Eine exemplarische Untersuchung der Integration der schlesischen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen im Landkreis Main-Spessart

"Nicht auf den Koffern sitzen geblieben ..."


Facharbeit (Schule), 2005

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

0. Vorwort

1. Der historische Hintergrund
1.1 Die Problematik der deutschen Minderheiten vor dem Zweiten Weltkrieg
1.2 Die Flucht und Vertreibung der Schlesier
1.3 Aufnahmegebiete und -orte

2. Zeitzeugen berichten uber die Integration im Landkreis Main-Spessart
2.1 Wally Henning
2.2Heinz Haring
2.3Irmgard Grimm

3. Vergleich der Einzelschicksale untereinander und mit der allgemeinen Lage der Fluchtlinge und Vertriebenen in Bayern
3.1 Integration von staatlicher Seite
3.2 Integration seitens der Bevolkerung
3.3 Integration von den Schlesiern ausgehend
3.4 Resumee

4. Nachwort

5. Dokumente

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

0. Vorwort

Meine Facharbeit beleuchtet ein Thema, das bis jetzt nur sehr wenig Interesse in der Offentlichkeit fand: die Integration der schlesischen Heimatvertriebenen im Landkreis Main-Spessart. Zwar gerieten durch Gunter Grass Buch „Im Krebsgang“ in den letzten Jahren sehr oft die Leidengeschichten der Fluchtlinge aus den ehemaligen

Reichsgebieten ostlich der Oder-Neifie-Linie ins offentliche Gesprach und auch die Diskussion uber die Entschadigungen der Heimatvertriebenen durch die polnische Regierung wurde durch diverse Gesellschaften vorangetrieben - in jungster Zeit durch die Preufiische Treuhand - doch uber die Schicksale dieser Personen, die im Nachkriegsdeutschland massiv unter Vorurteilen, Hunger und einem Gefuhl, im eigenen Land nicht erwunscht zu sein, litten, erfahrt man nur sehr wenig bis rein gar nichts. Als im Jahr 1969 das Vertriebenministerium der Bundesregierung schliefit, gilt die Integration der Fluchtlinge und Vertriebenen als erfolgreich abgeschlossen. Doch kann man wirklich davon ausgehen, dass die Regierung die Integration erfolgreich vorantrieb und beendete? Oder entspricht vielmehr die Behauptung, die Fluchtlinge hatten sich selbst ohne Hilfe von aufien integriert, der Wahrheit? Brachte das Wirtschaftswunder der 50er Jahre den entscheidenden Faktor zur Integration oder waren es - wie Hans Georg Lehmann in seinem Buch ,,Der Oder-Neifie-Konflikt“ behauptet - die Fluchtlinge und Vertriebenen, denen Deutschland das Wirtschaftswunder zu verdanken hat? Unter dem Titel ,,Nicht auf den Koffern sitzen geblieben ... - eine exemplarische Untersuchung der Integration der schlesischen Fluchtlinge und Heimatvertriebenen im Main Spessart“ versuche ich mogliche Antworten auf diese Fragen zu geben. Der erste Teil meiner Arbeit (Punkt 1) stellt die Problematik der deutschen Minderheiten vor dem Zweiten Weltkrieg und der Flucht/Vertreibung dieser Minderheiten dar, basierend auf Quellen der Sachliteratur und Zeitungsberichten. Im zweiten Teil (Punkt 2) versuche ich durch Aussagen dreier Zeitzeugen der damaligen Situation eine gewisse Plastizitat zu verleihen. Der letzte Teil meiner Arbeit (Punkt 3) widmet sich dem Vergleich der Erlebnisse der Zeitzeugen untereinander und mit der allgemeinen Situation in Bayern. Im Anhang befinden sich eine Ubersicht der Dokumente, auf die ich mich in meiner Arbeit beziehe, sowie das Quellen- und Literaturverzeichnis. Ich bitte den geneigten Leser zu verzeihen, dass ich an manchen Stellen meiner Arbeit von der Gesamtheit aller

Fluchtlinge und Vertriebenen, die aus den Gebieten ostlich der Oder-Neifie stammen, spreche, doch teilweise konnte kein klarer Unterschied zu anderen Fluchtlingsgruppen, zum Beispiel zu den Sudetendeutschen, festgestellt werden. Dennoch hoffe ich, dass dem Leser alle auftauchenden Fragen aufschlussreich beantwortet werden und auch ein weiteres Interesse an der Thematik der Integration, sowohl in der Geschichte, als auch in der Gegenwart, geweckt wird.

1. Der historische Hintergrund

1.1 Die Problematik der deutschen Minderheiten vor dem Zweiten Weltkrieg

Man kann die Flucht und Vertreibung der Schlesier als ein indirektes Resultat des Problems der deutschen Minderheiten in Europa seit den Pariser Vorortvertragen im Jahr 1919 betrachten. Durch die Vertrage an sich gingen Teile Oberschlesiens an Polen verloren und dadurch auch etwa 1 000 Deutsche. Doch erst die in Versailles beschlossene Abstimmung, die 1921 stattfinden und uber die zukunftige Zugehorigkeit Oberschlesiens entscheiden sollte, verschlimmerte die angespannte Situation zwischen Deutschen und Polen[1]. Hier wurden namlich weitere Teile Oberschlesiens sowie ihre zwei Millionen deutschen Bewohner Polen ubergeben, obwohl in der Abstimmung 59,6% der Bevolkerung fur die Zugehorigkeit zu Deutschland stimmten. Zwar existierte ein Minderheitenabkommen, das die Gleichberechtigung der deutschen Minderheiten schutzen sollte, doch die polnische Regierung beachtete dieses kaum. Im Gegenzug versuchten die verargerten Deutschen ihr Recht durch Illoyalitat und dem Stiften von Unruhe geltend zu machen, ohne Kompromisse einzugehen. Mit dem Aufstieg Hitlers geriet neues Ol in das Feuer, denn Hitler benutzte diesen Teufelskreis, um die deutsche Minderheit an sich zu binden und so den Weg fur die Expansion im Osten zu ebnen.

Bald schon kam der Begriff der ,,Funften Kolonne“[2] auf und tatsachlich waren auch Schlesier an Verschworungen gegen Polen vor dem Krieg beteiligt, was eine Vertreibung als Strafe gerechtfertigt hatte, doch Fakt ist, dass diese nur eine geringe Zahl unter den in Polen lebenden Schlesiern ausmachten[3].

1.2 Die Flucht und Vertreibung der Schlesier

In Schlesien begann die erste Fluchtwelle im Februar 1945, als die sowjetische Armee bereits die Grenzen Schlesiens ubertreten hatte. Der Grund fur die spate Flucht war die Propaganda der Nationalsozialisten und der Irrglauben der Bevolkerung in Schlesien, fernab des alliierten Stadtebombardements, sicher zu sein. Selbst als die schlesische Stadt Breslau von der roten Armee umstellt war, wurden deren 630 000 Bewohner gezwungen die Stadt um jeden Preis zu verteidigen[4]. Fur die Nationalsozialisten war klar, dass Schlesien als wichtiges Kohlerevier und Industriegebiet moglichst lange gehalten werden musste. Erst als die Propagandaapparate der nationalsozialistischen Diktatur versagten, wurden die Herden der Fluchtlinge, meistens Kinder, Frauen und Greise, grofier. Mit dem Vorschreiten der Sowjets begann auch die wilde Vertreibung, da sich Polen, ermuntert von Stalin, durch die rasche Umsiedelung der Schlesier eine Sicherung grofiflachiger Gebiete erhoffte. Stalin unterstutze diese Vertreibung aufgrund dem Vorhaben, Polen zu einem starken Satellitenstaat zu machen, wofur ein grofies minderheitenfreies Gebiet notig war[5]. Erst in der Konferenz von Potsdam im August 1945 wurde aus der wilden Vertreibung eine volkerrechtlich abgesegnete, doch Fakt ist auch, dass Artikel 13 (Dokument 5.1) der Potsdamer Versammlung einen Aufschub der Vertreibung fordert. Zu viele Fluchtlinge irrten bereits unregistriert durch die Besatzungszonen, aber man erreichte beispielsweise nur einen Vertrag zwischen England und Polen, der gewahrleisten sollte, dass an jeden Vertriebenentransport ein Rotkreuz- und Verpflegungswagen gekoppelt sein sollte. Die Vertreibung ging weiter, so dass bis zum Jahr 1947 3,2 Millionen Schlesier ihre Heimat mehr oder minder freiwillig hinter sich lassen mussten[6].

1.3 Aufnahmegebiete und -orte

Aufgrund ihrer relativ geringfugigen Zerstorung galten Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern als Hauptaufnahmegebiete der schlesischen Heimatvertriebenen[7]. Wie aus einer Volkszahlung hervorgeht (Dokument 5.2), wurden im Regierungsbezirk Unterfranken bis zum Jahr 1946 28 199 Schlesier aufgenommen, davon etwa 5 000 im Landkreis Main-Spessart. Daraus ergibt sich, dass in Lohr etwa 1 418, in Marktheidenfeld 1 298, in Karlstadt 1 279 und in Gemunden 1 088 schlesische Fluchtlinge eine Unterkunft gefunden hatten.

2. Zeitzeugen berichten uber die Integration im Landkreis Main-Spessart

2.1 Wally Henning

Es war der Januar des Jahres 1945, als die Heeresgruppe A der Sowjetischen Armee die Grenzen Schlesiens uberschritt. Aus Angst vor den marodierenden und brandschatzenden sowjetischen Soldaten - viele wussten bereits, dass eben solche im Oktober 1944 ein Massaker in dem ostpreufiischen Dorf Nemmersdorf angerichtet hatten - ergriffen viele tausend Schlesier panikartig die Flucht. So versuchten auch Wally Henning mit ihrer Schwester und deren drei Tochtern Platze in den Zugen zu ergattern. Fur alle war das Ziel nicht wichtig, es zahlte lediglich die Tatsache, dass man aus Schlesien herauskam. Nachdem das Unentbehrlichste zusammengepackt war, machten sie sich zum ortlichen Bahnhof auf, und fanden dort tatsachlich noch Platz in einem vollkommen uberfulltem Wagon. Als der Zug den Bahnhof verlies war man glucklich, den feindlichen Armeen entkommen zu sein, doch man wusste nicht, dass dies der Anfang einer langen Odyssee voller Entbehrungen, Missgunst, Hass und vor allem ohne Wiederkehr sein sollte. Die ersten Stationen der Reise waren Uberfalle von tschechischen Jugendbanden, die nun auch das letzte Hab und Gut der Fluchtlinge stahlen. Uber Tschechien ging es dann nach Osterreich, wo man Unterkunft in einem Dorf fand, das sich etwa 20 km von der deutsch-osterreichischen Grenze befand. Da die Grenze bis auf weiteres geschlossen war, kamen Wally, ihre Schwester und deren Tochter bei Privatleuten unter. Diese zeigten sich jedoch uberhaupt nicht erfreut daruber, weitere Menschen versorgen zu mussen, wo sie doch selbst schon genug Probleme hatten. Daher wurden Wally und ihre Verwandten in ein Getreidesilo verlegt zusammen mit circa hundert anderen Fluchtlingen. Schon bald brachen unter den Kindern, auch Wallys Nichten, die Masern aus, da nicht ausreichende sanitare Anlagen zur Verfugung standen. Fernen konnte nicht geheizt werden und Nahrung war Mangelware. Auch zwei Fufimarsche zu der Grenze blieben ohne Erfolg. Erst Ende Oktober wurden die Grenzen geoffnet und die Fluchtlinge wurden auf Zuge verfrachtet, die Richtung Deutschland fuhren. So begann die zweite Etappe der Odyssee und niemand, nicht einmal der Schaffner, wusste, was der Zielbahnhof sein sollte. Fur Wally und ihrer Schwester mit deren drei Tochtern endete die Reise letztendlich in Lohr im November 1945. Dort wurden sie gleich nach der Ankunft auf dreifiig US- amerikanische Armeelaster verteilt und zusammen mit dreifiig anderen Heimatvertriebenen nach Partenstein gefahren. Dort erwarteten bereits die Partensteiner gespannt die aufzunehmenden Personen am Gemeindehaus. Unmittelbar nachdem Wally mit ihrer Schwester und ihren Nichten aus dem Laster geladen worden waren wurden sie auch schon auf Privatleute verteilt. Als erstes wurden die ehemaligen Parteimitglieder belangt, so kamen die funf bei dem Bahnhofswarter im Bahnhofsgebaude unter. Aber dort waren sie lediglich vor Wind und Wetter geschutzt, fur Verpflegung musste also selbst gesorgt werden. Wahrend Wally eine Arbeit in der neugegrundeten Schuhfabrik Schantz fand - hier wurden die ersten Stimmen laut, die forderten, dass lieber Partensteiner eingestellt werden sollten als diese Fremden aus Schlesien - versuchte ihre Schwester als Naherin und Aushilfe bei Ernten Geld einzubringen. Doch die Einnahmen reichten nicht aus, da Wally , trotz harter Arbeit von morgens bis spat abends, nur eine Vesper als Bezahlung bekam, und die Naharbeiten der Schwester oftmals nur 80 Reichsmark betrugen. Von den Partensteinern bekamen sie auch keine Spenden oder Almosen, taglich lediglich ein Pfund Brot fur funf Personen. Folglich musste Wallys Schwester kleine Beete nahe dem Bahnhof anpflanzen, mussten die Tochter das Fallobst und zur Beheizung kleine Aste aufsammeln. Doch die grofite Demutigung und Schmach erfuhren Wally und ihre Schwester, als eine ihrer Tochter konfirmiert werden sollte. In Partenstein wurde die Konfirmation immer sehr grofi und ausgiebig gefeiert, aber da Wally und ihre Angehorigen kaum etwas besessen haben und auch in diesem Fall keine Spenden aus der Bevolkerung zu erwarten waren, stellte die Schwester ihre Tochter ein Jahr zuruck. Erschwerend kam noch hinzu, dass der ehemalige Pfarrer ihnen deswegen ein schlechtes Gewissen eingeredet hat, anstatt sie zu unterstutzen. Nachdem der Bahnhofswarter im Zuge der Entnazifizierung sein Haus verlassen musste, wurden sie aber bald dem hiesigen Organisten zugeteilt. Hier war zwar fur Verpflegung gesorgt, aber dafur begegnete man dem Misstrauen und Hass der Partensteiner in Gestalt der Frau des Organisten. Wahrend der Organist selbst stets nett und hoflich war, lies seine Frau keine Gelegenheit aus, um die neuen Mitbewohner zu schikanieren. Beispielsweise durfte das Abwasser nicht in den Abguss fliefien, sondern musste aufgefangen werden und in den 500 m entfernten Lohrbach gegossen werden. Eine weitere beliebte Schikane der Frau des Organisten war das Beschmutzen der Wasche ihrer Mitbewohner, wenn sie zum Trocknen auf der Wascheleine im Garten hing. Weder die stetigen Ermahnungen ihres Mannes, der sich fur die Taten seiner Frau schamte, noch ein kurzzeitiger Wohnungswechsel mit der Tante der Frau half und so versuchte man sich aus dem Weg zu gehen. Diese Losung betrachtete Wally als ein notwendiges Ubel, doch im Januar des Jahres 1948 wurde es zu einer wahren Hurde. Eines Tages wurde Wally von einer ihrer Arbeitskolleginnen zu deren Hochzeit eingeladen. Nach anfanglichen Zogern entschloss sie sich doch die Hochzeit aufzusuchen und wurde dort bereits nach kurzer Zeit von einem angetrunkenen jungen Mann zum Tanzen aufgefordert, Michael Henning - der ihr zukunftiger Mann werden sollte. Fur Wally war es der freudigste Abend seit sehr langer Zeit bis Michael sie fragte, ob er sie nach hause begleiten durfte. Fur Wally war dies ganzlich unmoglich, da die Frau des Organisten ihre Mitbewohner sehr gerne belauschte, und die mannliche Begleitung sofort einen neuen Streit verursacht hatte. Fur Wally bedeutete dies, dass sie Michael vergessen musste und wahrend er unaufmerksam war, verlies sie die Hochzeit. Bis Ostern hatten die beiden auch keinen Kontakt zu einander, doch an Ostern bekam sie von Michael eine Einladung zum Tanzen, bereits im September fand ihre Hochzeit statt, worauf sie aus dem Haus des Organisten in das Haus von Michaels Mutter zogen. Im selben Jahr konnte auch uber den Suchdienst des Roten Kreuzes Wallys Schwager ausfindig gemacht werden, der eine Arbeit in Aschaffenburg als Postbeamter gefunden hatte. Also verlies Wallys Schwester Partenstein mit ihren drei Tochtern wie viele der Schlesier. Wally blieb, da ihr Mann, ein gelernter Backer gerade erst damit begann seine Backerei in Partenstein zum laufen zu bringen. Doch die Backerei war sehr klein, der Backofen war kaputt und zwischen den Ritzen am Boden sammelten sich die Kakerlaken Es fehlte lediglich an Geld um der Idee ein Fundament zu geben, also versuchte Wally bei ihrem ehemaligem Arbeitgeber Herr Schantz einen Kredit von 1 000 Mark zu erhalten. Dieser willigte auch nach langem Bitten und Flehen letztendlich ein, doch Michaels Mutter beanspruchte die Halfte des Geldes fur sich. Diese sprach sich schon vor der

Hochzeit gegen Michaels zukunftige aus Schlesien stammende Ehefrau aus und nutzte auch nach der Eheschliefiung jede Moglichkeit um Wally aus dem Haus zu jagen. Nun musste die Backerei nur mit der Halfte der notigen Finanzspritze betrieben werden, und doch schafften es Michael und Wally diese in Partenstein zu etablieren.

Ausschlaggebend dafur war sicherlich Wallys Idee Kuchen - man afi bis dato lediglich Brot in Partenstein - zu verkaufen, worauf die Partensteiner anfangs sehr zogerlich, einige sogar neidisch, reagierten. Aber mit dem steigenden Erfolg der Backerei wuchs auch Wallys Beliebtheit in der Dorfgemeinschaft, weswegen sie auch heute noch zu einem angesehenen Mitglied der Gemeinde zahlt.

2.2 Heinz Haring

Als am 8./9. 5. 1945 Deutschland seine Gesamtkapitulation erklarte, endete auch fur Heinz sein Beruf als Marinesoldat in Hamburg. In den Nachkriegswirren lag fur ihn zunachst hochste Prioritat darauf, eine Unterkunft und womoglich auch Arbeit zu finden. Und so gelangte der gelernte Industriekaufmann wie viele andere Fluchtlinge und Vertriebene in das wenig zerstorte, da landwirtschaftlich orientierte Schleswig- Holstein, wo er bei einem Bauern auf dessen Hof Arbeit fand, wofur er dort wohnen konnte und Essen bekam. Trotz gutem Arrangements war fur Heinz klar, dass dies nur eine Losung auf Zeit sein konnte. Wahrenddessen begann in Schlesien die Vertreibung der noch ansassigen deutschen Bevolkerung. So traf es auch Heinz Eltern und seinen jungsten Bruder, die zunachst in ein Aussiedlerlager nahe ihrer Heimatstadt Hirschberg interniert wurden um von dort auf Zuge verteilt zu werden, die die „Umsiedler“ in ihre neue Heimat bringen sollten. Heinz Familie gelangte so nach Hamburg, also bot er ihnen an, sie konnten wie er auf dem Hof seines Bauern wohnen und arbeiten. Die Eltem willigten ein und es schien als wurde die Familie doch dort sesshaft werden, doch Heinz Vater, der in Schlesien ein Beerdigungsinstitut besessen hatte, konnte mit dem bauerlichen Leben nichts anfangen und wollte unter allen Umstanden wieder ein Beerdigungsinstitut in der neuen Heimat Deutschland aufbauen. Also zog die Familie, vorerst ohne Heinz, nach Bayern - Heinz zweiter Bruder fand hier nach dem Kriegsende Arbeit auf einem Bauernhof- wo sie in Eufienheim in der Nahe von Karlstadt einem Bauern zugeteilt wurden. Zwar dominierte auch hier die Landwirtschaft, aber in Karlstadt befand sich auch Industrie und im Gegenteil zu Schleswig-Holstein war die nachste grofiere Stadt, in diesem Fall Wurzburg, nicht so weit entfernt. Ein Jahr spater, also 1947, entschloss sich dann auch Heinz Schleswig- Holstein zu verlassen und in Karlstadt Arbeit zu finden. Zunachst kam er aber auf dem Hof unter, auf dem bereits die Eltern und sein Bruder wohnten und arbeiteten. Der Bauer jedoch zeigte sich wenig erfreut uber die ihm zugewiesenen Mitbewohner und drohte Heinz Vater sehr oft, dass er ihn zu Tode prugeln werde, wenn sie nicht augenblicklich seinen Hof verlassen wurden. Eingeschuchtert von den Drohungen suchten sie sich eine neue Bleibe und wurden bei einem Bauern fundig, der sehr viel Verstandnis zeigte. Dort konnten sich Heinz und sein Vater neben der Arbeit auf ihre Zukunft konzentrieren. Letzterer fand zunachst Arbeit in einem Beerdigungsinstitut in Aschaffenburg, merkte aber bald, dass er keinen Anschluss fand. Danach versuchte er sich als reisender Verkaufer der amerikanischen Klappsarge, scheiterte aber auch hier. Letztendlich erkannte er jedoch, dass ein grofier Bedarf an Beerdigungsinstituten in Wurzburg bestand, weshalb er sich mit zwei anderen Schlesiern zusammentat und durch die Kreditvergunstigungen, die der Lastenausgleich mit sich brachte, eine Ruine in der Wurzburger Semmelstrasse wiederaufbaute, worin das neue Beerdigungsinstitut entstehen sollten. Einzig die Stadt Wurzburg - Beerdigungen waren in Wurzburg kommunale Sache und wurden ohne grofien Aufwand betrieben - versuchte dem Unternehmen Steine in den Weg zu legen, zum Beispiel durch die Blockierung des Kaufs der Ruine, da sie ihre Monopolstellung gefahrdet sah. Und doch kam es schliefilich 1950 zu der Eroffnung des Geschafts, das sich schon bald aufgrund der pietatvolleren Art der Beerdigung grofier Nachfrage erfreute. Fur Heinz kam die grofie Wende in seinem Leben auch im Jahr 1950. Nach seiner Anlernzeit in einer Karlstadter Kelterei fand er Arbeit im Lohrer Elektrizitatswerk, weswegen er nach Lohr umzog, wo er seine Frau kennen lemte, die er noch im selben Jahr heiratete. Hier wurde er erstmals mit dem Misstrauen der Leute gegenuber den fremden Deutschen konfrontiert, und zwar beim Besuch der Karfreitagsprozession. Als Aufienstehender und Protestant erntete er viel bose Blicke. Doch dies sollten die einzigen schlechten Erfahrungen in der neuen Heimat bleiben. Im Jahr 1955 trat er schliefilich dem 1949 im Gasthaus Fuchs gegrundeten Schlesierverein Lohr bei, da er sich erhoffte, dort wieder ein kleines Stuck alte Heimat Schlesien lebendig werden zu lassen und um sich mit seinen Landsleuten auszutauschen. Zu dieser Zeit umfasste die Mitgliederzahl etwa 100 Personen und viele der schlesischen Heimatvertriebenen konnten nicht wie Heinz auf eine so gute Aufnahme berichten. So erfuhr Heinz, dass die meisten mit dem Neid zu kampfen hatte, besonders als sie durch den Lastenausgleich das notige Geld bekamen um von den Privatleuten, denen sie zugeteilt wurden, wegzuziehen und eigene Hauser zu bauen. Wahrend Heinz Herkunft in dem Elektrizitatswerk keine Rolle spielte, sahen sich auch hier viele seiner Vereinsmitglieder benachteiligt. Neben dem Erfahrungsaustausch stand fur den Verein der Erhalt des schlesischen Kulturguts im Vordergrund. Besonders die Weihnachtsfeiern, wo die Weihnachtsgeschichte verlesen wurde, Lieder gesungen wurden und vor allem die schlesische Mundart durch das ,,Gedicht vom schlas'sche Streeselkucha“ zu Wort kam, gehorten in jedem Jahr zu den Hauptveranstaltungen des Vereins. In den 50er- und 60er-Jahren praktizierten vor allem die schlesische Jugend Tanze in der Stadthalle und das sogenannte ,,Sommersingen“. Letzteres fand am Sonntag Laetare statt, an dem Kinder von Haus zu Haus ziehen, um kleine Geschenke zu bekommen, was von der Lohrer Bevolkerung stets belachelt wurde. In diesen Jahren uberschritt der Verein seinen Zenit, so dass schliefilich die Mitgliederzahl stetig sank, da viele Schlesier wieder wegzogen, teils wegen personlichen Problemen mit anderen Burgern teils wegen Arbeitsangebote. Heinz blieb, da er zum einen mit seiner Frau lebte und zum anderen erst gerade das Bestattungsinstitut seiner verstorbenen Vaters ubernommen hatte. Doch die Aktivitaten des Vereins nahmen ab, da sich weder die Lohrer Bevolkerung fur Schlesien interessierten und auch weil die eigene Jugend sich immer mehr von den Treffen und dem Verein entfernten, auch noch als Heinz zum Vorstand gewahlt wurde. Heute besteht der Verein nur noch aus etwa 20 Personen, die sich gelegentlich treffen, um sich uber alltagliche Probleme zu unterhalten.

[...]


[1] Chronik Verlag, ,,Chronik der Deutschen", S. 781

[2] Der Begriff der ,,Funften Kolonne" wurde im spanischen Burgerkrieg 1936 - 1939 gepragt und seitdem als Synonym fur Verrater gebraucht.

[3] Alfred M. de Zayas, ,,Die Anglo-Amerikaner ...“, S. 26-27

[4],,Vater, erschiefi mich!“ aus dem Spiegel vom 25. Marz 2002

[5],,Lauft ihr Schweine!“ aus dem Spiegel vom 30. Marz 2002

[6],,Flucht und Vertreibung“ aus der Geo vom 1. November 2004

[7],,Die fTemden Deutschen ...“ aus der Suddeutschen Zeitung vom 10. April 1999

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Eine exemplarische Untersuchung der Integration der schlesischen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen im Landkreis Main-Spessart
Untertitel
"Nicht auf den Koffern sitzen geblieben ..."
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V262993
ISBN (eBook)
9783656517580
ISBN (Buch)
9783656517634
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, untersuchung, integration, flüchtlinge, heimatvertriebenen, landkreis, main-spessart, nicht, koffern
Arbeit zitieren
Michael Martin Nachtrab (Autor), 2005, Eine exemplarische Untersuchung der Integration der schlesischen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen im Landkreis Main-Spessart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262993

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