Goethes Roman »Die Leiden des jungen Werther« ist ein Zeugnis zweier literarischer Epochen, die neben der Aufklärung bis ins späte 18. Jahrhundert andauern: der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Das zentrale Kennzeichen beider Epochen ist die stark ausgeprägte Gefühlsbetontheit. Im Werther-Roman geht es dementsprechend um die Selbstaussprache der leidenden Hauptperson. Werther versucht seine intensiven Gefühle anhand von Briefen und Tagebucheinträgen auszudrücken: „In seinen leidenschaftlichen Übersteigerungen und seiner subjektiven Weltsicht charakterisiert er mit den Gegenständen seiner Erzählung immer auch den Erzähler, sich selbst. [...] Werther macht aus seiner subjektiven Sicht sein Leben und seine Liebe objektiv erfahrbar.“1
Im Rahmen dieser Hausarbeit soll die Frage erörtert werden, inwiefern im Roman von einer Selbsterkenntnis und einer Selbstdarstellung der Hauptperson gesprochen werden kann und auf welche Weise dies sprachlich umgesetzt wird. Es soll dabei insbesondere untersucht werden, inwieweit Werther sich seinem eigenen inneren Zustand bewusst ist und inwieweit er reflektiert, was zu seinem Entschluss, Selbstmord zu begehen, geführt hat.
Vor einer ausführlichen Analyse des Themas in Bezug auf den Roman selbst gehe ich zunächst auf den biografischen und literaturgeschichtlichen Hintergrund des Werks ein, der unverkennbar in Goethes Schreibprozess mit eingeflossen ist. Auf diese kurze Skizzierung der zeitgeschichtlichen Umstände folgt der Hauptteil der Arbeit. Ich beginne mit der Darstellung des Briefromans als ein unmittelbares Medium der Ich-Aussprache. Weiterhin soll die Naturdarstellung im Roman als Spiegel von Werthers Empfindungen beschrieben werden. Darauf folgt – anhand ausgewählter Romanfiguren - eine Analyse des gesellschaftlichen Konflikts, indem Werther sich befindet. Zum Schluss gehe ich näher auf die sogenannte »Krankheit zum Tode« ein. Dabei steht zum einen Werthers seelische Entwicklung und zum anderen der Herausgeberbericht über seine letzten Tage im Vordergrund.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biografischer und literaturgeschichtlicher Hintergrund
3. Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung in Goethes »Die Leiden des jungen Werther«
3.1. Der Briefroman als Medium der Ich-Aussprache
3.2. Die Natur als Spiegel von Empfindungen
3.3. Der Konflikt mit der Gesellschaft
3.3.1. Lotte
3.3.2. Albert
3.3.3. Andere Personen
3.4. Die Krankheit zum Tode
3.4.1. Vorausdeutungen
3.4.2. Herausgeberbericht
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Grad der Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung der Hauptfigur Werther in Goethes Roman. Dabei wird analysiert, wie Werther durch das Medium des Briefromans versucht, seine intensiven emotionalen Zustände zu reflektieren und inwiefern diese Selbstdarstellung in direktem Zusammenhang mit seinem Entschluss zum Selbstmord steht.
- Analyse des Briefromans als Instrument der subjektiven Identitätskonstitution
- Untersuchung der Naturdarstellung als Projektionsfläche innerer Gemütszustände
- Konfliktanalyse zwischen individueller Empfindsamkeit und gesellschaftlichen Konventionen
- Interpretation der Entwicklung zur sogenannten „Krankheit zum Tode“
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Natur als Spiegel von Empfindungen
„Die Wertherlandschaften sind Projektionen der Seele.“31 An deren Beschreibung wird Werthers jeweiliger Gemütszustand deutlich. Die Natur dient im gesamten Roman als Spiegel seiner Empfindungen. Oft werden bestimmte Landschaftsbilder in einem Brief aufgegriffen und in einem weiteren Brief ins Gegensätzliche gekehrt. „Die Landschaften wandeln sich im wechselnden Licht seines leidenschaftlichen Gemüts. Das eigene Gefühl ist für ihn das Maß des Menschlichen.“32 Im Folgenden sollen diejenigen Briefe, die sich hauptsächlich mit der Natur beschäftigen in chronologischer Reihenfolge analysiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Schon im ersten Brief vom 4. Mai 1771 spielt die Natur eine wichtige Rolle. Werther fühlt sich in seiner neuen Umgebung sehr wohl. Die Einsamkeit tut ihm gut, sie ist seinem „Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend“ (S. 6). Auffällig ist die Gegenüberstellung von Stadt und Natur. Während Werther die Stadt bzw. die städtische Künstlichkeit abwertet, preist er die Natur in Bezug auf ihre Unverfälschtheit und ihre Reinheit: „Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der Natur“ (S. 6). Die Abwertung der Stadt geht einher mit Werthers Abwertung von bürgerlichen Gesellschaftsordnungen. Auf den gesellschaftlichen Konflikt werde ich an späterer Stelle noch ausführlicher eingehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die literarische Verortung des Romans sowie Definition der Forschungsfrage zur Selbsterkenntnis Werthers.
2. Biografischer und literaturgeschichtlicher Hintergrund: Darstellung der Einflüsse von Goethes Biografie und der Epochen Empfindsamkeit sowie Sturm und Drang auf den Entstehungsprozess des Romans.
3. Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung in Goethes »Die Leiden des jungen Werther«: Untersuchung der narrativen Struktur und der thematischen Schwerpunkte, die Werthers Identitätsfindung und seinen emotionalen Niedergang prägen.
3.1. Der Briefroman als Medium der Ich-Aussprache: Analyse der monologischen Briefkultur als Instrument, das Werthers subjektive Weltsicht unmittelbar erfahrbar macht.
3.2. Die Natur als Spiegel von Empfindungen: Untersuchung der landschaftlichen Beschreibungen als psychologische Projektionsflächen, die Werthers wechselnde Gefühlszustände reflektieren.
3.3. Der Konflikt mit der Gesellschaft: Erörterung von Werthers Unfähigkeit zur Anpassung an bürgerliche Normen durch die Auseinandersetzung mit Lotte, Albert und weiteren Randfiguren.
3.3.1. Lotte: Analyse der emotionalen Fixierung auf Lotte, die zwischen Bewunderung und aussichtsloser Liebe schwankt.
3.3.2. Albert: Gegenüberstellung von Werthers emotionaler Unruhe und Alberts rationaler, bürgerlicher Besonnenheit.
3.3.3. Andere Personen: Untersuchung der Nebenfiguren wie der Mutter, Fräulein B. und dem Blumensammler im Kontext von Werthers Identitätskrise.
3.4. Die Krankheit zum Tode: Analyse der fortschreitenden psychischen Destabilisierung und der symbolischen Bedeutung von Tod und Jenseits.
3.4.1. Vorausdeutungen: Interpretation der Ossian-Zitate und der Veränderung in Werthers Lektüregewohnheiten als Vorzeichen seines Untergangs.
3.4.2. Herausgeberbericht: Analyse des letzten Berichtsabschnitts, der Werthers Tod als bewusste Entscheidung darstellt.
4. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Leitfrage hinsichtlich Werthers Selbsterkenntnis und der Unvermeidbarkeit seines Scheiterns an gesellschaftlichen Schranken.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Leiden des jungen Werther, Selbsterkenntnis, Selbstdarstellung, Briefroman, Sturm und Drang, Empfindsamkeit, Subjektivismus, Naturwahrnehmung, Gesellschaftskritik, Selbstmord, Identitätskrise, Werther-Figur, Gefühlsideologie, Krankheit zum Tode.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung der Hauptfigur Werther innerhalb der Romanhandlung.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Die Arbeit befasst sich mit dem Briefroman als Medium, der Natur als Spiegel der Seele, dem gesellschaftlichen Konflikt und der psychischen Entwicklung Werthers bis hin zum Suizid.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu erörtern, ob Werther sich seines inneren Zustands bewusst ist und wie er diese Erkenntnis sprachlich in Briefen verarbeitet.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse unter Einbeziehung biografischer, literaturgeschichtlicher und interpretativer Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die erzählerischen Mittel des Briefromans, die Projektion der Gefühle auf die Natur, die interpersonellen Konflikte mit Lotte und Albert sowie die symbolische Bedeutung der sogenannten „Krankheit zum Tode“.
Durch welche Schlagwörter ist die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Subjektivismus, Empfindsamkeit, Identitätskrise, Naturdarstellung und gesellschaftliche Konventionen geprägt.
Inwieweit spielt die Natur eine Rolle für Werthers psychische Verfassung?
Die Natur dient für Werther als Projektionsfläche: Sie ist anfangs „Paradies“, wandelt sich jedoch mit seiner psychischen Verschlechterung in ein bedrohliches „Ungeheuer“, das seinen inneren Zustand spiegelt.
Warum wird der Selbstmord im Fazit als bewusste Entscheidung bewertet?
Der Autor argumentiert, dass Werther sich seiner aussichtslosen Lage sowie seiner Unfähigkeit zur Integration bewusst ist und den Freitod als ultima ratio nach einer gründlichen Auseinandersetzung wählt.
- Citar trabajo
- Linda Lau (Autor), 2013, Goethes Roman »Die Leiden des jungen Werther«. Selbsterkenntnis und Selbstdarstellung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262630