Medizinischer und theologischer Diskurs in Hartmann von Aues »Der arme Heinrich«


Essay, 2013
12 Seiten, Note: 10

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe

3. Der Aussatz
3.1. Krankheitsbild
3.2. Gesellschaftliche Folgen für die Betroffenen

4. Medizinischer und theologischer Diskurs in »Der arme Heinrich«
4.1. Die Diagnose als Wendepunkt in Heinrichs Leben
4.2. Leben bei der Bauernfamilie
4.3. Die Opferthematik
4.4. Heinrichs Lebenswandel nach der Heilung

5. Zusammenfassende Interpretation

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Aussatz bzw. die Lepra ist eine gefährliche Infektionskrankheit, die im Mittelalter für eine hohe Sterberate der Bevölkerung in weiten Teilen Europas verantwortlich war. Hartmann von Aue greift die Thematik der Krankheit in seiner Versnovelle über den Armen Heinrich auf und stellt dem damals vorherrschenden theologischen Diskurs einen medizinischen gegenüber. Im Rahmen dieses Essays soll die Frage erörtert werden, inwieweit im Armen Heinrich medizinische und theologische Motive aufgenommen und miteinander in Verbindung gebracht werden.

Ich beginne zunächst mit einer knappen Inhaltsangabe von Hartmanns Versnovelle, bevor ich das Krankheitsbild der Lepra, aus heutiger und damaliger Sicht, erläutere. Anschließend stelle ich die weitreichenden gesellschaftlichen Folgen für die Betroffenen dar und gehe dabei sowohl auf die mittelalterliche Wahrnehmung der Kranken als auch auf den Umgang mit der Krankheit ein. Es folgt eine ausführliche Analyse der Erzählung vom Armen Heinrich in Bezug auf den enthaltenen medizinischen und theologischen Diskurs. Innerhalb einer abschließenden Interpretation fasse ich die wichtigsten Aspekte der vorhergehenden Abschnitte zusammen und setze sie zueinander in Beziehung.

2. Inhaltsangabe

Die Ende des 12. Jahrhunderts von Hartmann von Aue verfasste Verserzählung schildert die Geschichte eines wohlhabenden und gesellschaftlich hoch angesehenen Mannes namens Heinrich von Aue, der von Aussatz befallen wird.

Von einem Arzt aus Salerno bekommt Heinrich die Auskunft, dass seine Krankheit nur durch das Herzblut einer Jungfrau, die bereit wäre, für ihn zu sterben, geheilt werden könne. Von aller Hoffnung verlassen, verkauft er seinen ganzen Besitz und zieht sich zu einer Bauernfamilie zurück, von der er die nächsten Jahre versorgt wird. Dort baut Heinrich ein enges Verhältnis zu der Bauerntochter auf. Das Mädchen ist fest entschlossen, ihn retten zu wollen und reist zusammen mit ihm nach Salerno, um sich für ihn zu opfern. Im letzten Moment verhindert Heinrich ihren Tod. Durch den Verzicht auf das Opfer wird er von seiner Krankheit geheilt. Er heiratet das Mädchen und führt fortan ein glückliches Leben.1

3. Der Aussatz

3.1. Krankheitsbild

Die Lepra war neben der Pest eine der gefährlichsten Krankheiten des Mittelalters. „Epidemisch wirkende gefährliche Infektionskrankheiten […] verursachten mit Abstand die größte Mortalität unter der mittelalterlichen Bevölkerung.“2 Im Gegensatz zur heutigen Zeit gab es damals keine wirksamen Mittel, um solche Krankheiten zu behandeln. Man hielt auch die Lepra für unheilbar. Ursache der Krankheit ist das Bakterium „ Mycobacterium leprae3. „Eine Infektion mit dem Bakterium erfolgt durch Tröpfchen- oder Schmutzinfektion zumeist über den Nasen-Rachen- Raum. Mangelnde Hygiene begünstigt eine Verbreitung des Erregers.“4 Im Mittelalter wurde die Säftelehre in die Deutung bzw. Ursachenforschung mit einbezogen. Nach den Lehren des Galen war demnach „ein Übermaß an schwarzer oder gelber Galle und Schleim die Ursache für die Lepraerkrankung“5.

„Kennzeichnend für das Erscheinungsbild der Lepra ist eine große Formenvielfalt.“6 Die tuberkuloide Form macht sich bemerkbar durch den „wiederholt auftretende[n] Befall von Haut- und Nervengewebe. Dieser äußert sich in de- oder hyperpigmentierten, manchmal geröteten und stets gefühllosen Hautflecken.“7 Insofern eine ausreichende Immunreaktion ausbleibt, „bricht die Lepra in ihrer virulenteren, der sogenannten lepromatösen Form aus“8. Verursacht durch die wachsende Gefühllosigkeit kommt es zu einer „fortschreitenden Zerstörung des Gewebes und zu Entzündungen“9. Dies wiederum kann eine Verstümmelung der Extremitäten und neurologische Störungen zur Folge haben. Im Vergleich zu anderen Infektionskrankheiten verläuft der Krankheitsverlauf der Lepra „äußerst chronisch und führt nicht direkt zum Tode.“10

3.2. Gesellschaftliche Folgen für die Betroffenen

Aufgrund fehlender Behandlungsmöglichkeiten hatte die Ansteckung mit der Infektionskrankheit immense Folgen für die Betroffenen. Als tödlich diagnostizierte Krankheiten wurden nicht behandelt. Aussätzige wurden von der Gesellschaft ausgesondert und vom gesellschaftlichen Leben gänzlich ausgeschlossen. Dies kam einem gesellschaftlichen Todesurteil gleich. Aufgrund der Annahme, dass Lepra eine Erbkrankheit sei, „stigmatisierte seine Krankheit den Leprakranken zugleich als Sünder.“11 Kranke galten nach der allgemeinen gesellschaftlichen Wahrnehmung als „hinterhältig und listig, sexuell triebhaft und verbrecherisch sowie stets auf eine Ansteckung Gesunder bedacht“12. In Bezug auf das Krankheitsbild der Leprakranken bestand ein äußerst ambivalentes Bild: Auf der einen Seite galten die Erkrankten als „Sinnbild des armen Lazarus und Verkörperung der Leiden Christi“13, auf der anderen Seite jedoch „dominierte im fortschreitenden Mittelalter zusehends die negative Wahrnehmung als gefährliches und heimtückisches Übel“14.

Bezeichnend ist auch die Umgehensweise mit den Kranken. Durch die ersten offiziellen Bestimmungen wurden die Kranken nach und nach jeglicher Rechte beraubt. Der Konzilsbeschluss des Konzils von Orléans (549) „verpflichtete zunächst die Bischöfe zur Versorgung der Kranken mit Nahrung und Kleidung. Das Konzil von Lyon bestätigte 583 diese Verfügungen und schränkte zugleich die Bewegungsfreiheit der mit der Krankheit Infizierten grundlegend ein“15. Die Bestimmungen des Edikts von 634 sahen vor, „den Kranken aus seinem Haus zu vertreiben und ihn fortan wie einen Toten zu behandeln. Der „lebende“ Leichnam verlor dadurch jegliche besitzrechtliche Handlungsfreiheit sowie alle sonstigen Rechte“16. Diese Bestimmungen „legten den sozialen Status der Aussätzigen über Jahrhunderte fest“17.

„Mildernde Tendenzen hinsichtlich des Besitz- und Erbrechts begannen sich jedoch mit der Schaffung einer großen Zahl von Häusern zur Beherbergung der Leprakranken, den so genannten Leprosorien, ab der Mitte des 13. Jahrhunderts allmählich durchzusetzen.“18 Problematisch waren allerdings die geringen Aufnahmekapazitäten der Häuser und die Aufnahmebeschränkungen. Um in ein Leprosorium aufgenommen zu werden, musste man an einer kostenpflichtigen Schauuntersuchung teilnehmen. Die Untersuchung nahmen keineswegs nur Ärzte vor; häufig waren es die Kranken selbst.

[...]


1 Vgl. Hartmann von Aue: Der Arme Heinrich. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch, übers. v. Siegfried Grosse, hrsg. v. Ursula Rautenberg, Stuttgart 1993.

2 Jankrift, Kay Peter: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, Darmstadt 2003, S. 132.

3 Jankrift: a.a.O., S. 114.

4 Jankrift: a.a.O., S. 114.

5 Jankrift: a.a.O., S. 115.

6 Jankrift: a.a.O., S. 114.

7 Jankrift: a.a.O., S. 114.

8 Jankrift: a.a.O., S. 114.

9 Jankrift: a.a.O., S. 115.

10 Jankrift: a.a.O., S. 115.

11 Jankrift: a.a.O., S. 116.

12 Jankrift: a.a.O., S. 116.

13 Jankrift: a.a.O., S. 116.

14 Jankrift: a.a.O., S. 116.

15 Jankrift: a.a.O., S. 116.

16 Jankrift: a.a.O., S. 116.

17 Jankrift: a.a.O., S. 117.

18 Jankrift: a.a.O., S. 117f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Medizinischer und theologischer Diskurs in Hartmann von Aues »Der arme Heinrich«
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
10
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V262629
ISBN (eBook)
9783656509134
ISBN (Buch)
9783656509615
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medizin, Theologie, Mittelalter, Armer Heinrich, Aussatz, Lepra, Hartmann von Aue, Diskurs, Versnovelle
Arbeit zitieren
Linda Lau (Autor), 2013, Medizinischer und theologischer Diskurs in Hartmann von Aues »Der arme Heinrich«, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262629

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