Von der Fürsorge zur Vernichtung. Definition von ´lebensunwertem Leben´ in der Aktion T4 (1940/41)


Essay, 2013
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einführung in die Thematik

1. Euthanasie-Begriff

2. Übergang von der gesetzlichen Sterilisation zur endgültigen Vernichtung ´lebensunwerten Lebens´
2.1 Ursprung und Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“
2.2 Die Vorbereitung der Vernichtung ´lebensunwerten Lebens´

3. ´Lebensunwertes Leben´ in der „Aktion T4“
3.1 Beginn und Umsetzung
3.2 Definition von ´lebensunwertem Leben´

4. Abschließendes

Literaturverzeichnis

Anhang

0. Einführung in die Thematik

Die systematische Ermordung und Beseitigung von physisch kranken und geistig behinderten Menschen während des nationalsozialistischen Regimes (1933-45) zeichnete sich durch ein kaum fassbares Ausmaß an Brutalität, Verachtung menschlichen Lebens und einer perfektionierten Tötungsmaschinerie aus. In diesem Essay richtet sich der Fokus auf die „Aktion T4“, bei der alleine in den Jahren 1940/41 mehr als 70000 Patienten aus „Heil- und Pflegeanstalten“ ihren Tod fanden. Da die Euthanasiemorde an kranken und behinderten Menschen in der NS-Zeit im Schatten der Judenmorde und des Zweiten Weltkriegs und somit zu den relativ wenig beachteten Kapiteln der deutschen Geschichte gehören, möchte ich mit dieser Arbeit einen kleinen Teil dazu beitragen, diesem Zustand entgegen zu wirken.

Diese Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, folgende Hauptleitfrage zu beantworten: Wie wurde `lebensunwertes Leben´ in der „Aktion T4“ (1940/41) definiert und wie vollzog sich der Übergang hin zur Vernichtung? Um diesen Übergang deutlich zu machen, wird auf das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom 14. Juli 1933 eingegangen, welches als gesetzliche Grundlage zur Planung und Durchführung der Ermordungsaktionen diente. Um ein tieferes Verständnis über diese Thematik erlangen zu können, wird es wichtig sein, überblicksartig auf die Wandlung des Begriffs „Euthanasie“ einzugehen. Damit soll aufgezeigt werden, inwiefern sich die Bedeutung jenes Begriffs im Laufe der Zeit verändert wurde.

Als Grundlage dienen die beiden Hauptwerke „ Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“1 von Ernst Klee und „Der Volkskörper“2 von Winfried Süß. Zum besseren Verständnis wurden zudem Hans-Walter Schmuhls Aufsatz „ Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung ´lebensunwerten Lebens´, 1890-1945“3 und weitere Werke bemüht.

1. Euthanasie-Begriff

Das Wort „Euthanasie“ stammt ursprünglich vom griechischen Sprachgebrauch ab („euthanasia“)4 und bezeichnet ein „leichtes und schmerzloses Sterben“ oder einen „guten, ehrenvollen Tod“.5 Nachdem der Begriff fast vollständig aus dem Sprachschatz des mittelalterlichen Lateins verschwunden war, griff Francis Bacon ihn in seinem 1605 erschienenen Werk „De dignitate et augmentis scientiarum“ wieder auf. Darin schrieb er, dass es geeigneten Ärzten erlaubt sein sollte, Handlungen vorzunehmen, die Sterbenden den Todeskampf erleichtern würden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass das Leben vorzeitig durch den Arzt verkürzt werden sollte, sondern dass die Schmerzen des Todkranken gelindert werden sollten.6 Damit wird der Begriff „Euthanasie“ das erste Mal mit der Ergreifung lebensverkürzender Maßnahmen in Verbindung gebracht. Im 19. Jahrhundert ging man davon aus, dass „das Leben des Menschen zu erhalten und womöglich zu verlängern, das höchste Ziel“7 sei und lehnte somit eine bewusste Beschleunigung des Sterbevorgangs ab. In den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts wurde „Euthanasie“ das erste Mal im Sinne von „Sterbehilfe“ gebraucht - allerdings bezog man „Sterbehilfe“ nicht nur auf Handlungen während des Übergangs vom Leben zum Tod, sondern auch auf unheilbar Kranke und Behinderte, die keineswegs dem Tod nahe standen. Zudem wurde bewusst auf das Einverständnis des zu tötenden Schwerstkranken verzichtet.8

Die Ausweitung des Bedeutungsfeldes und damit einhergehende Entfremdung des „Euthanasie“- Begriffs prägte die nationalsozialistischen Vorstellungen von der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“.9 Diese von eugenischen10 Ideen geprägten Vorstellungen wurden in der 1920 veröffentlichten Schrift des Juristen Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche11 namens „ Freigabe zur Vernichtung lebensunwerten Lebens“ konkretisiert. Als Grundlage der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie und damit auch der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ galt Darwins Werk „On the origin of species“. Darwins Selektionstheorie12 - wonach die angepassten Lebewesen (und nicht wie fälschlicherweise angenommen die stärkeren) sich besser fortpflanzen und überleben können - erfuhr eine entscheidende Veränderung, indem man sie auf die menschliche Gesellschaft übertrug (Sozialdarwinismus). Demnach müsste man, um eine „Höherentwicklung der eigenen Rasse“ zu erreichen, den schwachen und untüchtigen Teil der Gesellschaft ausmerzen.13

2. Übergang von der gesetzlichen Sterilisation zur endgültigen Vernichtung ´lebensunwerten Lebens´

2.1 Ursprung und Umsetzung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses"

„Der Führer konnte es nicht länger dulden, daßerblich Minderwertige

sich ungehindert fortpflanzen…Daher mußte der Führer, wollte er dasdeutsche Volk wiederaufrichten, dieses Gesetz erlassen.“14

Der 30. Januar 1933 markiert die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg und zugleich die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Nur wenige Monate danach, genauer am 14. Juli 1933, wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“15 erlassen, das dann am 1. Januar 1934 in Kraft trat. Der genaue Ursprung des Gesetzes ist unklar. Es existieren einerseits Behauptungen, wonach es auf einen Preußischen Gesetzesentwurf aus dem Jahre 1932 basiert, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass (in dem Preußischen Gesetzesentwurf) eine Einwilligung des zu Sterilisierenden vorliegen musste. Andererseits ist es aber sehr wahrscheinlich, dass das Gesetz auf Hitlers Programmschrift „Mein Kampf“ zurück zu führen ist, in dem es heißt: „Wer körperlich und geistig nicht gesund und würdig ist, dürfe sein Leid nicht im Körper seines Kindes verewigen. Es sei der entschlossene Wille, den Volkskörper zu reinigen und krankhafte Anlagen auszumerzen. Es gehe um eine„Auslese nach Leistung“.“16

Dieses Gesetz erfasste folgende Menschengruppen: Erbkranke, die an angeborenem Schwachsinn17 leiden, Schizophrene, Epileptiker, erblich Blinde (auch Nachtblinde) und Taube, Kleinwüchsige, spastisch Gelähmte, Menschen mit Muskeldystrophie, Friedreichsche Ataxie- Kranke, Menschen mit fehlenden Fingern oder Klumpfüßen und Kranke mit angeborenen Hüftverrenkungen. Sogar schwer Alkoholkranke wurden mit erfasst.18

[...]


1 Klee, Ernst: Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1983.

2 Süß, Winfried: Der „Volkskörper“ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939-1945. München: R. Oldenbourg Verlag, 2003.

3 Schmuhl, Hans-Walter: „Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1890-1945“. In: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 75. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1987.

4 Erste Erwähnung im 5. Jahrhundert v. Chr.

5 Schmuhl, Hans-Walter: „Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1890-1945“. In: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 75. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1987. S. 25.

6 Ebd. S. 25: „Ferner halte ich es der Pflicht eines Arztes gemäß,... dass er auch die Schmerzen und Qualen der Krankheit lindere... auch dann, wenn ganz und gar keine Hoffnung mehr vorhanden, und doch aber durch die Linderung der Qualen ein mehr sanfter und ruhigerÜbergang aus diesem zu jenem Leben verschafft werden kann.“

7 Ebd. S. 26.

8 Ebd. S. 27.

9 Was darunter subsumiert wird, wird später behandelt.

10 Eugenik: Bevölkerungspolitik, die bezwecken soll, positive Erbanlagen zu vergrößern (positive Eugenik) und negative zu verringern (negative Eugenik).

11 Klee, Ernst: Euthanasie im NS-Staat. Die Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 1983. S. 19-25.

12 Darwin bezog sich dabei ausschließlich auf das Tier- und Pflanzenreich.

13 Schmuhl: Rassenhygiene, S. 29.

14 Bock, Gisela: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1986. S. 23.

15 Auch als „Sterilisierungsgesetz“ bekannt.

16 Klee, Ernst: Euthanasie im NS-Staat. S. 36f.

17 Darunter erfasste man Frühkriminalität, Konflikte mit Schule und Polizei, sowie Kritiklosigkeit gegenüber Beeinflussungen.

18 Klee: S. 38.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Von der Fürsorge zur Vernichtung. Definition von ´lebensunwertem Leben´ in der Aktion T4 (1940/41)
Hochschule
Universität Trier
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V262528
ISBN (eBook)
9783656509172
ISBN (Buch)
9783656508922
Dateigröße
1424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fürsorge, vernichtung, definition, leben´, aktion
Arbeit zitieren
Endrit Malaj (Autor), 2013, Von der Fürsorge zur Vernichtung. Definition von ´lebensunwertem Leben´ in der Aktion T4 (1940/41), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262528

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