Gerechtigkeitsvorstellung im Werk Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame".

Untersuchung der parodistischen Darstellung von Gerechtigkeit und Gericht.


Hausarbeit, 2013
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dürrenmatts Vorstellung von Gerechtigkeit

3. Konstruktionen einer Gerechtigkeit
3.1. Claire und ihre Konstruktion einer Gerechtigkeit
3.2. Ill und seine Konstruktion einer Gerechtigkeit
3.3. Die Güllener und ihre Konstruktion einer Gerechtigkeit

4. Parodistische Stilisierung der juristischen Gerechtigkeit
4.1 Eine Parodie des Gerichts - der Prozess
4.2. Eine Parodie des Gerichts - die Versammlung der Geschworenen

5. Der Schlussteil

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schnell erfasst Dürrenmatt die Notlage der Menschen, von einer gerechten Gesellschaftsordnung noch einen weiten Schritt entfernt zu sein und äußert diese Erkenntnis - eingebettet in eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht:

„Die Gerechtigkeit ist zweifellos etwas Grandioses, Niezuerreichendes, doch dann handkehrum eine selbstverständliche Kleinarbeit […]. Aber die Hoffnung bleibt, dass die Entwicklung der Menschheit […] den Menschen zur Vernunft zwingt. Das Verfluchte dabei ist nur, dass uns vielleicht verdammt wenig Zeit dazu übrig bleibt.“1

In seinem Werk „ Der Besuch der alten Dame “ äußert sich diese Einsicht in einer parodistischen Behandlung der Gerechtigkeit und der ausführender Instanzen, welche auf mehreren Ebenen des dramatischen Werks Anwendung findet.

Betrachtet man die bestehende Literatur, die das Motiv der Gerechtigkeit in Dürrenmatts Werk „ Der Besuch der alten Dame “ behandelt, so fällt auf, dass dies lediglich im Rahmen literarischer Untersuchungen zu anderen Thematiken stattfindet. Dies erfolgt bspw. im Zusammenhang mit der Betrachtung der Gerichtsthematik in der Literatur des 20. Jahrhunderts2, mit der Analyse von Paro- die und Groteske in den Werken Dürrenmatts3, mit der Untersuchung seiner Kriminalromane4 etc. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit parodistischen Elementen, sowie deren Einsatz und Ge- staltung im dramatischen Werk findet jedoch nicht statt, sodass hauptsächlich im ersten Teil dieser Arbeit auf die Arbeiten verschiedener Autoren verwiesen wird, welches bei der Erarbeitung parodis- tischer Strukturen nur eingeschränkt erfolgt.

Ziel der vorliegenden Arbeit jedoch soll sein, an ausgewählten Szenen des Dramas zu zeigen, auf welche Weise Dürrenmatt mit Hilfe des Bühnenbilds, der Sprache, etc. eine Parodie des Gerichts, sowie infolgedessen der Gerechtigkeit vornimmt.

Im Rahmen dieser Arbeit wird davon abgesehen, eine vergleichende Analyse mit weiteren Werken Dürrenmatts vorzunehmen, da eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem dramatischen Werk „ Der Besuch der alten Dame “ erfolgen soll. Des Weiteren wird darauf verzichtet, die parodistische Gestaltung der Institution Polizei vorzunehmen, welche neben dem Gericht hinsichtlich der Gerechtigkeit ebenfalls eine ausführende Instanz darstellt, jedoch sich das Gericht durch die starke parodistische Stilisierung besser für die Analyse eignet.

Da im Rahmen der Analyse parodistischer Strukturen ebenfalls die Darstellung der im Werk kon- struierten Gerechtigkeitsvorstellungen vorgenommen wird, gilt es Dürrenmatts Auffassung bezüg- lich des literarischen Motivkomplexes vorzustellen, welches anhand des Monstervortrags erfolgt.

Daran schließt sich die Untersuchung der Gerechtigkeitsvorstellungen der Akteure Claire, Ill und des Kollektivs Güllen an, sowie die parodistische Behandlung der Institution Gericht vonseiten des Dramatikers Dürrenmatt. Letzteres erfolgt anhand zwei ausgewählten Szenen, deren parodistische Gestaltung über das Bühnenbild, die Personengestaltung, die sprachliche Ausführung, sowie die Handlungsabläufe eine detaillierte Analyse erfährt.

Das methodische Vorgehen sieht zunächst vor, herauszustellen welcher Aspekt bzw. welche Eigenschaft des Gerichts eine übertreibende oder verspottende Nachahmung erfährt, sowie im Anschluss daran, die Untersuchung jener Veränderungen dieses Aspekts, welche letztendlich eine parodistische Wirkung dieser Szene herbeiführen..

2. Dürrenmatts Vorstellung von Gerechtigkeit

Den Zugang zu Dürrenmatts Vorstellung von dem, was Gerechtigkeit ist und wie diese erreicht bzw. vollzogen werden kann, liefert eine Geschichte - im engeren Sinne eine Parabel - die Dürrenmatt, entlehnt aus den Geschichten von Tausendundeiner Nacht „nicht exakt, nicht wissenschaftlich […], sondern neu erzählt“5, sowie im Anschluss daran, in Bezug zur bürgerlichen und sozialistischen Welt setzt.

Die Parabel handelt davon, dass der Prophet Mohammed beobachtet, wie ein Reiter seinen Geld- beutel verliert, ein zweiter Reiter diesen findet und mitnimmt, während ein dritter Reiter diesbezüg- lich vom Ersten des Raubes bezichtigt und zugleich ermordet wird. Darüber entsetzt klagt der Pro- phet Allah an, wie ungerecht die Welt sei. Dieser erwidert daraufhin, Mohammed verstünde nichts von seiner Gerechtigkeit und erklärt ihm im nächsten Moment, dass sowohl der Beraubte, als auch der Ermordete zuvor Unrecht getan hätten, sodass letztendlich Gerechtigkeit vollzogen worden sei. Bereits aus der bloßen Schilderung der Geschichte kann eine Aussage über das Wesen der Gerech- tigkeit nach Dürrenmatt gemacht werden. Denn mit der Äußerung Allahs: „Du Narr! Was verstehst du von meiner Gerechtigkeit“6 wird deutlich, dass zum einen Gerechtigkeit einen subjektiven Cha- rakter besitzt und zum anderen sich eine solche göttliche Gerechtigkeit dem Verständnis des Men- schen zunehmend entzieht.

Mit der Absicht der Geschichte eine gewisse Aktualität abzugewinnen, überträgt Dürrenmatt die vorgetragene Geschichte auf die Zeit um 1969, einschließlich der bestehenden Gesellschaftssyste- men - die bürgerliche und sozialistische Gesellschaft. In diesem Zusammenhang beschreibt er Ers- tere als „Wolfsspiel“, sowie Letztere als „Gute-Hirte-Spiel“, welche sich dahingehend unterschei- den, dass die Spielsteine - das Kapital - entweder dem Einzelnen oder der Allgemeinheit gehören.

Die beiden Gesellschaftssysteme unterscheiden sich des Weiteren hinsichtlich der Konstruktion von Gerechtigkeit. Zur weiteren Annäherung an den Begriff der Gerechtigkeit wendet sich Dürrenmatt während seines Vortrags dem Menschen zu, indem er die Differenzierung zwischen dem besonderen und dem allgemeinen Begriff vom Menschen vornimmt. Während Ersteres ein Individuum meint, welches sich durch den Aufbau einer eigenen Identität von anderen Individuen unterscheidet, umfasst der allgemeine Begriff vom Menschen eine von mehreren Menschen geschaffene Gesellschaft. Für den Gerechtigkeitsbegriff hat dies folgende Auswirkungen:

„Das Recht des einzelnen besteht darin, sich selbst zu sein: Dieses Recht nennen wir Freiheit. Sie ist der besondere Begriff von Gerechtigkeit […]. Das Recht der Gesellschaft besteht dagegen darin, die Freiheit eines jeden einzelnen zu garantieren, was sie nur vermag, wenn sie die Freiheit eines jeden einzelnen beschränkt. Dieses Recht nennen wir Gerechtigkeit.“7

Da sich das „Wolfsspiel“ bzw. die bürgerliche Gesellschaft am besonderen Begriff vom Menschen orientiert, gilt es in diesem Zusammenhang eine größtmögliche Freiheit jedes einzelnen zu garantie- ren, während im „Gute-Hirte-Spiel“ es darum geht, diese Freiheit im Sinne eine Gerechtigkeit für alle einzuschränken.

Dürrenmatt kommt im Anschluss an diese Erläuterung zu dem Schluss, dass „Ideen, in deren Namen Unrecht geschieht, die Freiheit und Gerechtigkeit […] bloße Ideologien“8 sind, wobei sich das „Wolfsspiel“ stärker hinter dem Vorsatz im Sinne der Freiheit zu handeln versteckt, das „GuteHirte-Spiel“ hinter dem Vorsatz im Sinne der Gerechtigkeit zu handeln.

Folglich erscheint Dürrenmatts Schlusswort im Hinblick auf das Wesen der Gerechtigkeit nachvoll- ziehbar. Denn obwohl diese etwas Grandioses darstellt, scheint es gleichzeitig einen unerreichbaren Charakter zu haben und stellt „dann handkehrum eine selbstverständliche Kleinarbeit“9 zu sein. In einer zweiten Geschichte diskutiert Dürrenmatt die Tauglichkeit von Gesetzen, indem er die Ge- schichte von einem Kalifen erzählt, der beim Barte des Propheten einige Schwüre ablegt, deren Er- füllung zunächst unmöglich erscheint. Immer wieder findet der heilige Imam einen Weg, den Schwur zu umgehen und einen Bruch zu verhindern, auch wenn dies auf Kosten anderer geschieht. In Bezug auf die Nützlichkeit von Gesetzten kann die Moral gezogen werde kann, dass diese zwar das Verhalten, folglich das Leben der Menschen organisieren, jedoch die Mächtigsten immer einen Weg finden werden, diese zu umgehen, sowie für die Erfüllung eigene Vorstellungen zu nutzen.10

3. Konstruktionen einer Gerechtigkeit

3.1. Claire und ihre Konstruktion einer Gerechtigkeit

Bereits Claires Auftritt im ersten Akt der tragischen Komödie zeigt, dass diese Person „sich außerhalb der menschlichen Ordnung bewegt:“11

„Von rechts kommt Claire Zachanassian, zweiundsechzig, rothaarig, Perlenhals- band, riesige goldene Armringe, aufgedonnert, unmöglich, aber gerade darum wie- der eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken.“12

In ihrem Erscheinungsbild, ihren sprachlichen Äußerungen, sowie in ihren Handlungen vereint sie Menschliches mit Künstlichem, wird zur Verkörperung der bloßen Groteske13 und entwickelt als Resultat ihres Menschseins ein pervertiertes Menschenbild.

Zunächst verweist das äußere Erscheinen der alten Dame, infolge der Präsentation ihrer Bein- sowie Handprothese auf den Verlust wesentlicher menschlicher Attribute, da in diesem Zusammensetzung eine Verschmelzung von Menschlichem und Mechanischem vorgenommen wird.14 Es ist gleichzei- tig die Spiegelung ihres inneren Wesens, dessen wesentliche Charakterzüge eine extreme Subjekti- vität und das unmenschliche Fehlen jeglichen Mitgefühls darstellen. Letzteres zeigt sich besonders im Hinblick auf ihr bestehendes Menschenbild, wonach Individualität und der besondere Eigenwert des Menschen keine Rolle spielen. Folglich erhalten sowohl ihr Personal, als auch ihre Gatten von der alten Dame Namen zugewiesen, die sich lediglich in den Anfangsbuchstaben unterscheiden und zu einer Degradierung dieser Menschen zu Dingen führen. Verstärkt wird diese Erkenntnis, durch die Verwendung ihres Gefolges als Nutzobjekte, wonach die Sänfteträger Toby und Roby als Fort- bewegungsmittel in Anspruch genommen werden, während der Butler durch die Verkündigung der Anklage zum Sprachrohr umfunktioniert wird und ihre Gatten lediglich „zu Ausstellungszwe- cken“15 gehalten werden.16

Dementsprechend scheint es nachvollziehbar, sowie nicht verwunderlich, dass neben dem pervertierten Menschenbild ebenfalls ihre Vorstellung davon, was es heißt Gerechtigkeit auszuüben, außerhalb der menschlichen Ordnung positioniert werden kann.

Betrachtet man die Gerechtigkeitskonstruktion, welche sich Claire schafft, so fällt zunächst auf, dass diese Vorstellung eine stark subjektive Prägung besitzt. Der Vollzug von Gerechtigkeit wird als Wiedergutmachung von Unrecht dargestellt17, wobei hinsichtlich dieses Aspekts an dieser Stelle noch die präsentierte Konstruktion weitestgehend einer allgemeinen, sowie aktuellen juristischen Definition entspricht.18 Gilt es zu skizzieren, welche Handlung die Ausführung von Gerechtigkeit impliziert, wird die subjektive und zugleich pervertierte Forderung erkennbar: „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.“19 Die Beurteilung welche Handlung bzw. Konsequenz im Hinblick auf Ills Vergehen gerecht ist, erfolgt aus einer negativen emotionalen Lage der alten Dame und ist folglich stark subjektiv beeinflusst. Diese emotionale Lage ist das Resultat einer traumati- schen Vergangenheit, die sie aus ihrer Heimatstadt fliehen lässt, zur einer Hure degradiert und letzt- endlich zu einem „alten Götzenbild aus Stein“20 werden lässt - ohne jegliche Menschlichkeit und Lebendigkeit. Claire verkündet, Ill habe sein Leben frei wählen können, jedoch sie selbst in ihr Schicksal gezwungen. Unrecht kann ausschließlich dadurch bereinigt werden, indem auch er zu einem bestimmtem Lebensweg gezwungen wird - den Weg in den Tod.

Subjektiv ist diese Gerechtigkeitsvorstellung unter anderem dadurch, dass der Grad der Strafe bzw. Wiedergutmachung auf Basis von Emotionen bestimmt wird. Dass sich hinter dieser Entscheidung negative Emotionen verbergen, wird vor dem Hintergrund deutlich, dass den Motor ihrer Handlun- gen nichts anderes bildet, als die Rache.21 Im weiteren Verlauf der Tragödie treten die Züge des Ra- che-Motivs der alten Dame stärker in Erscheinung, wenn diese dem unwissenden Arzt und Lehrer eröffnet: „Gehören mit ebenfalls. Die Fabriken […], Straße um Straße, Haus für Haus. Ließ den Plunder aufkaufen durch meine Agenten, die Betriebe still legen.“22 Sie führt zunächst den finanzi- ellen Zerfall der Stadt herbei, um sich anschließend über Ills Tod hinaus mit dem moralischen Zer- fall der Bürger zu rächen.23

Es ist eine Gerechtigkeit, die der Forderung des Rechtssatzes „Auge um Auge, Zahn um Zahn“24 aus den Büchern Mose entspricht, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Dieses archaische Gerech- tigkeitsbild erhält durch Claire eine moderne Seite, welche durch die Verwendung eines bestimmten Vokabulars verwirklicht wird, den die alte Dame im Zusammenhang mit der Vorstellung von Ge- rechtigkeit verwendet. Das von ihr präsentierte Angebot an die Stadt gibt sie als Abrechnung mit ihrer alten Liebe Ill aus,25 während sie dem Arzt, sowie dem Lehrer gegenüber die Bezeichnung Geschäft verwendet, dessen Regeln sie diktiert.26 Sie fährt mit ihrer Ansage fort, indem sie eröffnet, man könne sich mit Finanzkraft eine Weltordnung leisten, sowie abschießend ausruft: „Güllen für einen Mord, Konjunktur für eine Leiche.“27 Die alte Dame bedient sich eines Wortschatzes, wie er in der Finanzwelt Verwendung findet, da sie Teil dieser Welt ist, in der sie unter anderem Aktien kauft28 und Besuch vom Präsidenten der Weltbank erhält29. Auf diese Weise schreibt sie der Gerechtigkeit den Wesenszug eines Objekts zu. Dieser wird letztendlich dadurch verstärkt, dass Claire entgegen jeglicher Behauptungen, ihre Ansicht standhaft vertritt, Gerechtigkeit sei käuflich und den Vorsatz besitzt, diese für eine Milliarde zu ersteigern.

3.2. Ill und seine Konstruktion einer Gerechtigkeit

In den „ Anmerkungen “ zum dramatischen Werk „ Der Besuch der alten Dame “ deutet Dürrenmatt bereits an, dass Alfred Ill im Verlauf der tragischen Komödie eine Entwicklung durchlebt:

„Ist Claire unbewegt eine Heldin von Anfang an, wird ihr alter Geliebter erst zum Helden. Ein verschmierter Krämer […], schuldig ist er der Meinung, das Leben hätte von selber alle Schuld getilgt; ein gedankenloses Mannsbild, ein einfacher Mann, dem langsam etwas aufgeht, durch Furcht, durch Entsetzen, etwas höchst Persönliches; an sich erlebt er die Gerechtigkeit, weil er seine Schuld erkennt, er wird groß durch sein Sterben.“30

Zu Beginn der tragischen Komödie teilen sowohl Claire, als auch Ill und die Güllener ein unmenschliches Verhältnis bzw. eine gestörte Beziehung zu ihren Mitmenschen - diese werden als Objekte verstanden, folglich auch als solche behandelt. Dementsprechend zeigt sich Ill zwar am Bahnhof besonders herzlich und versucht im Konradsweilerwald alte Gefühle aufleben zu lassen, jedoch stets mit dem Gedanken, Claire für die finanzielle Rettung der Stadt zu benutzen. Diese Reduzierung des Menschen auf seinen Nutzwert für die eigenen Zukunftspläne, sowie die Käuflichkeit des Menschen scheinen bei Ill kein Resultat der finanziellen Notlage zu sein, in welche die Stadt geraten ist, sondern bilden einen wesentlichen Charakterzug.31 Dies wird besonders vor dem Hintergrund deutlich, dass Claire und Ill in jungen Jahren ein Liebespaar waren, Ill sich jedoch für das Geld - folglich für eine andere Frau entschieden hat:

„CLAIRE ZACHANASSIAN: Auf diesen Findling küssten wir uns […].

Wir liebten uns unter diesen Sträuchern […].

ILL: Dir zuliebe habe ich Mathilde Blumhard ge- heiratet.

CLAIRE ZACHANASSIAN: Sie hatte Geld.“32

Die Skrupellosigkeit des Krämers erreicht seinen Höhepunkt, als aufgedeckt wird, dass sich Ill vor Gericht mit einer Lüge und der Bestechung zweier Zeugen seiner Verantwortung als Vater entzogen hat; Claire somit zur Hure machte. Sein unmoralisches Handeln erhält eine Fortsetzung, wenn die- ser seine Schuld nicht einsieht und das Geschehene mit dem Satz „Alte Geschichten. Ich war jung und unbesonnen.“33 und der Erklärung „Es war ein böser Jungenstreich, den ich ihr spielte.“34 als Bagatelle behandelt.

Ein Wendepunkt in seinem Denken und Handeln kann zum Ende des zweiten Akts situiert werden, welcher für den Rezipienten nach einem gescheiterten Fluchtversuch mit dem Ausruf „Ich bin ver- loren“35 sichtbar wird. „Die individuelle Moral Ills [erfährt] eine positive Wandlung,36 in dessen Zuge dieser sich seine Schuld eingesteht und bereit ist die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen: „ILL: Ich sah ein, dass ich kein Recht mehr habe […]. Ich bin schließlich schuld daran […]. Ich habe Klara zu dem gemacht, was sie ist.“37 Mit dieser Einsicht und der Bereitschaft zur Sühne kann Ill den sogenannten „mutigen Menschen“38 zugeordnet werden - jene Menschen, die „die verlorene Weltordnung […] in ihrer Brust“39 wieder herstellen können. Obwohl Ill den Tod annimmt und durch sein Opfer der alten Dame ihre Macht nimmt,40 so entbehrt er die Güllener nicht aus ihrer Verantwortung, sondern insistiert darauf, dass diese ihre Rolle als Richter annehmen und ausführen. Diese Entwicklung Ills auf moralischer Ebene bringt letztendlich nicht nur den mutigen Menschen hervor, sondern eine neue, andere Gerechtigkeitsvorstellung:

„Ich bin durch die Hölle gegangen […]. Hättet ihr mir diese Angst erspart […], würde ich das Gewehr nehmen. Euch zuliebe. Aber nun schloß ich mich ein, be- siegte meine Furcht. Allein […]. Ihr müsst nun meine Richter sein. Ich unterwerfe mich eurem Urteil, wie es nun auch ausfalle. Für mich ist es Gerechtigkeit.“

[...]


1 Dürrenmatt[1969], S. 112.

2 Vgl. hierzu „Die Gerichtsthematik in der Literatur des 20 Jahrhunderts“ , Bauer[1990]

3 Vgl. hierzu „Parodie und Groteske im Werk Dürrenmatts“ , Grimm[1962]

4 Vgl. hiezu „Kriminalroman und Gesellschaftsdarstellung“ , Tschimmel[1979]

5 Dürrenmatt[1969], S. 10.

6 Ebenda, S. 11.

7 Dürrenmatt[1969], S. 41.

8 Ebenda S. 87.

9 Ebenda S. 112.

10 Vgl. Dürrenmatt[1969], S. 155 ff.

11 Dürrenmatt (1988), S. 143.

12 Dürrenmatt (1989), S. 21 f.

13 Dürrenmatt erklärt „das Groteske [sei] nur ein sinnlicher Ausdruck, ein sinnliches Paradoxon“, sodass in dieser Äuße- rung deutlich wird, dass das Groteske eine Einheit aus Heterogenem bzw. sich widersprechenden Elementen impli- ziert. Jedoch erscheint ein Gegenstand bzw. Sachverhalt erst dann grotesk, wenn die dahinterstehende Paradoxie sich auch in der Wirkung niederlegt. Dies erfolgt in Erfahrung des grausamen Moments in einer komischen Situati- on. (Dürrenmatt[1955], S. 48) , (Dürrenmatt[1980], S. 24).

14 So deutet auch Müller: „Die Arm- und Beinprothesen, die eine Reduktion des menschlichen am Körper bedeuten […], zeigen, dass […] Natürliches von Künstlichem verdrängt wird.“ (Müller[1988], S. 100).

15 Dürrenmatt (1989), S. 114.

16 Die Deutung teilt ebenfalls Müller: „In dieser Haltung kommt der Dingcharakter des Menschen zum Ausdruck, die für Claire nur noch einen Warenwert, die nur noch unter Verwendnungsgesichtspunkten betrachtet werden.“ (Müller [1988], S. 98 f.).

17 Vgl. Dürrenmatt (1998), S. 46.

18 So schreibt Köbler: „Gerechtigkeit ist das zeitlos gültige Maß richtigen Verhalten […]. Nach dem antik-griechischen Philosophen Aristoteles wird zwischen ausgleichender Gerechtigkeit […] und austeilender Gerechtigkeit […] unter- schieden. Die ausgleichende Gerechtigkeit gilt vor allem im Verhältnis der Einzelnen zueinander und fordert men- genmäßige Gleichheit (z.B. Ersatz des vollen Schadens).“ (Köbler[2005], S. 189).

19 Dürrenmatt (1998), S. 49.

20 Ebenda, S. 134.

21 Rache: „Persönliche, oft von Emotionen geleitete Vergeltung einer als böse, besonders als persönlich erlittenes Unrecht empfundenen Tat.“ (http://www.duden.de/rechtschreibung/Rache [19.12.2012])

22 [22]Dürrenmatt (1998), S. 90.

23 Diese Deutung bezüglich Claires Handlungen teilt ebenfalls Li-Fen Ke: „Unter dem Mantel der Gerechtigkeit, die ein fehlerhaftes Rechtsurteil korriegieren will, verbirgt sich […] in Wahrheit eine glühende Rachgier.“ (Li-Fen Ke [2007], S. 195).

24 Vgl. Lev, 24, 20.

25 Vgl. Dürrenmatt (1998), S.49.

26 Ebenda, S.90.

27 Ebenda, S 91.

28 Ebenda, S. 63.

29 Ebenda, S. 68.

30 Dürrenmatt[1998], S. 143.

31 So deutet auch Brock-Sulzer: „Claire hat er damals sitzen lassen, um eine Frau mit einigem Geld zu heiraten: er ist der Käuflichste der Käuflichen.“ (Brock-Sulzer[1986], S. 84).

32 Dürrenmatt[1988], S. 37.

33 Ebenda, S. 46

34 Dürrenmatt[1998], S. 56.

35 Ebenda, S. 85.

36 Li-Fen Ke[2007], S. 199.

37 Dürrenmatt[1998], S. 102.

38 Dürrenmatt[1955], S. 49.

39 Ebenda.

40 So deuten auch Müller und Niggl: „Ill beraubt […] die alte Dame ihrer Bedeutung als unentrinnbare Schicksalsgöttin, sein Entschluss degradiert ihren Besuch zum bloßen Anlass, sich seinem Gewissen als der allein gültigen Instanz zu unterwerfen.“ (Niggle zit. in: Müller[1988], S. 122).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Gerechtigkeitsvorstellung im Werk Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame".
Untertitel
Untersuchung der parodistischen Darstellung von Gerechtigkeit und Gericht.
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Veranstaltung
Themen und Motive. Verführer und Verführte.
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V262720
ISBN (eBook)
9783656513315
ISBN (Buch)
9783656513148
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gerechtigkeitsvorstellung, werk, dürrenmatts, besuch, dame, untersuchung, darstellung, gerechtigkeit, gericht
Arbeit zitieren
Helena Drewa (Autor), 2013, Gerechtigkeitsvorstellung im Werk Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame"., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262720

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