Einer der bekanntesten Anhaltspunkte eines ehemals existierenden altägyptischen Schamanismus ist das Statuenherstellungsritual, der älteste Teil der Mundöffnungszeremonie, innerhalb dessen der Sem-Priester die Statue (später auch die Mumie) des Verstorbenen „beseelt“. Das Statuenherstellungsritual kann als ritualisierte schamanische Séance und als eine Art Überbleibsel des frühzeitlichen Schamanismus betrachtet werden. Eine Statue wird hergestellt, damit der Verstorbene in ihr weiterleben kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Über Schamanismus im Alten Ägypten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hypothese, ob im frühzeitlichen Ägypten schamanische Praktiken existierten, die später in den offiziellen Kult integriert oder von diesem verdrängt wurden. Dabei steht insbesondere die kritische Auseinandersetzung mit der ägyptologischen Lehrmeinung und die Neuinterpretation des Statuenherstellungsrituals als schamanische Séance im Fokus.
- Kritische Analyse des ägyptologischen Verständnisses altägyptischer Religion
- Einführung in schamanische Techniken und Bewusstseinszustände
- Interdisziplinärer Vergleich zwischen Ägyptologie, Ethnologie und Religionswissenschaft
- Reinterpretation des Statuenherstellungsrituals der Mundöffnungszeremonie
- Die Rolle des Sem-Priesters als schamanischer Akteur
Auszug aus dem Buch
Über Schamanismus im Alten Ägypten
Siegfried Morenz, einer der einflussreichsten Ägyptologen seiner Zeit, schreibt im Vorwort zu seinem Buch „Ägyptische Religion“: „In der Arbeit wurde mir deutlich, daß man selbst erfahren haben muß, was Religion sei und daß Gott sei, wenn einem das Gott-Mensch Verhältnis ferner Zeiten aus den Quellen sichtbar werden soll. Dann aber zeigt sich, daß die einfachen und großen Anliegen des menschlichen Lebens bei allen Variationen durch Daseinswelt und Bewußtseinslage ewig unveraltet die gleichen sind und daß die Beschäftigung mit einer einzelnen Religion die Pforten zur Religion schlechthin zu öffnen vermag. Wer sich mit fremder Sprache oder fremder Kunst beschäftigt, pflegt daraus nicht zuletzt ein tieferes Verständnis seiner eigenen Sprache oder Kunst zu gewinnen. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß die ägyptische Religion jedem, der sich in sie versenkt, den gleichen Dienst leistet. (…) Ich für meinen Teil glaube nicht an die ägyptischen Götter, aber ich vergaß keinen Augenblick, mir gegenwärtig zu halten, daß für die Ägypter, wie für jeden Gläubigen auf Erden, seine Götter Wirklichkeiten waren, und diese Wirklichkeit Gottes ist meines Erachtens der vornehmste Gegenstand des Religionshistorikers überhaupt“.
Das Zitat beschreibt die ganze Problematik der ägyptologischen Beschäftigung mit der altägyptischen Religion. Denn was wäre, wenn wir in der Zeit bis in die Frühzeit zurückgehen und statt einer Religion Schamanismus vorfinden? Wenn die Ägypter der Frühzeit nicht an die „Wirklichkeit Gottes“ glaubten, sondern an die „Wirklichkeit der Natur und des Universums“, die sich in den verschiedenen Göttern, heiligen Tieren und Gegenständen zeigte?
Ist es vorstellbar, dass sich Siegfried Morenz jemals in einen Schamanen hineinversetzt hat? Wohl kaum, denn Schamanismus ist keine Religion, sondern eine religiöse Praxis. Das schamanische Erleben beruht auf gezielt herbeigeführten Bewusstseinsintensivierungen, zum Beispiel durch den Gebrauch von psychoaktiven Pflanzen, den Einsatz rhythmischer Stimulation, Atemkontrolle oder bestimmter Körperhaltungen.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Die Autorin legt ihre interdisziplinäre Methodik dar und fordert dazu auf, ägyptologische Fragestellungen durch ethnologische und soziologische Perspektiven zu erweitern, um festgefahrene Denkmuster zu durchbrechen.
Über Schamanismus im Alten Ägypten: Dieses Hauptkapitel analysiert das Statuenherstellungsritual als schamanische Séance und hinterfragt kritisch die Ablehnung schamanischer Interpretationsansätze durch etablierte Ägyptologen.
Schlüsselwörter
Schamanismus, Altes Ägypten, Statuenherstellungsritual, Mundöffnungszeremonie, Sem-Priester, Religionsgeschichte, Bewusstseinszustände, Jenseitsreise, Interdisziplinarität, Siegfried Morenz, Michael Harner, Seelenaspekte, Ethnopharmakologie, Kultpraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Möglichkeit, dass schamanische Praktiken ein wesentlicher Bestandteil des religiösen Lebens im frühen Ägypten waren, bevor sie durch offizielle Priesterkulte verdrängt wurden.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung umfasst die ägyptische Religionsgeschichte, schamanische Techniken zur Bewusstseinsveränderung, die Rolle von Ritualen und die kritische Reflektion wissenschaftlicher Voreingenommenheit in der Ägyptologie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein neues Fenster zum Verständnis altägyptischer Kultur zu öffnen, indem verborgene schamanische Elemente in religiösen Zeremonien wie der Mundöffnung identifiziert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der kulturvergleichende ethnologische Methoden mit der Analyse altägyptischer Originalquellen verbindet, um die Grenzen der rein ägyptologischen Sichtweise zu erweitern.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die detaillierte Reinterpretation des Statuenherstellungsrituals als eine schamanische Séance, inklusive einer schrittweisen Szenenanalyse des Ritualablaufs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schamanismus, Altes Ägypten, Sem-Priester, Bewusstseinstechnologie, Statuenherstellungsritual und interdisziplinäre Forschung.
Warum wird das Statuenherstellungsritual als schamanisch eingestuft?
Das Ritual weist Anzeichen einer rituellen Séance auf, bei der der Priester in einen Trancezustand übergeht, um als Mittler die „Seele“ des Verstorbenen zu finden und in die Statue zu geleiten.
Wie reagiert die Autorin auf die Kritik von Ägyptologen?
Sie kritisiert, dass viele Forscher wie Siegfried Morenz oder Jan Assmann schamanische Erklärungsmodelle aus einer subjektiven Ablehnung heraus ignorieren, anstatt die Belege unvoreingenommen zu interpretieren.
- Arbeit zitieren
- M.A. Sabine Neureiter (Autor:in), 2005, Über Schamanismus im Alten Ägypten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262203