Die kosovoalbanische Gesellschaft befindet sich als eine Nachkriegsgesellschaft in reichlich desolater sozioökonomischer sowie immer noch relativ ungefestigter politischer Lage, und schmerzliche Erfahrungen der sehr kurzen, dennoch äußerst grausamen Kriegszeit 1998/99, als auch der in den Jahren zuvor massiv zunehmenden Repressionen durch den serbischen Staat, artikulieren sich im Alltag auf unterschiedlichste Art und Weise. Eine davon ist eine ausgeprägte Gedenkkultur hinsichtlich der in den letzten Jahren der 90er im Kampf Getöteten, welche als „Märtyrer der Nation“ erinnert werden.
Im Mittelpunkt dieses Gedenkens, und gleichzeitig der gesamten kosovoalbanischen Märtyrergedenkkultur, steht einer der Gründer der UÇK, Adem Jashari, auch bekannt als „komandant legjendar“, dessen Tod - in Anlehnung an das Christusopfer - als ein „sublimes Selbstopfer“ für die Nation erinnert wird. Dieses „messianische Selbstopfer“, das die „Straße der Freiheit“ für die KosovoalbanerInnen eröffnet haben soll, stellt ein hybrides Konzept dar, welches sowohl von Ideen familiärer Solidarität und Ehre innerhalb eines patriarchalen Kulturmusters, als auch von Elementen christlicher Opfertheologie beeinflusst ist. Durch diese Verschmelzung traditioneller nordalbanischer Kulturelemente mit dem Opfermythos Christi generiert sich eine mächtige Opfer-Erzählung, die das gegenwärtige nationale Selbstverständnis in Teilen der kosovoalbanischen Gesellschaft nachhaltig prägt. Warum aber steht genau der Aspekt des Opfers im Zentrum der Erinnerung? Warum starben die FreiheitskämpferInnen nicht einfach, oder wurden ermordet, sondern „opferten sich“ auf dem „Altar des Vaterlands“? Und warum ist gleichzeitig kaum von zivilen „Opfern“ die Rede? Dahinter scheint so etwas wie eine spezifische Opferlogik zu stecken, die es so verlockend erscheinen lässt, den Tod in ein „Selbstopfer“ zu verwandeln. Das Ziel dieser Arbeit soll aber nicht sein, einen Entwurf einer „blutleeren“ Opferlogik anzufertigen. Ebenso wenig geht es um ein oberflächliches Aufzeigen von kulturellen Traditionen, die sich in jenem kosovoalbanischen Mythos vermengen. Vielmehr ist das Anliegen des Autors, mit einem ethnologischen Blick das Spezifische dieser kosovoalbanischen Opfererzählung zu entdecken. Denn erst durch eine Einbettung in den soziokulturellen Kontext, in dem er erzählt wird, gibt der Mythos sich preis, wird er verständlich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erinnerung – Mythos – Identität
2.1 Erinnerung
2.1.1 Begriffsklärung
2.1.2 Der Gedächtnisbegriff bei Jan Assmann
2.2 Mythos
2.2.1 Mythos, Wahrheit & Identität
2.2.2 Mythos & Flexibilität
2.2.3 Mythos & Hybridität
2.3 Zusammenfassung
3. Methodik & Feldforschung
3.1 Untersuchungsgegenstand & Methodik
3.2 Die Konstruktion des Forschers
4. Ein geschichtlicher Abriss oder Wie Adem Jashari zum „komandant legjendar“, und ein Massaker zum „flijim sublim“ wurde
4.1 Die 90er Jahre – Eine Spirale der Gewalt
4.2 Die Konstruktion einer Meistererzählung innerhalb des mythischen Geschichtsbilds der Albaner
5. Helden, Märtyrer, Opfer
5.1 Definition & Unterscheidung
5.2 Arbeitsdefinition „Opfer“
5.2.1 Die „Illusion des Opfers“
5.2.2 Mauss’ „Rätsel der Gabe“: Geben – Nehmen – Erwidern
5.3 Exkurs: Kosovoalbanische rurale Lebenswelten
5.3.1 Die traditionelle kosovoalbanische Lebensweise zwischen den beiden Weltkriegen
5.3.2 Die heutige Situation im Raum Drenica
6. Deskription des „flijim sublim“
6.1 Das Opferschema
6.1.1 Wer fordert? Die Freiheit als Empfängerin
6.1.1.1 Die Todesmetapher
6.1.1.2 Statusdifferenz
6.1.2 Wer opfert sich? Mit Maschinengewehr und Heiligenschein – „Violent Jesus“
6.1.2.1 Das Christusopfer im muslimischen Kosovo – Der Zweck heiligt die Mittel
6.1.2.2 Das Opferlamm - victima
6.1.2.3 Das aktive Opfer - „flijim sublim“
6.1.2.4 Held & Ehre
6.1.2.5 Der Erlöser - Adem „hat die Straße der Freiheit eröffnet“
6.1.2.6 Familie als Ideal der Nation
6.1.2.7 Die Kulla – „Tempel der Freiheit“
6.1.3 Wer ist der Begünstigte? Die Nation als Familie
6.1.3.1 Bac Ademi
6.1.3.2 Amanet & Besa
6.2 Opferlogik und Gesellschaft
6.2.1 Opferlogik
6.2.2 Imperativ & Gesellschaft
7. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht die ethnologische Dimension der Erinnerungskultur im Kosovo, insbesondere am Beispiel der Jashari-Familie, um zu verstehen, wie das Konzept des Opfers innerhalb eines nationalen Mythos zur Identitätsstiftung konstruiert und instrumentalisiert wird.
- Analyse der nationalen Mythenbildung im postsozialistischen Kosovo.
- Untersuchung der Verschränkung christlicher Opfertheologie mit traditionellen albanischen Werten.
- Diskussion der Bedeutung von „Ereignissen der Vergangenheit“ als identitätsstiftende Narrative.
- Reflexion über die Rolle des Forschers und die Dynamik von Feldforschung in einer rurale Identität prägenden Region.
- Deutung der Opferlogik als Mechanismus zur Schaffung sozialer Verpflichtung.
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Wer fordert? Die Freiheit als Empfängerin
Es wird oft darauf hingewiesen, dass in nationalen Opferdiskursen die Position des Empfängers, der sakrale Bereich also, mit dem kommuniziert wird, nicht eine Gottheit im herkömmlichen Sinne einnimmt, sondern die Nation, das „heilige Vaterland“. Nun hat dies in gewisser Hinsicht seine Richtigkeit: Die Nation als absolute Macht, die gleichsam von göttlicher Warte aus vom Einzelnen ein Opfer fordert. Allerdings, wie ich finde, ist die Angelegenheit ein wenig komplexer. Denn, wie sich im kosovoalbanischen Fall gezeigt hat, wird als fordernder Empfänger meist eine andere Entität genannt, eine noch abstraktere „Macht“ als die Nation: die Freiheit bzw. die Unabhängigkeit. Die Freiheit wird als den Albanern bzw. der albanischen Nation lang verwehrter Zustand des Lebens imaginiert, für die seit jeher Opfer gebracht werden mussten. Der Verlust der Freiheit und ihre Wiedererlangung scheint das nationale Schicksal, als die nationale Erbschuld der Albaner zu gelten. Meinen Gesprächspartnern wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass es zum Wesen des Albanertums gehöre, nach Freiheit zu streben. Hier wird oft die „albanische Tradition“ der pastoralen Viehwirtschaft zitiert, die man in der kargen und schroffen Berglandschaft lokalisiert: die albanische Nation als Nation der Hirten. Die in der Tat lange Zeit bestehende pastorale Lebensweise der Albaner in den herrschaftsfreien Gebirgslandschaften des nördlichen Albaniens, die gleichzeitig den Kosovo im Westen begrenzen, hätte es sich mitgebracht, in Freiheit leben zu können, und einen großen Freiheitsdrang zu entwickeln. Sinnbildlich stehe dafür der Adler, der „König der Lüfte“, der das Wappentier der albanischen Flagge darstellt. Auch in folkloristischen Musikvideos findet diese Metaphorik der Berge, Hirten und Adler immer wieder. Bashkim, 36, Krojmir, sagte mir, dass es schier im „Blut des Albaners“ stecke, ein Leben in „absoluter Freiheit“ anzustreben. Daher sei es von besonderer Grausamkeit, dass gerade die Albaner für so lange Zeit die Rolle der Unterdrückten und Freiheitsberaubten einnehmen mussten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die politische Dimension kultureller Erinnerung und führt in die Problematik der Helden- und Märtyrerkonstruktion in postsozialistischen Gesellschaften ein.
2. Erinnerung – Mythos – Identität: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen zur Gedächtnisforschung und definiert zentrale Begriffe wie Mythos, Wahrheit und Identität im Kontext kultureller Formationen.
3. Methodik & Feldforschung: Hier werden der Untersuchungsgegenstand, die ethnologische Herangehensweise sowie die forschungsbiographischen Hintergründe und die Identität des Autors im Feld reflektiert.
4. Ein geschichtlicher Abriss oder Wie Adem Jashari zum „komandant legjendar“, und ein Massaker zum „flijim sublim“ wurde: Das Kapitel verortet die mythologische Erzählung über Adem Jashari im historischen Kontext des Kosovo-Konflikts und der nationalen Meistererzählung.
5. Helden, Märtyrer, Opfer: Hier erfolgt eine definitorische Unterscheidung der Begriffe und eine theoretische Herleitung der Opferlogik, ergänzt durch einen Exkurs in die rurale Lebenswelt des Kosovo.
6. Deskription des „flijim sublim“: Der Hauptteil analysiert detailliert das Opferschema und die mythologische Überhöhung Adem Jasharis sowie die sozialen Implikationen der Opferlogik für die Gesellschaft.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert über die anhaltende Relevanz mythischer Erzählungen für die Konstruktion nationaler Identität.
Schlüsselwörter
Kosovo, Adem Jashari, Opfermythos, kollektives Gedächtnis, Heldenverehrung, Märtyrertum, Identitätspolitik, Drenica, flijim sublim, Ethnolgie, Opferlogik, Besa, rurale Lebenswelten, nationale Meistererzählung, Erinnerungskultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser ethnologischen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Konstruktion und Bedeutung des Opfermythos um den kosovoalbanischen Nationalhelden Adem Jashari und dessen Wirkmächtigkeit für die Identitätsstiftung der Region.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind das kulturelle Gedächtnis, die Transformation von Gewalt in heroische Narrative, die Rolle der Ehre und die soziale Funktion des Opferbegriffs innerhalb der kosovoalbanischen Gesellschaft.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein tiefgreifendes Verständnis der spezifischen Opferlogik zu erlangen, die den Jashari-Mythos im ruralen Kosovo prägt und als identitätsstiftendes Element für die Nation dient.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt einen ethnologischen Ansatz, basierend auf Feldforschung, Interviews mit Einheimischen aus der Region Drenica sowie der Analyse von Gedenkmedien und Literatur.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Beschreibung des „flijim sublim“ (sublimer Opfergang), der Rolle der Familie als Ideal der Nation und der Verflechtung christlicher Symbole mit albanischer Tradition.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Heldenmythen, Opferlogik, Ehre (Besa), nationale Identität und die Konstruktion des Forschers selbst.
Warum wird Adem Jashari als „Christusopfer“ im muslimischen Kosovo inszeniert?
Die Inszenierung nutzt die christliche Figur des leidenden Erlösers als universell verständliches, formalisiertes Narrativ, um den Tod Jasharis als notwendiges, heiliges Opfer für die Freiheit zu legitimieren.
Welche Rolle spielen traditionelle Familienstrukturen für den Opfermythos?
Traditionelle Strukturen wie die „Kulla“ (Wohnhaus/Wehrturm) und das Konzept der „großen Familie“ dienen als Projektionsfläche für nationale Zusammengehörigkeit und Solidarität.
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- Nikolaus Gerold (Author), 2013, Denn jedes Opfer fordert ein weiteres, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262688