Wer sich mit dem epischen Theater beschäftigt wird auch unweigerlich auf den Namen Bertolt Brechts treffen. Während in der Literatur oft ein absoluter Gegensatz zwischen klassischem und epischem Theater propagiert wird, fallen dem Rezipienten beim Lesen diverser epischer Stücke überraschend viele Elemente eines klassischen Dramas ins Auge. Wurde die epische Dramentheorie also in diesen Fällen nicht konsequent genug umgesetzt? Sind die klassischen Elemente in den Dramen auf das Unvermögen der Autoren zurückzuführen? Geht man davon aus, dass auch Brecht in seinen epischen Dramen klassische Merkmale mit eingebunden hat, so kann dieser provokative Vorwurf negiert werden, da man bei Brecht nicht von einem persönlichen Unvermögen beim Umsetzen seiner eigenen Dramentheorie ausgehen kann. Zwangsläufig stellt sich die Frage, warum man sich in manchen Punkten am klassischen Ideal orientiert hat. Um dies zu erreichen muss man die konsolidierte Vorstellung der absoluten Antonymie der epischen und klassischen Dramentheorie aufbrechen. Auch Bertolt Brecht selbst wollte seine Dramentheorie nur als „Akzentverschiebung“ im Theater verstanden wissen.
In diesem Zusammenhang wird sich die folgende Arbeit exemplarisch Brechts Leben des Galilei widmen. Zuallererst soll ein Einblick in die Dramentheorien der scheinbar oppositionellen Dramengattungen gewährt werden. Gemäß der Maxime vom Simplen zum Komplexen, vom Einfachen zum Speziellen soll daraufhin das Drama Leben des Galilei auf die ihm innewohnenden epischen, sowie klassischen Komponenten untersucht werden. Die Frage der Zuordnung in eine der beiden Richtungen soll dabei geklärt und der Grund für die Vermischung der Dramentheorien herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Bertolt Brecht und das epische Theater
2. Einführung in das klassische und epische Theater
3. Epische Elemente und Ansätze in Leben des Galilei
3.1. Die Rolle des Bürgertums
3.2. Der Verfremdungseffekt als zentrales Element der epischen Dramatik
3.3. Neuartige Figurenkonzeption
4. Klassische Elemente in Leben des Galilei
5. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das Drama „Leben des Galilei“ von Bertolt Brecht hinsichtlich der Frage, ob es sich dabei um ein rein episches Theaterstück handelt oder ob es klassische Geschichtsdramen-Elemente enthält. Ziel ist es, die Vermischung dieser beiden gegensätzlichen Dramentheorien aufzuzeigen und zu begründen.
- Analyse der Dramentheorien von Bertolt Brecht (episches vs. klassisches Theater)
- Untersuchung der epischen Elemente im „Leben des Galilei“
- Darstellung der Rolle des Verfremdungseffekts und der Figurenkonzeption
- Identifikation klassischer, aristotelischer Elemente im Werk
- Erörterung des „dialektischen Theaters“ als treffendere Klassifizierung
Auszug aus dem Buch
3.2. Der Verfremdungseffekt als zentrales Element der epischen Dramatik
In diesem Zusammenhang muss zusätzlich auf Brechts vielzitierten Verfremdungseffekt verwiesen werden. Er definiert diesen so: „Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen“.
In Galilei stellt das Element des Zweifels einen der wichtigsten Verfremdungseffekte da. Nur der Zweifel am alten Welt- und damit einhergehend am alten Gesellschaftsbild bringt die Handlung in Gang. Als immer wiederkehrende Komponente taucht der Zweifel wiederholt im Stück auf und kann als Leitmotiv bezeichnet werden. Naturwissenschaftlicher Zweifel, Zweifel am sozialen System, Zweifel an der Vernunft des Menschen – diese Aufzählung ließe sich beliebig lang fortsetzen – zeigen, dass der Zweifel ein allgegenwärtiges Element im Text ist.
Ein weiterer Verfremdungseffekt offenbart sich in der Aktualisierung des gezeigten historischen Stoffes. Über Analogiebildungen soll der Rezipient auch zum sinnieren über die eigene Gegenwart gebracht werden. Wie bekannt ist, hatte der Atombombenabwurf über Hiroshima großen Einfluss auf Brecht und trug mitunter zur Überarbeitung des Galilei bei. Brecht schreibt: „Von heute auf morgen las ich die Biographie des Begründers der neuen Physik anders.“ Mit erhobenem Zeigefinger schreibt deshalb Brecht in seinem Leben des Galilei „Hütet nun ihr der Wissenschaften Licht/ Nutzt es und mißbraucht es nicht/ Daß es nicht, ein Feuerball/ Einst verzehret noch uns all/ Ja, uns all.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Bertolt Brecht und das epische Theater: Dieses Kapitel führt in die wissenschaftliche Debatte über das Spannungsfeld zwischen klassischem und epischem Theater ein und stellt die Forschungsfrage für die Analyse des „Leben des Galilei“.
2. Einführung in das klassische und epische Theater: Es wird ein antithetisches Schema nach Brecht präsentiert, das die strukturellen und inhaltlichen Unterschiede zwischen den beiden Theaterformen gegenüberstellt.
3. Epische Elemente und Ansätze in Leben des Galilei: In diesem Hauptteil wird das Werk auf epische Merkmale hin untersucht, wobei insbesondere die gesellschaftliche Rolle des Bürgertums, der Einsatz des Verfremdungseffekts und die neuartige Figurenkonzeption im Zentrum stehen.
4. Klassische Elemente in Leben des Galilei: Dieses Kapitel arbeitet jene Aspekte des Stücks heraus, die überraschend klassische Strukturen aufweisen und somit dem reinen epischen Postulat entgegenstehen.
5. Resümee: Das Fazit stellt fest, dass das Stück einen Hybridcharakter besitzt und Brecht selbst den Begriff des „dialektischen Theaters“ als passendere Beschreibung für das Werk wählte.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Leben des Galilei, episches Theater, klassisches Theater, Verfremdungseffekt, Dialektik, dialektisches Theater, Figurenkonzeption, Aristoteles, dramaturgische Mittel, Wissenschaftsethik, Verantwortung, Katharsis, Montage, Historisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Bertolt Brechts „Leben des Galilei“ und untersucht, inwieweit das Stück dem epischen Theater zuzuordnen ist oder klassische Dramenelemente enthält.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Analyse konzentriert sich auf die theoretische Gegenüberstellung von epischem und klassischem Theater sowie deren praktische Umsetzung im Drama durch Figurenzeichnung, Struktur und den Einsatz von Verfremdungseffekten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Klärung der gattungstheoretischen Einordnung des Stücks und das Aufzeigen der Gründe für die Vermischung scheinbar oppositioneller Dramenformen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, indem sie Brechts dramentheoretische Forderungen an das epische Theater mit der konkreten Textstruktur von „Leben des Galilei“ vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von epischen Elementen (Bürgertum, V-Effekt, Figurenkonzeption) sowie in die kritische Auseinandersetzung mit formalen, klassischen Konstruktionen innerhalb des Stücks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem episches Theater, Dialektik, Verfremdungseffekt, Figurenkonzeption und das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft.
Welchen Einfluss hatte das historische Ereignis Hiroshima auf das Stück?
Der Atombombenabwurf führte bei Brecht zu einer grundlegenden Überarbeitung, da er die Figur des Galilei stärker als verantwortungslosen Wissenschaftler wahrnahm, was zu einer Akzentverschiebung im Stück führte.
Was versteht man unter „Einfühlung erlaubter Art“ in diesem Kontext?
Brecht sah in der Verwendung klassischer Elemente ein Mittel zum Zweck; selbst bei der Einfühlung sollte der Zuschauer durch kritische Reflexion und den V-Effekt die Distanz zum Geschehen wahren.
Warum schlägt der Autor vor, das Stück eher als „dialektisches Theater“ zu bezeichnen?
Da das Werk sowohl epische Distanz als auch klassische Einfühlungselemente verbindet, ist der Begriff „dialektisches Theater“ laut Brecht präziser, um die Spannungsfelder und die Dynamik des Stücks zu beschreiben.
- Citation du texte
- Stefan Besenhard (Auteur), 2009, Leben des Galilei. Episches Theater oder klassisches Geschichtsdrama mit epischen Elementen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262460