Politischer Unterricht als Anpassungs- und Widerstandsmoment

Reflexionen zum Problem- und subjektorientierten Unterricht


Essay, 2011
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gegenstand des Take-Home-Examens:

Politischer Unterricht, so der Politikdidaktiker Klaus Moegling, „ist darauf angewiesen, sich in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen zu bilden und zu realisieren, ist ambivalent und enthält ein Anpassungs- sowie ein Widerstandsmoment“ (Moegling 2010: 74).

Arbeitsauftrag: Reflektieren Sie diese in Anlehnung an Adorno entwickelte politikdidaktische Konzeption im Hinblick auf einen problem- und subjektorientierten Unterricht. Bedenken Sie im Rahmen dessen sowohl das zwischen den didaktischen Konzeptionen bestehende

Spannungsverhältnis als auch die besonderen Schwierigkeiten, die sich aus den differenten gesellschaftlichen Funktionen der Institution Schule ergeben.

Abgabefrist: 11.07.2011, 12:00 Uhr, AfE 2626

Das Zitat von Moegling weist einerseits darauf hin, dass politischer Unterricht den Schülerinnen und

Schülern beibringen soll, sich in der gegebenen Gesellschaft auszukennen und zurechtzufinden, zu verstehen wie die sozialen und ökonomischen Mechanismen funktionieren, wie sie entstanden sind, wie die Regeln innerhalb dieser Strukturen beschaffen sind und wie man nach diesen Regeln agiert; dieser Moment bezeichnet offensichtlich die Anpassungsfähigkeit. Gleichzeitig endet hier nicht die Aufgabe des politischen Unterrichts, sondern er betritt wünschenswerterweise die eigentliche Sphäre der Mündigkeit, die gleichzeitig sein obersetes Ziel darstellt, indem das Subjekt mit dem Begreifen der sozialen und politischen Strukturen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten erkennt, Widersprüche aufdeckt und nach Lösungswegen sucht. Zusätzlich soll das Subjekt lernen, Manipulationsversuche, die die bestehenden demokratischen Prinzipien - auch wenn sie nicht perfekt ausgebildet sind - untergraben könnten zu durchschauen und deren Entfaltung schon im Anfangsstadium zu verhindern, bevor gravierende gesellschaftliche Fehler zustandekommen. Mündige Tatkraft bedeutet anfängliche Tendenzen einer Aushöhlung von Demokratie und Menschenrechten zu erkennen und den Mut zum Handeln zu besitzen, um antidemokratischen Entwicklungen Einhalt zu gebieten, wobei es sich nicht um offensichtliche Benachteiligungen der Mehrheit handeln muss, sondern auch um die unterschwellige Benachteiligung von Minderheiten handeln kann, die häufig nicht wahrgenommen und thematisiert wird. Folglich bedeutet politisches Gebildetsein nicht allein das Wissen um und die Anpassung an den status quo, auch nicht das bloße Erkennen der der Demokratie zuwiderlaufenden Tendenzen, sondern auch die Bereitschaft und die Kompetenz zu Handlungen, die effektive Ergebnisse erreichen. Im Sinne Adornos muss Erziehung und Unterricht daher solche Bürger hervorbringen, die eine Wiederholung des Auschwitz-Prinzips kein zweites Mal zulassen. Mündigkeit muss sich jedoch nicht nur im expliziten Widerstand zeigen, es muss nicht erst die Notwendigkeit einer Abwehr von Herrschaftsentscheidungen als Reaktion auf diese aufkommen, da Mündigkeit sich auch in der Aktion oder Eigeninitiativezeigen sollte. Beispielsweise kann sich in einer repräsentativen Demokratie müdiges Engagement durch Petitionen, in einer direkten Demokratie oder in Deutschland auf Kommunenebene durch Bürgerbegehren und auf Europaebene durch die ab 2012 durchführbare Bürgerinitiative ausdrücken. Mündigkeit drückt sich sowohl im autonomen Widerstand gegen manipulative Herrschaft als auch in freiwilligem Engagement für die Sicherung und Erweiterung der Demokratie und die Chancengleichheit aus.

Mündigkeit überschreitet die von Moegling kritisierte instrumentelle Vernunft, die auf wirtschaftliche Profite des Einzelnen und letzendlich allein auf das ö konomische Wohl der Gemeinschaft abzielt. Der Gebrauch der instrumentellen Vernunft bringt eine Beschränkung auf Zweckrationalität mit sich, da instrumentelle Vernunft ihrem Wesen nach beschränkt ist. Ihr Gebrauch kann demokratische Prinzipien überschreiten, was seinen Audruck in den von Moegling aufgeführten Beispielen der „Barbarei des Dritten Reiches“ (Moegling 2007: 72) findet. Ebenso ist es der permanente Gebrauch der instrumentellen Vernunft, der um ökonomischer Gewinne willen die „Zerstörung der natürlichen Grundlagen des planetaren Lebens“ vorantreibt (Moegling ebd.); selbst die Einsichten, dass Nachhaltigkeit und Verantwortung den nachfolgenden Generationen gegenüber verstärkt gepflegt werden müssen entstammt der instrumentellen Vernunft, denn es hat schon vor den eindeutig messbaren Klimaveränderungen und den offensichtlichen Atomunglücken politische Gruppierungen gegeben, die mündig argumentierten und warnten, jedoch nicht ernst genommen wurden. Aktuell drängt sich die Realität der Umweltzerstörung selbst den Vorreitern der instrumentellen Vernunft auf, die das „unwahrscheinliche Restrisiko“ eines Atomunfalls stets zwecksrational ignorierten. Aber auch nur deshalb, weil es ganz im Sinne der instrumentellen Vernunft liegt, selbst zu überleben und selbstschützend zu handeln um die Jagd auf Profite weiterhin betreiben zu können, vorzugsweise auf eine ungefählriche „umweltfreundliche“ Weise, mit anderen Worten auf solch eine Weise, die für einen selbst nicht gefährlich werden kann.

Adorno jeodch akzentuiert verstärkt den Aspekt des Widerstandes in der Mündigkeit, indem er damit argumentiert, dass das Fehlen von Mündigkeit und ein damit einhergehendes Vorherrschen der instrumentellen Vernunft zu dem Prinzip von Auschwitz geführt hat. Mündigkeit setzt eine fortwährende nichtendende „Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen“ voraus (Moegling 2007: 74), die anhand von „als sinnvoll erkannten übergeordneten Zielen“ gemessen werden soll (Moegling ebd.). Welche Ziele, welche Maßstäbe der Moral sollen nun dem permanenten Engagement eines mündigen Bürgers zugrunde liegen? Moegling fordert - in Übereinstimmung mit Horkheimer und Adornos Aufforderung zu einer „zweiten Aufklärung“ und Habermas' Kritik an der Schulerziehung - eine Orientierung eines jeden Bürgers „an als sinnvoll erkannten übergeordneten Zielen“ (siehe oben), weil die eigentliche Aufklärung des 18. Jahrhunderts laut Moegling (2007:72) mit der Herausbildung der „Müdigkeit zum Wirtschaftsprozess“ endete, in der bereits oben beschriebenen Verankerung der instrumentellen Vernunft in der 'Seele' der meisten modernen Bürger, statt das von Kant geforderte Ziel zu erfüllen: Die Kompetenz seinen eigenen Verstand „ohne die Leitung durch einen anderen“ zu gebrauchen, ebenso wie den „obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst“ zu suchen (Kant 1784: 55).

Die Kritik an der heutigen Demokratie lautet abermals, dass dieser „oberste Probierstein der Wahrheit“ seinen moralischen Schwerpunkt von der Vernunft zur ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit verschoben hat; anders ausgerückt werden Entscheidungen und Taten nach ökonomischen und technischen Werten gemessen, jedoch nicht nach einer Moral, die man zu seiner obersten Maxime erheben würde und sich in einer Gesellschaft wohl fühlen könnte, in der jeder einzelne stets nach eben dieser Maxime handelt (siehe Kants kategorischer Imperativ, der hier jedoch nicht thematisiert werden soll). Die Maximen der instrumentellen Vernunft verfolgen nur das eigene - meist ökonomische - Wohl, da sie einem zweckrationalen Egoismus entspringen, und können somit keine gemeinschaftliche Harmonie erzeugen, da ihnen kein Streben nach der Chancengleichheit aller zugrunde liegt.

Klaus-Peter Hufer (2010: 22) bezeichnet das Ergebnis der Abweichung von der ursprünglichen Aufklärungsidee als ein egoistisches und „quasi sozialdarwinistisch verkürztes 'Selbst'“, das als das enttäuschende „Lebitbild der Gegenwart“ fungiert. Die Forderung nach einer „zweiten Aufklärung“ erscheint berechtigt, da die eigentliche Aufklärungsbewegung in einer Verinnerlichung des Kapitalismus, in dem Verwachsen mit dem kapitalistischen Profitdenken, zusammenfassend in Moeglings (2007: 72) instrumenteller Vernunft resultierte. In Klaus-Peter Hufers (2010: 22) Worten präzisiert „kann mit Fug und Recht bezweifelt werden, dass der 'flexible Mensch' im neuen Kapitalismus wirklich frei ist und tatsächlich selbstbestimmt handeln kann.“ Folglich ist die Forderung von Kant heute gleichermaßen aktuell wie zu Beginn der Aufklärung und sollte auch in der modernen Gesellschaft als keineswegs erfüllt angesehen werden.

Zwar führte die allgemeine Schulpflicht und die gesetzlich-formell verankerte Chancengleichheit im Bildungswesen zu einer Bildungsexpansion, was sich darin äußert, dass die Bevölkerung im Durchschnitt deutlich gebildeter und alphabetisierter ist als vor der Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Jedoch durchzieht die Ökonomisierung das gesamte Schul- und Bildungswesen und repdoduziert die Mentalität des Kapitalismus, sodass Schülerinnen und Schüler bereits in einem sehr jungen Alter in den Kategorien der instrumentellen Vernunft zu denken lernen, was sich beispielsweise im Konkurrenzdenken um Noten, in der Furcht vor Sanktion und Selektion, in den Extremen der zwanghaften Anpassung an oder der Rebellion gegen den übermäßigen Leistungsdruck und im defensiven Verhalten gegenüber dem Lernstoff sichtbar macht. Dies hängt von den unten diskutierten gesellschaftlichen Funktionen der Schule ab, deren eine besonders in Deutschland verstärkt im Vordergrund steht (Selektion).

Die von Moegling geforderte nichtendende Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen zur Herausbildung von Mündigkeit, der Gegenkraft zur instrumentellen Vernunft, impliziert kommunikative Momente, erweckt Assoziationen mit regem Dialog, Diskussion, Gespräch und Meinungsaustausch. Deshalb spricht sich Moegling - in Anlehnung an Holzkamps Kritik der institutionellen Behinderung expansiver Lernprozesse - für die gezielte Einführung von Kommunikationssituationen im Unterricht „mit gerechten Sprechchancen für alle Beteiligten“ (Moegling 2007: 75) aus. Holzkamp illustriert in seinem Vortrag „Die Fiktion administrativer Planbarkeit schulischer Lernprozesse“ von 1992 die organisierte Unterbindung der für expansives Lernen notwendige Kommunikation sowohl zwischen Schülerinnen und Schülern untereinander als auch der Schülerinnen und Schüler mit der Lehrkraft: Wenn eine Schülerin „an einer bestimmten Stelle festsitz[t]“ und vermutet, dass „ein andere darüber etwas weiß und [ihr] weiterhelfen würde“, so ist eine verbale Kontaktaufnahme nötig, die jedoch als störendes Schwätzen und als Zeichen von fehlender Aufmerksamkeit sanktioniert wird (Holzkamp 1992:11). Die Lehrkraft muss Gespräche unter Lernenden verbieten, da sie ihrer institutionellen Pflicht als Disziplinierende/r nachkommen muss. Gleichermaßen muss die Kommunikation zwischen Lernenden und der Lehrkraft daran scheitern, dass die Lehrkraft „die Klasse unbedingt und vor allem anderen 'im Griff' zu behalten hat“ (Holzkamp ebd.), wobei die Beantwortung einer unerwünschten Schülerfrage als Nachgeben oder als fehlende Autorität der Lehrkraft gilt und dadurch der „offiziell abverlangten disziplinären Funktion“ zuwiderläuft und somit nicht erfolgen darf (Holzkamp ebd.). Kommunikation im Unterricht wird als unerwünscht und störend bewertet und sanktioniert, da sie als Zeichen fehlender Schülerdisziplin gilt.

Die Behinderung von Kommunikation ist nur eine Möglichkeit von vielen die Eindämmung expansiver Lernprozesse zu begünstigen und defensives Lernen zu fördern. Es muss betont werden, dass defensives Lernen im Politikunterricht nicht in Mündigkeit der Lernenden resultieren kann, da es nicht durch Interesse motiviert ist, sondern durch Furcht vor Sanktionen. Dies gilt für defensives Lernen allgemein, jedoch hat vor allem der Politikunterricht das Ziel der Mündigkeit der Lernenden, das bedeutet die Vermittlung von Fähigkeiten über das Fachwissen hinaus.

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Details

Titel
Politischer Unterricht als Anpassungs- und Widerstandsmoment
Untertitel
Reflexionen zum Problem- und subjektorientierten Unterricht
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Didaktik der Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Didaktik der Sozialwissenschaften
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V262750
ISBN (eBook)
9783656511106
ISBN (Buch)
9783656510642
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Politischer Unterricht, so der Politikdidaktiker Klaus Moegling, „ist darauf angewiesen, sich in Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen zu bilden und zu realisieren, ist ambivalent und enthält ein Anpassungs- sowie ein Widerstandsmoment“ (Moegling 2010: 74). Arbeitsauftrag: Reflektieren Sie diese in Anlehnung an Adorno entwickelte politikdidaktische Konzeption im Hinblick auf einen problem- und subjektorientierten Unterricht. Bedenken Sie im Rahmen dessen sowohl das zwischen den didaktischen Konzeptionen bestehende Spannungsverhältnis als auch die besonderen Schwierigkeiten
Schlagworte
politischer, unterricht, anpassungs-, widerstandsmoment, reflexionen, problem-
Arbeit zitieren
Margarita Apyestina (Autor), 2011, Politischer Unterricht als Anpassungs- und Widerstandsmoment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262750

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