Lebendige Geschichte vs. Lebensgeschichte.
Eine Geschichte, die lebendig sein soll, ist ein Widerspruch in sich. Geschichten sind Fiktion und als solche weder lebendig, noch in der Lage dazu ihr Dasein selbst zu gestalten, da sie in ihrer Beschaffenheit auf einen Konstrukteur angewiesen sind, müssen sie gestaltet werden. Eine Geschichte, die demnach den Anspruch erhebt, lebendig zu sein oder Leben zu beinhalten, ist ein Reductio ad absurdum, denn egal wie man es dreht und wendet, eine Geschichte lebt nicht und ihr Lebendigkeit zuzusprechen, heißt sich in Widersprüchen zu verstricken, die nicht entkräftet werden können.
Im Gegensatz dazu scheint sich die Lebensgeschichte nicht mit dieser Widersprüchlichkeit auseinandersetzen zu müssen, sie erscheint uns als völlig normal daherzukommen, obwohl wir automatisch implizieren, dass es in dieser Geschichte um ein Leben geht oder zumindest ihr Inhalt auf ein tatsächliches Leben referiert. Ein Umstand, der dazu führt, dass uns die Lebensgeschichte trotzdem in einem lebendigen Licht erscheint, auch wenn sie sich nicht in vergleichbaren Widersprüchlichkeiten verstrickt, glauben wir doch, ein wahrhaftes Leben vor uns zu haben, wenn wir so eine (Lebens-)Geschichte hören oder lesen.bWarum wissen wir also, dass eine Geschichte oder Erzählung nicht lebendig sein kann, glauben aber auf der anderen Seite, dass eine Lebensgeschichte sehr wohl Leben enthält?
Die Frage, die sich stellt, ist, wie kann unsere Lebensgeschichte als Erzählung unser Leben beinhalten, wenn ihr doch fiktionale Grenzen gesetzt sind, die es in unserem Leben nicht gibt. Wie können wir unser Selbst bzw. unser Ich und die zwangsläufig damit verbundene Geschichte, die jedes Leben unweigerlich schreibt – unabhängig davon, ob tatsächlich jemand unsere (Lebens-)Geschichte erfährt – in den Rahmen einer Erzählung zwängen, so dass die Erzählung lebendig wird, weil wir sie mit unserem Leben auffüllen? Kann überhaupt eine Erzählung den Stoff unseres Lebens beinhalten, so dass sie als unsere Lebensgeschichte gilt, die ein Stück weit lebendig erscheint, weil wir uns eins-zu-eins in ihr wiederfinden können? Und die noch viel entscheidendere Frage, die wir uns stellen müssen, wollen wir überhaupt durch eine Transformation auf die Erzählung unser Ich für andere Menschen derartig zugänglich machen? Eine Klärung dieser Fragen soll im Rahmen dieser Arbeit beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Lebendige Geschichte vs. Lebensgeschichte
1. Die Begriffe »Ich« und »Selbst« in der Philosophie.
2. Die Erzählung als passender Rahmen für die eigene Lebensgeschichte.
2.1. Die Erzählung bei Thomä – »Erzähle dich selbst« vs. »Erkenne dich selbst«.
3. Die Bedeutung von Identität in Thomäs Erzählung.
3.1. Thomäs Vorstellung von »Identität« in der Erzählung als Weg zum wahren »Selbst« in der eigenen Lebensgeschichte?
Schluss: Aus dem Bedürfnis heraus, zu verallgemeinern…
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der philosophischen Theorie des Ichs und Selbst sowie deren praktischer Anwendung in Dieter Thomäs Werk "Erzähle dich selbst". Zentrales Ziel ist es zu ergründen, ob und wie eine Erzählung als lebensgeschichtlicher Rahmen dienen kann, um ein wahres Selbst zu fixieren oder zu erkennen, wobei die Diskrepanz zwischen subjektiver Individualität und dem allgemeinen Anspruch an Wahrheit und Objektivität kritisch beleuchtet wird.
- Philosophische Grundbegriffe von Ich und Selbst
- Die Erzählung als methodischer Rahmen für die Lebensgeschichte
- Thomäs Konzept der autobiographischen Triade (Erzähler, Protagonist, Person)
- Die Rolle der Selbstliebe und der Authentizität in der narrativen Identitätsfindung
- Problematik der Verallgemeinerung individueller Lebensgeschichten
Auszug aus dem Buch
Die Erzählung bei Thomä – »Erzähle dich selbst« vs. »Erkenne dich selbst«.
Die Wahl des Titels »Erzähle dich selbst« lässt bereits erahnen, worum es Thomä in seiner Abhandlung geht. Er untersucht bzw. erörtert inwieweit die „Erzählung als Form für das Leben oder für bestimmte, unter Umständen besonders ausgezeichnete Lebensweisen geltend zu machen ist“. Dieser Einsatz der Erzählung stellt im zu Lebenden selbst eine Chance dar, die eigene Lebensgeschichte als philosophisches Problem zu fassen – inwieweit jedoch das Heranziehen der eigenen Lebensgeschichte mittels der Erzählung möglich ist, diese Frage stellt Thomä in den Mittelpunkt seines Werkes und beginnt seine Ausführungen mit einer Interpretation der sokratischen Frage ›Wie zu leben sei?‹, zumal für ihn diese Frage nicht auf ein ›Was‹, das zu tun oder zu lassen wäre, sondern auf ein ›Wie‹ des Lebens abzielt, das selbst nicht genauer eingegrenzt ist. Es gibt dementsprechend keine universelle Formel, mittels der das eigene Leben, ferner das Leben eines Individuums, zu einer optimalen Lebensweise stilisiert werden könnte, die dann in einer Allgemeingültigkeit mündet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Lebendige Geschichte vs. Lebensgeschichte: Einführung in die Widersprüchlichkeit zwischen der Fiktionalität von Erzählungen und dem Anspruch, darin ein lebendiges, wahres Selbst abzubilden.
1. Die Begriffe »Ich« und »Selbst« in der Philosophie.: Historischer Abriss der philosophischen Begriffsbestimmung von Ich und Selbst von Augustinus bis Fichte zur Vorbereitung der praktischen Analyse.
2. Die Erzählung als passender Rahmen für die eigene Lebensgeschichte.: Untersuchung der narrativen Methode als Versuch, das Leben methodisch zu greifen, und Analyse der damit verbundenen Schwierigkeiten für das Individuum.
2.1. Die Erzählung bei Thomä – »Erzähle dich selbst« vs. »Erkenne dich selbst«.: Darstellung von Thomäs Ansatz, die Erzählung als Chance zu nutzen, trotz der Problematik zwischen Theorie und individueller Lebenspraxis.
3. Die Bedeutung von Identität in Thomäs Erzählung.: Reflexion über die Rolle von Identität und die Herausforderung, sich selbst innerhalb einer Erzählung nicht nur zu erfinden, sondern authentisch darzustellen.
3.1. Thomäs Vorstellung von »Identität« in der Erzählung als Weg zum wahren »Selbst« in der eigenen Lebensgeschichte?: Kritische Auseinandersetzung mit der "autobiographischen Triade" und der Idee, dass Selbstliebe als Brücke für qualitative Identität dienen kann.
Schluss: Aus dem Bedürfnis heraus, zu verallgemeinern…: Resümee über das Scheitern des Versuchs, individuelle Subjektivität in einen allgemeinen, objektiven Kontext der Erzählung zu zwängen.
Schlüsselwörter
Dieter Thomä, Lebensgeschichte, Erzähltheorie, Ich, Selbst, Identität, Autobiographie, narrative Identität, Philosophie, Subjektivität, Objektivität, Selbsterkenntnis, Selbstliebe, Authentizität, Individualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen Herausforderung, die eigene Lebensgeschichte durch Erzählungen in eine Form zu bringen, die ein wahres Selbst identifizierbar macht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Begriffe Ich und Selbst, die narrative Konstruktion von Identität sowie die Spannung zwischen dem Wunsch nach authentischer Selbstdarstellung und dem gesellschaftlichen Druck zur Verallgemeinerung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, inwieweit die Erzählung eine geeignete Methode ist, um das Selbst innerhalb der eigenen Lebensgeschichte zu fixieren und ob man durch diesen Prozess tatsächlich zu einer wahren Selbsterkenntnis gelangt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die insbesondere das Werk "Erzähle dich selbst" von Dieter Thomä interpretiert und mit historischen philosophischen Definitionen vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert Thomäs Theorie der "autobiographischen Triade", die Diskrepanz zwischen theoretischer Begriffsbestimmung und gelebter Praxis sowie die Schwierigkeiten, die sich beim Versuch ergeben, das eigene Leben als kohärente Erzählung darzustellen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Identität, narrative Identität, Subjektivität, das Spannungsfeld zwischen "Erzähle dich selbst" und "Erkenne dich selbst" sowie die Rolle der Selbstliebe.
Was besagt die von Thomä definierte "autobiographische Triade"?
Thomä verteilt den Menschen, der über sich erzählt, auf drei Instanzen: den Erzähler, den Protagonisten und die Person, um den Prozess der Identitätsfindung innerhalb der Erzählung strukturierter zu gestalten.
Warum scheitert laut Autor die Verallgemeinerung der Lebensgeschichte?
Der Autor argumentiert, dass beim Versuch, die eigene hochgradig individuelle Subjektivität in einen objektiven oder verallgemeinerungsfähigen Kontext zu bringen, der wesentliche Kern der persönlichen Identität verloren geht.
- Arbeit zitieren
- B.A. Jan-Christian Hansen (Autor:in), 2012, Die Erzählung bei Dieter Thomä, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262653