Das Frauenbild in Eugenie Marlitts "Im Hause des Kommerzienrates" als Vorbild der Frauenbewegung und der Emanzipation im Trivialroman Ende des 19.Jahrhunderts?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Eugenie Marlitts reales Umfeld.
1.1. Die deutsche Frauenbewegung im 19.Jahrhundert.

2. Die Protagonistinnen in Marlitts „Im Hause des Kommerzienrates“.
2.1. Käthe vs. Flora Mangold. Traditionell oder emanzipiert?
– Marlitts Inszenierung der Protagonistinnen.

3. Fiktion oder Vorbild? – Eugenie Marlitts Frauenbild im zeitgenössischen Kontext.
3.1. Passt Marlitts Frauenbild zum politischen Diskurs der Frauenbewegung / Emanzipation im 19.Jahrhundert?

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Geburtsstunde sowie die Blütezeit der deutschen Frauenbewegung fallen genau in die Zeit, in der auch E. Marlitt lebte und ihre Romane schrieb.

Der Roman „Im Hause des Kommerzienrates“ erschien im Jahr 1877, zu einer Zeit, in der die Gleichstellung der Frau zum Mann in vollem Gange war. Ein Grund mehr, diesen Aspekt im Hinblick auf Marlitts Leben zu untersuchen und in Relation zu ihrem literarischen Schaffen zu setzen, um etwaige Rückschlüsse darauf anzustellen, ob Marlitt wirklich als Mitstreiterin und Vorbild der Frauenbewegung angesehen werden kann, so wie sie in der Literaturwissenschaft teilweise postuliert wird. Der Roman „Im Hause des Kommerzienrates“ fungiert dabei als Referenzpunkt und als Beispiel für die marlittsche Literatur und da Marlitt ihre Werke ausschließlich immer nach demselben Prinzip verfasste, möge dieser Roman als Beispiel für diese Untersuchung genügen.

Im Rahmen dieser Arbeit widme ich mich im ersten Abschnitt der deutschen Frauenbewegung und ihren Anfängen im 19.Jahrhundert, um diese Erkenntnisse im zweiten Teil der Arbeit auf Marlitts Hauptfiguren des Romans „Im Hause des Kommerzienrates“ zu beziehen. Käthe und Flora Mangold bieten in dieser Hinsicht wie auch der Roman selbst, ein hervorragendes Beispiel für die Art und Weise wie Marlitt ihr literarisches Schaffen mit ihrem realen Umfeld vereinbart hat. Inwieweit lässt sich also beurteilen, wie Marlitts reales Umfeld Einfluss auf ihre Arbeit als Schriftstellerin genommen hat? Gilt Marlitt als Vorbild oder gar als Vorreiterin in Sachen Frauenbewegung? Und sind Käthe und Flora Mangold nach Marlitts Auffassung emanzipierte Frauen? Und wie sieht Marlitt überhaupt die Emanzipation der Frau? Diese Fragen sollen am Ende dieser Arbeit möglichst beantwortet werden können.

Durch die Analyse der Figuren Käthe und Flora Mangold soll dementsprechend ein Bild entstehen, dass Marlitts Idealbild von einer Frau widerspiegelt. Entscheidend ist dabei, die Charakterisierung der Figuren Käthe und Flora, sowie ihr Umfeld in dem sie agieren und das unmittelbar zu ihrer Charakterisierung beiträgt. In Zentrum der Figuren-Analyse steht deshalb die Beantwortung der Frage, ob es sich bei Käthe und Flora um traditionelle oder emanzipierte Figuren handelt und inwieweit Marlitts persönliche Einstellung in ihre Romane mit einfließt. Es geht darum, herauszufinden, ob und wenn ja, wie Marlitt sich durch ihre Werke am politischen Diskurs ihrer Zeit und den Forderungen der Frauenbewegung beteiligt hat. Im letzten Teil der Arbeit wird Marlitts Frauenbild innerhalb dieses zeitgenössischen Kontexts untersucht, was schließlich zur Beantwortung der Frage führen soll, inwieweit Marlitt mittels Analyse ihrer Werke als emanzipiert angesehen werden kann.

1. Eugenie Marlitts reales Umfeld

1.1. Die deutsche Frauenbewegung im 19.Jahrhundert

Anfang des 19.Jahrhunderts waren es die Romantiker, die beeinflusst von den Lehren Kants, als erstes die Gleichwertigkeit der Geschlechter verkündeten und auch für die Frau als „Individuum“ das Recht sich auszuleben forderten, damit sie ihren eigenen Ansichten, Neigungen und Wünschen folgte ohne stete Rücksichtnahme auf die des Mannes.

Die Romantiker waren demnach die ersten, die sich ernsthaft mit der Frauenfrage auseinandergesetzt haben und deren großer Verdienst darin bestand, zur Hebung der sittlichen Stellung der Frau und zu ihrer Befreiung aus der unwürdigen Abhängigkeit vom Mann wesentlich beigetragen zu haben. Neben den Romantikern setzten sich auch die Jungdeutschen dafür ein, dass die Frau dem Manne gegenüber nicht nur Pflichten sondern auch Rechte habe, dass sie ihm „gleichwertig“ sei. Sie traten für das Recht der Frau auf Bildung des Geistes ein und kämpften noch viel erbitterter als die Romantiker gegen die unwürdigen Zustände in der Ehe, vor allem gegen die Konvenienz-Ehen, und verkündeten sogar die Emanzipation des Fleisches und die Herrschaft der freien Liebe. [1]

Die Anfänge der deutschen Frauenbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts sind zunächst unmittelbar mit der Person Louise Otto (später durch Heirat: Louise Otto-Peters) verwoben, die im Jahr 1843 die Forderung stellte: „Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht ein Recht, sondern eine Pflicht“. [2]

Die Altlasten des vorigen Jahrhunderts, in dem noch allgemein die Ansicht geherrscht hatte, dass der einzige Beruf und Lebenszweck der Frau es sei, in der Ehe ihre Pflichten dem Manne und der Familie gegenüber zu erfüllen, galt es nun zu beseitigen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Frauen den Wünschen, Ansichten und Meinungen des Mannes zu unterwerfen hatten, dagegen versuchten sich zu jener Zeit nur sehr wenige Frauen öffentlich zu widersetzen. Im Jahr 1847 veröffentlichte Otto den Aufsatz „Die Theilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben“, in dem sie anprangerte, dass die Erziehung und die Bildung der Frauen mit den staatlichen und sozialen Verhältnissen im Widerspruch stünde. Ausgangspunkt ihrer Kritik waren die absolut mangelhafte Erziehung und Bildung der Mädchen, die zu jener Zeit nur bis zu ihrem 14.Lebensjahr in den Lerninstitutionen der damaligen Zeit unterrichtet wurden und wenn ihr Geist dann erwachte, beschäftigten sie sich nur mit Tanzen, Piano, französischer und englischer Literatur, Zeichnen und Sticken sowie Putz und Tand [3].

Diese gängige Praxis in der Frauenbildung führte zu der Dominanz von „Halbwisserei“ und „Nachbeterei ohne Selbstdenken“, die sich dem Mann in jeglicher Hinsicht unterordneten.

Die charakterlichen Folgen, die daraus resultierten, waren, dass die meisten Frauen so geistig unselbstständig wie Kinder waren, die die erste Hälfte ihres Lebens unter der Aufsicht des Elternhauses lebten, in dem keine anderen Ansichten als die in der Familie herrschenden geduldet wurden, und dann in der zweiten Hälfte ihres Lebens als Gattin eines Mannes, sich dem Geist ihres zukünftigen Mannes unterzuordnen hatten.

In diesem Verhältnis zum Mann wurden die Mädchen “zu Puppen der Männer“ erzogen und von ihren Vätern „zu einer Puppe“ ausgeputzt, um „auf dem Markt des Lebens, sich einen Käufer zu suchen“, obwohl sie teilweise nicht das Zeug zu einer guten Gefährtin des Mannes hatten, da sie aufgrund ihrer mangelnden Kenntnisse meist keine guten Hausfrauen waren. Abhilfe sollte laut Ottos Aufsatz die Fortsetzung des höheren Unterrichts nach der Konfirmation in Privatzirkeln oder in Mädcheninstituten schaffen, in denen als Lehrgegenstände Weltgeschichte, deutsche Geschichte, Zeitgeschichte, Naturwissenschaften und „vor allem Turnen“ für eine höhere Bildung der Mädchen herangezogen werden sollte. Louise Otto verfolgte mit jenem höheren Bildungsziel, Frauen eben nicht nur „gelehrte Sachen vorzutragen, mit denen sie ihr Gedächtnis anfüllen sollen, sondern gerade nur das Interesse an höheren Dingen in ihnen rege zu erhalten, sie zum Selbstdenken und Selbstweiterstreben aufzumuntern“. [4]Für diese Forderung einer höheren Bildung der Frau trat auch der Mitte Oktober 1865 durch Louise Otto und Auguste Schmidt in Leipzig gegründete „Allgemeine Deutsche Frauenverein (AdF)“ ein, der seine Aufgabe darin sah, „für die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen mit vereinten Kräften zu wirken“. [5]

Im Jahr 1865/66 folgte die Gründung des Lette-Vereins durch Dr. Adolf Lette in Berlin.

„In Berlin geschah alles souverän, zielsicher, aber distanziert; man tat etwas für andere, in diesem Fall für die Frauen, die diese Wohltaten hinzunehmen hatten, wie sie kamen; die Männer beschlossen und ordneten an, die Frauen durften mitarbeiten, wenn sie den Maßnahmen der Männer zustimmten und von diesen für tüchtig genug befunden wurden“. [6]

Lette sah im Rahmen seiner Bestrebungen zwar auch über die Grenzen von Deutschland in Länder wie Amerika, England und Frankreich hinweg, aber die Forderungen des Vereins beschränkten sich weitgehend auf das Berufsfeld der Frauen und blieben immer in einem begrenzten Rahmen, den Lette klar absteckte: „Was wir nicht wollen und niemals, auch nicht in noch so fernen Jahrhunderten wünschen und bezwecken, ist die politische Emanzipation und Gleichberechtigung der Frauen“. [7]

Die übrigen Vereine und Bewegungen in dieser Epoche folgten entweder den Idealen des AdF oder denen des Lette-Vereins, wobei der AdF eine Ausnahme darstellt, da Männer nicht Vollmitglieder werden konnten und wenn sie Mitglieder waren, ihnen nur beratendes Stimmrecht zugesprochen wurde, was dem Verein sowie Louise Otto und Auguste Schmidt von mancher Seite den Vorwurf der Männerfeindlichkeit einbrachte. Die Problematik jedoch, dass viele Vereine von Männern initiiert waren, die den Frauen weiterhin jede politische Emanzipation und Gleichberechtigung verweigerten, rückte den „Allgemeinen deutschen Frauenverein“ als ausschlaggebende Instanz in den Vordergrund jener Zeit.

Die Gründung des Lette-Vereins und all der anderen Vereine, die von Männern initiiert waren und in denen meist auch ausschließlich Männer als Mitglieder saßen, hatten nicht die (politische) Gleichberechtigung und Emanzipation der Frau im Sinn, sondern hofften darauf, indem sie den Frauen in manchen Bereichen entgegenkamen, sie von den wirklich wichtigen (Männer-)Dingen, bei denen sie nicht mitzureden hatten, fernzuhalten.

Die Vorstellung, dass die Frau aktiv in das gesellschaftliche und politische Leben eingreift oder beispielsweise aktiv die Initiative in Sachen Liebe ergreift, war für die meisten Männer ein Horrorszenario, das es um jeden Preis abzuwenden galt. Ihrer Meinung nach waren die Geschlechterrollen klar biologisch terminiert, so dass dem Mann die aktive Rolle im Leben zukommt und der Frau lediglich die passive Rolle bleibt.

Diese Normvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft prallten im 19.Jahrhundert auf die Forderungen der emanzipierten Frauen und der Frauenbewegungen. Dennoch war zu jener Zeit für die bürgerliche Frau die Ehe die einzig sichere und angemessene finanzielle Versorgung.

[...]


[1] vgl. Bertha Potthast, Eugenie Marlitt : (ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Frauenromans), Bielefeld : Rennebohm & Hausknecht, 1926, S. 46f..

[2] Margrit Twellmann, Die deutsche Frauenbewegung : ihre Anfänge und erste Entwicklung 1843 – 1889, Frankfurt am Main : Hain, 1993, S. 20f..

[3] Tand = Bezeichnung für ein hübsches Ding, das keinen Wert hat.

[4] Twellmann (1993), a.a.O., S. 6f..

[5] Twellmann (1993), a.a.O., S. 34.

[6] Twellmann (1993), a.a.O., S. 43.

[7] Jutta Schönberg, Frauenrolle und Roman : Studien zu den Romanen der Eugenie Marlitt, Frankfurt a.M. [u.a.] : Lang, 1986, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Frauenbild in Eugenie Marlitts "Im Hause des Kommerzienrates" als Vorbild der Frauenbewegung und der Emanzipation im Trivialroman Ende des 19.Jahrhunderts?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Neuere deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Trivialliteratur des 19.Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
22
Katalognummer
V262640
ISBN (eBook)
9783656513483
ISBN (Buch)
9783656512929
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emanzipation, Eugenie Marlitt, Trivialroman, Frauenbewegung, 19.Jahrhundert, Im Hause des Kommerzienrates
Arbeit zitieren
B.A. Jan-Christian Hansen (Autor), 2012, Das Frauenbild in Eugenie Marlitts "Im Hause des Kommerzienrates" als Vorbild der Frauenbewegung und der Emanzipation im Trivialroman Ende des 19.Jahrhunderts?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262640

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