Um die Frage nach Intellektuellenkritik oder Antiintellektualismus in der APO zu
beantworten, erscheint es als sinnvoll, ihre Angehörigen zunächst als Intellektuelle inhaltlich
zu begreifen, d.h., jene Gedanken und Theorien, welche sie intellektuell bewegten,
nachzuvollziehen. Unweigerlich stößt man hierbei auf die Frankfurter Schule als
„intellektueller Quellort der späteren Studentenbewegung“. Von ihr gingen, insbesondere
während der Formationsperiode der Neuen Linken bis zur Mitte der 60er-Jahre, „die
wichtigsten theoretischen Impulse aus“ und ihre Vertreter gelten geradezu als „“Väter“ der
Studentenbewegung.“ Aber noch aus einem anderen Grund ist es unerlässlich, zur Klärung
der Ausgangsfragestellung die Frankfurter Schule mit einzubeziehen. Die Rezeption der von
ihr vertretenen Kritischen Theorie durch die Studentenbewegung und die aus dieser
spezifischen Rezeption erwachsene Kritik an den Frankfurter Professoren enthält bereits
wesentliche inhaltliche Momente einer allgemeineren Intellektuellenkritik, einer Kritik, die
wesentlich auf dem von den Studenten konstatierten „Missverhältnis zwischen Theorie und
Praxis“ bei den „klassischen“ Intellektuellen basierte. Im Nachfolgenden sind daher
zunächst wesentliche inhaltliche Aspekte der Kritischen Theorie dargelegt, wie sie von ihren
Hauptvertretern der ersten Generation – Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert
Marcuse – entwickelt wurden, unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses von
Theorie und Praxis. Danach soll die bereits erwähnte Rezeption der und Kritik an der
Frankfurter Schule durch die Studentenbewegung im Hinblick auf eine darin enthaltene
Intellektuellenkritik inhaltlich untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frankfurter Schule und Kritische Theorie – intellektuelles Selbstverständnis
3. APO – Intellektuellekritik und intellektuelles Selbstverständnis
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der Studentenbewegung von 1968 (APO) und der Frankfurter Schule, um zu klären, ob der der APO oft unterstellte Antiintellektualismus tatsächlich existierte oder ob es sich vielmehr um einen Konflikt über die soziale Rolle des Intellektuellen handelte.
- Die Rolle der Frankfurter Schule als "intellektueller Quellort" der Studentenbewegung.
- Die kritische Rezeption der Kritischen Theorie durch die APO-Akteure.
- Das Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis in der Studentenbewegung.
- Die Definition des Begriffs des "aktivistischen Intellektuellen" in den 1960er-Jahren.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Sie haben zwei Stunden lang hier sich selbst befriedigt! Sie haben Reden gehalten, akademische, die in der Bevölkerung nicht verstanden worden sind!“ Diese harschen Worte schleuderte Hans-Jürgen Krahl, Mitglied im Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und Doktorand bei Theodor W. Adorno, am 28. Mai 1968 bei einer Diskussionsveranstaltung zu den Notstandsgesetzen in Frankfurt am Main dem Psychoanalytiker und Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich entgegen.
Anwesend bei dieser Veranstaltung waren neben Mitscherlich zahlreiche weitere Intellektuelle von hohem Bekanntheitsgrad, so etwa Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger und Rudolf Augstein. Deren öffentliches Auftreten sei – so Krahl – nichts als „Selbstagitation“ gewesen. „Selbstagitation“ und „Selbstbefriedigung“ – beide provokativ gewählten Begriffe belegen die so bezeichneten Personen mit dem Vorwurf des letztlich egozentrischen Kreisens um sich selbst – die öffentliche intellektuelle Tätigkeit als bloßer Selbstgenuss und Eigeninteresse.
Spricht aus diesen Worten die Aversion gegen Intellektuelle im Allgemeinen? Haben wir es hier vielleicht sogar mit Antiintellektualismus zu tun? Bei Krahl, der selbst ein hochgradig belesener Intellektueller war, wäre dies eher verwunderlich. Ebenso verwunderlich wäre es aber, träfe der Vorwurf des Antiintellektualismus auf die Außerparlamentarische Opposition (APO), für die Krahl neben Rudi Dutschke einer der bekanntesten Sprecher war, als Ganzes zu, da sie schon des Öfteren als „Intellektuellenbewegung“ bezeichnet worden ist, so etwa von Jürgen Habermas, aber auch mehrmals von Krahl selbst. Der Text des Linguisten Dietz Bering, der sich mit dieser Problematik beschäftigt, ist m.E. nur bedingt aufschlussreich. Im Grunde genommen lässt sich die Quintessenz seiner Studie zur Frage, ob die revoltierenden Studenten „anti-intellektuelle Intellektuelle“ waren, wie folgt zusammenfassen: „Neigungen in diese Richtung waren da, wenn auch nicht bei allen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Spannungsfeld zwischen der APO und den Intellektuellen ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob der Vorwurf des Antiintellektualismus gegenüber der Studentenbewegung gerechtfertigt ist.
2. Frankfurter Schule und Kritische Theorie – intellektuelles Selbstverständnis: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der Frankfurter Schule, insbesondere das dialektische Denken und die sich wandelnde Auffassung des Verhältnisses von Theorie und Praxis.
3. APO – Intellektuellenkritik und intellektuelles Selbstverständnis: Hier wird die studentische Rezeption der Kritischen Theorie analysiert und gezeigt, wie sich daraus eine neue, aktionistisch geprägte Form der Intellektualität entwickelte.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit kommt zu dem Schluss, dass kein Antiintellektualismus vorlag, sondern ein Definitionsstreit über die soziale Rolle des Intellektuellen im Kontext politischer Praxis.
Schlüsselwörter
Studentenbewegung, APO, Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Hans-Jürgen Krahl, Rudi Dutschke, Herbert Marcuse, Theorie und Praxis, Antiintellektualismus, Intellektuellenkritik, Aktivistischer Intellektueller, 1968, SDS, Dialektik, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das schwierige Verhältnis zwischen der Studentenbewegung von 1968 und den Vertretern der Frankfurter Schule, insbesondere unter dem Aspekt, ob die Studenten tatsächlich antiintellektuell eingestellt waren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle der Kritischen Theorie, die Bedeutung von Theorie und Praxis für die Studierenden sowie der Wandel des Rollenverständnisses von Intellektuellen in den 1960er-Jahren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Ziel ist es, zu widerlegen, dass die Studentenbewegung ein bloßer Anti-Intellektualismus war, und stattdessen den Konflikt als einen fachinternen Definitionsstreit über die soziale Rolle des Intellektuellen zu entlarven.
Welche wissenschaftliche Methode wird hierbei verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historische Quellenanalyse, bei der zentrale theoretische Schriften der Frankfurter Schule mit Dokumenten und Äußerungen aus der Studentenbewegung (insbesondere von Krahl und Dutschke) gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Pfeiler der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Marcuse) dargestellt, gefolgt von einer Analyse, wie die studentische Linke diese Theorie aufnahm und aufgrund des fehlenden Praxisbezugs eigene, aktionistische Strategien entwickelte.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Besonders prägend sind die Begriffe "Intellektuellenkritik", "Theorie-Praxis-Verhältnis", "Aktivistischer Intellektueller" und die Auseinandersetzung mit der "Kritischen Theorie".
Inwiefern spielt Herbert Marcuse eine Sonderrolle innerhalb der Frankfurter Schule?
Marcuse wird als das wichtigste theoretische Bindeglied zur APO dargestellt, da er im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno das revolutionäre Potenzial und die Notwendigkeit von "aufklärender Politisierung" durch Intellektuelle stärker betonte.
Was genau bedeutet der Vorwurf der "Selbstbefriedigung", den Krahl 1968 äußerte?
Krahl kritisierte damit die akademische Distanz der Frankfurter Theoretiker, die seiner Ansicht nach ihre theoretische Arbeit als bloßen Selbstzweck betrieben, anstatt sie in eine konkrete revolutionäre Praxis zu überführen.
- Arbeit zitieren
- Jannik Malte Kandler (Autor:in), 2013, 1968. Die APO als intellektuellenkritische Intellektuellenbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262308