Lessings Jugendlyrik - Themen, Formen, Absichten


Hausarbeit, 2002
26 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhalt

Einleitung - Lessing war ein Lyriker?

Rahmenbedingungen

Anakreontische Lieder

Epigramme

Oden

Lehrgedichte

Schlussworte

Literaturverzeichnis

Einleitung - Lessing war ein Lyriker?

Gotthold Ephraim Lessing gilt als einer der größten deutschen Autoren. Bei diesem Urteil spielen fast ausschließlich seine aufklärerischen Dramen, etwa "Nathan der Weise", eine Rolle. Sie werden in Schule und Studium diskutiert und sind Inhalt zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen.

Dass Lessing auch Lyriker war, ist hingegen weniger bekannt, geschweige denn dass diese Werke aktuelle Relevanz hätten. Es darf daher die Frage gestellt werden, wie lohnenswert eine ausführlichere Auseinandersetzung mit den poetischen Arbeiten Lessings ist. Doch schon ein etwas genauerer Blick weckt die Neugierde, wenn man etwa entdeckt, dass sein Schaffen mehrere hundert Gedichte umfasst, und man auf die Urteile seiner Zeitgenossen stößt. Dieses Interesse soll mit dieser Arbeit verstärkt werden. Dementsprechend werden die lyrischen Gattungen, in denen Lessing schrieb, dargestellt, zusammen mit den Inhalten und Formen seiner Gedichte. Es soll aber auch versucht werden, die Motive und Absichten, die sich in diesen Werken verbergen, zu rekonstruieren und gegebenenfalls Verbindungen zu der Umwelt, in der Lessing sich bewegte, zu knüpfen. Dann kann letztendlich vielleicht auch deutlich werden, welchen Stellenwert die Lyrik in seinem Gesamtwerk einnimmt, wobei seine eigene Beurteilung, sowie die der Zeitgenossen, einbezogen werden soll.

Rahmenbedingungen

Es ist wohl nicht notwendig, auf Lessings Biografie an dieser Stelle im Detail einzugehen, doch zur Annäherung an seine Lyrik ist die grobe Kenntnis der Rahmenbedingungen ihres Entstehens sehr hilfreich.

Es fällt vor allem auf, dass Lessing sich nur in seiner Jugendzeit lyrisch betätigte; so begann er schon als Schüler, Gedichte zu verfassen. Zu dieser Zeit, 1741 bis 1746, ist er dank eines Stipendiums Schüler an der Fürstenschule St. Afra. Seiner hervorragenden Leistungen wegen kann er die Schule ein Jahr früher als üblich verlassen und wird 1746 Student an der sächsischen Landesuniversität in Leipzig. Hier fängt sein Weg zur aktiven Selbstfindung langsam an, er will seine ländliche Herkunft, als er sich ihrer in der belebten Stadt bewusst wird, abstreifen und auch die so geliebten Lehrbücher einmal zur Seite legen. Gotthold interessiert sich für das Theater, verkehrt im Laufe der Zeit mit Schauspielern und versucht ganz allgemein, sein gesellschaftliches Leben zu erweitern.[1]

Dieses Ziel, seine wahre Persönlichkeit besser kennenzulernen, ist auch die Rechtfertigung, die er in Briefen seinen besorgten Eltern vorträgt, die wenig von Komödien und anakreontischen Gedichten halten. Mit letzteren nämlich beschäftigt sich der junge Lessing sehr ausführlich, wie im nächsten Teil dieser Arbeit genauer betrachtet werden soll. Ein entfernter Verwandter, Christlob Mylius, ist eine Schlüsselfigur für Gotthold in Leipzig. Zum einen verschafft Mylius ihm den Zugang zu der geselligeren Welt, die Lessing kennenlernen möchte, zum anderen darf Lessing seine frühen Werke teilweise in dessen Zeitschrift "Der Naturforscher" veröffentlichen.[2] Den Eindruck eines allzu geselligen jungen Mannes braucht man aber wohl nicht gewinnen, zumindest feierte und trank er sicherlich nicht so exzessiv, wie seine anakreontischen Lieder, die traditionell Wein und Liebe thematisieren, auf den ersten Blick offenbaren mögen. Um seine Eltern jedoch zu beruhigen, schrieb er in einem Brief: "Und man muß mich wenig kennen, wenn man glaubt, daß meine Empfindungen im geringsten darmit [den anakreontischen Gedichten] harmonieren"[3]

Seine Begründung, er wolle sich lediglich in jeder Spielart der Dichtung versuchen, um seine Fähigkeiten zu erforschen und zu verfeinern, wird in der Lessing-Forschung oft als wichtigste Motivation für dieses frühe Schaffen genannt.[4] Auf die Frage, ob dies nicht bloß Beschwichtigung für den wütenden Vater war, und es demzufolge andere Absichten gab, soll im folgenden immer wieder eingegangen werden.

Fest steht, dass Lessing Gedichte in den damals gängigen Gattungen verfasste; einteilen lassen sie sich vor allem in Lieder, Epigramme und Oden.

Innerhalb der Lieder nehmen bei ihm jene mit anakreontischer Thematik allein wegen ihrer bloßen Anzahl, über 50 wurden publiziert, eine vorrangige Stellung ein.

Anakreontische Lieder

Anakreontik ist zurückzuführen auf Anakreon, einen griechischen Lyriker aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Dieser engte in seinen locker-leichten Gedichten den Themenkreis auf die Motive Wein und Liebe ein. Der Wein ist dabei Dreh- und Angelpunkt des geselligen Lebens, um ihn zentriert sich die Freundschaft der in den Gedichten auftretenden Männer, Frauen nehmen eine passivere Rolle ein, sie sind die Objekte der Liebe und Begierde. Den Themenkreis anakreontischer Lyrik stellt Abraham Gotthelf Kästner augenzwinkernd in den folgenden Zeilen dar:[5]

Von Mädchen und von Weine, von Weine und von Mädchen, von Trinken und von Küssen, von Küssen und von Trinken, und wieder Wein und Mädchen, und wieder Kuß und Trinken, und lauter Wein und Mädchen, und lauter Kuß und Trinken, und nichts als Wein und Mädchen, und nichts als Kuß und Trinken

Im Deutschland der vierziger Jahre des 18. Jahrhunderts erfreute sich diese alte lyrische Spielart in den großen Städten einiger Beliebtheit; es war Mode anakreontisch zu dichten.[6] Es liegt nahe, eine Verbindungslinie zu dem zu dieser Zeit grassierenden Freundschaftskult zu ziehen. Er war Teil der Hinwendung der Aufmerksamkeit auf das Diesseits, weg vom Jenseits, die das aufklärerische Jahrhundert entscheidend mitprägte. Dieser Kult zelebriert das gesellige Leben; Freundschaft unter Männern wird zu einem der höchsten Güter zivilisierten Lebens erhoben. Dazu passt die anakreontische Dichtung hervorragend, abgesehen von ihrem Inhalt eignete sie sich auch gut zum Vortragen in einer geselligen Runde, eben da sie nicht schwerfällig oder sehr interpretationsbedürftig, sondern leichtfüßig und verständlich daherkommt.

Die wichtigsten Vertreter dieser Gattung waren neben Lessing Gleim, dessen erste beiden Teile seines "Versuch in scherzhaften Liedern" 1744/45 erschienen, Pyra und Lange, deren "Thirsis und Damons freundschaftliche Lieder" 1745 veröffentlicht wurden, sowie Götz, Uz und Hagedorn. Götz und Uz veröffentlichten 1746 "Die Oden Anakreons in reimlosen Versen. Nebst einigen anderen Gedichten", Hagedorn präsentierte 1747 die "Oden und Lieder in fünf Büchern". Von Uz erschien 1749 auch eine Sammlung "Lyrischer Gedichte".[7]

Zweifellos beeinflusste das Leipziger Studentenleben den jungen Lessing bei seinen Versuchen, anakreontisch zu dichten, und die Verbindung dieser Dichtung zum Leipziger Studentenlied wird noch angesprochen werden. Doch inwieweit seine Lebensart mit ihren Inhalten übereinstimmte, ist fraglich. Dies ist durchaus nicht unwichtig für das Verständnis seiner Arbeiten, da es hilft, Erklärungsansätze für die Gründe seines Schaffens zu finden. Zwar fing Gotthold, wie erwähnt, in seiner Studentenzeit an, öfter ins Theater zu gehen, mit Schauspielern zu verkehren und sonstige gesellschaftliche Angebote wahrzunehmen. Offenbar wollte er dadurch seine Unbeholfenheit in solchen Dingen verlieren, seinen Charakter wird er dadurch aber kaum völlig gewandelt haben; er war geprägt durch ein strenges, religiöses Elternhaus, eine ländliche Heimat und vor allem seine intellektuellen Neigungen. Getreu dem Spruch "Wein gedichtet, Wasser getrunken" wiesen die Poeten ihre Werke als bloße Phantasien aus. Lessing lässt dies in der Einleitung seiner "Kleinigkeiten" noch offen, wenn er schreibt "man gebe ihnen entweder einen allzu wahren Grund oder man gebe ihnen gar keinen: alles wird mir einerlei sein" An anderer Stelle verrät er sich dann: "... wovon ich eigentlich aber nichts verstehe". Vielleicht diente ihm die anakreontische Lyrik also zum Ausleben einer Sehnsucht nach weinseliger Liebe und Freundschaft, die er aus eigener Erfahrung kaum kannte. Dafür spricht ja auch, dass er schon als 18 jähriger, vor seiner Leipziger Zeit, sich mit Anakreontik beschäftigte. Ein konkreterer Blick auf seine Gedichte ermöglicht eine differenziertere Aussage.

Bei der äußeren Form hält sich Lessing gewiss an die traditionellen Vorgaben. Die Gedichte sind zumeist nicht sehr lang, oft nur ein bis zwei Strophen, wie etwa "Der Regen"(eine Strophe), "An den Wein"(zwei Strophen) oder "Alexander"(zwei Strophen). Über die Anzahl der Verse pro Strophe lässt sich keine einheitliche Aussage treffen. Gemeinsam ist fast allen ein klassisches Reimschema: Dem Paarreim begegnet man zum Beispiel in "Der Geschmack der Alten", den Kreuzreim kann man unter anderem in "Die siebenundvierzigste Ode Anakreons" antreffen. Nicht selten wechseln sich die Schemata in den Gedichten auch ab, beispielsweise in "Das Alter". "Auf sich selbst" stellt mit seiner Reimlosigkeit eine Ausnahme dar. Vielleicht soll dies im Falle des anscheinend generationskritischen Gedichtes den Unterschied zur gewohnten Anakreontik verdeutlichen. Interessanterweise ist "Auf sich selbst" mit seinen vier Strophen à vier Versen ansonsten völlig regelmäßig.

Die Traditionsverbundenheit wird auch in dem Detail der Namengebung der Figuren deutlich. Im Falle der Frauen ist da von Phyllis, Venus, Lesbia oder anderen antiken griechischen Gestalten die Rede. Ein schönes Beispiel dafür ist "Die Namen", worin der Erzähler davon berichtet, dass er seine Schöne fragte, ob er sie in seinem Lied als Dorimene, Galatee, Chloris, Lesbia oder Doris besingen solle. Ihr ist das egal, solange er sie die seine nennt. In diesem Fall sind die Namen in Verbindung mit der Liebesthematik die einzigen Gründe, das Lied der Anakreontik zuzuordnen. Namen, die deutlicher dem Reich der Mythen angehören, wie Amor und Bacchus, weisen auf den letztendlich eher zeitlosen Zug der Handlung hin. Den tändelnden Charakter Lieder unterstützen gelegentlich kleine Metaphern, die sich vor allem auf den Wein beziehen, es ist von "flüss'gen Feur" die Rede, oder vom "Göttertrank", beides in "Der trunkene Dichter lobt den Wein". Diese Beispiele erfüllen im Gedicht den Zweck, die Trunkenheit und den damit verbundenen Rausch zu illustrieren.

An anderer Stelle erzeugen sprachliche Bilder eine märchenhafte Atmosphäre, die von dem Gefühl der Liebe erfüllt ist.

Sie schlief und weit und breit

Schlug jede Blume ihr Haupt zur Erden

Aus missvergnügter Traurigkeit

Von Lauren nicht gesehen zu werden.[8]

(aus "Die schlafende Laura")

Das ganze Gedicht ist angefüllt mit solchen Bildern, die Laura zu einer Idealfrau stilisieren, vor der sich die ganze Welt verneigt.

Getreu der anakreontischen Tradition lässt sich in vielen von Lessings Versuchen in diesem Genre kein tieferer Sinn finden, Wein und Liebe werden zelebriert. Letztere stellt sich teils auch als bloße Lust am anderen Geschlecht dar, wie in "Der Wunsch":

Wenn ich, Augenlust zu finden,

Unter schattig kühlen Linden

Schielend auf und nieder gehe

Und ein häßlich Mädchen sehe,

Möcht ich lauter Auge sein.

Der Genuss wird in den Vordergrund gerückt, die Frauen werden zu seinem Objekt. Die Pointe in dem letzten Vers, in vielen anakreontischen Gedichten von Lessing zu finden, erinnert an das Epigramm, welches, nicht nur nach Lessings Auffassung, zur Aufgabe hat, mit seinem Finale den Leser zu überraschen. Der Überraschungseffekt ist hier noch nicht so ausgeprägt, da eigentlich alles auf gerade diesen Schluss hinführt, erheiternd ist er aber dennoch. Eine deutlichere Annäherung an das Epigramm ist "Der Verlust":

Alles ging für mich verloren,

Als ich Sylvien verlor.

Du nur gingst nicht mit verloren,

Liebe, da ich sie verlor!

[...]


[1] Vgl. Brief an die Mutter vom 20.1.1749

[2] Vgl. Kröger: Lessing, S.6

[3] Vgl. Brief an den Vater vom 28.4.1749

[4] Vgl. Harth: Lessing, S. 15

[5] Ebd. S.17

[6] Die genaue Unterscheidung zwischen Anakreontik (das sind strenggenommen nur die Gedichte Anakreons bzw. Übersetzungen) und anakreontischer Dichtung (Dichtung im Stile des Anakreon) braucht im folgenden dieser Arbeit nicht mehr gemacht werden.

[7] Vgl. Meyer: Kleinigkeiten Faksimile

[8] Alle Gedichte Lessings sind, wenn nicht anders angegeben, zitiert aus „Lessings Werke“, Hrsg. Stenzel

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Lessings Jugendlyrik - Themen, Formen, Absichten
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität zu Köln)
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V26255
ISBN (eBook)
9783638286527
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lessings, Jugendlyrik, Themen, Formen, Absichten
Arbeit zitieren
Arndt Mauer (Autor), 2002, Lessings Jugendlyrik - Themen, Formen, Absichten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26255

Kommentare

  • Gast am 23.7.2004

    Kommentar des Autors.

    Die Fußnoten in meiner Arbeit entsprechen nicht immer den Standards des Instituts, zudem habe ich nicht mit einer kritischen Textausgabe von Lessings Werken gearbeitet (was aber auf den Inhalt keine Auswirkungen hat). Daher, so mein Dozent, das "noch" vor dem "sehr gut".

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Titel: Lessings Jugendlyrik - Themen, Formen, Absichten


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