In der vorliegenden Arbeit sollen die Ansätze für das „Philosophieren mit Kindern“
auch auf ihre Eignung als Grundschulfach diskutiert werden.
Oftmals kommt dabei die Frage auf, ob Kinder überhaupt dazu geeignet sind, zu
Philosophieren, ob man das Philosophieren mit Kindern als Philosophie einstufen
kann und/oder ob man Kinder mit Philosophieunterricht nicht ohnehin überfordern
würde. Diese Fragen gründen auf divergenten Auffassungen von dem, was
„Philosophie“ überhaupt ist oder zu sein hat. Geht man von der Philosophie im
akademischen Sinne aus, dann sind Kinder damit fraglos überfordert und es wäre
natürlich nicht sinnvoll, Kinder die Geschichte der Philosophie, Logik,
Erkenntnistheorie, politische Philosophie, Sprachphilosophie oder philosophische
Anthropologie zu lehren. Aber zu den genannten Disziplinen gehört natürlich auch
die praktische Philosophie und genau hier ist das Philosophieren mit Kindern
einzuordnen. Aber auch in die Didaktik der Philosophie muss das Philosophieren
mit Kindern eingeordnet werden, da für diesen Bereich spezielle didaktische
Prinzipien gelten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichte der Didaktik der Philosophie
2.1 Philosophen über Kindheit und Erziehung
2.2 Erste Ansätze der Kinderphilosophie
2.2.1 Der „Metaphysik-Ansatz“
2.2.2 Der „Führer-Ansatz“
2.2.3 Der „Methoden-Ansatz“
2.2.4 Der „Aufklärungs-Ansatz“
3. Philosophieren mit Kindern
3.1 Begriffsabgrenzung
3.2 Didaktische Ansätze
3.2.1 „Philosophieren für Kinder“ – Ein logisch-argumentativer Ansatz
3.2.2 „Philosophieren mit Kindern“ – Gleichberechtigte Dialoge
3.2.3 „Nachdenken mit Kindern“ – Fächerübergreifendes Prinzip
3.2.4 „Philosophieren mit Kindern“ - In Deutschland
4. Wie sieht Philosophie in der Grundschule aus?
4.1 Begründung für Philosophie als Grundschulfach
4.2 Anforderungen an die Lehrkraft
4.3 Anforderungen an die Schüler und zu erwerbende Kompetenzen
5. Philosophieunterricht in der Praxis
5.1 Themenfindung
5.2 Praktische Beispiele didaktischer Ansätze
5.3 Methodische Aufarbeitung
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ansätze des Philosophierens mit Kindern hinsichtlich ihrer Eignung als Grundschulfach. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Philosophie ohne Überforderung kindgerecht vermittelt werden kann, welche methodischen Möglichkeiten zur Förderung des eigenständigen Denkens bestehen und wie diese in den Schulalltag, insbesondere in Schleswig-Holstein, integriert werden können.
- Historische Entwicklung der Kinderphilosophie und ihrer Didaktik.
- Vergleichende Analyse verschiedener didaktischer Ansätze (z.B. Lipman, Matthews, Schreier).
- Methoden zur Gestaltung eines offenen und wertungsfreien Philosophieunterrichts.
- Rolle der Lehrkraft als Moderator sowie notwendige Kompetenzentwicklung bei Schülern.
- Praktische Implementierung, Themenfindung und methodische Aufarbeitung im Grundschulkontext.
Auszug aus dem Buch
3.2.2 „Philosophieren mit Kindern“ – Gleichberechtigte Dialoge
Im Gegensatz zu der vom Lipman in den 1970er Jahren begründeten „Philosophie für Kinder“ und der damit einhergehenden Methode, eine Geschichte nach einem vorgefertigten Fragenkatalog „abzuarbeiten“, forderte der amerikanische Philosoph Gareth B. Matthews viel mehr die Gleichberechtigung von Kindern ein. 1980 wurde sein Werk „Philosophy and the Young Child“ veröffentlicht. Darin veröffentlichte er Gespräche, die er selbst mit Kindern führte und die ihn oft in seinen Annahmen darüber bestätigen, zu welchen philosophischen Einsichten und tiefgründigen Fragen schon sehr junge Kinder fähig sind:
„Meine vorrangige Absicht ist, Erwachsene für eine Reihe von faszinierenden Fragen zu interessieren, über die sie gewinnbringend mit Kindern nachdenken können, Fragen, die nicht als das ausschließliche Terrain von Berufsphilosophen betrachtet werden sollten. (…) Diese Beziehung [Jene zwischen Erwachsenen und Kindern – Anm. der Verf.] ist frei von Herablassung – frei von der Herblassung des Versuchsleiters seiner Versuchsperson, des Lehrers dem Anfänger oder Versorgers dem Empfänger von Fürsorge gegenüber.“
Der entscheidende Unterschied von Matthews Philosophie mit Kindern zu Lipmans Philosophie für Kinder ist zum einen die gleichberechtigte Behandlung der Kinder und ihrer Fragen und zum anderen, dass seine Philosophie mit Kindern nicht zielgerichtet ist, also auch keine vorgefertigten Fragen- oder Diskussionstabellen bereitlegt. Zudem erkennt Matthews in vielen Kinderfragen Parallelen zu den Fragen, die die Philosophen diverser philosophischer Denkrichtungen seit Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, beschäftigen. Auch auf die meisten dieser Fragen kann es keine fertigen Antworten geben und es ist auch nicht sinnvoll, Kindern solche fertigen Antworten aufzudrängen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach der Eignung des „Philosophierens mit Kindern“ als Grundschulfach vor und beleuchtet die damit verbundenen Herausforderungen hinsichtlich didaktischer Ansätze und Lehrerausbildung.
2. Geschichte der Didaktik der Philosophie: Dieses Kapitel gibt einen Exkurs in die historische Entwicklung der Auffassungen von Kindheit und zeigt frühe Ansätze der Kinderphilosophie auf, die bis in die 1920er Jahre zurückreichen.
3. Philosophieren mit Kindern: Hier werden zentrale Begriffe abgegrenzt und die vier Hauptansätze von Lipman, Matthews, Schreier und Martens detailliert vorgestellt und miteinander verglichen.
4. Wie sieht Philosophie in der Grundschule aus?: Es wird der Status des Philosophieunterrichts in deutschen Bundesländern analysiert sowie Anforderungen an Lehrkräfte und zu erwerbende Schülerkompetenzen definiert.
5. Philosophieunterricht in der Praxis: Dieses Kapitel widmet sich der praktischen Umsetzung durch Themenfindung, konkrete Unterrichtsbeispiele und die methodische Aufarbeitung philosophischer Einheiten.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, konstatiert Forschungsbedarf und betont die Notwendigkeit fundierter didaktischer Konzepte für eine erfolgreiche Integration des Fachs.
Schlüsselwörter
Kinderphilosophie, Philosophieunterricht, Grundschule, Didaktik, Sokratischer Dialog, Gareth B. Matthews, Matthew Lipman, Ekkehard Martens, Helmut Schreier, Kompetenzförderung, Wertevermittlung, Eigenständiges Denken, Gesprächskultur, Erstunterricht, Fächerübergreifend.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Philosophieren mit Kindern als Unterrichtsformat an Grundschulen gestaltet werden kann und inwieweit verschiedene didaktische Ansätze dafür geeignet sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die historische Einordnung der Kinderphilosophie, der Vergleich didaktischer Methoden, die Analyse von Lehrplanvorgaben in verschiedenen Bundesländern sowie die praktische Umsetzung von Philosophieunterricht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, die Tauglichkeit verschiedener philosophischer Ansätze für die Grundschule zu bewerten und zu hinterfragen, wie Kinder zum eigenständigen Denken angeregt werden können, ohne sie mit akademischen Inhalten zu überfordern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die eine Literaturanalyse durchführt, bestehende fachdidaktische Konzepte gegenüberstellt und diese kritisch im Kontext der Grundschulpraxis reflektiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Ansätze von Philosophen wie Lipman, Matthews und Schreier detailliert dargestellt, die Anforderungen an Lehrkräfte und Schüler diskutiert sowie konkrete Methoden der praktischen Umsetzung, wie das Arbeiten mit Geschichten, analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Kinderphilosophie, didaktische Ansätze, Grundschule, eigenständiges Denken, Gesprächskultur und methodische Aufarbeitung.
Warum ist laut der Arbeit das „Staunen“ für Kinder so wichtig?
Das Staunen wird als zentraler Ankerpunkt kindlicher Neugier beschrieben. Es ermöglicht Kindern eine Form der Welterkundung, die den Ausgangspunkt für philosophisches Fragen bildet und Erwachsene dazu einlädt, diese Fragen ernst zu nehmen.
Warum kritisiert die Autorin die Entwicklungspsychologie nach Piaget im Kontext der Kinderphilosophie?
Die Kritik richtet sich dagegen, dass Piagets Stufenmodell Kindern im Grundschulalter logisches Denken abspricht. Die Autorin folgt hier Gareth B. Matthews, der diese Einstufung als kontraproduktiv für die Förderung philosophischer Gespräche ablehnt.
- Quote paper
- Anna Borggreve (Author), 2012, Philosophieren mit Kindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262321