Nicht nur die 2011 in die Schlagzeilen geratenen gezielten Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) sondern auch die Realität beständiger Gewalt in den sogenannten „National befreiten Zonen“ zeigen die düstere Seite eines aggressiven Nationalismus in Deutschland. Im Unterschied dazu scheint im alltäglichen Leben der meisten Deutschen der Bezug zur eigenen Nation allenfalls eine sehr zwiegespaltene - keinesfalls als ausgrenzend oder gar zur Gewalt neigend wahrgenommene – Rolle zu spielen. Ansteigende Zustimmungswerte, die in neueren Studien zu Patriotismus und Nationalstolz in Deutschland ausgewiesen werden und politische Interventionen zum selben Thema scheinen ebenfalls nichts mit aggressiver Abgrenzung von anderen Menschen zu tun zu haben.
Psychologisch betrachtet stehen positive Vorstellungen einer nationalen Eigengruppe der Abwertung von Anderen bis hin zur Feindschaft allerdings um einiges näher. Dieser Text führt in die psychosozialen Grundlagen von Nationalismus sowie nationalistischer Gewaltäußerung ein und zeigt Verbindungslinien zwischen den Vorstellungen von ‚normaler‘ nationaler Identität und Ausgrenzung auf.
Inhaltsverzeichnis
1. Kurze Bestandsaufnahme
2. Versuche der Erklärung
3. Zweite kurze Bestandsaufnahme
4. Psychosoziale Dynamiken
4.1 Individuum und nationales Kollektiv
4.2 Spezifika in Deutschland
5. Ein kurzes Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die psychosozialen Grundlagen von Nationalismus sowie die Entstehung nationalistischer Gewaltäußerungen in Deutschland, wobei insbesondere die Wechselwirkung zwischen dem Bedürfnis nach nationaler Identität und der Ausgrenzung von als fremd definierten Gruppen analysiert wird.
- Psychosoziale Dynamiken der nationalen Identitätsbildung
- Funktion von Stereotypen und Projektionen in der Gruppenidentität
- Bestandsaufnahme von rechtsextremen Strukturen und Gewalt
- Kritische Analyse des deutschen Normalisierungsdiskurses
- Die Rolle der Erinnerungskultur im Kontext von Nationalstolz
Auszug aus dem Buch
4.1 Individuum und nationales Kollektiv
Wir kennen mittlerweile eine neue Wendung zur Bezeichnung der Beziehung zwischen dem/der Einzelnen und dem nationalen Kollektiv/der Nation: ‚nationale Identität‘.
‚Nationale Identität’ rekurriert auf die Idee einer ‚kollektiven Identität‘ allgemein, die wir auch aus anderen Kontexten kennen. So zum Beispiel als „corporate identity“ aus dem wirtschaftlichen Zusammenhang.
Allen kollektiven Identitäten ist dabei etwas gemeinsam: Sie suggerieren genau die Einheit und Gleichheit, die sich bereits im Begriff „Identität“ wiederfindet. Von dieser Seite aufgelöst ist das Ganze noch recht einfach zu begreifen. Identität bezeichnet eine vollkommene Gleichheit (a=a) in einem üblicherweise konstanten Verhältnis.
Auf Menschen bezogen, die sich die gleiche Staatsbürgerschaft teilen, wird es da schon etwas komplizierter. Kaum jemand würde wohl behaupten, dass alle Menschen einer Nationalität tatsächlich identisch wären. Genauso scheint allerdings ‚nationale Identität‘ auf mehr zu verweisen, als einen Personalausweis, der von derselben Stelle ausgestellt ist. Schon bei der Wendung der „geteilten Wertvorstellungen“ fällt die Definition der tatsächlichen Gemeinsamkeit deutlich schwerer. Endgültig schwierig wird die Konstruktion der nationalen Identität, wenn mensch sich die wirtschaftliche Lage betrachtet und die überall auf der Welt auseinanderklaffende soziale Schere innerhalb der einzelnen Staaten. Die innerstaatliche Realität ist m.E. wesentlich eher durch Brüche gekennzeichnet, als durch Einheit und Gleichheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Kurze Bestandsaufnahme: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über aktuelle rechtsextreme Vorfälle in Deutschland und hinterfragt die Verbreitung von Vorurteilen innerhalb der Bevölkerung.
2. Versuche der Erklärung: Es wird das theoretische Konstrukt der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ eingeführt, um die Funktionen von Vorurteilen bei der Identitätsstiftung zu erläutern.
3. Zweite kurze Bestandsaufnahme: Hier wird der Trend zur positiven nationalen Selbstthematisierung, etwa seit der Fußball-WM 2006, kritisch beleuchtet.
4. Psychosoziale Dynamiken: Dieses Kapitel analysiert die tiefenpsychologischen Prozesse, die das Verhältnis zwischen Individuen und dem nationalen Kollektiv sowie spezifisch deutsche Besonderheiten der Identitätsbildung bestimmen.
5. Ein kurzes Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass nationale Identität oft durch die Abwehr des Fremden und die kollektive Verleugnung historischer Verantwortung gestärkt wird.
Schlüsselwörter
Nationalismus, Gewalt, Identität, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Stereotype, Projektion, NSU, Erinnerungskultur, Nationalstolz, Sozialpsychologie, Ausgrenzung, Kollektiv, Antisemitismus, Rassismus, Normalisierungsdiskurs
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Zusammenhänge zwischen nationaler Identitätsbildung, den Mechanismen der Ausgrenzung von Fremden und dem Umschlag in rechtsextreme Gewalt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die psychologischen Grundlagen von Nationalismus, die Funktion von Vorurteilen in der Gesellschaft sowie die aktuelle deutsche Erinnerungskultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Bedürfnis nach einem „Wir-Gefühl“ durch die Konstruktion von Feindbildern und eine problematische Aufarbeitung der Vergangenheit politische Wirksamkeit entfaltet.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor verwendet sozialpsychologische Theorien und Ansätze der Psychoanalyse, kombiniert mit der Analyse aktueller Umfragedaten und gesellschaftspolitischer Diskurse.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil beleuchtet die „Bestandsaufnahme“ der politischen Lage in Deutschland, die theoretischen Erklärungsmodelle für Vorurteile sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit dem Konzept der nationalen Identität.
Was charakterisiert die in der Arbeit verwendeten Schlüsselwörter?
Die Begriffe spiegeln das Spannungsfeld zwischen psychologischen Prozessen der Abgrenzung und den soziopolitischen Bedingungen des heutigen Deutschlands wider.
Inwiefern spielt der „Normalisierungsdiskurs“ für den Autor eine Rolle?
Der Autor versteht darunter das Bestreben, nationale Identität losgelöst von der Verantwortung für die NS-Vergangenheit neu zu definieren, was er als „Normalisierung“ von Nationalstolz kritisiert.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Nationalsozialismus in der heutigen Identitätsbildung?
Er kritisiert, dass Auschwitz und der Nationalsozialismus oft nur noch als entkonkretisierte Symbole dienen, die eher zur Rechtfertigung neuer kollektiver Identität genutzt werden, statt eine echte reflektierte Erinnerung zu bewirken.
- Citation du texte
- Jens Ihnen (Auteur), 2012, Vortrag: Nationalismus und Gewalt in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262560