Mit dieser Hausarbeit soll der Versuch gemacht werden, den Text Heyms kontrastierend zu interpretieren. Hierfür wird ein Text eines Zeitgenossen konsultiert, der, zumindest in seinem Entrückt-sein, der heymschen Erzählung in nichts nachsteht. Mit dem Landarzt, aus der gleichnamigen Erzählungssammlung Franz Kafkas, wird der Novelle eine zeitgenössische Schrift an die Seite gestellt, deren Inhalt scheinbar nicht minder verwirrend ist. Wie gesagt steht der Irre im Fokus. Mit der Wahl einer Erzählung von Franz Kafka soll eine Spannung aufgebaut werden, die sich aus der zeitlichen Nähe in Verbindung mit der so unterschiedlichen epochalen Einordnung ergibt. Bildästhetisch stehen sich die Beiden nicht zwangsläufig gegenüber. Aber um ein anschauliches Beispiel für expressionistische Narration aufzuzeigen zu können, fühlte ich mich veranlasst einen Autor zu wählen, bei dem nicht unbedingt klar ist, wie sein Umgang mit einer Bilderfolge einzuordnen ist.
Dabei soll die Methode kein Experiment ins Blaue darstellen.
An Hand der Theorie des Erzählens von Franz Stanzel soll versucht werden eine Interpretation zu liefern, die sich der Deutung über den Weg der Erzählforschung zu nähert.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Nietzsche-Erwägungen
Erzählverhalten und wogende Ebenen
Die Opposition ‚Person‘
Die Opposition ‚Perspektive‘
Die Opposition ‚Modus‘
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Novelle „Der Irre“ von Georg Heym im Kontext der Erzähltheorie von Franz Stanzel zu interpretieren, wobei durch eine kontrastierende Analyse mit Franz Kafkas „Landarzt“ die Darstellung von Wahnsinn und Rausch in der expressionistischen Narration untersucht wird.
- Erzähltheoretische Analyse nach Franz Stanzel
- Kontrastive Untersuchung von Heym und Kafka
- Darstellung des Wahnsinns in der expressionistischen Literatur
- Die Rolle des Erzählers und die Konstruktion von Sinn
- Die Beziehung zwischen Autor, Erzähler und Protagonist
Auszug aus dem Buch
Die Opposition ‚Person‘
Wann schätzen wir eine Person als glaubhaft ein? Intuitiv würden wir vielleicht sagen, genau dann wenn wir uns mit ihr identifizieren können. Dies fällt uns bei einem Ich-Erzähler in vielen Fällen leichter. Wir identifizieren jenen Ich-Erzähler oft mit einer (möglichen) Biographie, oftmals vergessen wir die Trennung zwischen lyrischem Ich und Autor. Dies sind schon gute Gründe, die Seinsbereiche vom Ich und von der agierenden Person nicht zu trennen – eine triviale Sache. Aber wie handhaben wir den Er-Erzähler, wenn er so agiert, wie er es bei Heym tut? Eine Biographie mögen wir ihm nicht beigeben, ihn explizit als das Sprachrohr des Autors festzulegen wäre unbegründet (wenn auch nicht völlig abwegig).
Ist er aber wirklich unglaubwürdiger? Er schildert die Vorkommnisse und kommentiert sie. Verhält er sich in diesem konkreten Fall wirklich anders als ein Ich-Erzähler? Ich glaube nicht, denn: Er füllt die Leere aus, die der Protagonist ansonsten hinterlassen würde.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema der Novelle „Der Irre“ von Georg Heym und Darlegung der methodischen Vorgehensweise anhand der Erzähltheorie von Franz Stanzel sowie eines Vergleichs mit Franz Kafka.
Nietzsche-Erwägungen: Untersuchung des Einflusses von Friedrich Nietzsches Philosophie, insbesondere des Nihilismus und des Übermenschen-Ideals, auf das Werk von Heym und Kafka.
Erzählverhalten und wogende Ebenen: Strukturelle Analyse des Erzählers und dessen Rolle als Mittler im Kontext der Frage „Wer erzählt?“.
Die Opposition ‚Person‘: Auseinandersetzung mit der Glaubhaftigkeit und Identifikationsfunktion der Erzählinstanz im Vergleich zwischen Ich-Erzähler und Er-Erzähler.
Die Opposition ‚Perspektive‘: Analyse der Innen- und Außenperspektive sowie deren Einfluss auf die Konstitution des Vorstellungsbildes der erzählten Wirklichkeit.
Die Opposition ‚Modus‘: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen berichtender und szenischer Darstellung und deren Auswirkungen auf die Mittelbarkeit der Erzählung.
Schluss: Reflexion über die Ergebnisse der kontrastierenden Deutung und die Eignung des methodischen Vorgehens für die Analyse expressionistischer Erzähltexte.
Schlüsselwörter
Georg Heym, Der Irre, Franz Kafka, Der Landarzt, Erzähltheorie, Franz Stanzel, Expressionismus, Wahnsinn, Rausch, Erzählverhalten, Person, Perspektive, Modus, Mittelbarkeit, Sinnhaftigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit einer erzähltheoretischen Interpretation der Novelle „Der Irre“ von Georg Heym im Vergleich zu Franz Kafkas „Der Landarzt“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kategorien des Erzählens wie Person, Perspektive und Modus sowie deren Anwendung auf expressionistische Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Motive von Wahnsinn und Rausch in Heyms Erzählung durch die Anwendung der Theorie von Franz Stanzel in einen theoretischen Rahmen einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kontrastierende literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die die Theorie des Erzählens von Franz Stanzel als methodische Grundlage nutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die drei zentralen Oppositionen ‚Person‘, ‚Perspektive‘ und ‚Modus‘ und hinterfragt die Rolle des Erzählers bei der Konstruktion von Sinn.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind Erzähltheorie, Expressionismus, Mittelbarkeit, Identifikation und der Vergleich zwischen auktorialem und Ich-Erzähler.
Inwiefern beeinflusst Nietzsche das Verständnis der Novellen?
Nietzsches Philosophie des Nihilismus und das Streben nach dem Übermenschen dienen als philosophischer Hintergrund, um die Sinnlosigkeit in den Werken von Heym und Kafka besser zu greifen.
Warum wird Franz Kafka als Vergleichsautor herangezogen?
Kafka wird gewählt, um eine zeitgenössische, expressionistisch anmutende Erzählung als Kontrastfolie für Heyms „Der Irre“ zu nutzen und um die unterschiedliche Handhabung von Erzählsituationen aufzuzeigen.
Welche Rolle spielt der Erzähler in Heyms „Der Irre“?
Der Erzähler wird als eine komplexe, teils allwissende, teils jedoch persönlich involvierte Instanz identifiziert, die maßgeblich zur beklemmenden Atmosphäre und zur Darstellung des Wahnsinns beiträgt.
- Arbeit zitieren
- Florian Risch (Autor:in), 2013, Expressionism - Bilderflut, Bilderwut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262554