Zwischen Statussymbol und Benutzerobefläche

Zur Schichtabhängigkeit von Körperbildern


Magisterarbeit, 2007
89 Seiten, Note: 2.3

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung
1.1. Thema
1.2. Forschungsinteresse
1.2.1. Die Soziologie des Körpers als neue Teildisziplin
1.2.2. Die Charakterisierung einer (Teil)Gesellschaft über ihr Körperbild
1.3. Aufgabenstellung
1.4. Vorstellung der einzelnen Kapitel
1.5. Verwendete Literatur
1.6. Persönlicher Hintergrund

2. Soziologie des Körpers
2.1. Einführung
2.2. Zur Geschichte der Soziologie des Körpers
2.2.1. Die Anfänge
2.2.2. Frühe wichtige Arbeiten
2.2.3. Durchbruch
2.2.4. Die Wiederentdeckung des Körpers
2.3. Gründe für die Rückständigkeit des Themas Körper in der Soziologie
2.4. Gründe für das inzwischen ausgeprägte Interesse am Körper in der Soziologie
2.5. Fragen / Aufgaben einer Soziologie des Körpers
2.5.1. Multiparadigmatizität
2.5.2. Aufgabe
2.5.3. Beispielhafte Fragestellungen
2.5.4. Meine persönlichen Fragestellungen

3. Körper
3.1. Einführung und Definition
3.2. Sozial geformte Körper - Körper als Träger von Kultur
3.3. Geschichte der Körperlichkeit
3.3.1. Antike
3.3.2. Mittelalter
3.3.3. Aufklärung
3.3.4. Das Zeitalter der industriellen Revolution und des Bürgertums
3.3.5. Das 20. Jahrhundert
3.3.6. Die Gegenwart: aufgewerteter und verdrängter Körper
3.3.6.1. Körperboom
3.4. Körper und Geist
3.5. Zivilisationsprozess und der Verlust der Natürlichkeit
3.6. Der Körper im Alltag
3.6.1. Redewendungen
3.6.2. Kommunikation
3.6.2.1. Körpersprache
3.7. Dualer Körper
3.7.1. Körper haben - der semiotische Körper
3.7.2. Körper sein - der phänomenale Körper - der Leib
3.7.3. Innere Dimension, äussere Dimension
3.8. Mittelpunkt der Subjektkonstitution
3.9. Die soziale Bedingtheit des Körpers - der Körper als Produkt des Sozialen
3.9.1. Habitus
3.10. Und umgekehrt: die körperliche Bedingtheit des Sozialen - der Körper als Produzent des Sozialen
3.11. Fazit

4. Körperbewusstsein und -präsenz der Bevölkerung im Alltag
4.1. Eine kurze empirische Bestandesaufnahme
4.1.1. Methode und Aufgabenstellung:
4.1.2. Ergebnisse
4.1.3. Schlussfolgerungen
4.2. Manifestation von Körperlichkeit im Alltag

5. Felder der Thematisierung des Körpers
5.1. Körper und Politik
5.2. Körper und Macht, Körper und Gewalt
5.3. Körper im Geschlechterdiskurs
5.4. Körper und Medien
5.5. Körper und Gesundheit, Körper und Medizin
5.6. Körper und

6. Körper in der modernen Gesellschaft
6.1. Kultur der Sichtbarkeit - Stellenwert und Aufgabe(n) des Körpers
6.2. Disziplinierung, „Geschichte der Zivilisation“
6.3. Individualisierung
6.3.1. Der Körper als verbleibender Referenzpunkt in einer individualisierten Welt
6.4. Identität
6.5. Institutionalisierung des Körpers
6.6. Körperideale
6.6.1. Schönheit
6.6.2. Fitness
6.6.2.1. Charakteristikum der Moderne: Der Fitnesskörper
6.7. Arbeit am Körper
6.8. Die Gestaltbarkeit des Körpers - der Körper als Option
6.9. Gesellschaftliche Auflagen an den Körper
6.10. Wem gehört der Körper?
6.11. Fazit: von der Körperarbeit zur Körper-Arbeit

7. Schichtspezifika von Körpern und Körperbildern
7.1. Prägung, Einflüsse des Umfelds
7.2. Restriktionen und Anforderungen des täglichen Lebens
7.3. Unterschiedliche Idealbilder
7.4. “Anstandsregeln“
7.5. Körpersensibilität
7.6. Einstellung zu Gesundheit und Krankheit
7.7. Unterschiedliches Körperverhalten
7.8. Statussymbol und Benutzeroberfläche

8. Schlussbetrachtung
8.1. Zusammenfassung
8.2. Fazit
8.3. Weitere Aufgaben für eine Soziologie des Körpers

9. Literaturangaben

Anhang

1. Einführung

„Der Körper ist nämlich, in derselben Weise wie all die anderen technischen Dinge, deren Besitz den Platz des Individuums in der Klassenhierarchie bezeichnet, durch seine Farbe (bleich oder gebräunt), durch seinen Bau (schlaff und weich oder fest und muskulös), durch sein Volumen (beleibt oder schlank, untersetzt oder hochgewachsen), durch Weite, Form und Geschwindigkeit seiner Bewegung im Raum (linkisch oder anmutig) ein Statussymbol - vielleicht das intimste und dadurch wichtigste von allen -, dessen Symbolertrag umso grösser ist, als er meistens nicht als solches wahrgenommen und nie von der Person desjenigen gelöst wird, der ihn bewohnt.“ (Boltanski 1976, S.170, Hervorhebung Bütikofer)

1.1. Thema

Körper und Status. Körper und Funktionalität. Körper und Gesellschaft.

Jedes einzelne dieser Paare lässt bereits anklingen, dass der menschliche Körper sozial bedingt ist.

Der Körper ist aber nicht nur sozial bedingt, in dieser und durch diese Bedingtheit erhält er gleichzeitig auch eine soziale Aussagekraft. Die heutige postindustrielle Gesellschaft wird sich dieser grundlegenden Facetten von Körperlichkeit immer stärker bewusst und versucht sie gezielt einzusetzen. So lässt sich eine intensive Beschäftigung mit dem Körper beobachten, eine typische Erscheinung von modernen Wohlstandsgesellschaften.

Dass und wie dabei die Begrifflichkeiten der Benutzeroberfläche und des Statussymbols als je eigene Umgangsweisen mit dem Körper eine, wie zu zeigen ist, grösstenteils schichtspezifische Handhabung von Körperbildern charakterisieren können, darauf soll im Laufe der Arbeit kontinuierlich hingeführt werden.

1.2. Forschungsinteresse

1.2.1. Die Soziologie des Körpers als neue Teildisziplin

Obwohl bereits die Klassiker der Soziologie in ausgewählten Texten dem Körper oder zumindest Teilen des Körpers Beachtung schenkten (siehe 2.2.1.), ist die Soziologie des Körpers in ihrer etablierten Form ein sehr junges Teilgebiet der Soziologie.

So sind gerade erst innerhalb der letzten Jahre zahlreiche, z.T. grundlegende Publikationen erschienen (z.B. Gugutzer 2004 als erstes integrales Werk zur Körpersoziologie). Diese Tatsache, dass die Veröffentlichung von Wissen und Aufsätzen zur Soziologie des Körpers noch am anrollen ist und laufend noch immer neue Erkenntnisse auf dem Gebiet generiert werden und dazukommen, macht die Beschäftigung mit der Körpersoziologie interessant.

1.2.2. Die Charakterisierung einer (Teil)Gesellschaft über ihr Körperbild

Was sagt eine Körperorientierung bzw. Körpervernachlässigung über die jeweilige Gesellschaft aus?

Der gesellschaftliche Umgang mit dem Körper und seine soziale Aussagekraft sind kulturspezifisch verschieden und lassen identitätskonstitutive und für die betreffende Gesellschaft charakteristische Schlussfolgerungen auf die jeweilige Sozialität zu.

Auch weiterführende Fragen wie: „Warum kommt es in unserer modernen Gesellschaft so sehr auf das Äussere, auf Körperhüllen an?“,1 lassen die soziologische Relevanz des Körperthemas innerhalb der Gesellschaft durchscheinen. Seine verborgene Importanz ist ein weiterer Punkt, der eine genauere Analyse des Körperthemas verlockend macht.

1.3. Aufgabenstellung

Auf den folgenden Seiten soll Fragen nachgegangen werden wie:

Was sind die Voraussetzungen und die Gründe einer Beschäftigung mit dem Körperthema in der Gesellschaft? Was sind ihre Implikationen, aber auch ihre genauen Ziele?

Wie wird der Körper durch die Gesellschaft beeinflusst?

Lassen sich über das Körperliche Schichtunterschiede erkennen und erklären?

Gibt es überhaupt eine Schichtabhängigkeit von Körperbildern?

Und wenn ja, wie äusserst sie sich im Umgang mit dem Körper und der Körperlichkeit, in vorgehaltenen und (nach)gelebten Körperidealen und in spezifischen (Körper)Ausprägungen?

1.4. Vorstellung der einzelnen Kapitel

Kapitel 2 stellt in einer kurzen Einführung die Soziologie des Körpers, ihren Werdegang und ihre Aufgabenfelder vor.

Kapitel 3 thematisiert in der Folge den Körper in seiner allgemeinen, grundsätzlichen Bedeutung für die Gesellschaft. Dabei wird wiederum erst ein Blick auf die historische Entwicklung (diesmal der Körperlichkeit) geworfen.

Kapitel 4 untersucht die Präsenz und den Stellenwert des Körpers im gelebten Alltag. Dazu wurde eine kurze empirische Umfrage (mit reinem Hinweischarakter) durchgeführt und grob ausgewertet.

Kapitel 5 nimmt dann ausgewählte, gesellschaftlich relevante Themenfelder, in denen der Körper eine Rolle spielt, etwas detaillierter auf.

Kapitel 6 beschäftigt sich intensiv mit dem Körperbild, wie es zur Zeit die heutige Gesellschaft beeinflusst und aber auch von ihr generiert wird.

Kapitel 7 schliesslich stellt den Zielpunkt dieser Arbeit dar und befasst sich explizit mit der für diese Arbeit zentralen Fragestellung nach der Statusrelevanz von Körperlichkeit bzw. umgekehrt nach dem sozial determinierten Umgang mit dem Körper.

Kapitel 8 schliesslich rundet mit einer kurzen Zusammenfassung und einem Ausblick in die Zukunft und die noch auf eine Soziologie des Körpers zukommenden Fragen die Arbeit ab.

1.5. Verwendete Literatur

Alle für diese Arbeit verwendete Literatur ist im Literaturverzeichnis am Schluss der Arbeit angeführt. Für das in dieser Arbeit fokussierte Thema von ganz besonderer Wichtigkeit war dabei der Text von Boltanski über die soziale Verwendung von Körpern.

Während erste Literaturzusammentragungen 2004 noch recht übersichtlich ausfielen, wurde gerade in letzter Zeit auf dem Gebiet der Körperlichkeit viel veröffentlicht (dies beinhaltet auch populärkulturelle Artikel zum Thema). So konnten neben den (z.T. auch schon etwas älteren) für die Soziologie des Körpers jedoch fundamentalen Werken auch noch einige neue bis neuste Publikationen berücksichtigt werden.

1.6. Persönlicher Hintergrund

Als Tänzerin bin ich ein extremer Bewegungs- und Körpermensch und komme aus einem (Arbeits)Umfeld, in welchem dem Bewusstsein, wie der Körper eingesetzt wird, eine essentielle Stellung zukommt. An der Haltung und korrekten Platzierung des Körpers selbst und des Körpers in Relation zum Raum und den anderen Personen wird täglich gefeilt, detailliert stilisierte Bewegungsabläufe werden dem Körper eingeprägt und er wird in strenger Disziplin entsprechend einem genau gegebenen Ideal geformt.

Das Körperthema besitzt also für meinen Alltag eine (zwar sehr spezifische aber gerade auch deshalb) ausgeprägte Relevanz.

Vor diesem Hintergrund interessiert es mich, inwieweit auch in anderen gesellschaftlichen Kontexten der Körper Bewusstheit und Beachtung findet und in welchem Masse er damit die Sozialität beeinflusst.

2. Soziologie des Körpers

2.1. Einführung

„Die Soziologie des Körpers beschäftigt sich mit den sozialen Einflüssen auf unseren Körper.“ So definiert Giddens (1999, S.147) die Soziologie des Körpers. Boltanskis Auffassung einer Soziologie des Körpers thematisiert vor allem die Beziehungen der Individuen zu ihrem Körper. Dagegen meint Klein: „Der Körper taucht in der Soziologie vor allem auf der Ebene der Repräsentation auf, indem er als Materialisierung von Geschlecht und sozialem Status, als Träger sozialer Zeichen, als Medium der Selbstinszenierung vorgestellt wird.“ (2005, S.74)

Allen verschiedenen Auffassungen ist jedoch gemeinsam, dass der wie auch immer behandelte Körper lange Zeit ein Schattendasein fristete und von der Soziologie vernachlässigt wurde.

In den 1970er Jahren aber kam es dann zum “Somatic Turn”, einer Rückbesinnung der Gesellschaft auf ihren Körper und damit gleichzeitig zur Aufwertung und Intensivierung seiner Thematisierung in der Soziologie. (siehe 2.2.3.)

Die Soziologie des Körpers steht nun aber vor dem Problem der Definition ihres Studien- und Anwendungsbereichs: Der Körper als ihr Studienobjekt ist nur bezeichnet, aber nicht systematisch konstruiert. Und weil ihr Gegenstand nicht konstruiert ist, fehlt es auch an geeigneten Instrumenten, um ihn zu erfassen.2

Die Körpersoziologie steht vor der Schwierigkeit, die soziale Dimension physischen Verhaltens zu erfassen.

Durch das ihr fehlende, in Eigenkonstruktion generierte Körperbild tut sich die Soziologie des Körpers schwer, sich unabhängig von anderen Disziplinen (und deren Methoden/Vorwissen) zu behaupten. (Boltanski 1976)

Ökonomische Verfahren sind zu grob, leiten ihn in die Makro-Ökonomie ab, die mikro- technische Analyse lässt ihn in Anatomie oder Biologie aufgehen. (Bsp. Nahrungsmittelverbrauch - zwischen Familienbudget und Kalorienbestandteilen) Die soziale Dimension wird von keinem der beiden geöffnet. (Boltanski 1976)

Die Soziologie und die Soziologie des Körpers insbesondere weist eine grosse Nähe zu benachbarten Disziplinen auf. Gerade mit Blick auf den Körper ist z.B. die Grenze zwischen Soziologie und Anthropologie fliessend. Trotz allem bis jetzt Gesagten: Es gibt auch in der Körpersoziologie dennoch eifrige Verfechter ihres Faches, die bedauern, dass ihre Disziplin noch immer keine zentrale Stellung innerhalb der Soziologie erlangt hat, sondern Richtung Bindestrich-Soziologie abgeschoben wurde.

Doch gerade in der sich formierenden Freizeitgesellschaft kommt dem Körper heutzutage eine so überragende Bedeutung zu, dass mit der Zunahme seiner Präsenz im alltäglichen Leben auch die Präsenz und die Relevanz der Soziologie des Körpers kontinuierlich steigt, sie somit vor einer aufgabenreichen und sie vielschichtig fordernden Zukunft steht.

2.2. Zur Geschichte der Soziologie des Körpers

2.2.1. Die Anfänge

Die Soziologie als akademische Disziplin entstand im Westeuropa des 19. Jahrhunderts als „körperloses Projekt“. (Gugutzer, 2004) Damals hatte der Körper in der Gesellschaft bei weitem nicht den gesellschaftlichen Stellenwert, den er heutzutage einnimmt: Er hatte keine Spezialbedeutung, sondern war reines Arbeitsmittel (siehe 3.3.4.). Gleichzeitig aber fanden grosse gesellschaftliche Verschiebungen statt, welche die junge Soziologie mit der Beschäftigung mit der Neuordnung Europas und mit den gewaltigen sozialstrukturellen, ökonomischen, technologischen und politischen Umbrüchen ausser Atem hielten. Da war kein Raum für eine Körpersoziologie.

Wenn, dann wurde der Körper meist implizit3 behandelt, so geschehen in den Texten von Karl Marx und Friedrich Engels, bei Herbert Spencer und Emile Durkheim. Auch Max Weber hat mit seinem Fokus auf das Verstehen und die Rekonstruktion des Sinns einer Handlung und der damit einhergehenden systematischen Ablenkung der Aufmerksamkeit von der leiblichen bzw. körperlichen Dimension des Handelns eher für eine „Anti-Körpersoziologie“ gesorgt, als dass er ihr Vorschub geleistet hätte.4 (frei nach Lindemann 2005, S.119)

Dennoch entstanden aber auch einige wenige frühe Arbeiten zum Thema Körper. Beispielhaft sei Georg Simmels „Soziologie der Sinne“ (1907) genannt, in der er v.a. das Auge thematisiert.

Allerdings sind solche Texte vereinzelte Fundstücke. Einen Versuch einer systematischen Erfassung des Körpers und seiner Rolle für die Gesellschaft gab es nicht.

Für die Klassiker der Soziologie spielte das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum eine zentrale Rolle, mit dem Schwergewicht auf Gesellschaft als soziales System. „Der Körper der Menschen, die in einer Gesellschaft zusammenlebten, spielte als erklärende Kategorie für Gesellschaft letztlich keine Rolle. Der menschliche Körper wurde als ein vor-soziales, natürliches Phänomen konzipiert, das ausserhalb der Gesellschaft steht.“ (Shilling 1993, nach Gugutzer 2004) So gesehen überantworteten sie den Körper dem Zuständigkeitsbereich der Naturwissenschaften. Dennoch zeigt das Vorhandensein der genannten und ähnlicher Arbeiten eine stetige, latente Präsenz des Körpers in der Soziologie, kontraindiziert sie eine völlige Vernachlässigung des Themas.

Durch die Nähe der Soziologie zu den benachbarten Disziplinen Ethnologie, Kulturanthropologie und philosophische Anthropologie erhält das Körperthema bald auch Einfluss durch die (frühen) Arbeiten von Mary Douglas, Claude Lévi-Strauss, Arnold Gehlen oder Helmut Plessner.

2.2.2. Frühe wichtige Arbeiten

Aus einer Reihe von Werken zum Körperthema aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen die folgenden Aspekte herausgegriffen:

-Norbert Elias „Prozess der Zivilisation“ (1939) „beschäftigt sich auf eine Weise mit der geschichtlichen Entwicklung und gesellschaftlichen Formung des Körpers, wie sie für die gegenwärtige Geschichte des Körpers prägend geworden ist.“ (Knoblauch 2005, S.93)
-Marcel Mauss „Die Techniken des Körpers“ (1936) veranschaulicht, „wie schon die grundlegendsten körperlichen Verhaltensweisen (z.B. gehen oder schwimmen) als kulturelle Muster angesehen und von den einzelnen erlernt werden müssen.“ (ebd)
-Ausserdem die Arbeiten von George Herbert Mead (1934: Mind, Self and Society), Alfred Schütz (1971: Gesammelte Aufsätze) und Talcott Parsons (Parosns/Shils (1951): General Theory of Action).

2.2.3. Durchbruch

Mit den Arbeiten von Erving Goffman (1971a: Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion imöffentlichen Raum), Michel Foucault (1976: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses) und Pierre Bourdieu (1970: Zur Soziologie der symbolischen Formen) hat sich die Soziologie des Körpers endgültig etablieren können. Goffman, Foucault und Bourdieu, die Klassiker der Soziologie des Körpers „bilden den Grundstock für die vor allem von Grossbritannien ausgehende Ausbildung einer eigenen Bindestrich-Soziologie, die sich mit dem Körper beschäftigt.“ (Knoblauch 2005, S.94)5

Nach der 1. Phase der Behandlung des Körpers in der Soziologie um die Jahrhundertwende, in der (wie z.B. bei Simmel) einzelne Teile des Körpers aktuell waren, startete nun die 2. Phase der Behandlung des Körpers in der Soziologie, in deren neuen Arbeiten der gesamte Körper Beachtung findet. Thema ist der Körper als unhintergehbare Grösse für die Erklärung des Sozialen.

Zu Beginn der Moderne hatte man die Vorstellung eines rational und normorientiert handelnden, ‚körperlosen’ Individuums, die ganze Gesellschaft war durchdrungen von der Konzeption des Dualismus von Körper und Geist.6

Die Überwindung dieser Trennung zwischen Körper und Geist „war zentrales Motiv für das Aufkommen der Soziologie des Köpers im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts.“ (siehe 2.3. und 2.4.) (Gugutzer 2004)

2.2.4. Die Wiederentdeckung des Körpers

In der modernen, nachindustriellen Gesellschaft wird die individuelle Aufmerksamkeit immer weniger vom reinen Überleben und der Sorge um den Lebensunterhalt in Anspruch genommen und in der Folge vermehrt neuen Dimensionen wie der Wiederentdeckung der Körperlichkeit zugewandt. Dabei spielt mit, dass gleichzeitig „Harte körperliche Arbeit [...] - zumindest in den westlichen Industrienationen - immer seltener [wird]. Damit wird der Körper freigesetzt für andere Betätigungen, die dem Körper zugleich auch eine andere Bedeutung zuweisen. Statt der Arbeit mit dem Körper haben wir es heute verstärkt mit der Arbeit am Körper zu tun.“ (siehe 6.7.) (Schroer 2005, S.13) Auch steht nun nicht mehr länger eine Perspektive im Vordergrund, „die allein die Beeinflussung des Körpers durch die Gesellschaft zum Thema hat, sondern mehr und mehr auch eine, die den Anteil des Körpers an der Konstitution, der Aufrechterhaltung und Veränderung der Gesellschaft thematisiert wissen will.“ (ebd, S.17f)

Gegenüber dieser Thematisierung und Diskussion um den Körper als in einer Phase des Aufschwungs gibt es aber auch Gegenstimmen:

Kamper/Wulf (1984, nach Klein 2005) sprechen von einem „Schwinden der Sinne“, Nitschke (1981, nach ebd) von einer „Zerstörung der Sinnlichkeit“. Eine Zwischenposition nimmt Klein selber ein, wenn sie sagt: „Der Körper erscheint als das Unterlegene, Ausgebeutete. Aus dieser Perspektive wirkt auch der in allen Wissenschaftsdisziplinen, aber auch in der medialen Öffentlichkeit seit den 1980ern anschwellende Diskurs um den Körper wie ein letzter Aufschrei vor dessen endgültigem Verschwinden in die abstrakten Welten virtueller und digitaler Räume.“ (ebd, S.73)

Bette (1987, S.600, nach Schroer) verbindet die zwei Lager, indem er die gleichzeitige Steigerung von Körperverdrängung und Körperaufwertung im Rahmen der modernen Gesellschaft als Paradoxon toleriert und festsetzt. Letztlich meinen „Konjunkturen von Körperaufwertung und Körperabwertung, von Wiederkehr und Verschwinden [...] nicht ein historisches Mehr oder Weniger an Körper-Haben oder Körper-Sein.“ (Klein 2005, S.73) Aber sie indizieren die momentan gerade existierende Aktualität des Themas Körper in der Gesellschaft.

2.3. Gründe für die Rückständigkeit des Themas ‚Körper’ in der Soziologie

-In ihren Anfängen war die Soziologie sehr um eigene Autonomie bemüht, um sich als eigenständige Wissenschaft zu etablieren. Insbesondere emanzipierte sie sich von der Biologie, unter der Annahme, dass sich gesellschaftliche Strukturen nicht auf die biologische Ausstattung der Spezies zurückführen liessen. Die Berücksichtigung des Körpers geht nun aber (in einem dieser Autonomiestrebung entgegengesetzten Prozess) meist mit einer Öffnung der Soziologie hin zu anderen Disziplinen einher. (Elias 1976 nach Schroer 2005)

-Mit der Dominanz des kartesianischen Denkens und seinem charakterisierenden Leitsatz: „Ich denke, also bin ich“ (und nicht: „Ich esse, trinke, schlafe, habe Sex, also bin ich“) übernimmt die Soziologie die Annahme, dass sich Gesellschaft (vor allem) in den Köpfen ihrer Mitglieder abspielt. So auch Corrigan: „The human subject was to be found not in the body, but in the mind.“ (1997, S.147, nach ebd) In einer die öffentliche Ordnung dualistisch denkenden Gesellschaft7 war der Körper wenig mehr als ein formbarer Gegenstand, ein willenlosen Diener der moralischen und intellektuellen Ordnung. „Wir sollen unsere Körper disziplinieren, um etwas Hervorragendes zu leisten, um in den Himmel zu kommen, um brav in einem Hörsaal sitzen zu können und die frohe Botschaft der Soziologie zu hören.“ (O’Neill 1990, S.14, nach ebd) „Die Soziologie thematisiert zwar unter den Begriffen Disziplinierung und soziale Kontrolle die hier angesprochene Zurichtung des Körpers zum funktionierenden Rädchen im Getriebe, führt den Körper aber dennoch nicht als zentrale Kategorie des Sozialen in ihre Theorien ein.“ (ebd, S.13)
-Die Soziologie folgt mit ihrer Aussparung der körperlichen Dimension des Sozialen der realen Entwicklung einer zunehmend körperlos funktionierenden Gesellschaft.
„Der Weg zur Moderne zeichnet sich dadurch aus, dass der grösste Teil dessen, was in der Welt vorkommt, entkörperlicht wird.“
(Stichweh1995, S.177, nach ebd) Die Moderne zeichnet sich also aus durch eine zunehmende Bedeutungslosigkeit des Körpers (dem allenfalls im Bereich des Sports noch eine letzte Domaine gewährt wird). Der technologische Fortschritt drängt den Körper zunehmend in den Hintergrund und die Tertiärisierung mit ihrem Wandel der Erwerbsarbeit hat den Körper nachhaltig entlastet. So sieht heutzutage nicht nur Elias (1976, nach ebd) den Zivilisationsprozess als Geschichte der sukzessiven Verdrängung des Körpers.
Die Soziologie ist auf die Erklärung sozialen Wandels konzentriert. Der Körper gilt nun aber vorerst einmal als unveränderlicher Gegenstand (er teilt sich diese Eigenschaft mit dem Konzept ‚Raum’). „Sowohl Körper als auch Raum geraten in dem Augenblick in den Aufmerksamkeitskegel der Soziologie, als sie gerade nicht mehr als fraglos Gegebenes behandelt werden, sondern in den Bann alternativer Umgestaltungen geraten.“ (ebd, S.15)

2.4. Gründe für das inzwischen ausgeprägte Interesse am Körper in der Soziologie

-Die Soziologie als Disziplin hat sich etabliert und bezeugt nun eine neue Offenheit gegenüber anderen wissenschaftlichen Disziplinen. (Schroer 2005, S.16)
-Das kartesianische Denken und rationalistische Paradigma wurde einer gründlichen Kritik unterzogen und z.T. auch von der modernen Medizin modifiziert (Psyche und Physis als zwei voneinander abhängige Grössen: Hormone, die unseren emotionalen Zustand beeinflussen.) (ebd)
-Es zeigte sich, dass wir selbst in digitalen Räumen auf unseren Körper nicht verzichten können. Der Körper wird also nicht wie angenommen durch den allgemeinen Fortschritt, die Ausweitung der Technik und eine weitgehend körperlose Form der Arbeit dem Untergang geweiht. Auch lässt er sich nicht in eigens für ihn vorgesehene Reservate (siehe Sport oder Medizin) abdrängen.
„Entgegen allen Abschiebungs- und Marginalisierungsversuchen wird heute vielmehr auf die Allpräsenz des Körpers hingewiesen, die allein in der Sprache stets bewahrt blieb (Fingerspitzengefühl, Daumen drücken, jmd. nicht riechen können, …).“ (ebd)
-Und schliesslich wäre ohne den stattgefundenen Individualisierungsprozess eine verstärkte Thematisierung des Körpers nicht denkbar. Die Soziologie reagiert auf die Aufwertung und gestiegene Präsenz des Körperthemas in der Gesellschaft, indem sie dies jetzt auch selbst vermehrt behandelt.

2.5. Fragen / Aufgaben einer Soziologie des Körpers

2.5.1. Multiparadigmatizität

Bis heute gibt es keine integrale Theorie des Körpers. So ist z.B. in den Wissenschaften von der Ernährung, der mechanischen Bewegungsanalyse, der Erforschung der Kommunikation (Gestik, Gesichtsausdruck) und den Hygiene-Disziplinen der Körper zwar vertreten, aber jeweils nur bruchstückhaft in Teilen. (Boltanski 1976)

Diese „impliziten Theorien des Körpers wurden hervorgebracht durch Praktiker, die eine Antwort auf eine gesellschaftlich gestellte Frage zu geben hatten. Sie wurden durch die Praxis und für die Praxis geschaffen, d.h. direkt der sozialen Notwendigkeit angepasst, den Körper des anderen zu manipulieren, ihn zu führen und auf ihn einzuwirken“. (ebd, S.141) Durch diese ausschliesslich punktuellen Fragestellungen und Abhandlungen des Körperthemas muss zwangsläufig auch die zugrundeliegende Theorie unzusammenhängend bleiben. Kommt noch dazu, dass jede einzelne (Teil)Disziplin ihren, durch ihre spezifische Situation und Praxis hervorgebrachten, eigenen Blick, Kategorien und Verständnis für Körper hat, was wiederum zu unterschiedlichen Konstruktionen von Körperlichkeit und unterschiedlichen Implikationen für eine Theoriebildung der Körpersoziologie führt.8

Der eigentliche, ambitionierte Anspruch einer Soziologie des Körpers besteht nun darin, nicht nur die Vergesellschaftung des Körpers, sondern auch eine Verkörperlichung der Gesellschaft zu etablieren und damit soziologische Theorien vom Körper ausgehend zu entwickeln. Sie stellt sich dem hohen Anspruch, den Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft überwinden zu wollen.

In der Praxis dagegen wird sie ernüchternd eher in bestehende Paradigmen eingeordnet, werden die bereits bestehenden konkurrierenden Ansätze auf das Feld des Körpers übertragen, statt dass eine neue, revolutionäre, ihr eigene Theoriebildung stattfindet.

2.5.2. Aufgabe

Boltanski formuliert nun die Aufgabe einer Soziologie des Körpers konkret: Nämlich „erstens ein System der Beziehungen zwischen der Gesamtheit der körperlichen Verhaltensweisen der Mitglieder einer Gruppe und zweitens ein System der Beziehungen, die diese Verhaltensweisen und objektiven Existenzbedingungen der Gruppe vereinen, zu konstruieren. (1976, S.142) Dazu ist die Beschreibung und die Analyse der der Gruppe eigenen somatischen Kultur notwendig.

Ebenso Aufgabe einer Soziologie des Körpers ist es, Einwirkungen auf den Körper von seitens ökonomischer und seitens kultureller Variablen her zu untersuchen. „Aber in letzter Instanz eine Kausalitätsbeziehung herzustellen zwischen der Art der objektiven Bedingungen (im grossen und ganzen rückführbar auf die Art der ökonomischen Bedingungen), denen die sozialen Subjekte unterworfen sind und der Art ihres Körperverhaltens, erlaubt noch nicht, sich eine Analyse ihres physischen Habitus9 (eine Dimension ihres Klassenhabitus) zu ersparen.“ (ebd, S.143)

2.5.3. Beispielhafte Fragestellungen

Auf welche Weise wird der Körper sozial und kulturell konstruiert? Inwieweit hat der Körper als natürlich gegeben oder als kulturell erzeugt zu gelten? Welche Unterschiede gibt es dabei im zeitlichen und kulturellen Vergleich festzustellen?

Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit der Körper Aufmerksamkeit erlangt?

Was sagt eine Körperorientierung bzw. Vernachlässigung über die jeweilige Gesellschaft aus?

Wie wird der Körper in Szene gesetzt? Wie wird er sozial wirksam?

Inwiefern verändert die Individualisierung die Perspektive auf unseren Körper?

Wie verändert sich menschliches Verhalten in bezug auf den Körper, wenn es noch stärker als bereits geschehen individualisiert, also intern zugerechnet wird?

2.5.4. Meine persönlichen Fragestellungen

Mich beschäftigt zur Zeit vor allem die Frage nach der Rolle des Körpers in der und für die gegenwärtige Gesellschaft.

Wie wird er wahrgenommen und eingesetzt? (im Alltag, bei der Arbeit, in der Freizeit) Gibt es dabei schichtspezifische Unterschiede? Wie äussern sich diese?

Ausserdem interessiert mich dabei, wieweit man aus einer Körperbeobachtung auf soziale Verhältnisse schliessen kann und ich möchte der Frage nachgehen, inwieweit die sozialen Verhältnisse den Körper / den Umgang mit dem Körper beeinflussen und prägen.

3. Körper

Die soziale Bedingtheit des Körpers oder in umgekehrter Funktion: der Körper als unhintergehbare Grösse für die Erklärung des Sozialen

3.1. Einführung und Definition

Was ist ein „Körper“?

In einer Zeit der Pluralisierung der Werte, in einer Zeit, in der alles machbar, veränderbar und nicht mehr als traditionell und normativ festgelegt erscheint, in der (nach Schroer 2005, S.24) selbst der Körper den Verflüssigungstendenzen unterliegt, gilt es zu Recht zu fragen, was wir eigentlich unter Körper noch verstehen wollen.“

Der DUDEN antwortet generell: Ein Körper ist alles, was einen messbaren Raum ausfüllt, ein ringsum begrenztes Gebilde.

Und Fuchs (2005, S.58) fügt zur Wahrnehmung des Körpers an: „Er ist aktuelles Raumding, ein ‚Volumen’, das eine Stelle einnimmt (besetzt), an der zur gleichen Zeit nichts anderes sein kann, und er kann (für die Wahrnehmung) diese Stelle verlassen, um dann (und in jedem Moment) an einer anderen Stelle so zu sein, dass die vorherigen Stellen, an denen er sich befand, durch andere Körper oder Dinge (oder durch eine ‚Leere’) ausgefüllt werden.“

Dies trifft nun soweit allerdings auf jeden beliebigen physischen Körper zu (sei dies ein belebter Körper, etwa ein Hund, ein Vogel oder ein lebloses Objekt wie ein Stein, ein Stück Seife etc.) und zeichnet nicht den spezifisch menschlichen Körper aus.

Ein wichtiges Charakteristikum ist damit jedoch bereits erwähnt: Der Körper nach als aussen hin geschlossen, als „eine gegenüber seiner Umwelt abgeschlossene Einheit.“ (Schroer 2005)

Eine Einheit, die sich durch eben diese Abgeschlossenheit nun wiederum differenziert in ein Körperinneres und ein Körperäusseres, in einen subjektiven und einen objektiven Körper. (siehe 3.7.)

Der menschliche Körper ist eine Synthese aus biologischem Geschlecht, psychischer Struktur und physischer Erscheinung und als solcher in seiner Gesamtheit sozial geformt. (Klein 2005) Unbewusst erfahren wir den Körper als Träger von Zeichen (ebd, S.74) und nehmen ihn wahr als einen Träger von Kultur.

Mary Douglas sieht in einem weiteren Schritt den Körper, so wie wir ihn wahrnehmen, als ein „Segment unserer ‚gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit’ (Berger und Luckmann 1966)“. (K. Rittner 1976) In der Regel, im alltäglichen Leben aber ist der Körper selbstverständlich (eine Eigenschaft, die er sich mit dem Konzept „Raum“ teilt,10 die ihn dadurch kaum je explizites Thema von soziologischen Fragestellungen hat werden lassen), ist der Körper „einfach da“. (Schroer 2005) Und in dieser Eigenschaft wird der Körper im alltäglichen Leben allenfalls marginal wahrgenommen.

Valéry drückt den Sachverhalt folgendermassen aus: „Der grösste Teil des Körpers spricht nur, um zu leiden. Jedwedes Organ, das sich meldet, ist auch schon störungsverdächtig. Glückliche Stille der Maschinen, die gut laufen.“ (1989, S.305 nach Fuchs 2005)11

Dennoch ist der Körper unser ständiger Begleiter, „kann man [ihm] nicht entrinnen, wo auch immer man hingeht, der Körper ist unausweichlich.“ (Schroer 2005) Der Körper sorgt aber auch (u.a. durch seine ununterbrochene Anwesenheit) für Verlässlichkeit und dies ganz besonders darum, weil es in der heutigen Zeit keine Eindeutigkeit mehr gibt. (ebd) Dies drückt auch Schade aus, wenn sie vom Leib als einem „Garant einer echten, authentischen Erfahrung oder Handlung“ spricht. (2002, S.81) Selbst Schroer sieht den Körper an anderer Stelle, entgegen der eingangs behaupteten „Verflüssigung“ aller (d.h. den Körper einschliessenden) gesellschaftlichen Werte, als „letztverbleibende Einheit gegen die mit den gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen einhergehenden Auflösungsprozesse“ (2005, S.25).

Aus dieser Sicht bezieht der Körper seine Bedeutung für das einzelne Individuum in bezug auf die Konstitution des Selbstbewusstseins und der Selbst-Verankerung in der heutigen Gesellschaft. (siehe 3.8.)

Denn trotz der heutigen Vielzahl an (menschlichen) Körpern und trotz aller Standardisierung stellt jeder Körper ein Unikat dar: Ein jeder Mensch ist mit seinem Körper ein eigenständiges, von all seinen Mitmenschen zu unterscheidendes Individuum. Und der Körper ist integraler und konstitutiver Bestandteil jeder Identitätskonstruktion.

3.2. Sozial geformte Körper - Körper als Träger von Kultur

Mit seiner Formung im Sozialisationsprozess erhält der menschliche Körper automatisch die herrschenden Werte und Normen der Gesellschaft mit eingeschrieben.

Jede Körperkonstitution ist gesellschaftlich bedingt und alle „Körper sind [...] immer auch ‚social bodies’.“ (K. Rittner 1976, S.185) Körper also als Ausdruck und Abbild der sozialen Verhältnisse, die sie hervorgebracht und geprägt haben.

Darauf beziehen sich auch Hahn/Meuser, wenn sie sagen: „Seine [des Körpers] Materialität ist [...] nicht unabhängig von seinen sozialen Repräsentationen [auch: seinem sozialen Umfeld und seinen sozialen Bedeutungen] erfahrbar und erkennbar: als Geschlechterkörper, als von den Lebensbedingungen gezeichneter Körper, als gestylter Körper usw.“ (2002, S.8) Der Körper dient aber im gleichen Zug auch aktiv „dazu, Soziales zu repräsentieren: als intentional gestylter Körper.“ (ebd, S.8) und damit Zeichenträger mit einer spezifisch intendierten „Message“.

Ob nun als Produkt oder als Produzent: Alles am Körper ist sozial (Knoblauch 2005) und damit auch kulturell bedingt: Dies gilt nicht nur für die in der jeweiligen Situation angebrachten Verhaltensweisen und Körperverwendungen, sondern ebenso für die gesellschaftlich akkreditierte bzw. sanktionierte Körpererscheinung bis hin zur sozialen Konstruktion des Geschlechts.

Zur Evolution des Körperlichen und der spezifischen kulturellen Ausprägung meint nun Hitzler/Honer: „Körperliche bzw. körperbezogene Sitten, präziser: die Arten und Weisen, wie Menschen mit ihrem Körper und mittels ihres Körpers ‚eingelebtermassen’ miteinander umgehen, haben aller Wahrscheinlichkeit nach eine evolutionäre Basis.“ (2005, S.366) (So lachen kulturübergreifend alle Menschen mit dem Gesicht, weinen alle bei Trauer, stehen alle auf zwei Füssen etc.)

„Aber: Kultur überformt bzw. Kulturen überformen, unterdrücken, verändern, steigern und stilisieren diese elementaren habituellen Fähigkeiten. [...] Die körperlichen Habitualitäten differieren also (und zwar deutlich) zu verschiedenen Orten und Zeiten unter sich wandelnden Lebensbedingungen. Jede Kultur prägt, eingewoben in ihre je eigenen Sitten und Gebräuche, spezifische Gewohnheiten des Körpers ihrer Mitglieder (vgl. Mauss 1979; Polhemus 1978) - und verachtet, verabscheut, fürchtet in der Regel alle Äusserungsformen und Verhaltensweisen, die in ihrem eigenen Repertoire nicht vorgesehen sind, bzw. mit diesem nicht kompatibel erscheinen“. (ebd)

Hitzler/Honer präzisieren die schicht- und kulturspezifischen Umgangsformen: [...] das reicht [...] schon von der Frage, wann man jemanden wie anblickt und wie lange, über das Problem der körperlichen Distanz bei (unterschiedlichen Arten von) Unterhaltungen, der akzeptablen Intonation und des situativ je angemessenen Gesichtsausdrucks bis hin zur korrekten Kleidung, zu Haartrachten, zum Schmuck und zur Körperformung und -bemalung.“ (ebd, S.367)

Auch Schade bezieht sich (hier v.a. im Hinblick auf die soziale Konstruktion des Geschlechts)12 auf den Körper in seiner sozial determinierten Ausdrucksfähigkeit und die damit verbundenen Signale und Botschaften: Sie spricht von einem „Körper, der Gesten, Mimiken, Haltungen, Krankheiten etc. produziert und darin Figurationen aufweist, die nicht zuletzt geschlechtsspezifische Zuschreibungen erfahren und bezogen auf eine zumeist dominierende heterosexuelle Norm als affirmativ oder abweichend wahrgenommen werden“ (2002, S.80)

Indem nun affirmative oder abweichende Erscheinungen entsprechend sanktioniert werden, repräsentiert der (in der Regel) erwartungskonform sozialisierte Körper auch die jeweiligen Ordnungsmuster des Sozialen und fungiert als Reproduktionsinstrument sozialer Macht. (siehe 5.2.) (Klein 2005, S.74)

[...]


1 Ist dafür ein Zusammenhang darin zu suchen, dass im Gegensatz zu früher die inneren Werte an Verbindlichkeit verloren haben? Ist eine Erklärung im Zerfall, in der Pluralisierung der Werte zu suchen, die einen auf die reine Äusserlichkeit als einen letzten Halt zurückwirft? Und was sind in dem Fall dann die Auswirkungen auf den Umgang und den Stellenwert des Körpers?

2 Ökonomische Verfahren sind zu grob, leiten ihn in die Makro-Ökonomie ab, die mikrotechnische Analyse lässt ihn in Anatomie oder Biologie aufgehen. (Bsp. Nahrungsmittelverbrauch – zwischen Familienbudget und Kalorienbestandteilen) Die soziale Dimension wird von keinem der beiden geöffnet. (Boltanski 1976)

3 Berthelot (1983) definiert die implizite Soziologie des Körpers als eine Soziologie, die den Körper nicht vernachlässigt, aber auch eine Reihe anderer Aspekte untersucht.

4 Genauer fasst Weber unter die Begrifflichkeit des Handelns ein Tun, mit dem Individuen einen subjektiven Sinn verbinden, während erst im Gegenkonzept des Verhalten als das blosse Agieren von Körpern die leibliche Dimension zum tragen kommt. (Gugutzer 2004, S.21)

5 Von England ausgehend war v.a. das Werk von Bryan S. Turner („Body and Society“, 1984) bahnbrechend und wegweisend für die Etablierung der Soziologie des Körpers.

6 eine Denkauffassung, die auf den Philosoph Descartes im 17.Jahrhundert zurückgeht

7 mit der Herrschaft des Geistes über die Materie oder der Vernunft über die Sinne 10

8 Als Beispiel thematisieren die vom Ordnungsproblem ausgehenden soziologischen Theorien den Körper und seine Bedürfnisse hinsichtlich der Gefahren für den Bestand der sozialen Ordnung einer Gesellschaft und sprechen von gefährlichen Körpern. Daneben wird aber genau auch das Gegenteil behandelt, nämlich die Abrichtung und Zurichtung, Disziplinierung und Kontrolle des Körpers und damit der gefährdete Körper.

9 Bourdieu definiert den physischen Habitus als „System organischer oder mentaler Dispositionen und unbewusster Wahrnehmungs- und Handlungsschemata“, die dem Handelnden erlauben, „in der wohlbegründeten Illusion der Schöpfung von unvorhersehbar Neuem und freier Improvisation, alle Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen konform den objektiven Regelmässigkeiten ...“ hervorzubringen. (1970, nach Boltanski 1976)

10 Gugutzer: „Weil uns unser Körper so nah ist, ist er uns so fern.“ (2004, S.12)

11 Valérys Aussage lässt uns erst wieder merken, mit welcher Effizienz und Störungsunanfälligkeit unser Körper im Alltag „funktioniert“. Die Sicht des Körpers als „Wunderwerk“, als Meisterleistung der Natur, riskiert, in unserer modernen, technologiegesteuerten Gesellschaft in Vergessenheit zu geraten.

12 Dazu Simone de Beauvoir: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern wird es.“ (1990, S.265 nach Schroer 2005)

Ende der Leseprobe aus 89 Seiten

Details

Titel
Zwischen Statussymbol und Benutzerobefläche
Untertitel
Zur Schichtabhängigkeit von Körperbildern
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2.3
Autor
Jahr
2007
Seiten
89
Katalognummer
V263136
ISBN (eBook)
9783656518228
ISBN (Buch)
9783656517764
Dateigröße
920 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zwischen, statussymbol, benutzerobefläche, schichtabhängigkeit, körperbildern
Arbeit zitieren
Sonja Bütikofer (Autor), 2007, Zwischen Statussymbol und Benutzerobefläche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263136

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