Der Mayflower Compact (1620): Zwischen Covenant und Staatsvertrag


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mayflower Compact (1620): Zwischen Covenant und Staatsvertrag
2.1. Ein klassischer Covenant?
2.1.1 Covenant: Definition und Merkmale
2.1.2. Innere Analyse
2.1.3. Äußere Analyse
2.2. Ein moderner Staatsvertrag?
2.2.1 Die Gesellschafts- und Staatstheorie nach John Locke
2.2.1.1 Menschenbild und Naturzustand
2.2.1.2 Der Staatsvertrag
2.2.2. Innere Analyse
2.2.3. Äußere Analyse

3. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die Geschichte der ersten puritanischen Siedler Neu Englands ist in fast jeder Publikation zu finden, die sich mit der Früh- oder Verfassungsgeschichte der Vereinigen Staaten von Amerika beschäftigt. Zurückzuführen ist dies darauf, dass die Siedlung der Pilgrims zu den ersten gehörte, die sich auf dem nordamerikanischen Kontinent etablieren konnte. 1620 errichteten die puritanischen Pilgerväter dort mit der Plymouth Colony ein selbstverwaltetes Gemeinwesen, das auf einem von ihnen geschlossenen Übereinkommen an Bord des Schiffs Mayflower basierte. In diesem, von den Siedlern umgangssprachlich Plymouth Combination genannten und seit 1793 als Mayflower Compact bekannten Abkommen1, sicherten sich die Gründerväter gegenseitig zu, Regeln und Abmachungen in der neuen Gemeinschaft einzuhalten.

Die Notwendigkeit für diesen Vertrag bestand in der Verfehlung des ihnen ursprünglich zugewiesenen Gebiets. Sollte die Mayflower eigentlich vom englischen Hafen Plymouth kommend in der Nähe von Virgina anlegen, so verfehlte sie ihr Ziel nach achtwöchiger Fahrt und ging schließlich am 21.11.1620 vor Cape Cod in der Massachusetts Bay vor Anker.2 Auf Grund des fehlenden Patents für dieses Terrain schlossen 41 männliche Passagiere ein Übereinkommen, um eine Art Regierung zu errichten.3 Der Mayflower Compact4 gilt daher als „frühestes Dokument amerikanischer Selbstverwaltung.“5

In der folgenden Betrachtung soll dieses Abkommen der puritanischen Siedler im Mittelpunkt stehen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie der Mayflower Compact rechtlich einzuordnen ist: Stellt der Vertrag der Puritaner einen covenant dar oder handelt es sich bereits gar um eine frühe Form des modernen Staatsvertrags, wie ihn John Locke schließlich in seiner staatstheoretischen Schrift Two Treatises of Government 1689 formulieren sollte? Am Ende dieser Arbeit soll diese Frage nach der Überprüfung des Mayflower Compact auf Merkmale hinsichtlich eines klassischen covenants und eines modernen Staatsvertrags eine Antwort finden.

2. Der Mayflower Compact (1620): Zwischen Covenant und Staatsvertrag

Der Mayflower Compact, den die Pilgerväter im Jahr 1620 schlossen, gilt als erstes Dokument der amerikanischen Verfassungsgeschichte6 und wird seitdem von vielen als Ursprung der amerikanischen Demokratie angesehen.7 Daher verwundert es nicht, dass das puritanische Abkommen in der Geschichte der USA und nicht zuletzt in Reden verschiedener amerikanischer Präsidenten bis heute eine Rolle spielt. So bezeichnete der von 1963 - 1969 amtierende amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson das Schriftstück in seiner Antrittsrede als „American covenant.“8 Der Journalist und Autor M. Stanton Evans sieht im Abkommen der Pilgrims hingegen einen Staatsvertrag: „The Mayflower Compact was executed on November 11, 1620 - predating Locke’s Second Treatise by seven decades.“9 Dieses Kapitel wird sich nun mit der Frage beschäftigen, ob der Mayflower-Vertrag eher als klassischer covenant oder als moderner Staatsvertrag zu werten ist.

2.1. Ein klassischer Covenant?

2.1.1. Covenant: Definition und Merkmale

Der Begriff covenant, der ins Deutsche in etwa mit „formelle[r] Übereinkunft“10 übersetzt werden kann, hat ursprünglich religiöse Wurzeln. Dies verdeutlicht auch ein Blick auf die Erläuterung des Begriffs im Oxford English Dictionary, in dem covenant als „an agreement which brings about a relationship of commitment between God and his people“11 erklärt wird. So beruht beispielsweise unter anderem der jüdische Glaube auf biblischen covenants zwischen Abraham, Moses und David. Folglich ist zunächst eine Unterscheidung zwischen der biblischen und der politischen Form unumgänglich. Während die Idee des covenant in ihrer ursprünglichen Form ein Bündnis zwischen Gott und der Menschheit basierend auf beiderseitigen Versprechen und Verpflichtungen zum Ausdruck brachte, drückt die politische Form bei gleicher Basis die Idee der Freiheit zur Gründung von Zivilgemeinschaften aus.12 Beiden Formen ist eine zentrale Eigenschaft zu Teil: Die Errichtung und Erhaltung von einer Reihe von Beziehungen zwischen allen Beteiligten.13 Außerdem bleibt festzuhalten, dass auch religiösen covenents zum allergrößten Teil politische Motive zu Grunde liegen.14

In seiner Publikation Covenant Tradition in Politics definiert der amerikanische Politprofessor Daniel J. Elazar den Begriff wie folgt:

A morally informed agreement or pact based on voluntary consent, established by mutual oaths or promises, involving or witnessed by some transcendental higher authority, between peoples or parties having independent status, equal in connection with the purposes of the pact, that provides for joint action or obligation to achieve defined ends (limited or comprehensive) under conditions of mutual respect, which protect the individual integrities of all the parties to it.15

Mit dieser Definition legt Elazar dem Begriff covenant mehrere Elemente zu Grunde:. Demnach ist ein covenant eine moralisch motivierte Übereinkunft, die auf Freiwilligkeit der Beteiligten basiert und durch einen Schwur begründet wird.16 Bezeugt wird dieser durch eine höhere bzw. überweltliche Autorität, wobei Elazars Definition offen lässt, ob es sich zwangsläufig um einen religiösen oder nicht-religiösen Zeugen handeln muss.17 Ferner impliziert die Definition zum einen, dass alle am covenant beteiligten Personen dieselben Absichten und Ziele verfolgen.18 Zum anderen bedeutet dies auch gleichzeitig die Verpflichtung zum gemeinsamen Handeln, um die Integrität aller Beteiligten zu erhalten.19 Durch diese Elemente unterscheidet sich der covenant deutlich vom Gesetzesbegriff. Abschließend muss konstatiert werden, dass der covenent-Idee nicht nur in der Bibel, sondern beispielsweise auch in den gründungs- und revolutionsträchtigen Zeiten der Vereinigten Staaten von Amerika eine große Verbreitung und Bedeutung zugemessen werden muss.20

2.1.2. Innere Analyse

Im folgenden Abschnitt soll nun der Mayflower-Vertrag unter anderem nach den in 2.1.1. dargestellten Merkmalen eines covenants einer genaueren Überprüfung unterzogen werden. Bevor eine äußere Analyse angestellt wird, bedarf es zunächst der Untersuchung des Wortlauts, um erste Rückschlüsse auf die mögliche Einstufung des Schriftstücks als covenant ziehen zu können.

Bereits zu Beginn des Mayflower-Vertrags wird mit den Worten „in Gottes Namen, Amen“21 ein entscheidendes covenant-Kriterium erfüllt: Die Übereinkunft wird durch die Anrufung Gottes durch selbigen im weiteren Textverlauf bezeugt. Für die Pilgerväter, die eingangs erklären, die Überfahrt zu „Gottes Ruhm, [und] zur Ausbreitung des christlichen Glaubens“22 unternommen zu haben, spielt die Bezeugung Gottes eine große Rolle. So heißt es im Text, die Vereinbarungen werden “feierlich und gegenseitig vor Gottes Angesicht”23 geschlossen. Für den amerikanischen Historiker Paul Johnson ist damit Gott gleichermaßen Zeuge als auch symbolischer Unterzeichner und damit „Vertragspartner“ der Pilgerväter.24 Ähnlich sieht dies auch Donald S. Lutz: “A compact could be turned into a covenant simply by calling upon God to witness the agreement […].”25 Demnach wäre die passendere Bezeichnung für das puritanische Abkommen aus dem Jahr 1620 ‘Mayflower Covenant’ anstelle von Mayflower Compact. Diese Textpassagen lassen daher eindeutig den Schluss zu, dass die Puritaner im Mayflower Compact einen von Gott bezeugten covenant mit ihm eingehen.

Allen Kolonisten gemein ist außerdem das im Mayflower Compact festgehaltene und zum gemeinsamen Handeln verpflichtende Ziel, stets zum „gemeine[n] Wohl der Kolonie“26 zu agieren. Zusammen mit der Erklärung am Textende, in dem die Unterzeichner „schuldige Unterwerfung und Gehorsam geloben“27, erfüllt der Mayflower-Vertrag weitere covenant-Kriterien: Alle Beteiligten haben dieselben Absichten und untermauern dies durch einen Schwur.

Aufschluss gibt der Wortlaut des Mayflower Compact auch hinsichtlich der Disposition der gegründeten Kolonie. So halten die Verfasser mit dem Zweck der besseren Organisation fest28, „gerechte und gleiche Gesetze, Verordnungen, Erlasse, Verfassungen und Ämter zu verabschieden, begründen und abzufassen.“29 Die folgende Aussage des Anführers William Bradford, die zum Ausdruck bringt, dass auf Grund der fehlenden Charter des Königs Gefahren zu erwarten waren, zeigt die Notwendigkeit eines Abkommens mit diesem Inhalt: „When they came ashore they would lose their own liberty, for none has power to command them.“30 Dieses Statement macht deutlich, dass er und die übrigen Anführer die Möglichkeit sahen, durch einen covenant die Strukturen für eine Gesellschaftsordnung außerhalb des königlichen Patentbereichs zu etablieren.31 Im Allgemeinen misst Daniel J. Elazar in diesem Zusammenhang covenants eine große Bedeutung für die Organisation einer Gesellschaft zu.32 Dies trifft in diesem Fall auch uneingeschränkt auf den Mayflower Compact zu, der mit seinem Inhalt die Grundstrukturen der neuen Kolonie vorgab und damit von immenser Wichtigkeit für die Puritaner war.

Einen weiteren Aspekt führt Donald S. Luz außerdem vor dem religiösen Hintergrund der Pilgerväter an. So konstatiert er zu Recht, dass sich an Board der Mayflower zwar weder Anwälte noch sonstige Rechtsgelehrte befanden, aber dafür zahlreiche Geistliche, die weniger mit rechtlichen als mit religiösen Schriften vertraut waren. Ersetzt man im Satz „[we] solemnly and mutually, in the presence of God, and one another, covenant and combine ourselves together into a civil body politic”33 der Theorie von Luz folgend den von den Pilgrims verwendeten Begriff „civilc body politic“34 durch ‘church‘, verwandelt sich das Dokument in eine klassische Form der weit verbreiteten „church covenant[s]“ des 16. und 17. Jahrhunderts.35 Dass das Schriftstück darüber hinaus formell und sprachlich stark an biblische covenants erinnert36 und die Pilgerväter in der eben zitierten, zentralen Passage des Abkommens selbst den Begriff ‘covenant‘ verwenden, unterstützt zusätzlich eine mögliche Einstufung des Mayflower Compact als covenant.

2.1.3. Äußere Analyse

Nach der inneren Analyse des Mayflower-Vertrags bedarf es nun einer genaueren Untersuchung der Beweggründe und Motive der Puritaner, die für die Emigration nach Neuengland und der Unterzeichnung des Vertrages eine Rolle gespielt haben. Der Hauptbeweggrund der Pilgerväter für die Auswanderung in die neue Welt war das Verlangen nach Religionsfreiheit, die ihnen in England lange Zeit verwehrt geblieben war.37 In Neuengland, so die Hoffnung der Puritaner, könnten sie ihre Idealvorstellung eines Zusammenlebens basierend auf den Worten der Bibel umsetzen und so als Vorbild der gesamten Menschheit dienen.38 So heißt es in einer berühmt gewordenen Aussage von John Winthrop aus dem Jahr 1630: „We must consider that we shall be as a City upon a Hill, [and that] the eyes of all people are upon us.”39 Diesen Auserwähltheitsgedanken der Puritaner bringt auch der Anführer und langjährige Gouverneur der Kolonie, William Bradford, in seinen später als Of Plymouth Plantation bekannt gewordenen Jahresberichten bereits vor John Winthrop zum Ausdruck. So sollte er rückblickend auf die Ankunft in Neuengland notieren, Gott habe sein Volk sicher über den Atlantik geführt, um einen „Christian Commonwealth“40 zu errichten. Diese Aussagen können bereits als Indizien dafür gewertet werden, dass es sich beim Mayflower Compact tatsächlich um einen covenant zwischen den Puritanern und Gott handelt.

Ähnlich sieht dies auch Daniel J. Elazar, der Parallelen zwischen der Übersiedlung der Puritaner von 1620 mit dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten feststellt. Anknüpfend an den covenant zwischen dem auserwählten Volk der Israeliten und Gott im Alten Testament, sahen die Puritaner sich selbst als „New Israel“41, die mit dem Mayflower Compact ebenfalls einen covenant mit Gott schlossen. Mit dieser Übereinkunft mit Gott brachten die Pilgerväter die Ideen der biblischen covenants nach Nordamerika42 und waren mit ihrem, von Elazar als „classic covenant“43 bezeichneten Vertrag ein Vorreiter, auf den viele weitere ähnliche Abkommen in den ersten Siedlungen Nordamerikas folgen sollten.44

Der Mayflower Compact soll nun folgend weniger nach biblischen, sondern mehr nach politischen Gesichtspunkten betrachtet werden. Wie bereits dargestellt, besteht der Hauptaspekt der politischen Form des covenant darin, Zivilgemeinschaften zu etablieren. Dies gelang auch den Puritanern mit der Unterzeichnung des Mayflower Compact im November 1620 und der damit verbundenen Schaffung des „civil body politic.“45 Diesen Aspekt sieht Donald S. Lutz als tragfähiges Argument, den Mayflower Compact als covenant zu werten.

[...]


1 Vgl. Lutz (1990), S. 17.

2 Vgl. Philbrick (2006), S. 50.

3 Vgl. Ebd., S. 54.

4 Der Wortlaut des Mayflower Compact (1620) kann in modernem Englisch und in der deutschen Übersetzung im Anhang nachgelesen werden. Siehe S. 22.

5 Dippel (2005), S. 10.

6 Vgl. Elazar (1998), S. 18.

7 Vgl. Philbrick (2006), S. 55.

8 Elazar (1998), S. 18.

9 Nigro (2006), S. 515.

10 Scholze-Stubenrecht/Sykes (2005), S. 1031 s.v. ‘covenant‘.

11 Stevenson (2010), S. 401 s.v. ‘covenant’.

12 Vgl. Elazar (1980), S. 6.

13 Vgl. Elazar (1980), S. 6.

14 Vgl. Ebd., S. 15.

15 Vgl. Elazar (1998), S. 7.

16 Vgl. Huesmann (2010), S. 81.

17 Vgl. Ebd., S. 81.

18 Vgl. Ebd., S. 81.

19 Vgl. Ebd., S. 81.

20 Vgl. Elazar (1998), S. 16.

21 Mayflower Compact (1620), in: Schambeck (2007), S. 20.

22 Ebd., S. 20.

23 Ebd., S. 20.

24 Vgl. Nigro (2006), S. 515.

25 Lutz (1980), S. 109.

26 Mayflower Compact (1620), in: Schambeck (2007), S. 20.

27 Ebd., S. 20.

28 Ebd., S. 20.

29 Vgl. Ebd., S. 20.

30 Bradford, in: Miller (1982), S. 18.

31 Vgl. Wright (2008), S. 68.

32 Vgl. Ebd., S. 3.

33 Mayflower Compact (1620), in: Philbrick /Philbrick (2007), S. 14.

34 Ebd., S. 14.

35 Vgl. Lutz (1990), S. 19.

36 Vgl. Ebd., S. 19

37 Vgl. Ebd., S. 18.

38 Vgl. Lutz (1990), S. 18.

39 Winthrop (1630): A Model of Christian Charity, in: Heimert/Delbanco (1985), S. 91.

40 Vgl. Lutz (1990), S. 18.

41 Laderman/León (2003), S. 331.

42 Vgl. Elazar (1998), S. 18.

43 Ebd., S. 19.

44 Vgl. Ebd., S. 19.

45 Mayflower Compact (1620), in: Philbrick /Philbrick (2007), S. 14.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Mayflower Compact (1620): Zwischen Covenant und Staatsvertrag
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
"Nature's Nation": Die Erfindung nationaler Identität in den USA
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
21
Katalognummer
V262273
ISBN (eBook)
9783656505006
ISBN (Buch)
9783656507444
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mayflower, compact, zwischen, covenant, staatsvertrag
Arbeit zitieren
Stephan Katzbichler (Autor), 2012, Der Mayflower Compact (1620): Zwischen Covenant und Staatsvertrag, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262273

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