Die Verdinglichung des menschlichen Bewusstseins bei Adorno.

Inwieweit kann der Mensch ein Objekt ohne Subjekt sein?


Hausarbeit, 2012
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Was ist gemeint mit Verdinglichung des Menschen ?

2. Die Subjekt- / Objekt-Beziehungen bei Adorno.

3. Subjekt- / Objekt-Relationen in der Forschungsliteratur.
3.1. Fazit

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

»Entweder man versteht nichts, weil man alles unmittelbar versteht, oder man versteht alles ohne irgendetwas zu verstehen, weil man nichts unmittelbar versteht.«

Alexander García Düttmann.

Der Mensch neigt dazu, sich in einer schier unendlichen Fülle Gedanken über seine eigene Existenz zu machen. Er verdinglicht sich selbst und vermenschlicht die Dinge in seiner Umwelt, die entweder einfach da sind oder aufgrund seiner Existenz existieren.

Die Anmaßung des Menschen über jene Dinge vollständige Kenntnis zu erlangen und jene Differenzierung zwischen Subjektiven und Objektiven anzustreben, um neue Erkenntnisse über das eigene Subjekt und die Objekte außerhalb seiner Existenz im Kern zu erfassen und vollständig zu begreifen, ziehen sich ab dem Zeitpunkt, an dem der Mensch durch sein Bewusstsein auf jene Dinge aufmerksam wurde, durch die menschliche Geschichte.

Diese Arbeit beschäftigt sich vor allem mit der Verdinglichung des menschlichen Bewusstseins bei Theodor W. Adorno und geht der Frage nach, inwieweit der Mensch ein Objekt ohne Subjekt sein kann bzw. was generell unter einem Subjekt und Objekt in der Forschung und bei Adorno zu verstehen ist. Diese Trennung von Subjekt und Objekt zieht sich sowohl durch die Wissenschaft, wie auch durch die Philosophie und eine nähere Betrachtung der Subjekt-/ Objekt-Relation bzw. eine Begriffsdefinition erscheint daher sinnvoll zu sein, um in die vom Menschen initiierte Verdinglichung einzutauchen. Verdinglichung; Vergegenständlichung (…). Abgesehen von der spezifisch hegelianischen Verwendung der Kategorien <Verdinglichung> [V.] und <Vergegenständlichung> [Vg.], treten diese sowohl wertneutral als auch in affirmativen und kritischen Kontexten auf, in denen «Hypostase» bzw. «Hypostasieren» die Rede ist, d.h. davon daß etwas Begriffliches, Abstraktes, bloß als Eigenschaft oder Beziehung Gegebenes zur selbständigen Entität erhoben wird; oder davon, daß (…) die Übernahme und Verbreitung des naturwissenschaftlichen Methodenideals «fast unvermeidlich … das Bewußtsein verdinglichen» müsse; oder schließlich davon, daß (…) aus dem Befund der Allgegenwart solcher Erfahrung die Frage folge, was V. bedeutet, woraus sie entspringt, worin ihre Unangemessenheit gegenüber einem positiv strukturierten Sinn des Bewusstseins besteht und warum sie «immer wieder zur Herrschaft» gelangt.[1]

Der Beantwortung dieser Frage, warum sich der Mensch immer wieder der Herrschaft jener Verdinglichung hingibt, widmet sich diese Arbeit und als Ausgangspunkt der Untersuchung fungiert Adorno, dem Georg Kohler attestiert hat, dass seine Texte einen Hang zu exaltierten Formulierungen und snobistischer Prätention [2] hätten, was eine intensive Auseinandersetzung mit Adornos Standpunkt erfordert, an deren Ende hoffentlich eine Antwort auf die Frage steht, inwieweit der Mensch ein Objekt ohne Subjekt sein kann?

1. Was ist gemeint mit Verdinglichung des Menschen ?

Einer Verdinglichung unterliegen Subjekte und anderes Nichtdingliche bei Überführung in eine dingliche Sichtweise oder Behandlung. Es lassen sich folgende Weisen der Verdinglichung unterscheiden: 1. Verdinglichung ist der Terminus, den Lukács[3] in den Mittelpunkt seiner Rekonstruktion der marxistischen Philosophie stellt. Danach unterliegt der Arbeiter in der kapitalistischen Produktionsweise einer Verdinglichung, da er kein Eigentum an Produktionsmitteln besitzt und deshalb auf den Verkauf seiner Arbeitskraft als Ware angewiesen ist. Indem so die Existenzerhaltung zum ausschließlichen Daseinsinhalt wird, ist der Mensch nicht mehr (subjektiver) Zweck, sondern nur mehr (dingliches) Mittel seiner selbst wie des Kapitalisten (Entfremdung). 2. Verdinglicht (vergegenständlicht) wird all das, was zum Gegenstand des Bewusstseins wird (Objektivation). 3. Von Verdinglichung kann auch dann gesprochen werden, wenn bei der Verwendung eines Allgemeinbegriffs (der Mensch, die Schönheit) die Existenz eines dinglichen Korrelats unterstellt wird (…).[4]

Subjekte und Nichtdingliches unterliegen also automatisch einer Verdinglichung, sobald die Sichtweise sich auf ihre dinglichen Eigenschaften richtet oder sie lediglich als Ding behandelt werden. Gegenstände des Bewusstseins gelten dabei pro forma als Verdinglichungen. Oder anders gesagt: Jede Handlung eines Subjekts, sei es die bloße Äußerung eines Wunsches, die Darstellung einer beliebigen Sache oder der Ausdruck von Gefühlen, Sachverhalten oder Ähnlichem lässt den Teil dieses Subjekts zum Objekt und somit zum Teil der Umwelt jenes Subjektes werden, das als realer Gegenstand auf das Subjekt zurückwirken kann.

Das menschliche Ausdrucksvermögen manifestiert sich quasi in Erzeugnissen – unabhängig davon, ob es sich um Erzeugnisse des Verstandes bzw. des Bewusstseins oder um materielle Erzeugnisse handelt – das handelnde Subjekt versucht durch die Objektivierung jener Erzeugnisse seinen Mitmenschen etwas begreiflich zu machen, was wiederum die Voraussetzung dafür ist, dass das handelnde Subjekt von seinen Mitmenschen verstanden wird bzw. verstanden werden kann.

Karl Marx prägte den Begriff Verdinglichung unter ökonomisch-philosophischen Aspekten.

Mit Verdinglichung wird in der marxistischen Theorie das behauptete Phänomen bezeichnet, dass in der kapitalistischen Gesellschaft gesellschaftliche Verhältnisse (beispielsweise das Verhältnis einer individuellen Arbeitsleistung zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit) in der Form von Dingen in Erscheinung treten würden, denen eine Eigengesetzlichkeit, das „automatische Subjekt“, innewohne, die vom Menschen nicht mehr gestaltbar sei (nach Marx als Teil des „Warenfetischismus“ oder allgemeiner des „Fetisch-Verhältnisses“ des warenproduzierenden Systems). Die Summe der Verdinglichungsphänomene heiße demnach Ideologie. Verdinglichung sei die kapitalistischen Gesellschaften innewohnende Tendenz, alles und jeden zum Gebrauchs-, Verbrauchs- und Tauschobjekt, also zur Ware zu machen, insbesondere auch Menschen und ihre Beziehungen miteinander (vor allem in Form ihrer Arbeitskraft, so als „Humankapital“, aber auch nicht-materiell als Idole, z. B. Popstars).[5]

Marx bezog sich mit seiner Definition von Verdinglichung vorwiegend auf den Kapitalismus, der alles und jeden verdinglicht und zur Ware degradiert.

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. (…) So stellt der Lichteindruck eines Dings auf den Sehnerv nicht als subjektiver Reiz des Sehnervs selbst, sondern als gegenständliche Form eines Dings außerhalb des Auges dar. [6]

Der Charakter der Ware entspringt dem Charakter des Menschen bzw. des Produzenten und jene Ware spiegelt nicht nur ein Ding da, sondern wird durch die Gesellschaft anhand der Kriterien Arbeitszeit, Gesamtarbeit und Aufwand einander gleichgesetzt, so dass ein gesellschaftliches Verhältnis zur Ware entsteht, dass über den eigentlichen Charakter eines Dings hinausgeht. „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“ (S. 86). Der Mensch interpretiert in jenes Verhältnis zur Ware mehr hinein, als es eigentlich hergibt, da er es mit dem menschlichen Aufwand ins Verhältnis setzt und gegenüber Menschen dementsprechend künstlich aufwertet, damit sie nicht nur die Ware als bloßes Ding begreifen, sondern ebenfalls honorieren, welcher Aufwand mit der Produktion verbunden war.

Die Menschen beziehen also ihre Arbeitsprodukte nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umgekehrt. Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich.[7]

Marx verstand bzw. verwendete den Begriff Verdinglichung also eher im Sinne von einer Vermenschlichung der Dinge, die jedoch für den Rahmen dieser Arbeit keine Rolle spielen soll. Die Umkehrung der Verdinglichung im marxistischen Sinne beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Art und Weise der Mensch sein Bewusstsein und sich selbst verdinglicht.

Adorno liefert dafür in seiner Notiz über Geisteswissenschaft und Bildung einen besseren Ansatz als Marx, um später die zentrale Frage dieser Arbeit beantworten zu können, inwieweit der Mensch ein Objekt ohne Subjekt sein kann.

Die Verdinglichung des Bewußtseins, die Verfügung über seine eingeschliffenen Apparaturen schiebt sich vielfach vor die Gegenstände und verhindert Bildung, die eins wäre mit dem Widerstand gegen Verdinglichung. Das Geflecht, mit welchem die organisierte Geisteswissenschaft ihre Gegenstände überzogen hat, wird tendenziell zum Fetisch; was anders ist zum Exzeß, für den in der Wissenschaft keine Raum sei.[8]

Adorno kritisiert den Charakter der Geisteswissenschaften und den zentralen Kern von Bildung. Bildung ist als ein Objekt zu verstehen, das aus dem Subjekt, das der Mensch zweifelsohne ist, ein Objekt macht, da der Mensch zum Gegenstand der Geisteswissenschaft bzw. Bildung wird. Aber eben jene Verdinglichung des Bewusstseins, die zwangsläufig notwendig ist, damit sich der Mensch bilden kann, führt dazu, dass die ausgefeilten Mechanismen unseres Bewusstseins, die es überhaupt erst ermöglichen, dass wir uns gleichzeitig als Objekt und Subjekt verstehen können, wissenschaftliche Institutionen errichten, die in ihren Strukturen so festgefahren sind, dass sie eine Bildung, die eins wäre mit dem Widerstand gegen Verdinglichung, verhindert. Adorno bezeichnet diese Strukturen in der Geisteswissenschaft als einen Fetisch und alles was sich dieser Struktur nicht anpasst – sei es unwissenschaftliche Meinungen, Kritik an der Wissenschaft allgemein oder abweichende Strukturen von der althergebrachten Vorstellung jener engstirnigen Wissenschaft, die keine Meinungen außerhalb ihrer Wissenschaft dulden – wird zum Exzess, für den in der Wissenschaft kein Platz ist. Die Ausgrenzung Andersdenkender hat demnach Methode und Adornos Kritik ist durchaus nachvollziehbar, denn für ihn entspringt die wahre Bildung dem Geist selbst, der noch nicht von der Wissenschaft korrumpiert wurde.

[...]


[1] Ritter, Joachim, Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 11: U – V , Darmstadt : Wiss. Buchges., 2001, S. 608f..

[2] Kohler, Georg, Wozu Adorno? Über Adornos Verfahren, Motiv und Aktualität, in: Kohler, Georg / Müller-Dohm, Stefan (Hg.), Wozu Adorno? : Beiträge zur Kritik und zum Fortbestand einer Schlüsseltheorie des 20. Jahrhunderts, Weilerswist : Velbrück, 2007, S. 9.

[3] Georg Lukács war ein ungarischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und –kritiker, der als bedeutender Erneuerer einer marxistischen Philosophie und Theorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt.

[4] Blinne, Jens / Seubold, Günter, Verdinglichung, in: Rehfus, Wulff D., Handwörterbuch Philosophie, Stuttgart : UTB (Vandenhoeck & Ruprecht), 2003.

[5] vgl. Verdinglichung (Wikipedia): http://de.wikipedia.org/wiki/Verdinglichung

[6] Marx, Karl, Das Kapital. Erster Band (1867) in: Marx, Karl / Engels, Friedrich, Werke (MEW), Bd. 23, Berlin : Dietz, 1970, S. 86.

[7] Marx, Karl, Das Kapital, S. 88.

[8] Adorno, Theodor W., „Notiz über Geisteswissenschaft und Bildung“, in: Kulturkritik und Gesellschaft II, in: Adorno, Gesammelte Schriften, hg. v. Rolf Tiedemann, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. Bd. 10/2, 1977, S. 497.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Verdinglichung des menschlichen Bewusstseins bei Adorno.
Untertitel
Inwieweit kann der Mensch ein Objekt ohne Subjekt sein?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Dinge als philosophisches Problem (Verdinglichung der Menschen - Vermenschlichung der Dinge)
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V262654
ISBN (eBook)
9783656510123
ISBN (Buch)
9783656510345
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es gab ein paar Unstimmigkeiten in der Formalia, weswegen es nur eine 2,0 geworden ist, laut Dozent ist die Arbeit vom Inhalt her im 1er-Bereich. Die Fehler in der Fomalia habe ich beseitigt.
Schlagworte
Adorno, Subjekt, Objekt, Subjekt- und Objektrelation, Verdinglichung, Vermenschlichung, Marx, Das Kapital, Subjektivität, Objektivität, Subjektbeziehung, Objektbeziehung
Arbeit zitieren
B.A. Jan-Christian Hansen (Autor), 2012, Die Verdinglichung des menschlichen Bewusstseins bei Adorno., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262654

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