Eine kritische Diskussion der Gleichgewichtstheorie Alfred Marshalls


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
30 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Marshalls Sicht des ökonomischen Gleichgewichts
2.1 Grundannahmen
2.2 Marshall und der Mark
2.3 Temporäres Gleichgewich
2.4 Zusammenfassung

3. Kritik an Marshalls Vorstellungen
3.1 Sraffas Denkansatz
3.2 Kritische Würdigungen

4. Schlussbetrachtung und Ausblick

Literarturverzeichnis

1. Einleitung

Die Gleichgewichtsvorstellungen in der Ökonomie beschäftigen die Volkswirtschaft schon seit jeher und haben schon so einige Kontroversen ausgelöst. Diese Vorstellungen sind hierbei immer aus der jeweiligen Zeit heraus zu verstehen. Das gilt insbesondere, wenn man die Diskussion um die Vorstellungen über das Gleichgewicht nicht nur als abstrakte Überlegungen der Mathematik begreift, sondern als Ausdruck der philosophischen und produktionstechnischen Umstände und des vorherrschenden Menschenbildes in den einzelnen Epochen. Die Reichtumsmaximierung in der Klassik mit ihrem Hauptwerk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ (1776) von Adam Smith und die subjektive Nutzenbewertung und Maximierung in der Neoklassik mögen hierfür gute Beispiele abgeben. Der allwissende Mensch in der Neoklassik und der ganz überwiegend nach dem Selbstinteresse handelnde, aber der Gesellschaft dienliche Menschentypus des Homo Oeconomicus in der Klassik implizieren ganz unterschiedliche Handlungs-annahmen. Die Unterschiede in den Ursachen für das Zustandekommen eines Gleichgewichtes können hiernach die folgenden Ausprägungen annehmen: Sie können im Einfluss des Preises oder der Menge sowie in einer kurzen oder langen Sichtweise liegen. Zudem kann sich die Konstruktion einer Gleichgewichtsvorstellung auf die Interdependenzen zwischen Märkten (allgemeines Gleichgewicht) oder auf den Entwicklungsgedanken einiger Bereiche (partielles Gleichgewicht) konzentrieren.

Aus diesem Blickwinkel heraus wird es interessant sein, den Einfluss oder die Methodenverwandtschaft der älteren Überlegungen in der modernen Ökonomie nachzuprüfen. Dieses soll in der vorliegenden Untersuchung anhand der Gedanken Alfred Marshalls geschehen (Alfred Marshall: 1842-1924). Nachdem sein ökonomisches Gedankengebäude ausführlich dargestellt wurde, ist die Frage zu stellen, inwiefern Marshalls Überlegungen in der modernen Wirtschaftswissenschaft enthalten sind bzw. welche Bedeutung sie für die moderne Ökonomie haben. Diese Frage soll in der vorliegenden Untersuchung anhand der sraffaschen Kritik diskutiert werden. Hierbei ist ohnedies die Frage zu stellen, ob es sich bei Marshall um einen modernen Klassiker oder um einen Klassiker der Moderne handelt (vgl. Rieter 2008 in: Starbatty 2008, S. 135-158).

Es sei noch angemerkt, dass die Darstellung des marshallianischen Denkens an sich bereits eine Herausforderung darstellt, da sie, wie Heinz Rieter betont, in ihren zahlreichen, ständig erweiterten Auflagen keinen zentralen innovativen Gedanken gegenüber der vorhergehenden Sichtweise Mills enthält (vgl. ebd., S. 137f). Dem Thema soll daher dadurch eine gerechte Behandlung zukommen, dass die Theorie Marshalls in die Grundannahmen, die Sichtweise des Marktes und die resultierenden Gleich-gewichtsvorstellungen untergliedert wird.

2. Marshalls Sicht des ökonomischen Gleichgewichts

In diesem Abschnitt soll Marshalls Denken charakterisiert und sein Gedankengebäude hinsichtlich seiner Gleichgewichtsvorstellungen ausführlich dargestellt werden. Als Hauptquelle dienen hierfür seine „principles of economics“, deren erste Auflage im Jahr 1890 erfolgte. Dieser Abschnitt wird das Fundament für weitergehende Diskussionen der marshallianischen Annahmen bilden.

2.1 Grundannahmen

In diesem Abschnitt sollen die Grundannahmen in Marshalls Denken vorgestellt werden, auf die in den weiteren Abschnitten die Gleichgewichtsannahmen aufbauen. Hierzu gehören sein Menschenbild, seine Interpretation der ökonomischen Aufgabenstellung und die Handlungsannahmen.

Einleitend mag es sinnvoll sein, die Definition der ökonomischen Wissenschaft durch Marshall darzulegen. Er führt hierzu in seinen Principles Folgendes aus: “Political economy or economics is a study of mankind in the ordinary business of life; it examines that part of individual and social action which is most closely connected with the attainment and with the use of the material requisites of wellbeing. Thus it is on the one side a study of wealth; and on the other, hand more important side, a part of the study of man” (Marshall 1947, S. XXXII). Hier wird bereits deutlich, dass sich Marshall ein Stück weit vom Schwerpunkt der klassischen Theorie, der Produktion, entfernte und das menschliche Handeln mehr in den Vordergrund rückte. Hierbei sind es aber nicht die menschlichen Bedürfnisse, die ihn vordergründig interessieren: „But if either, more than the other, may claim to be the Interpreter of the history of man, whether on the economic side or any other, it is the science of activities and not that of wants” (ebd., S. 76).

Entsprechend geht es Marshall auch nicht darum, den Menschen als Homo Oeconomicus zu sehen. Er gestand zwar ein, dass im ökonomischen Lebens- und Handlungs­zusammenhang das Abwägen von Vor- und Nachteilen am meisten verbreitet ist, aber nicht, weil das einzelne Individuum ganz Homo Oeconomicus sei, sondern weil es Gebrauch und Sitte folgt: “When he does follow habit and custom, and proceeds for that the moment without calculation, the habits and customs themselves are most nearly sure to have arisen from a close and careful watching the advantages and disadvantages of the different courses of conduct“ (ebd., S. 17).

Hiermit in Übereinstimmung setzt Marshall an die Stelle des neoklassischen Ideals des Eigennutzes den Wert der Bedachtsamkeit „deliberateness“. Er sagt hierzu: „It is deliberateness, and not selfishness, that is the characteristic of the modern age” (ebd., S. 5).

Sein Handlungsbegriff zielte hierbei vielmehr auf tatsächliches, beobachtbares Handeln und nicht auf eine reine Entscheidungslogik: “For in this, as in every other respect, economics takes man just as he is in ordinary life: and in ordinary life people do not weigh beforehand the results of every action, whether the impulses to it come from their higher nature or their lower” (ebd.).

Aber um die Gedanken zum Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zu entwickeln, reicht es nicht, die Rationalität des zugrunde gelegten Menschenbildes zu beschreiben. Vielmehr ist es zusätzlich von entscheidender Bedeutung, wie Marshall die trotz seiner Definition der ökonomischen Wissenschaft dennoch vorhandenen Bedürfnisse der in einer Ökonomie handelnden Menschen definiert.

Wichtig zur Feststellung dieser Bedürfnisse ist sein Reichtumsbegriff: “All wealth consists of desirable things; that is, things which satisfy human wants directly and indirectly: but not all desirable things are reckoned as wealth. The affection of friends, for instance, is an important element of wellbeing, but it is not reckoned as wealth, except by a poetic licence” (ebd., S. 45). Reichtum erfährt der Mensch also auf direkte und indirekte Weise, wenngleich Dinge wie Freundschaft nicht dazu zählen.

Alle wünschenswerten Dinge, die menschliche Bedürfnisse befriedigen kön­nen, nannte er Güter, und klassifizierte sie nach zwei Gesichtspunkten: materielle und immaterielle Güter. Letztere unterschied er noch einmal danach, ob sie externer oder interner Art sind, will sagen ob sie sich auf ein der Person äußeres oder inneres Verhältnis beziehen: “In the absence of any short term the common use to represent all desirable things, or things that satisfy human wants, we may use the term Goods for that purpose. Desirable things or goods are Material, or Personal and Im- Material” (ebd.).

Diese Güter befinden sich im Privateigentum der einzelnen Individuen und werden über einen Geld-Ware-Tausch erworben: “For it includes all those things, external to a man which belong to him, and do not belong equally to his neighbours, and therefore the distinctly his; and which are directly capable of a money measure, — a measure that represents on the one side the efforts and sacrifices by which they have been called into existence, and, on the other, the wants which they satisfy” (ebd., S. 47).

Wie wir gesehen haben, ist jedoch bei Marshall nicht das einzelne Individuum durch eine wohldefinierte Rationalität ausgezeichnet, sondern die Wirtschaftsethik. Diese Unterscheidung hat eine tiefere Konsequenz, denn sie erlaubt, ökonomisches Handeln unabhängig vom Einzelfall zu behandeln. Dementsprechend kritisch beurteilte Marshall einen rein individualistischen Theorieansatz in der ökonomischen Theorie (vgl. Caspari 1989, S. 46). Marshall führt hierzu aus: “They watch carefully the conduct of a whole class of people, sometimes the whole of a nation, sometimes only those living in a certain district, more often those engaged in some particular trade at some time and place” (zitiert nach ebd., auch: Marshall 1947, S. 21).

Konsequenterweise konzentrierte sich Marshall daher auch auf die Analyse von Marktprozessen. Seine Einheiten stellen Aggregate dar, die nicht so umfassend wie die der Kreislaufanalyse, aber auch nicht so atomistisch wie die der walrasianischen Mikrotheorie sind[1].

Wenn man komplexe Strukturen analysieren und auch die Interdependenzen einbeziehen will, bleibt sehr leicht das Kausalprinzip unberücksichtigt. Da es hier jedoch nicht darum geht, Marshall wertend einem bestimmten Gleichgewichtstypus zuzuschreiben, spielt diese Feststellung nur eine resümierende Rolle.

Weiterhin ist es wichtig für das Verständnis Marshalls, seine Definition des Gebrauchswerts zu erklären. In seinem ersten werttheoretischen Artikel definiert Marshall diesen folgendermaßen: “The value in use of a thing to a person is the value of the things which must be given him by be induced to give it up, or which he will give rather than not obtain” (zitiert nach Caspari 1989, S. 39).

Indem er den Gebrauchswert so interpretierte, legte er die Basis, ihn als den Preis zu begreifen, den ein Individuum zu zahlen bereit ist, um eine bestimmte Einheit eines Guts zu besitzen. Marshalls späterer Terminus hierfür war der Nachfragepreis. Die Einführung der Nachfrage in die Wert- und Preistheorie geschah bei Marshall also nicht über das Nutzenkonzept, sondern über die auf gleicher Stufe angesiedelten Pole Tauschwert und Gebrauchswert.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Marshall einen abnehmenden Grenznutzen unterstellt. Er macht dieses an einem Beispiel deutlich, bei dem das Individuum selbst für die eigene Bedürfnisbefriedigung sorgen kann, indem es Heidelbeeren pflückt: “For up to that time every fresh picking has added more to his pleasure than it has taken away; and after that time any further picking would take away from his pleasure more than it would add” (Marshall 1947, S. 276). Das Individuum fährt also so lange mit dem Pflücken fort, bis der Aufwand den Ertrag, die Wichtigkeit des Gebrauchs, übersteigt. Auf die Verbindung dieser Eigenschaft mit dem temporären Gleichgewicht wird im Abschnitt 2.3 noch genauer eingegangen. An dieser Stelle wollen wir allerdings bereits einmal den Grenznutzen auf die Institution Markt und das Geld als (Tausch) bzw. Zahlungsmittel zusammenführen. Denn die Zahlungsbereitschaft unterliegt ebenfalls einem abnehmenden Grenznutzen und somit einer abnehmenden Zahlungsbereitschaft: “The larger the amount of a thing that a person has the less, other things being equal (i.e. the purchasing power of money, and the amount of money at his command being equal), will be the price which he will pay for a little more of it: or in other words his marginal demand price for it diminishes” (ebd., S. 80).

Marshall gab weiterhin in der Fußnote 60 (zitiert nach Caspari 1989, S. 55) sowie in der Note VI des mathematischen Anhangs der „Principles“ einen Hinweis, wann Veränderungen des Grenznutzens des Geldes vernachlässigt werden können. Sie sind genau dann vernachlässigbar, wenn der wertmäßige Anteil dieses Guts nur einen kleinen Teil des Werts der Gesamtausgaben ausmacht. Die Ursache für den abnehmenden Grenznutzen liegt also sowohl in der menschlichen Natur, dem Wert, den ein Mensch einem Gut zuspricht und in dem technischen Aufwand des Pflückens (vgl. auch: Sraffa 1926 in Schefold 1986,5, S. 148).

Abschließend kann also festgehalten werden, dass Marshall sowohl klassische als auch neoklassische Grundannahmen in seinem Denken aufweist. Die Annahme der Bedachtsamkeit „deliberateness“ ist hierbei kaum einer Epoche innewohnend, die subjektive Nutzenbewertung eher der Neoklassik zuzuschreiben und der produktionstechnische Aspekt, den wir in den nächsten Abschnitten noch vertiefend darstellen werden, eher der Klassik. Sein Menschenbild entfernt sich jedoch bereits vom rein abwägenden und in allen Situationen stringent rational handelnden Menschen. Heinz Rieter bezeichnet Marshall so wohl mit einigem Recht als Brückenbauer zwischen den einzelnen Epochen (vgl. Rieter 2008 in: Starbatty 2008, S. 137). Für die Gleichgewichtsbedingungen heißt das, dass sehr wohl die subjektive Nutzenbewertung vorherrscht, diese aber nicht nach rein ökonomischen Gesichtspunkten zustande kommen muss.

2.2 Marshall und der Markt

Um die Voraussetzungen für ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage herzustellen, ist es zwingend notwendig, den Markt in die Überlegungen einzuführen, der als Ort des Handels und damit der Begegnung von Angebot und Nachfrage zu gelten hat. Marshall bedient sich hier, anders als Walras keines die Preise ausrufenden Auktionators, um den Markt zu räumen. Vielmehr geht Marshall von Einzelhändlern aus, die auf dem Markt tätig werden und die Angebotsmenge variieren: „….the simplest cases of a true equilibrium value are found in the markets of a more advanced state of civilization” (ebd., S. 276). Hier begegnet uns also erneut die Aggregationsebene des Marktes, die einen Schritt weitergeht als beispielsweise die individualistische Sichtweise Walras’.

Marshall bemerkt hierbei: “When demand and supply are spoken of in relation to one market another, it is of course necessary that the markets to which they refer should be the same” (ebd., S. 270). Es ist intuitiv einsichtig, dass ein Gleichgewicht nicht entstehen kann, wenn Korn nachgefragt wird und Fische im Angebot sind. Jedoch bietet die Branchenbezogenheit, wie wir im Abschnitt 3 sehen werden, Ansatzpunkte für Kritik.

[...]


[1] Auf die Aggregationsebene, die Marshall als operative Basis dient, werden wir später noch zu sprechen kommen.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Eine kritische Diskussion der Gleichgewichtstheorie Alfred Marshalls
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Großer Doktorandenschein
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
30
Katalognummer
V263048
ISBN (eBook)
9783656518440
ISBN (Buch)
9783656517979
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieses Buch beschäftigt sich mit den Gleichgewichtsüberlegungen von Alfrd Marshall. Es ist geeignet für Menschen mit Freude am theoretischen Philosophieren und für historisch interessierte Leser. Viele der damals diskutierten Ideen finden sich noch heute in der Praxis wieder.
Schlagworte
Alfred Marshall, Carsten Dethlefs, short run, Keynesianismus, Fischmarkt, Theoriegeschichte, Sraffa, Goethe-Universität, Volkswirtschaftslehre, Großbritannien, VWL, Marktwirtschaft, partielles Gleichgewicht
Arbeit zitieren
Carsten Dethlefs (Autor), 2010, Eine kritische Diskussion der Gleichgewichtstheorie Alfred Marshalls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263048

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