Bereits Friedrich Fröbel, Begründer des Kindergartens, war der Ansicht, dass für die Erziehung der Kinder auch Männer im Kindergarten wichtig seien, aber er konnte keine Männer für diesen Beruf motivieren (vgl. Rohrmann 2009, S. 49). Und auch heute noch sprechen die Zahlen für sich: In Deutschland gibt es nur 2,4% männliche Erzieher im Kleinkindbereich (0-6 Jahre), welche sich auf Krippe, Kindergarten und Hort wie folgt verteilen: Bei den 0-6-jährigen insgesamt lag der Männeranteil 2008 bei 2,4% (vgl. Cremers et al. 2010, S. 9), im Hort jedoch bei 7,7% und in der Krippe (0-3 Jahre) bei 1,2% (vgl. Rohrmann 2009, S. 45), wobei die Unterschiede hinsichtlich Regionen und Trägern gravierend sind, was jedoch mein Thema nicht tangiert.
Die Frage, die sich unweigerlich stellt, ist: Was sind die Ursachen dafür, dass es in den letzten ca. 200 Jahren nicht gelang, den Männeranteil im Kleinkindbereich wesentlich zu erhöhen?
Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werde ich versuchen diese Frage zu beantworten.
Meine These dabei ist, dass die pädagogische Arbeit im Kleinkindbereich auch heute nicht dem gesellschaftlichen Männerbild entspricht.
Um meine These überprüfen zu können, werde ich zunächst schwerpunktmäßig die Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft und das Konzept der hegemonialen Männlichkeit nach Connell genauer darstellen. Dann gehe ich der Frage nach, inwiefern einerseits Doing-Gender-Prozesse und andererseits die stereotype Wahrnehmung von männlichen Praktikanten und Erziehern daran beteiligt sind Männer vom Kleinkindbereich fernzuhalten.
Aktuell gibt es in Deutschland und auch international „nur sehr wenige Studien, (die sich) dem Thema ‚Männliche Pädagogen in Kindertagesstätten‘ “ widmen (Cremers et al. 2010, S. 20), darunter nur zwei empirische (vgl. Höyng 2011, S. 220), nämlich eine vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BmFSFJ) herausgegebene Studie von Cremers et al. und die österreichische, von der Universität Innsbruck finanzierte und von Rohrmann et al. herausgegebene Studie „elementar“ (vgl. ebd.). Im Wesentlichen werde ich mich auf diese beiden Studien beziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Pädagogische Arbeit im Kleinkindbereich–ein Widerspruch zum Männerbild in unserer Gesellschaft?
2.1. Verschiedene Konstruktionen von Männlichkeit und die Diskrepanz zwischen Intention und Realität
2.2 Das hegemoniale Männerbild–das (heimliche) Männlichkeitsideal
2.2.1 Geringe Bezahlung–ein Widerspruch zum hegemonialen Männerbild?
3. Pädagogische Arbeit im Kleinkindbereich–ein Widerspruch zu doing gender?
4. Pädagogische Arbeit im Kleinkindbereich–ein Widerspruch zu männlichen Stereotypen?
4.1 „Männer können nicht mit kleinen Kindern umgehen“
4.2 Männer unter Generalverdacht
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen für den anhaltend geringen Männeranteil im pädagogischen Kleinkindbereich. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, warum es trotz langjähriger Bemühungen nicht gelingt, mehr Männer für diesen Beruf zu gewinnen, wobei die These verfolgt wird, dass die pädagogische Arbeit in Kitas nicht mit dem gesellschaftlich hegemonialen Männerbild korrespondiert.
- Analyse des gesellschaftlichen Männerbildes und hegemonialer Männlichkeit nach Connell.
- Untersuchung von Doing-Gender-Prozessen in Organisationen.
- Einfluss von Geschlechtsstereotypen und Stereotypenbedrohung auf die Berufswahl.
- Rolle des "Generalverdachts" bei der Arbeit mit Kindern.
- Vergleich von Einstellungen und tatsächlichem Verhalten männlicher Fachkräfte.
Auszug aus dem Buch
2.2 Das hegemoniale Männerbild – das (heimliche) Männlichkeitsideal
Naheliegend erscheint mir, dass der Grund für die oben beschriebene Kluft möglicherweise in der hegemonialen Männlichkeit (nach Connell) liegen könnte, welche ich nachfolgend knapp skizzieren möchte.
Hegemoniale Männlichkeit geht von sich unterscheidenden und damit verschiedenen „Männlichkeiten“ aus, „die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen“ (Ganß 2011, S. 49; vgl. dazu auch Czollek et al. 2009, S. 27f.) und diese wiederum stehen in einem „hierarchischen Verhältnis“ den Frauen insgesamt gegenüber. Ein wesentliches Kennzeichen des hegemonialen Männerbildes ist die Vorstellung des Mannes als Haupternährer (vgl. Popp 2009, S. 90), was nach wie vor als geltende gesellschaftliche Anforderung an die Rolle des Mannes gesehen werden kann.
Es handelt sich also um das „vorherrschende Männlichkeitsideal, welches im Sinne eines selbstverständlichen kulturellen Leitbildes von ‚Männlichkeit‘ als Orientierungsmuster fungiert und - da es dem ‚doing gender‘ der meisten Männer zugrunde liegt – zur Aufrechterhaltung bestehender Geschlechterverhältnisse beiträgt“ (Ganß 2011, S. 50).
Obwohl „hegemoniale Männlichkeit“ nur von wenigen Männern auch so gelebt werden kann (vgl. ebd., S. 51), wird es trotzdem „als Mittel zur Reproduktion bestehender Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern […] von den meisten Männern gestützt und aufrechterhalten“ (ebd.). Männer, die ihrer „eigentlichen Aufgabe“, nämlich Haupternährer der Familie zu sein, nicht nachkommen können und die sich subjektiv dessen bewusst sind, dass das schon lange nicht mehr die bloße Aufgabe des Mannes ist (vgl. ebd.), halten trotzdem nach wie vor „an der hegemonialen Selbstdefinition als ‚Ernährer der Familie‘ fest[…] und (behaupten) weiterhin den Anspruch männlicher Dominanz in Ehe und Familie […]“ (ebd.). So profitieren die Männer, die das hegemoniale Männerbild nicht verkörpern (können) „also von den Vorteilen – ob materiell oder immateriell – die sich für Männer aufgrund der bestehenden hierarchischen Geschlechterordnung bzw. der Höherbewertung des ‚Männlichen‘ ergeben“ (ebd.). Dies wird von Connell als „komplizenhafte Männlichkeit“ bezeichnet und trifft u.a. aufgrund des relativ geringen Gehalts auf männliche Erzieher zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische und aktuelle Unterrepräsentation von Männern im Kleinkindbereich und formuliert die Arbeitsthese eines Widerspruchs zum gesellschaftlichen Männerbild.
2. Pädagogische Arbeit im Kleinkindbereich–ein Widerspruch zum Männerbild in unserer Gesellschaft?: Dieses Kapitel analysiert Konstruktionen von Männlichkeit und das hegemoniale Männerbild als mögliches Hemmnis für Männer in erzieherischen Berufen.
2.1. Verschiedene Konstruktionen von Männlichkeit und die Diskrepanz zwischen Intention und Realität: Hier wird die Kluft zwischen modernen Identitätsvorstellungen bei Männern und ihrem tatsächlichen Rollenverhalten im Berufsalltag untersucht.
2.2 Das hegemoniale Männerbild–das (heimliche) Männlichkeitsideal: Das Kapitel definiert den Begriff der hegemonialen Männlichkeit nach Connell und setzt diesen in Bezug zur gesellschaftlichen Erwartung an den Mann als Haupternährer.
2.2.1 Geringe Bezahlung–ein Widerspruch zum hegemonialen Männerbild?: Die Autorin diskutiert, ob die Entlohnung im Erzieherberuf tatsächlich ein ausschlaggebender Faktor für die Berufswahl ist oder nur als Begründung für das Männlichkeitsideal dient.
3. Pädagogische Arbeit im Kleinkindbereich–ein Widerspruch zu doing gender?: Dieses Kapitel wendet den sozialkonstruktivistischen Ansatz des "doing gender" auf die Arbeitswelt der Kitas an, um Geschlechtersegregation zu erklären.
4. Pädagogische Arbeit im Kleinkindbereich–ein Widerspruch zu männlichen Stereotypen?: Hier wird untersucht, wie stereotype Wahrnehmungen und die Erwartungshaltung gegenüber dem männlichen Geschlecht zur Berufswahl beitragen.
4.1 „Männer können nicht mit kleinen Kindern umgehen“: Das Kapitel beleuchtet psychologische Effekte der Stereotypenbedrohung, die dazu führen, dass Männer Kompetenzen im Kleinkindbereich abgesprochen werden.
4.2 Männer unter Generalverdacht: Diese Analyse widmet sich dem spezifischen, negativ besetzten Stereotyp des "Generalverdachts" auf Missbrauch, das viele männliche Fachkräfte abschreckt.
5. Schlussbemerkungen: Die Autorin resümiert, dass eine Erhöhung des Männeranteils eine tiefgreifende Reflexion geschlechtersensibler Pädagogik erfordert, um traditionelle Strukturen nicht weiter zu konservieren.
Schlüsselwörter
Männer in Kitas, Kleinkindbereich, Erzieherberuf, Hegemoniale Männlichkeit, Doing Gender, Geschlechterrolle, Stereotypenbedrohung, Generalverdacht, Geschlechtergerechtigkeit, Sozialisation, Berufswahl, Männlichkeitsideal, Pädagogische Fachkräfte, Gendered Organizations.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziologischen und psychologischen Hintergründe für den geringen Männeranteil in pädagogischen Berufen im Kleinkindbereich in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit, der Theorie des „doing gender“ in Organisationen sowie der Wirkung von Geschlechtsstereotypen auf die Berufswahl.
Welches ist die primäre Forschungsfrage?
Die zentrale Frage ist, warum es über Jahrzehnte hinweg nicht gelungen ist, den Männeranteil in Kitas signifikant zu erhöhen und inwiefern der Beruf nicht mit dem gesellschaftlich dominanten Männerbild kompatibel ist.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit ist eine theoretische Reflexion, die auf der Auswertung aktueller empirischer Studien (wie z.B. von Cremers et al. und Rohrmann et al.) sowie soziologischen Theorien (Connell, West/Zimmermann) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Diskrepanz zwischen Einstellung und Verhalten bei Männern, die Bedeutung der Erwerbsarbeit für das männliche Identitätsbild und die Auswirkungen von Zuschreibungen im Berufsalltag.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere hegemoniale Männlichkeit, doing gender, Generalverdacht sowie Stereotypenbedrohung.
Wie spielt das Gehalt eine Rolle in der Entscheidung für oder gegen den Beruf?
Die Autorin argumentiert, dass das Gehalt oft als vordergründiges Argument genannt wird, um den Widerspruch zum hegemonialen Anspruch des Mannes als Haupternährer aufrechtzuerhalten, auch wenn andere Faktoren ähnlich wiegen.
Inwiefern beeinflusst der „Generalverdacht“ die tägliche Arbeit in Kitas?
Er führt laut Arbeit zu einer Verunsicherung bei männlichen Auszubildenden und Erziehern, schränkt ihr professionelles Handeln ein und kann dazu beitragen, dass sie den Kleinkindbereich zugunsten anderer pädagogischer Felder verlassen.
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- Gisa Vogel (Author), 2013, Mehr Männer in die Kitas? Mögliche Ursachen für den geringen Männeranteil im Kleinkindbereich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263078