mit 22,6% etwa doppelt so häufig auftritt wie im Nord-Westen mit 12,3% oder Süd-Westen mit 11,7% des Landes. Wird die Risikogruppe „Kinder“ mit in die Datenlage einbezogen wird deutlich, dass ostdeutsche Kinder die Bevölkerungsgruppe in der BRD darstellt, die am häufigsten von Armut betroffen ist. Knapp jeder dritte Heranwachsende im Osten Deutschlands, der unter 20 Lebensjahre alt ist, lebte 2006 in relativer Einkommensarmut. Im Vergleich zu Gesamtdeutschland mit 17,5% ist die Anzahl betroffener Kinder in Ostdeutschland mit 31,9% fast doppelt so hoch. Die statistischen Daten zeigen, dass auch weitere Bevölkerungsgruppen sowie die Familienformen, die ohnehin finanziell benachteiligt sind, noch ein deutlich höheres Armutsrisiko aufweisen, wenn sie in Ostdeutschland leben (vgl. Statistisches Bundesamt 2008, S. 167f).

Neben der Abhängigkeit des Armutsrisikos von der geografischen Lage besteht ein Zusammenhang zwischen Gemeindegröße und Armutsbetroffenheit. Untersuchungen, beispielsweise im Rahmen der AWO-ISS-Studie zeigen, dass in Großstädten und Brennpunkten deutlich mehr Kinder von Armut betroffen sind. „In Gemeinden mit einer Einwohnerzahl von weniger als 20.000 liegt die Armutsquote bei etwa 18 Prozent, bei Kommunen mittlerer Größe (zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern) liegt die Quote schon bei etwa 27 Prozent. In größeren Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern schließlich erreicht die Armutsbetroffenheit schon fast ein Drittel“ (Hock, B. u.a. 2000, S. 48).

Ein detailliertes Bild von der Armutsbetroffenheit einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt soll das folgende Beispiel liefern.

Brandenburg an der Havel liegt in Ostdeutschland im Westen des Bundeslandes Brandenburg und zählte im Jahr 2009 rund 72.000 Einwohner. Wird der Bezug von Leistungen nach dem SGB II als Definition von Armut herangezogen, haben im Juni 2009 knapp 16 % der Brandenburger aufgrund von Arbeitslosigkeit, ergänzend zum Einkommen oder dem Arbeitslosengeld I staatliche Leistungen erhalten (vgl. Anhang 1 und 2).

Eine Aufschlüsselung der Altersgruppen der hilfebedürftigen Personen stellt die folgende Tabelle dar (Stand: Juni 2009):

Tabelle 1: Hilfedürftige Personen im Juni 2009 in Brandenburg an der Havel: Aufschlüsselung nach Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Zusammenstellung auf der Grundlage von: Amt für Jugend, Soziales und Wohnen Brandenburg an der Havel (siehe Anlagen)

Die Tabelle zeigt, dass unter den 11.793 Leistungsempfängern im Juni 2009 insgesamt 2.429 (20,5%) Kinder und Jugendliche waren, welche die staatliche Hilfe in Form von Sozialgeld erhalten haben. Der Großteil der Heranwachsenden Empfänger war unter 15 Lebensjahre alt. Bezogen auf die Gesamteinwohnerzahl von 7.397 unter 16-jährigen Kinder und Jugendliche der Stadt Brandenburg im Jahr 2009, ergibt sich eine Bedürftigkeitsquote von rund 30%. Als besonders armutsgefährdet, kann die Altersgruppe der unter 3-Jährigen gesehen werden. Von den insgesamt 1.663 Kindern unter drei Jahren, die 2009 in der Stadt Brandenburg lebten, bezogen im Juni 2009 genau 665 Kinder Sozialgeld. Demnach lebte zu diesem Zeitpunkt jedes zweite bis dritte Kind unter drei Lebensjahren (knapp 40%) in relativer Einkommensarmut (vgl. Amt für Jugend, Soziales und Wohnen Stadt Brandenburg an der Havel, Anlage 1 und 2).

Neben der starken Betroffenheit von Kindern und Jugendlichen ist die Bedürftigkeit von Heranwachsenden staatliche Leistungen in Anspruch nehmen zu müssen in Brandenburg – ebenso wie in Gesamtdeutschland - in den vergangenen Jahren gestiegen. Ein detailliertes Bild hierzu verschafft die folgende Tabelle (vgl. Stadt Brandenburg an der Havel -Fachgruppe Statistik und Wahlen, S. 89):

Tabelle 2: Anzahl der Empfänger von Leistungen nach SGB II nach Alter

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Zusammenstellung auf der Grundlage von: Informationsdienst der Statistikstelle. Statistischer Jahresbericht 2010, S. 89 Abb. 2.3.2.2 (siehe Anhang 3)

Die Daten zeigen, dass trotz der sinkenden Gesamtzahl leistungsberechtigter Brandenburger die Anzahl der Kinder, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen müssen, gestiegen ist. Im Jahr 2009 haben 2,7% mehr Heranwachsende Leistungen nach dem SGB II erhalten, als vier Jahre zuvor (vgl. Statistischer Jahresbericht 2010, S. 89).

Aufgrund der Tatsache, dass die Armutsquoten im aufgeführten Beispiel anhand der Sozialhilfebedürftigkeit und nicht anhand des Haushaltseinkommen errechnet wurden, können sie nicht mit den Ergebnissen der Bundesregierung zur Armutsbetroffenheit in Ostdeutschland verglichen werden. Dennoch zeigen die Zahlen ein deutliches Bild: Kinder- und Jugendarmut in Brandenburg ist – trotz sinkender Sozialhilfebezugszahlen – in den vergangenen Jahren angestiegen. Etwa jeder dritte heranwachsende Brandenburger unter 16 Jahren musste im Jahr 2009 aufgrund seiner prekären Lebenslage, staatliche Leistungen in Form von Sozialgeld in Anspruch nehmen (vgl. Tabelle 1).

2.3.6 Soziale Integration

Soziale Netze bilden im Alltag von Familien eine wichtige Entlastungsmöglichkeit (vgl. Mengel, M. 2007, S. 56). Unterstützung können Haushalte einerseits durch private Netzwerke, wie Verwandte, Freunde oder Nachbarn erfahren. Andererseits stehen institutionelle Einrichtungen wie Ämter, Bildungseinrichtungen (z.B. Kitas, Familienzentren, Mehrgenerationshäuser etc.), Beratungsstellen sowie gemeinnützige Vereine zur Verfügung, welche Familien in ihren alltäglichen Aufgaben und Pflichten beraten und entlasten können (vgl. Meier, U./Preuße, H./Sunnus, E. M. 2003, S. 283ff).

[...]


[1] Relative Armut ist eine Armutsdefinition, welche von hochentwickelten Industrieländern verwendet wird, bei der es nicht – wie bei der absoluten Armut - um das Fehlen der Grundversorgung (Nahrung, Kleidung oder Gesundheit), sondern um die Teilhabe an der Gesellschaft geht. Diese Teilhabe wird mit Hilfe eines Mindeststandards bestimmt, welcher anhand des Durchschnittseinkommens oder eines bestimmten Existenzminimums der Gesellschaft festgelegt wird. Unterschreiten Haushalten in einem gewissen Grad diesen ermittelten Mindeststandard, leben sie in relativer Armut (vgl. Sanders, K. 2008, S. 12f).

Ende der Leseprobe aus 114 Seiten

Details

Titel
Familienbildung mit sozial benachteiligten Familien
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
114
Katalognummer
V262187
ISBN (eBook)
9783656505334
ISBN (Buch)
9783656507291
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
familienbildung, familien
Arbeit zitieren
Anika Gumtz (Autor), 2011, Familienbildung mit sozial benachteiligten Familien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262187

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