Das Salutogenesemodell nach Aaron Antonovsky

Die Anwendung in der physiotherapeutischen Versorgung des geriatrischen Patienten


Hausarbeit, 2013

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Demografische Wandel in der Bundesrepublik Deutschland
1.1 Prognosen und Zahlen
1.2 Folgen für Gesundheitswesen und Pflege

2. Geriatrie
2.1 Der Unterschied zwischen Gerontologie und Geriatrie
2.2 Das Altern
2.3 Altersveränderungen
2.4 Der geriatrische Patient
2.5 Das Profil des geriatrischen Patienten
2.6 Multimorbidität und Alltagskompetenz

3. Physiotherapeutische Versorgung in der Geriatrie
3.1 Ziele der Therapie
3.2 Gesichtspunkte der Behandlung des geriatrischen Patienten

4. Das Modell der Salutogenese nach Aaron Antonovsky
4.1 Definition
4.2 Abkehr von der Pathogenese
4.3 Die Wurzeln der salutogenetischen Idee Antonovskys
4.4 Die Metapher „Das Leben als Fluss“
4.5 Die Berliner Altersstudie aus dem Jahre 2010: Zufriedenheit im Alter
trotz gehäufter Erkrankungen
4.6 Das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum
(Health-disease-continuum, Health-ease-dis-ease-continuum)
4.7 Der Kohärenzsinn
4.8 Stressoren
4.9 Ressourcenentwicklung
4.10 Patientenbeispiel: Der Vergleich zweier älterer Patientinnen, welche den Zweiten Weltkrieg überlebten

5. Anwendung und kritische Betrachtung des Modells

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Der Demografische Wandel in der Bundesrepublik Deutschland

1.1 Prognosen und Zahlen

„Unsere Gesellschaft vergreist zunehmend.“[1] Im Jahr 2060 wird laut einer aktuellen Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes jeder siebente deutsche Bürger 80 Jahre oder älter sein. Momentan leben in Deutschland etwa 80,2 Millionen Menschen, 2060 werden es voraussichtlich nur noch 65 bis 70 Millionen sein. Die Bevölkerungsanzahl wird also insgesamt sinken. Außerdem wird es zu signifikanten Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung kommen. Heute sind 20% der Bevölkerung 65 Jahre oder älter. Bereits in den kommenden beiden Jahrzehnten wird der Anteil älterer Menschen deutlich steigen, so der Präsident des Statistischen Bundesamtes Roderich Egeler, im Rahmen einer Pressekonferenz zur 12. koordinierten Bevölkerungs-Vorausberechnung. Da die Zahl der Geburten bis 2060 stetig sinkt und gleichzeitig die Zahl der Sterbefälle bis Anfang der 2050er Jahre ansteigen wird, wird auch die Gesamtbevölkerung in Deutschland insgesamt zurückgehen. Daraus ergeben sich sowohl gesellschaftliche Probleme, als auch Probleme für die Sozialversicherungen: Es steigt zunächst prozentual der Bedarf an Sozialversicherungsleistungen (Rente, Pflege, Gesundheit) durch die älteren Menschen in Deutschland. Zusätzlich sinkt jedoch der Anteil der in die Sozialversicherung einzahlenden Erwerbstätigen. Somit kommt es zu einem starken Anstieg an Leistungen bei starkem Absinken der Einnahmen.[2] Viele Menschen werden länger arbeiten müssen, um ihre eigene Versorgung zu sichern. Außerdem werden die Älteren zunehmend interessant für einen Arbeitsmarkt, der sich bislang eher um junge Arbeitskräfte bemühte, da der berufliche Nachwuchs fehlt.[3] Daraus wird ersichtlich, dass es sich bei der Betreuung alter Menschen um eine gesellschaftliche Aufgabe mit wachsender Bedeutung handelt. Aus diesem Grund sollten sich auch die Medizinalfachkräfte Gedanken machen, wie die Therapie ausgebaut und weiter verbessert werden kann, um diese Menschen individuell zu unterstützen und zu behandeln, aber auch um insgesamt auf dieses gesundheitspolitische Geschehen einzugehen. Es sollten verschiedene, auch neue Modelle herangezogen und kritisch betrachtet werden, um gerade älteren Menschen ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. Ein Modell, welches solche Möglichkeiten impliziert, hat Aaron Antonovsky mit dem Salutogenese-Modell erstellt.

1.2 Folgen für Gesundheitswesen und Pflege

Da es in Zukunft immer mehr ältere Menschen geben wird, wird es auch immer mehr Patienten geben, die medizinisch, pflegerisch und therapeutisch versorgt werden müssen. Durch die Zunahme der älteren Patienten ergeben sich diverse Probleme für sämtliche Gesundheitsberufe: Die Multimorbidität der Patienten nimmt zu, die körperliche Robustheit sinkt und chronische Krankheiten nehmen zu.[4] Vor allem wird diese Entwicklung Folgen für die Pflege der älteren Menschen haben. In Zukunft werden zunehmend ältere, multimorbide und demente Patienten von ebenfalls immer älterem Pflegepersonal versorgt werden müssen.[5]

2. Geriatrie

2.1 Der Unterschied zwischen Gerontologie und Geriatrie

Die Gerontologie (von gr. geron = altern, Greis und logos = Lehre ) ist die Wissenschaft, die sich mit den körperlichen, seelischen und sozialen Vorgängen des Alterns beschäftigt. Sie wird auch als Altersforschung bezeichnet. Das Ziel der Gerontologie ist es, ein möglichst umfassendes Verständnis vom menschlichen Altern zu erwerben. Dies erfordert die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen, wie z.B. der Genetik, der Molekular- sowie der Zellbiologie, der Pathologie, der Psychologie und der Statistik. Die Geriatrie ist davon abgegrenzt als die Lehre der Krankheiten und deren Behandlung des alternden Menschen. Sie ist der medizinische Zweig der Gerontologie und wird auch als Altersheilkunde bezeichnet.[6]

2.2 Das Altern

Altern ist ein Prozess, der von Geburt an unumkehrbar fortschreitet. Entsprechend prägte M. Bürger, der Begründer der Altersforschung in Deutschland den Begriff der Biomorphose. Dieser bezeichnet die Gesamtheit der Veränderungen, die der Mensch von der Keimzelle bis zum Tod durchläuft. Altern ist ein biologischer, psychischer und sozialer Prozess. Dieser Alterungsprozess lässt sich anhand von vier Kriterien charakterisieren: Der Altersvorgang ist universal und für alle Lebewesen gültig. Er ist irreversibel, also unumkehrbar. Er vermindert die Anpassungsfähigkeit des betroffenen Individuums. Er ist biologisch-genetisch vorherbestimmt und damit auch durch lebenslange Schonung nicht zu verhindern.[7] Altern kann also als zunehmender Funktionsverlust auf dem Boden struktureller Veränderungen definiert werden. Es bestehen jedoch hinsichtlich des Beginns, der Geschwindigkeit und des Ausmaßes altersbedingter Veränderungen Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen. Da das Altern sowohl physiologische Parameter, als auch psychische und soziale Aspekte einschließt, ist das Altern ein sehr komplexes Geschehen.[8] Alter ist keine Krankheit, aber im Alter mehren sich verschiedene Krankheiten. Außerdem begünstigt und beschleunigt die verminderte Adaptionsfähigkeit (=Anpassungsfähigkeit)[9] der älteren Klienten das Auftreten von Erkrankungen.[10] Die Krankheitsbilder der betagten Menschen erfordern fast immer fächerübergreifende Diagnostik und Therapie.[11]

2.3 Altersveränderungen

Die gerontologische Forschung hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Bestandsaufnahme altersbedingter Veränderungen erbracht. Sie werden organbezogen dargestellt.[12] Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass diese Veränderungen physiologisch sind und im Alter jeden Menschen mehr oder weniger betreffen können. Diese typischen Veränderungen können die physischen, die psychischen und die sozialen Funktionen beeinträchtigen. Es ist jedoch möglich, bis ins hohe Alter gesund und leistungsfähig zu bleiben, wenn diese Funktionen fortlaufend genutzt werden. Altersbedingte Verluste dieser Körperfunktionen führen nicht automatisch zum Auftreten chronischer Erkrankungen, können diese aber begünstigen. Die Übergänge hierbei sind fließend. In der physiotherapeutischen Behandlung müssen nachlassende Körperfunktionen, bestehende Krankheiten und das individuelle soziale Umfeld des älteren Menschen berücksichtigt werden.[13]

2.4 Der geriatrische Patient

Ein geriatrischer Patient ist ein älterer Patient, der multiple Krankheiten und Altersveränderungen mit daraus resultierenden Behinderungen hat. Diese schränken den Patienten in seiner selbstständigen Alltagsbewältigung und Selbstpflege ein oder bedrohen diese. Unterschiedliche krankheitsbedingte oder altersbedingte Zustände treten dabei in engen Wechselwirkungen auf und führen dann gemeinsam zu Einschränkungen körperlichen, psychischen und sozialen Funktionen. Daher muss die gesundheitliche Situation multidimensional betrachtet und erfasst werden. Die Diagnostik und weitere Interventionen müssen also die physische und die psychische Ebene sowie das soziale und das häusliche und materielle Umfeld berücksichtigen. Durch diese spezifische Situation ergibt sich die besondere Form der Medizin: die Geriatrie. Die Geriatrie befasst dich daher in besonderem Umfang mit den Bedürfnissen und Anforderungen älterer Patienten und richtet sich genau nach diesen aus. Maßgebliche Interventionen kommen nicht mehr vorwiegend aus dem ärztlichen Bereich, vielmehr arbeiten an den Problemen des geriatrischen Patienten viele unterschiedliche Berufsgruppen. Sie müssen ihre fachspezifischen Methoden, Kenntnisse und Fertigkeiten aufeinander abgestimmt in den diagnostischen und therapeutischen Prozess einbringen. Der Patient als autonom handelnder Mensch gibt die Therapieziele vor, an denen sich Diagnostik und Intervention zu halten haben.[14]

2.5 Das Profil des geriatrischen Patienten

Folgende zusätzliche Merkmale kennzeichnen das Profil des geriatrischen Patienten konkret: biologisches Alter mit physiologischen Altersveränderungen, multiple chronische Erkrankungen und multiple chronische funktionelle Einschränkungen in wechselseitiger Beeinflussung, große Schwankungsbreite der Normalwerte, atypische Symptomenpräsentation, somatisch, kognitiv und affektiv erhöhte Instabilität und verringerte Anpassungsfähigkeit; fehlende sektorielle Begrenzung eines Organschadens, kritisch begrenzte Kompensationsfähigkeit, Gefahr der Fehlanpassung, reduzierte Spontanrekonvaleszenz, drohende Immobilisation, oft unzureichende oder fehlagierende soziale Unterstützungssysteme, biographische Krisensituation, verminderte oder bedrohende Alltagskompetenz, Notwendigkeit der Rehabilitation und / oder Langzeitbetreuung und -pflege. Es müssen nicht alle diese Merkmale im Einzelfall vorliegen. Jeder Patient hat ein bestimmtes individuelles Profil, welches sich aus mehreren dieser Merkmale in unterschiedlicher Ausprägung zusammensetzt.[15]

2.6 Multimorbidität und Alltagskompetenz

Der Begriff der Multimorbidität bezieht sich auf Patienten, die gleichzeitig von mehreren Krankheiten betroffen sind.[16] Es gibt Krankheiten, die beim alten Menschen so häufig vorkommen, dass sie das typische Bild seiner gesundheitlichen Situation prägen. Je älter ein Mensch ist, desto größer ist das Risiko, zu erkranken. Bei der Multimorbidität kann es sich um Begleiterkrankungen verschiedener Ursachen oder um ebensolche

Kombinationskrankheiten handeln. Dabei ist zu beachten, dass das Neuauftreten einer Erkrankung oder die Entgleisung eines Leidens beim geriatrischen Patienten Krankheitsketten auslösen kann. So kann beispielsweise eine akute oder chronische Entzündung des Lungengewebes (=Pneumonie)[17] zu einer Überblähung und Ansammlung von Luft in ungewöhnlichem Maß in der Lunge führen (=Lungenemphysem).[18] Dies wiederum kann eine kardiale Dekompensation zur Folge haben; wobei das Herz nicht mehr in der Lage ist, ausreichenden Ausgleich bei einer verminderten Funktion oder Leistung zu erbringen.[19] Diese Dekompensation wiederum lässt die zunächst jahrelang asymptomatische, eventuell auch noch nicht diagnostizierte Verengung der großen zum Kopf führenden Halsarterie (=Karotisstenose)[20] kritisch werden und kann letztendlich zu einem Hirninfarkt führen. Dabei kommt es zum Absterben des Hirngewebes durch Verminderung der Durchblutung.[21]

Die Auftretenswahrscheinlichkeit der Multimorbidität und chronischer Krankheiten wie z. B. von Bronchitis, Rheuma, Arthrosen, Verschleiß-, Viren-, Zucker- und Krebserkrankungen sowie von Schlaganfällen, Gefäßerkrankungen, koronaren Herzerkrankungen und demenziellen Erkrankungen steigt mit zunehmendem Alter.

[22] Dieses Beispiel zeigt, wie labil das vorher intakte Kreislaufsystem eines älteren Menschen sein kann. Die Anzahl der Erkrankungen sagt jedoch wenig über den tatsächlichen Gesundheitszustand aus. Für die Bewältigung des Alltags ist nicht das

[...]


[1] Friege, 2010, S. 35.

[2] Friege, 2010, S. 36 ff.

[3] Vgl. http//www.bgw-online.de/internet/generator/Inhalt/OnlineInhalt/Statische_20Seiten/Navigation_20links/ Demografischer__Wandel__NEU/Demografischer__Wandel__in__Deutschland.html, 05.06.2013.

[4] Vgl. http//www.who-tag.de/pdf/2006pfaff.pdf, 07.06.2013.

[5] Vgl. http//www.sentiso.de/informationen/30-demographischer-wandel-und-soziale-sicherheit, 09.06.2013.

[6] Amberg, 1995, S. 427.

[7] Amberg, 1995, S. 105.

[8] Dorner, 1997, S. 77 f.

[9] Duden Fremdwörterbuch, 2000, S. 24.

[10] Götsch, 2007, S. 375.

[11] Götsch, 2007, S. 374.

[12] Dorner, 1997, S. 78.

[13] Ebelt-Paprotny, 2008, S. 726.

[14] Dorner, 1997, S. 5 ff.

[15] Dorner, 1997, S. 7.

[16] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 2004, S. 1188.

[17] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 2004, S. 1447.

[18] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 2004, S. 481.

[19] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 2004, S. 374.

[20] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 2004, S. 908.

[21] Pschyrembel Klinisches Wörterbuch 2004, S. 859.

[22] Frieling-Sonnenberg, 1997, S. 23 f.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Das Salutogenesemodell nach Aaron Antonovsky
Untertitel
Die Anwendung in der physiotherapeutischen Versorgung des geriatrischen Patienten
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. München
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V263087
ISBN (eBook)
9783656518280
ISBN (Buch)
9783656517986
Dateigröße
688 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demografischer Wandel, Salutogenese, Gesundheit, Krankheit, Geriatrie, Demographischer Wandel, Physiotherapie, Aaron Antonovsky, Patient, Medizin, Gerontologie, Coping, Kohärenzgefühl, Alter, Alterungsprozess, Organe, Biologie, Biomorphose, Ressourcen, das Leben als Fluss, Kontinuum, Pathogenese, Soziologie
Arbeit zitieren
Nathalie Heiß (Autor), 2013, Das Salutogenesemodell nach Aaron Antonovsky, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263087

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